Archiv für Fedor Freytag

REGENSBURG – RWE 2:2 / RANDBEMERKUNGEN

Elfmeter & Rote Karte: Morabit wird von Hofmann gelegt

Nach dreizehn Minuten 0:2 hinten, bis zur Halbzeit den Ausgleich erkämpft, erspielt, erzwungen. In Anbetracht der bisher auswärts gezeigten Leistungen eine mehr als respektable Leistung des RWE. Zum Spielverlauf selbst ist bereits alles gesagt und geschrieben, dabei will ich es belassen.

Ein Wort zu Smail Morabit: Wenn das so weiter geht, werden bereits in der Winterpause die ersten Kaufwilligen am Steinhaus in der Arnstädter Straße vorsprechen. Es gibt faktisch keinen Spielertyp im modernen Fußball der begehrter ist, als ein technisch versierter, torgefährlicher Offensivallrounder. Ist uns mit ihm (ähm, uns meint in dem Fall Stefan Emmerling) tatsächlich ein ähnlicher Coup gelungen, wie seinerzeit bei den Verpflichtungen von Brückner und Bunjaku? Die Älteren werden sich erinnern. Anhängern und Mannschaft des RWE wäre das zu wünschen. Sollte es wirklich Begehrlichkeiten von anderen Clubs geben, wird der Verein dies situationsbezogen entscheiden müssen. Das ist das Schicksal des RWE und daran wird sich auch in Zukunft – vermutlich und leider – wenig ändern.

Auf die spielentscheidende und kontrovers diskutierte Elfmetersituation will ich dann doch kurz eingehen. Verbunden mit einer Kollegenschelte. Es gibt da ja das Webportal „liga3-online.de“. Das kommt dem Namen und der äußeren Anmutung nach sehr neutral daher. Das täuscht und ist pure Scheinobjektivität. Mir ist schon ein paar Mal aufgefallen, dass die Redaktion fast ausschließlich über ihre sogenannten Herzensvereine berichtet und das nicht sonderlich ausgewogen. Der Herzensverein des Redakteurs Tobias Braun ist der SSV Jahn Regenburg. Braun hielt es für nötig, einen seperaten Artikel über die Rote Karte gegen Michael Hofmann zu verfassen. Darin heißt es: „Eine Notbremse war das nicht, denn es standen hinter Hofmann noch zwei (sic!) weitere Jahnspieler, der Routinier war also nicht letzter Mann, was er bei einer Notbremse sein müsste.“ Das ist, mit Verlaub, Bullshit. Zum einen stand, wie jeder oben sehen kann, tatsächlich noch ein Regensburger Spieler hinter Hofmann. Es hätten aber auch drei sein können und es wäre trotzdem nur eins: irrelevant. Es ist eine Fünf-Sekunden-Internet-Mühe, sich der exakten Regel des DFB zu vergewissern. Und die geht so: „Ein Spieler … erhält die Rote Karte und wird des Feldes verwiesen, wenn er eines der folgendes Vergehen begeht: (u.a.) Vereiteln einer offensichtlichen Torchance für einen auf sein Tor zulaufenden Gegenspieler durch ein Vergehen, das mit Freistoß oder Strafstoß zu ahnden ist.“ Morabit umspielt Hofmann, dieser holt ihn von den Beinen  u n d  verhindert damit eine klare Torchance des RWE: Elfmeter und Rote Karte. Aus die Maus.

Klar, man kann über diese amtlich dekretierte Doppelbestrafung geteilter Meinung sein. Der DFB hat zu Anfang diesen Jahres bei der FIFA den Antrag gestellt diese Regel zu ändern. Sprich abzumildern und nur Gelb und Elfmeter als Strafe auszusprechen. Die Begründung von Lutz-Michael Fröhlich: mit dem Elfmeter würde dem Team des Gefoulten die klare Chance quasi zurückgegeben. So kann man das sehen und im vorliegenden Fall wäre es eine stimmige Entscheidung gewesen. Wenn diese Regel in Kraft wäre; was sie nicht ist. Als jemand der über Fußball schreibt, sollte man dies eigentlich wissen. Oder nachschlagen. Oder es eben bleiben lassen. Jedenfalls sollte man nicht mit pseudoobjektiven Nachrichten in dpa-Manier Meinung machen wollen.

Jahn Regensburg – Rot Weiss Erfurt / Vorschau

Jahnstadion, Regensburg

Was haben Schalke 04, der FC St. Pauli und der SSV Jahn Regensburg gemeinsam? Nun, sie sind als Vereine das Resultat der „reinlichen Scheidung“. Einer sportpolitischen Lachnummer der zwanziger Jahre: Die Turnvereine trennten sich von ihren Mannschaftssportabteilungen. Oder so ähnlich. Mehr dazu hier und hier.

Von diesen frühen Turbulenzen zeigt sich der Jahn in dieser Saison glänzend erholt. Wir reisen in die Oberpfalz zum Tabellenführer. In den bisherigen Heimspielen hat Regensburg meist sehr druckvoll begonnen. Darauf muss sich der RWE einstellen. Ihr bestes Saisonspiel absolvierten sie gegen den VfB Stuttgart, die mit einer zwei zu null Niederlage noch prima bedient waren. Die Mannschaft von Markus Weinzierl scheint eine gut dosierte Mischung aus jungen und erfahrenen Spielern zu sein. Nun werden einige vielleicht denken, na ja, die haben ja auch mit Tobias Schweinsteiger einen überragenden Mittelstürmer. Keine Frage, der Bruder des Bayern-Stars ist für Drittliga-Verhältnisse ein richtig guter. Aber er ist ein klassischer Center-Stürmer, er und Marcel Reichwein sind völlig unterschiedliche Stürmertypen. Ein Blick auf die Scorer-Bilanz dieser Saison relativiert die Verhältnisse wieder: Hier steht Schweinsteiger bei sieben Punkten (7 Tore, 0 Vorlagen) und Reichwein bei 5 Punkten (2 Tore, 3 Vorlagen).

Ob sich der Erfolg des ersten Saisonviertels für den Jahn verstetigt wird man sehen, aber – mit einem ähnlich spartanischen Etat wie der RWE ausgestatt – erwartet in Regensburg niemand Wunderdinge.

Wunder, Etat, Erwartungshaltungen. Hier unsere Startformation beim 2:0 Auswärtssieg in Regensburg am 10.04.2010 (also vor etwas mehr als einem Jahr): Orlishausen, Malura, Möckel, Hillebrand, Ströhl, Bölstler, Stenzel, Kammlott, Rockenbach da Silva, Hauswald, Lüttmann

Ein einziger dieser Spieler, nämlich Thomas Ströhl, wird am Sonntag wieder auflaufen. Orlishausen, Malura, Möckel, Bölstler, Rockenbach & Kammlott haben den Verein in Richtung 2.Liga verlassen, oder sind dem großen Geld des Dietrich Mateschitz gefolgt (ich verüble es ihnen nicht). Zwischen diesem Sieg und dem Spiel am Sonntag liegt die sportlich erfolgreichste Saison seit dem Aufstieg in die zweite Liga 2004, und das trotz des Verlustes so vieler Leistungsträger in so kurzer Zeit. Je mehr ich darüber nachdenke: was Stefan Emmerling (er nicht allein, aber an herausragender Stelle) da geleistet hat, kommt einem kleinem Wunder sehr nahe. Diese Leistung, lieber Herr Rombach, hätte – während des Disputs der Woche – ein deutlicheres Bekenntnis zu unserem Cheftrainer verdient gehabt.

Gegen Wiesbaden zeigte unsere Abwehr unübersehbare Schwächen. Die Konstellation Weidlich und Manno auf rechts schien sich in der zweiten Halbzeit stabilisiert zu haben und wenn Danso diesen blöden Fehler vor dem 2:2 nicht macht, hätte man über die anfänglichen Abstimmungsprobleme (offensiv & defensiv) hinwegsehen können. Aber gerade auf der rechten Seite hat der RWE mit Jovanovic und Ofosu-Ayeh noch Alternativen. Vielleicht sehen wir die am Sonntag.

Sein erstes richtig schlechtes Spiel machte Rauw. Bei dem routinierten Belgier rechne ich darauf, dass dies ein Ausrutscher bleibt. Die Mannschaft braucht ihn dringend: seine Übersicht, seine Ruhe am Ball (auch unter Druck – nicht so häufig zu finden in der 3.Liga) und seine gescheite Spieleröffnung.

Für alle Anhänger des RWE hoffe ich, dass Rudolf Zedi bald ein Tor erzielt. Im Grunde macht er nichts anders als letzte Saison (8 Tore): er läuft viel, er ist zweikampfstark und er mutiert zu einem wuchtigen Stürmer wenn es die Offensivkonstellation und die Qualität der Flanke zulassen. Allein: er traf bisher nicht. Wir haben keinen Sturmtank a la Tobias Schweinsteiger. Das Spiel ist strukturell auf ein offensivstarkes Mittelfeld hin konzipiert, damit aber auch auf die Tore der Mittelfeldspieler angewiesen. Natürlich weiß das niemand besser als unser Kapitän, was ihn – mein Eindruck – vielleicht ein bisschen zur sehr unter Druck setzt.

Mach Dich locker Rudi! Und den nächsten einfach rein. Ja, wir Schreibtischtäter haben leicht reden, ich weiß.

Last but not least: ich tippe ein 2:2 und meine hellseherischen Fähigkeiten reichen heute sogar für die Torschützen: Zedi & Morabit.

 

 

RWE – Wiesbaden 2:2 / Dumm, Dümmer, Haupttribüne

Verhöhnt & Bedient: Marcel Reichwein nach seiner Auswechslung  / © mdr

Er saß drei Reihen vor mir, hatte zu viel getrunken und offensichtlich einen miesen Tag. Er schrie mich an: „Das ist die schlechteste Erfurter Mannschaft die ich jemals gesehen habe“. Ich widersprach, woraufhin er noch lauter schrie. Ich begriff zum ersten Mal in meinem Leben den wahren Sinn der Redewendung „Schaum vorm Mund haben“. Zu diesem Zeitpunkt stand es 1:1 gegen den SV Wehen Wiesbaden. Einen Verein, den die meisten Trainer der 3. Liga als ihren persönlichen Aufstiegsfavoriten nannten. Einen Verein, der sich vor der Saison mit Spielern im Marktwert von ca. 3.2 Millionen Euro verstärkt hat. Einen Verein der unbedingt nach oben will und der dazu das nötige Geld hat. Es war gerade das erste Tor gegen uns gefallen. Das erste Gegentor überhaupt – im fünften Heimspiel des RWE in dieser Saison. Es war vollkommen absurd.

Ansonsten: ein munteres Spiel von zwei Mannschaften die ihre Stärke an diesem Abend eher in der Offensive hatten. Das Remis am Ende leistungsgerecht. Die Tore des RWE waren sehenswert: Caillas nutzt einen Stellungsfehler der Wiesbadener abgebrüht zum ersten Tor. Das zweite war das Resultat schnellen one-touch-Fußballs: der sehr agile Morabit vollendet überlegt. Beide Tore hat Marcel Reichwein aufgelegt. Er ist viel gelaufen, wie immer seit er für den RWE spielt. Er ist ein Stürmer den Emmerling stets aufstellt, auch weil er sehr gut nach hinten arbeitet. Gerade bei Standardsituationen des Gegners ist es oft Reichwein der den Ball aus unserem Strafraum klärt. So auch gestern. Aber auch was seinen eigentlichen Job als Stürmer betrifft, läßt sich die Bilanz sehen: in der letzten Saison war er der beste Torschütze des RWE (12 Tore), sowie der beste Scorer (plus 9 Vorlagen). Und auch in der laufenden Saison war er bereits an fünf Toren beteiligt. Ich kann Marcel Reichwein absolut nichts vorwerfen. Ich bin froh, dass er für meinen Verein spielt.

Nicht auf vielen Fußballplätzen dieser Welt wird ein Spieler, der zwei Tore vorbereitet bei seiner Auswechslung brutal verhöhnt. In Erfurt schon. Das ist auch mit einer verqueren Anspruchshaltung nicht wirklich zu erklären. Was da aus den Leuten herausbrach ist der pure Hass: dumm, häßlich, beängstigend. Ich glaube, dass dies rein gar nichts mit Sport, mit Fußball, oder mit der Leistung irgendeines Spieler zu tun hat. Ich glaube, dass hier einfach Menschen – die außer Rand und Band sind und zwar in- und außerhalb eines Stadions – eine Gelegenheit nutzen, ihren Frust in die Welt schreien. Das ist nichts Neues im Fußball, wird woanders aber möglicherweise durch die zivilisierenden Kräfte einer funktionierenden Fankultur gemildert. Leider nicht auf der Erfurter Haupttribüne, hier liegt die Frustrationstoleranz nur Nanometer über der Grasnarbe.

Was ich von Winfried Mohrens „Einwurf“ halte, hatte ich hier bereits geschrieben. Es war klar, dass es irgendwann mal zu einer Gegenreaktion des Trainers kommt. Dafür bot sich Emmerling gestern eine erstklassige, wenn auch unschöne, Gelegenheit und die hat er genutzt. Warum sollten die Schlagzeilen im Land nur Jena vorbehalten bleiben. Im Ernst – hier tut Emmerling den Kolumnen unseres Pressesprechers zuviel der Ehre an. Wenn 30 Leute diesen gestelzten Schrott lesen ist das viel – die Reichwein-Basher von gestern gehören mit Sicherheit nicht dazu. Ich hatte aber auch geschrieben, dass ich – abgesehen von seinen Kolumnen – viel von Mohrens Arbeit halte. Der Kompromiss könnte offensichtlicher nicht sein: Wilfried Mohren macht weiter als Pressesprecher, verzichtet aber in Zukunft auf diese Kolumen, die der Verein so nötig hat, wie die Wüste einen Eimer Sand.

Arminia Bielefeld – Rot-Weiss-Erfurt 0:0/ Keine Analyse

Jetzt finden die Aussprachen bereits während des Spiels statt

Dieses Spiel kann in Zukunft als Synonym für Not gegen Elend gelten. So wirklich viel habe ich allerdings nicht mitbekommen: der Ticker konnte nur eingeschränkt berichten (RWE-Homepage offline) und der Übertragungswagen des WDR war defekt, weswegen es nur einen Minibericht gab (vielleicht hatte der MDR auch keine Lust, mehr von dem Schrott zu zeigen). Aber auch diese zwei Minuten waren eher ereignisarm. Auf Stefan Emmerlings nüchterne Analysen kann man sich eigentlich stets verlassen: „Dies war von all unseren bisherigen Auswärtsspielen unser schwächstes, obwohl wir endlich mal einen Punkt holen konnten. Aber die Offensive hatte wieder nicht ihren besten Tag und unsere Standards kamen nicht. Wenn man sieht, dass Bielefeld zweimal Aluminium trifft haben wir sogar noch Glück gehabt“.

Unser schwächstes Auswärtsspiel! Nach null Punkten und null Toren in den bisherigen drei. Der Rest ist Schweigen.

Am Dienstag kommt Wehen ins Steigerwaldstadion. Das Manchester City der 3.Liga hat heute eher unglücklich gegen Regensburg verloren. Spielerisch sah das nach einer deutlichen Steigerung und teilweise beängstigend gut aus. Danach fahren wir nach Regensburg, die bislang eine sensationelle Saison spielen. Nach der heutigen Leistung sollte man nicht allzu optimistisch für diese beiden richtungsweisenden Spiele sein. Aber, wie die Vergangenheit zeigt, tickt dieser Verein so nicht. Ich tippe auf vier Punkte aus beiden Spielen und richtig guten Fußball des RWE. Immer hübsch antizyklisch. So jedenfalls meine Hoffnung, nach zwei Gläsern Bordeaux.

Arminia Bielefeld vs. RWE / Vorschau

Bei bwin gibt es zwei Euro und achtzig Cent für einen Euro, sollte der RWE am Samstag in Bielefeld gewinnen. Erstaunlich wenig, in Anbetracht der Misslichkeit, dass wir das einzige Team in den drei deutschen Profiligen sind, das nicht einmal ein Tor auf Gegners Platz erzielt hat. In einem Anfall von – wie mir inzwischen scheint – grundlosem Optimismus habe ich heute Morgen dennoch zehn Euro auf die Rot-Weißen gesetzt. Irgendwann muss doch mal ein desorientierter gegnerischer Verteidiger den Ball ins eigene Tor abfälschen. Oder, noch unwahrscheinlicher, einer unserer Stürmer auswärts treffen. Irgendwann.

Personell wird es keine Überraschungen geben: Oumari (wegen Tätlichkeit für vier Spiele gesperrt), wird mit beinahe hundertprozentiger Sicherheit durch Tom Bertram ersetzt. Ansonsten wird Emmerling die selben Zehn auf die Alm schicken, die zuletzt gegen Darmstadt aufgelaufen sind. Es ist zu hoffen, dass Morabit nicht nur ein Spiel lang tanzte und sich nach den (übertrieben) positiven Kritiken des Darmstadt-Spiels schon auf dem Weg zum FC Barcelona wähnt. Dann noch die Sache mit dem Rückstand. Bei den bisherigen Auswärtsspielen konnte man die Uhr stellen: um 15.15 Uhr verkündete der (übrigens exquisite) Liveticker des RWE das Führungstor für die Gastgeber – also gegen uns. Ich habe Vertrauen in die rhetorischen Fähigkeiten von Stefan Emmerling und dass es ihm in den zwei Wochen Spielpause gelungen ist den Jungs zu verklickern: es hat schon Mannschaften in der Geschichte dieses Sports gegeben, die danach nicht wie Elementarteilchen im CERN zerfallen sind. Aber im Grunde ist es ja nur die seit Jahrzehnten währende, chronische Bipolarität dieses Klubs, bestehend aus Heimstärke und notorischer Auswärtsschwäche. Gegenwärtig mal wieder exemplarisch in der Tabelle sichtbar: Erster in der Heimtabelle, Letzter in der Auswärtsbilanz. Ich habe aufgegeben über die Gründe nachzudenken, was bleibt ist Fatalismus.

Zeit für die Statistik. Allein: es gibt keine. Bielefeld gegen Erfurt ist – mangels Masse – ein ungeschriebenes Kapitel deutscher Fußballgeschichte, woraus man schließen könnte, dass beide Vereine nicht eben zu den ganz Großen des deutschen Fußballs gehören.

Ich war acht Jahre, als ich zum ersten Mal von den Ostwestfalen hörte. In der Bundesligakonferenz der ARD tauchte damals ein neuer, magischer Ort auf: die Bielefelder Alm. Auf Jahre hielt ich Bielefeld für einen Verein aus Bayern, bei dem fesche Mädels im Dirndl die Eintrittskarten verkaufen und auf dessen Rasen in der Woche Kühe weiden. Aber noch etwas erregte mein Interesse, der Name: Arminia. Ich fragte meinen Großvater, der mich großväterlich verschwörerisch zur Seite nahm und erklärte, dies sei die weibliche Form von Arminius. Eines deutschen Helden, der im Teuteburger Wald vor langer Zeit die Römer besiegte. Er sagte noch, dass früher auch bei uns Vereine solche Namen trugen, bis – jetzt blickte mein Großvater sehr ernst – die Kommunisten diesen und andere Namen verboten hatten, um den Vereinen die hässlichen Namen ihrer Kombinate (CarlZeiss Jena) und LPGs (Rotes Banner Trinwillershagen) zu geben. Erfurt hätte da noch richtig Glück gehabt, meinte Großvater. Na ja, dann kam der Bundesligaskandal und die ARD schaltete für lange Zeit nicht mehr auf die Bielefelder Alm. Und inzwischen ist es ganz vorbei mit diesem schönen Namen. Ich bin kein großer Romantiker, aber mir bleibt es unbegreiflich wie man gewachsene Traditionsräume (nichts anderes sind Stadien und ihre Namen) derart leichtfertig verscherbeln kann, um ein paar Jahre später doch wieder vor dem Ruin zu stehen.

Genug der Remineszenz: hoffen wir auf den ersten Auswärtssieg des RWE – dann eben in der SchüCo-Arena.

Bodo mit dem Glaskinn

Wäre Bodo Ramelow ein Boxer, man könnte sagen: er hat einen harten Punch, aber auch ein Glaskinn. Vom Punch ist derzeit nicht viel zu merken, vom Glaskinn umso mehr. Der Vorwurf einer TA-Kampagne ist schon deswegen absurd, weil Ramelow ausgiebig Gelegenheit erhält zur Sache zu schreiben. Und zwar nicht irgendwo, sondern gleichumfänglich neben dem Artikel des TA-Chefredakteurs Paul-Josef Raue.

Leider nimmt Bodo Ramelow diese Chance nicht wahr, sondern verschwendet die Geduld seiner Leser mit redundanten Attacken gegen einen obskuren Leserbriefschreiber, dessen Suada für jedes „normal organisierte Gehirn“ (Rudolf Virchow) in toto bedeutungslos ist, weil offensichtlich Hass allein die Feder führte. Die TA hat jedes Recht der Welt eine solche Zuschrift abzudrucken. Ob  sie damit gut beraten war, ist eine andere Frage. Ich denke: eher nicht. Hier sollte Herr Raue darüber nachdenken, ob er es für möglich hält, dass so ein Elaborat (schon in moderaterer Form) in der FAZ erscheinen könnte. Und ebenso darüber, dass die Kriterien einer Qualitätszeitung auch auf der Leserbriefseite nach unten nicht zur Gänze offen sei sein sollten. Keine Frage, hier muss nicht jeder schreiben können wie Thomas Mann, aber pure Bösartigkeit sollte dann auch nicht genügen um gedruckt zu werden.

Noch etwas unverständlicher ist mir Ramelows Angriff auf den TA-Redakteur Martin Debes. Der hatte im Grunde nur seiner Ratlosigkeit darüber Ausdruck verliehen, dass Bodo Ramelow sich einstweilen als Oppositionsführer in Erfurt einrichtet, während vor der Berliner Partei-Zentrale die Macht auf der Straße liegt. Nur will sie niemand, offenbar auch Bodo Ramelow nicht. Dann muss er allerdings damit leben, dass seine Partei – unter den jetzigen, heillos überforderten Vorsitzendendarstellern – von der Antisemitismus-Debatte, über ihre Haltung zur innerdeutschen Grenze bis hin zum Castro-Brief kein Minenfeld auslässt. Artikel wie der von Martin Debes erscheinen täglich zu Hunderten in deutschen Zeitungen, ohne das Politiker darüber in öffentliche Wehklage fallen.

Tja, dann noch das SPIEGEL-Interview. Wer mit dem Teufel essen will, sollte einen langen Löffel mitbringen. Dass Jan Fleischhauer wenig Sympathie für die LINKE erübrigt, konnte man wissen. Darüber hat er ein sehr erfolgreiches Buch geschrieben. Die Redakteure des SPIEGEL sind traditionell nicht zimperlich im Umgang mit Interviewgästen. Tausende Gesprächspartner haben das ertragen. Es ist das historische „Verdienst“ von Bodo Ramelow der Erste zu sein, der ein Interview mit dem SPIEGEL aus Verärgerung über die gestellten Fragen abbricht.

Bodo Ramelow ist ein politisches Talent. Zumindest hielt ich ihn dafür. Das schreibt jemand, der den Linken politisch ablehnend gegenüber steht. Allerdings würde auch ein Fan von Schalke 04 zugeben, dass Mario Götze richtig gut kicken kann. Da unser Land momentan mit politischen Begabungen nicht gesegnet ist, bedauere ich die Selbstdemontage des Bodo Ramelow. Politik lebt von öffentlicher Rede und Gegenrede, von Diskurs, von Streit und ja, auch von der verknappenden Wucht der Polemik. Das schlägt Wunden, tut weh, gehört aber zu einer lebendigen Demokratie.

Wer sich, wie Bodo Ramelow, davon suspendieren möchte und sofort böse Mächte am Werke wähnt, nur weil einem die Meinung eines Journalisten nicht genehm ist, verwirkt einstweilen seine Ansprüche auf die erste politische Reihe.

Wilfried Mohren – der Hegel des Thüringer Beckens

Er hat es wieder getan. Im Stillen hatte ich die Hoffnung, dass er sich in Zukunft auf seinen Job als Pressesprecher beschränken würde. Ich hätte es besser wissen müssen. Wer ihm schon mal persönlich begegnet ist, ahnt schnell, wie tief die Kränkung sein muss, die mit dem Verlust seiner Machtposition beim MDR und der Demütigung vorbestraft zu sein einhergeht. Da wird nichts unversucht gelassen, den Gegenüber von der eigenen Großartigkeit zu überzeugen. Schwadronieren inklusive.

Ich fand es gut, dass Rolf Rombach ihm die Chance als Pressesprecher beim RWE zu arbeiten bot. Und als Pressesprecher finde ich ihn nach wie vor respektabel, er kann eine Pressekonferenz souverän, witzig und verbindlich leiten. An diesem Teil seiner Arbeit habe ich nicht das Mindeste auszusetzen.

Wären da nicht diese Kolumnen, die unter dem Titel „Mohrens Einwurf“ sporadisch auf der Webseite des RWE publiziert werden. Über ihren Inhalt lässt sich streiten, aber das liegt ja im Wesen dieser journalistischen Form. Ich finde es nie besonders sinnvoll, das schlechte Spiel einer Mannschaft einzelnen Spielern anzulasten. Das ist mir zu simpel und zu populistisch. Aber geschenkt, weil Geschmackssache. Bemerkenswert ist „Mohrens Einwurf“ vor allem wegen des Stils. Um es deutlich zu sagen: verquaster kann man über Fußball kaum schreiben.

Hier ein paar Beispiele aus seinem neuesten Erguss: Mohren – Deutsch, Deutsch – Mohren.

Am Saum des gegnerischen Strafraums endete in allen Spielen unsere Kraft, verhauchte jede Idee zur Gänze. Die Quelle aller Bemühungen war praktisch schon versiegt, sobald die Kreidestreifen sichtbar wurden.

So klingt Mohrendeutsch, wenn das Angriffsspiel des RWE kritisiert wird.

Indizien einer höheren Qualität, die wir trotz der Niederlagen in Babelsberg und Stuttgart, oder auch daheim beim 0-0 gegen Osnabrück noch offenbarten, konnten sich in Aalen nicht einmal mehr ansatzweise kristallisieren.

Gemeint ist: die Leistungen der Mannschaft wurden von Spiel zu Spiel schlechter.

Ein Stürmer, quasi wie im fußballerischen Zölibat. Einer, der sogar den erbötigsten Möglichkeiten zu entsagen wußte.

Soll heißen: Marcel Reichwein trifft das Tor nicht (mehr).

Natürlich tat der Junge einem leid, wenn er nach der x-ten vergebenen Chance mit herabhängenden Schultern, fast wie eine der traurigen Figuren des Renaissance-Künstlers Sandro Botticelli wirkend, verloren dastand.

Vorgeblich ist hier ebenfalls Reichwein Subjekt des Satzes. Aber eigentlich will uns Wilfried Mohren aufs Neue mit seiner humanistischen Bildung beeindrucken.

Olivier (Caillas, Ergänzug des Autors), ein Darstellungsvirtuose, den es beständig drängt bis ins Kleinste und Feinste mimisch zu sein  und dem seine Vollkommenheit in diesem Laster inzwischen sogar eine Art zweifelhafte Duldung eingetragen hat, braucht aber den Freiraum, die ganze Linie abzustreifen.

Ich habe nicht die geringste Ahnung was Mohren damit sagen möchte. Soll bei „die ganze Linie abzustreifen“ etwa das Hoeneßsche Verdikt vom „verschnupften Herrn Daum“ subtil anklingen?

An guten Tagen, wenn er nicht wieder zu sehr von einem gelegentlich aufflammenden späten Knabentrotz bemächtigt wird, entströmt dabei oft sehenswerte Ballkunst seinen Beinen …

Mein Lieblingssatz! Wieder zu Caillas. Erinnert mich an Thomas Mann und seine homoerotische Pein, obwohl der Knabe in diesem Fall ein 33-Jähriger Profifußballer ist.

Wenn wir zunächst bei dem Geschehen auf dem Rasen bleiben, so haben mir die Tätlichkeiten von Joan Oumari und Domink Drexler, die dem Schiedsrichter entgangen sind, überhaupt nicht gefallen.  Einem am Boden liegenden Gegner auf den Unterschenkel zu steigen, oder ihm den Ellenbogen in das Gesicht zu rammen, ist absolut nicht akzeptierbar … Wer solche Rohheit auf dem Feld anbietet, muß sich nicht wundern, wenn auch auf den Rängen  die Hemmschwelle für anständiges Benehmen sinkt.

Damit wissen wir jetzt auch wer den Mob angestachelt und die Steigerwald-Riots zu verantworten hat. Im Ernst: Was glaubt Wilfried Mohren eigentlich, wie intakt bei dieser Vergangenheit seine Glaubwürdigkeit als moralisches Gewissen des Vereins ist?

Schlußendlich habe ich mir noch den Spaß gemacht, den Mohrenschen Text einer Stil-Analyse zu unterziehen, dafür bietet sich dieses Hilfsmittel der FAZ an. Ich hätte, ohne zu zögern, kleinere Beträge auf folgendes Resultat gesetzt: Wilfried Mohren schreibt wie Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Dessen systematische Unverständlichkeit bereits Karl Popper filigran zerlegte und über den Richard David Precht meint: Er war ein lausiger Stilist.

RWE vs. Darmstadt 98 2:0 – Glück, einige Lichtblicke und viel Dresche

Das Spiel hätte nach einer halben Stunde für Darmstadt entschieden sein können, doch zwei Großchancen blieben ebenso ungenutzt, wie die Tätlichkeiten von Oumari und Drexler ungeahndet. Unser Vertrag mit Fortuna scheint zwar nur für Heimspiele zu gelten, da aber ist’s ein festes Bündnis. Nach 30 Minuten wurde es besser, ohne jemals richtig gut zu werden.

Aber es gab Lichtblicke: bei Morabit scheint die mannschaftsinterne Aussprache tatsächlich Positives bewirkt zu haben. Ich stelle mir vor, dass Rudi Zedi ihm wohl eindringlich geraten hat: Junge, mach erstmal die einfachen Dinge richtig. Jedenfalls war es genau das, was man im Spiel sehen konnte – keine Hackenpässe zur Unzeit, keine riskant-schlampigen Zuspiele in der Vorwärtsbewegung, sondern eine konzentrierte, effiziente Vorstellung, die nicht zufällig in der Vorarbeit zum zweiten Tor gipfelte. Die andere Verbesserung betraf die Standards. Im Grunde wurden durch sie das Spiel „gedreht“. Erst ein Freistoß von Caillas auf Reichwein; dessen Kopfball bot die erste Chance für den RWE. Dann die Ecke zum ersten Tor – wiederum Caillas, diesmal auf Zedi, Zimmermann kann nur nach vorn abwehren und Reichwein brachialt den Ball rein.

Mann des Spiels, da kann es keine zwei Meinungen geben: Olivier Caillas, ein Tor vorbereitet, das entscheidende zweite selbst erzielt. Coole Leistung des Franzosen.

Tja, dann waren da noch die Steigerwald-Riots während und nach dem Spiel. Der RWE hat dazu alles Notwendige mitgeteilt. In den Ultra-Foren ist die gleiche Scheiße wie immer zu lesen: die Polizei hat schuld. Und weil sie sich so schuldig fühlten, haben sich auch gleich 30 Beamte ihre Verletzungen selbst zugefügt. Es ist erbärmlich.

Palaver beim RWE & Kammlott außen vor

Sie haben geredet. Im Mannschaftskreis, ohne Trainer. Danach ging es ganz, ganz locker zu im Training. Wenn ich die Kulturgeschichte solcher Aussprachen halbwegs korrekt memoriere, dann läßt dies für das morgige Spiel gegen Darmstadt nichts Gutes ahnen. Auch die Tatsache der Veröffentlichung gibt dem Ganzen ein wenig den Anstrich frühsaisonaler Verzweiflung. Ich kann mich irren, ich möchte mich irren, allein: mir fehlt der Glaube.

Was uns momentan wirklich helfen würde: eine Rückkehr Carsten Kammlotts nach Hause ins Steigerwaldstadion (Steigerwaldstadion werde ich in diesem Blog zukünftig ganz häufig schreiben, jedenfalls so lange es noch geht und dieser Flecken Erde – getränkt mit Myriaden Litern meines Herzbluts – noch so heißt und eben nicht Glückskeks-Arena oder wie auch immer). Kammlott – ich schlage Dietrich Mateschitz folgenden Deal vor: er leiht uns den deprimierten Bankdrücker zurück. Das nennt man wohl ein Leaseback. Die Leihgebühr wird nach der Saison mit der Steigerung des Marktwertes verrechnet (der in Kammlotts Zeit bei RB um 200.000 EUR gefallen ist/Quelle: transfermarkt.de). Das sollte nach den 20 Toren mit denen er uns dann in die zweite Liga geschossen hat eigentlich kein Problem sein. Nächste Saison bekommen sie ihn mit viel Selbstvertrauen zurück und er kann unter José Mourinho den Aufstieg von RB in die 3.Liga aufs Neue angehen.

Hört sich plausibel an für meine Ohren: Herr Rombach übernehmen Sie!

Danke, Philipp!

Hitzfeld meint er sei falsch beraten, Völler ist wieder mal außer sich, Bild zündelt gekonnt und SPON findet, dass es eh wurscht ist.

Ich denke, dass wir Philipp Lahm luzide Einblicke in die Welt unseres Lieblingssports verdanken werden. Jedenfalls lassen das, die soeben vorab publizierten „Stellen“ erhoffen. Wohlgemerkt, Rudi Völler mag ich richtig gut leiden, Felix Magaths Erfolge respektiere ich einfach und Jürgen Klinsmann hat den DFB gerockt – zum beiderseitigen Vorteil. Louis van Gaal ist ein selbstgerechter und beratungsresitenter Egomane, klar,  das konnte man allerdings auch vor seiner Verpflichtung wissen. Aber auch ein Könner vor dem Herrn – oder wie anders lässt sich erklären, dass es ihm gelang, den Bayern innerhalb von 6 Monaten eine sehr erfolgreiche Variante seiner Fußballschule anzutrainieren.

Philipp Lahm beschreibt und kritisiert die Zusammenarbeit mit diesen Trainern. Und Rudi Völler tut so, als hätte er damit die Omerta verletzt: das tut man nicht, lautet der Imperativ der Zunft. Warum eigentlich nicht? Wir alle haben uns gefragt, warum die DFB-Auswahl bei der letzten EM so grottig kickte. Dafür liefert Lahm eine brauchbare Antwort: die Mannschaft war heillos zerstritten. Ich spekuliere jetzt mal und behaupte, dass genau darin auch der Grund zu finden ist, warum Jogi Löw in den Fällen Frings und Ballack derart hartleibig agierte.

Felix Magath ist der Chuck Norris des deutschen Fußballs. So lesen sich die bisher bekannten Auszüge über Deutschlands erfolgreichsten Trainer. Was Lahm hier beschreibt ist nicht wirklich ehrenrührig für Magath. Er hat aus seiner Einstellung zu heutigen Profifußballern nie einen Hehl gemacht: man muss sie nicht mögen, ja nicht einmal respektieren, um mit ihnen Erfolg zu haben. Das sich Magaths Methoden verschleißen, legt schon ein Blick auf seinen beruflichen Werdegang als Trainer nahe. So what?

Na ja, etwas erstaunlicher ist dann doch die Sache mit Klinsmann. Doch nur ein dauerlächelnder kalifornischer Fitness-Guru, ohne rechte Kenntnisse der komplexen Zusammenhänge des heutigen Fußballs? Aber auch das, seien wir ehrlich, haben wir immer schon ein bißchen vermutet. Nur Motivation allein, langt halt nicht.

Wir leben in einer offenen Gesellschaft, jedenfalls proklamieren wir das gerne. Es ist nicht so recht einsehbar, warum der Fußball davon suspendiert sein sollte und – hier durch Völler und Hitzfeld, andere werden folgen – ein Fußballer dafür kritisiert wird, dass er tut, was in anderen Bereichen der Gesellschaft stets und ständig eingefordert wird. Es ist auch nicht so, dass die Debatte nur einen reinen Unterhaltungswert aufweist, das auch, natürlich. Aber Lahms Äußerungen sind durchaus geeignet, Aufklärung über die Binnenverhältnisse moderner Profiteams zu geben. Jenseits der notorischen Wir-Haben-Uns-Alle-Lieb-Statements.

Deshalb: well done, Philipp!

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