Archiv für Mai 30, 2013

„Ich nehme mir eine Auszeit vom RWE“ / Interview mit einem enttäuschten Fan

Nach der Pokalniederlage gegen Schott Jena gab es in den Vereinsforen des RWE, wie nicht anders zu erwarten, sehr emotionale Äußerungen gegenüber Mannschaft und Verein. Ich sprach mit dem RWE-Fan Fabian, der unter dem Nickname Asumel im Forum RWE-Community schreibt, und für den die Niederlage in Jena nur einen weiteren Tiefpunkt eines Vereins in der Abwärtsspirale darstellt.

Fedor Freytag: Wie lange gehst Du bereits zu Spielen von Rot-Weiß?

Fabian: Mein erstes Heimspiel besuchte ich 2005. Erfurt spielte zweite Liga und verlor gegen Köln 0:1. Am RWE interessiert war ich schon deutlich länger – schon zur Aufstiegssaison wollte ich damals unbedingt zu den Spielen. Aufgrund der Entfernung war es mir damals aber leider nicht möglich. Die Zweitliga-Saison war auch eine Saison, die es in sich hatte. Trotzdem wir abgeschlagen abstiegen sind, hat mich doch ein starkes RWE-Fieber gepackt. Die darauf folgende Saison steigerten sich die besuchten Heimspiele deutlich. Seitdem ich in Erfurt wohne, bin ich eigentlich fast immer da. Auswärts war ich auch sehr oft unterwegs – Düsseldorf, Paderborn, Burghausen, Sandhausen, Dresden, Aalen, Jena – die Liste lässt sich beliebig fortführen. Hängen geblieben ist vor allem der Auswärtssieg gegen Dynamo vor zwei Jahren aber auch die bittere Niederlage gegen Ahlen.

Fedor Freytag: Gehörst Du einer Fangruppierung an oder fühlst Du Dich einer nahe?

Fabian: Ganz klares nein. Ich habe einen Bekanntenkreis mit dem ich so oft wie möglich zu den Spielen gehe, aber einer festen Gruppierung gehöre ich nicht an. Möchte ich auch nicht. Wenn man sich die Erfordia Ultras anschaut, muss man als neutraler Betrachter den Kopf schütteln. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass es den Ultras deutlich an kreativen Köpfen fehlt. Wann gab es die letzte schöne Choreo? Und mit Choreo meine ich keine vollgemalte Tapete.

Fedor Freytag: Du hast im Forum RWE-Community geschrieben: «Ich nehme mir eine Auszeit vom RWE.» Was hat Dich zu einer solchen Aussage bewogen?

Fabian: Um das auszuführen, muss ich etwas weiter ausholen. Aus meiner Sicht befindet sich der Verein seit der Entlassung von Stefan Beutel in einer Abwärtsspirale. Ich bin mir bewusst, dass auch unter Beutel nicht alles Gold war, was glänzte und vor allem im letzten Jahr unter ihm einiges schief lief. Trotzdem gab es damals noch attraktiven Fußball am Steigerwald zu sehen. Die Kombination Dotchev / Beutel hat einfach gepasst. Der Abgang von Dotchev kam damals für alle überraschend. Wir lagen nach der Hinrunde super im Rennen im Kampf um den Aufstieg und alles deutete daraufhin, dass wir es packen. Dann ging der Trainer von Bord und unterschrieb in Paderborn. Die Gründe dafür wurden damals mit der sportlichen besseren Alternative von Paderborn begründet – die Gerüchteküche brodelte. Geschichten um betrogene Ehefrauen von Sponsoren zogen ihre Kreise. Was daran wahr ist und was nicht möchte ich nicht beurteilen. Als Trainer folgte Karsten Baumann. Unter ihm fand das Team nie in die Erfolgsspur zurück und die Saison wurde auf Platz 7 beendet. Auf Baumann folgte Hörgl, dann kam Stefan Emmerling und als letzter Trainer Alois Schwartz. Aktuell befindet sich der Verein – mal wieder – auf Trainersuche. Jahr für Jahr predigt Rolf Rombach, dass wir Kontinuität auf der Trainerposition benötigen. Das gelang seit Pavel Dotchev nicht mehr. Der Trainerposten in Erfurt ist nichts anderes als ein Schleudersitz. Dies ist, zusammen mit den Etatkürzungen, ein Hauptgrund für den Niedergang des Vereins. Jeder Trainer bringt eine andere Philosophie, ein anderes System und benötigt dafür andere Spieler. Jedes Jahr erfolgt ein erneuter Umbruch. Stefan Emmerling war der beste Trainer, nach Pavel Dotchev, den wir in Erfurt hatten. Während er in seiner ersten Saison maßgeblich an der Teamzusammenstellung beteiligt war, übernahm Traub in der abgelaufenen Saison diese Aufgabe. Das Resultat haben wir eine ganze Saison auf dem Platz beobachten dürfen. Aus meiner Sicht hätten die Verantwortlichen um Herrn Rombach nur dann verantwortungsvoll gehandelt, wenn sie Traub gleich mit rausgeworfen hätten. Dies wurde nicht getan, stattdessen wurde noch ein Sportvorstand engagiert. Generell, so scheint mir, bauen wir den Verein auf Menschen die eine zweite Chance benötigen.

Fedor Freytag: Wie meinst Du das?

Fabian: Der Pressesprecher wegen Betruges verurteilt, der Geschäftsführer Kalt führte den OFC an den Rand des Ruins – und Spieler bekommen wir sowieso nur, weil sie verletzt sind, siehe Fillinger. Aber auch wenn ich deutliche Kritik an Rombach äußere, möchte ich betonen, dass mir bewusst ist, dass ohne ihn der Verein nicht mehr existieren würde. Allerdings kann mich aber noch gut erinnern an die Vorstellung des neuen Vermarkters erinnern. Auf der Pressekonferenz wurde vollmundig verkündet, dass man nun in der Lage sei, Leistungsträger in Zukunft in Erfurt zu halten – alles Schall und Rauch. Mittlerweile bin ich mehr als skeptisch, was den Zustand unseres Vereins betrifft. Auf der Mitgliederversammlung werden die Zahlen jedes Jahr nur aufs Äußerste verkürzt wiedergegeben, sodass sich niemand, außer den Verantwortlichen, ein Bild von der aktuellen finanziellen Lage machen kann.

Fedor Freytag: Hast du daraus Konsequenzen gezogen?

Fabian: Ich bin mittlerweile als Mitglied aus dem Verein ausgetreten. Auf der JHV war es aus meiner Sicht nicht möglich Fragen anständig zu erörtern. Vielmehr hatte ich den Eindruck, dass es den meisten Anwesenden eher um die Freikarte zum Spiel ging als darum, kritischen Fragen zu stellen. Insgesamt haben die JHVs mehr Fragen aufgeworfen, als Antworten gegeben. Es sind diese Unklarheiten, die teilweise katastrophale Außendarstellung, Teile der Fans und auch die aktuelle Mannschaft die mich zu dem Entschluss gebracht haben eine „Auszeit“ vom Verein als solches zu nehmen.

Fedor Freytag: Du hast im Forum von krassen antisemitischen Äußerungen berichtet, die es beim Pokalendspiel gegen Schott gab. Würdest Du das Erlebte hier kurz wiederholen?

Fabian: Ich habe mich selten so geschämt für unsere Fans. Sicher war das Warten am Bratwurststand in Jena echt langwierig. Aber was kann die arme Aushilfskraft dafür? Es fielen die folgenden Äußerungen: „Bratwurstjüdin“, „Judensau“, „Der Jude dahinten muss erst mal abhängen“, „Im KZ ging das damals schneller“, „In Auschwitz haben sie die Judenwürste damals schneller gebraten“. Und was macht die halbe Schlange? Johlen, einen draufsetzen.

Fedor Freytag: Unglaublich. Aber sind das nicht Einzelfälle? Geäußert von schwachsinnigen «Fans» wie sie so gut wie jeder andere Verein in Deutschland auch hat?

Fabian: Klar könnte man das als Einzelfälle abstempeln. Das sind sie aber nicht. Auswärtsfahrten mit dem RWE sind zum Großteil einfach nur noch peinlich und entwürdigend. Das gegen Schott war sicherlich der negative Höhepunkt der Saison 2012/13. Wobei es so ist, dass, wenn wir gegen Jena spielen es immer besonders schlimm ist. Generell habe ich das Gefühl, dass die Aussagen entsprechender Parteien in Erfurt auf besonders fruchtbaren Boden fallen. Dass die KEF eindeutig rechtsradikal ist, steht sogar im Thüringer Verfassungsschutzbericht. Dazu gibt es noch einige andere „Fanclubs“ die schon ziemlich suspekt wirken, wie die «RWE Brigade Weimar». Fakt ist auch, dass viele – die in Erfurt ein Stadionverbot haben – sehr oft auswärts anzutreffen sind. Es interessiert einfach die Wenigsten. Den Schaden trägt der Verein durch den Imageverlust. Es geht aber nicht nur um Antisemitismus, sondern auch um das Verhalten unserer Auswärtsfans. Ein beträchtlicher Teil führt sich auswärts auf wie die Axt im Walde, gleichzeitig wird sich dann aber beklagt, wenn die Vorschriften seitens der Polizei oder der Heimmannschaft jedes Jahr strenger werden. Es ist doch selbst bei Heimspielen schon zu beobachten, dass der Teil der «Erlebnisorientierten» und Asozialen – es tut mir leid, ich finde dafür kein anderes geeignetes Wort – mittlerweile einen großen Anteil der Anwesenden ausmacht. Es ist einfach traurig, mittlerweile habe ich mich auch aus der Kurve verabschiedet, da mir das Ganze einfach zu dumm ist.

Fedor Freytag: Was sollte der Verein FC Rot-Weiß Erfurt tun, damit das besser wird?

Fabian: Es wäre schön, wenn der Verein überhaupt etwas unternehmen oder das Problem überhaupt anerkennen würde. Ich sehe hier aber vor allem den hauptamtlichen Fanbetreuer in der Pflicht. Aktuell ist diese Stelle neu ausgeschrieben. Auch wäre es wünschenswert, wenn die KEF komplett ausgeschlossen wird und die Stadionverbote konsequent umgesetzt werden. Diese Gruppierung schadet eindeutig dem Verein. Da sollte auch beinhalten, dass keine Fahnen und Flaggen der KEF mehr aufgehängt werden dürfen – weder daheim noch auswärts.

Fedor Freytag: Wie siehst Du die Zukunft des Vereins?

Fabian: Da bin ich mir noch unschlüssig. Vieles hängt davon ab, wie der erneute Umbruch dieses und nächstes Jahr gelingt. Es muss dem Vorstand endlich gelingen wieder eine Mannschaft auf das Feld zu schicken, mit der sich der gemeine Fan identifizieren kann. Generell denke ich, dass wir eine sehr junge Truppe präsentieren werden. Es wird für die neue Saison entscheidend sein, dass ein Pfingsten-Reddig und ein Engelhardt vorangehen und die jungen Spieler führen. Auch wäre es gut, wenn endlich wieder Ablösesummen erzeugt werden könnten. Ich denke ein Möhwald ist ein Kandidat dafür oder aber auch ein Klewin, wenn man ihm den Vorzug vor Sponsel gibt. Sollte der Worst Case eintreten, so bin ich fest davon überzeugt, dass der Verein in die Insolvenz schlittert.

Fedor Freytag: Vielen Dank für das Gespräch.

Abstieg vermieden! Trainer vertrieben?

Da fährt man mal eine Woche in den Urlaub und schon bietet der FC Rot-Weiß Erfurt bei der Heimkehr ein völlig neues Bild. Kein besseres, eindeutig. Auf der Hinfahrt war die Welt noch in Ordnung. Kroatische Autobahnen sind nicht nur bemerkenswert solide asphaltiert, sie bieten sogar durchgehend eine brauchbare Anbindung an die digitale Welt. Kurz vor der Mittelmeerküste kündete der RWE-Ticker von einem verdienten Auswärtserfolg in Chemnitz. Damit waren die letzten Zweifel beseitigt – der RWE würde auch im nächsten Jahr in der 3. Liga spielen. Der Sturz ins Bodenlose war abgewendet. Dass dann ausgerechnet der Mann dem dieses klitzekleine Erfurter Fußballwunder gelang, nur Tage später seinen Abgang zum Saisonende verkündet, zählt mal wieder zu den Tiefschlägen, die die Anhänger dieses Vereins seit Jahren wegstecken müssen. Und obwohl wir inzwischen daran gewöhnt sein sollten, schmerzt es jedes Mal mehr.

Über die Trennung von Alois Schwartz ist in den letzten Tage reichlich spekuliert worden. Kein Wunder, da man den offiziell verabreichten, rhetorischen Tranquilizern misstraut. Wohl zurecht. Da aber Alois Schwartz kein Klaus-Dieter «Pele» Wollitz ist, wird man die «Wahrheit» wohl nie erfahren. Sicher jedoch ist: Wie werden den vierten Cheftrainer innerhalb eines Jahres auf der Bank des RWE erleben. Sportliche Kontinuität sieht anders aus. Als ebenso zweifelsfrei darf gelten, dass Sportvorstand Alfred Hörtnagl nun endlich zeigen kann, was er bei der Trainer- und Spielersuche so drauf hat, damit rund um den Steigerwald nachhaltiger Erfolg einziehen möge (nur um mal eines seiner Lieblingsadjektive zu gebrauchen). Vielleicht findet sich ja ein Trainer, der es richtig toll findet, wenn der Manager die Halbzeitansprache an die Mannschaft halten möchte. Mal sehen.

Die beiden Niederlagen gegen Dortmund und Darmstadt sind aus sportlicher Sicht völlig nebensächlich. Es mag absurd klingen, aber ich denke tatsächlich, dass sie einmal mehr die sehr gute Arbeit von Alois Schwartz über die gesamte Rückrunde hinweg belegen. Die Mannschaft ist eben nicht in der Lage irgendwas leichthin spielerisch zu lösen. Jeden einzelnen Punkt musste sich das Team hart erarbeiten. Dafür hatte Schwartz eine kompakte Defensivtaktik verordnet, die auf aggressivem Pressing, der Verdichtung des zentralen Mittelfelds und einer sehr nach hinten denkenden, gegentorvermeidenden Spielidee beruhte. Man kann im Abstiegskampf auch anders erfolgreich agieren, wie die Beispiele von Mönchengladbach (Rückrunde 2010/11 unter Lucien Favre) und Freiburg (Rückrunde 2011/12 unter Christian Streich) belegen. Allerdings benötigt man dafür die entsprechenden Spieler und die standen Alois Schwartz nicht zu Verfügung, weswegen er auf den Versuch ein Spiel dominieren zu wollen (so gut wie immer) verzichtete. Die Mannschaft kam physisch erstklassig vorbereitet aus der Winterpause. Solange die Faktoren taktische Disziplin, Laufbereitschaft und Konzentration zusammenkamen, war es für jede Mannschaft der Liga schwierig gegen den RWE der Rückrunde 2012/2013 Tore zu erzielen. Als im Gefühl des sicheren Klassenerhalts Schludrigkeit einzog, sah man, wo und wie man auch hätte enden können. Mithin war die von Schwartz gewählte taktische Ausrichtung richtig. Noch viel gravierender jedoch war die offenkundige Fähigkeit des Trainers, sein Team Woche für Woche, Spiel um Spiel darauf einzuschwören. Dass die Mannschaft ihm dabei folgte, stellt auch ihr ein lobenswertes Zeugnis aus.

Es war eine gute Entscheidung des Präsidiums sich für Alois Schwartz als Trainer zu entscheiden. Unter hohem Druck, man erinnere sich. Aber es verdankt sich vor allem seiner sportlichen Kompetenz, dass der Abstieg ins sportlich wie finanziell Randständige abgewendet werden konnte.

Well done, Alois Schwartz! Haben Sie sich wohl, wohin immer Ihr Weg Sie führen mag.