Archiv für August 26, 2013

RB Leipzig vs. Rot-Weiß Erfurt 2:0 / Mit fliegenden Fahnen

Das bis zum vergangenen Samstag letzte Spiel, das ich im Leipziger Zentralstadion sah, fand am 14.06.2006 statt. Spanien zerlegte die Ukraine mit 4:0 und ich dachte damals bei mir: Wer zur Hölle soll diese Mannschaft besiegen? Nun, die Spanier schlugen sich im Achtelfinale der WM zum vorerst letzten Mal selbst (der Profiteur hieß Frankreich), um in der Folge ihre eindrucksvolle, aber inzwischen etwas enervierende Weltherrschaft über den Fußball anzutreten.

Vergleichbare spielerische Delikatessen waren vom Drittligaspiel RB Leipzig gegen Rot-Weiß Erfurt nicht zu erwarten. Wohl aber eine erbitterte Fehde um jeden Quadratmeter Rasen, jeden Ball, jeden geringen Vorteil. Schließlich hatten fast alle, denen sich dafür eine Gelegenheit bot, kaum eine Chance ausgelassen dieses Spiel emotional aufzuladen: Sportlich, popkulturell, ideologisch. Das berücksichtigend, muss man allen Kombattanten auf dem Rasen, und den meisten auf den Rängen Lob dafür zollen, dass es vergleichsweise fair und friedlich zuging.

Ein Wort zur Atmosphäre: Auf eine völlig gegensätzliche Art und Weise ist die Leipziger Arena ebenso ungeeignet für Drittligafußball wie das Erfurter Steigerwaldstadion. (Zugegeben, das ist sicherlich keine grundstürzend neue Erkenntnis.) 15.000 Zuschauer sind für ein sportlich nicht übermäßig bedeutendes (weil frühsaisonales) Spiel eine stattliche Kulisse. Von der Haupttribüne betrachtet, sah das trotzdem wie die Vormittagssession einer U23-Leichtathletik-EM aus: gähnend leere Ränge allenthalben. Akustisch hingegen bot vor allem der Erfurter Fanblock – trotz eines durchgehend zur Euphorie wenig Anlass gebenden Spielstands – wahrlich Herausragendes.

Kogler will nicht abwartend-defensiv spielen

Nicht wenige, so auch ich, hatten damit gerechnet, dass Kogler ein sehr defensives System wählt, z.B. ein 4-1-4-1 mit Kleineheismann als zusätzlichem, rein defensivem Sechser. Doch Kogler ist eben nicht Alois Schwartz, er blieb beim bis dahin bewährten 4-4-2. Vielleicht auch, weil Brandtstetter zur Überraschung aller doch einsatzfähig war. Und der Erfurter Trainer tat gut daran. Mal abgesehen davon, dass Kleineheismann als Sechser vermutlich erst gar nicht in die Verlegenheit gekommen wäre, diesen fatalen Rückpass zu spielen, ist es natürlich einfacher mit einer offensiveren, spielbegabteren Formation auf einen Rückstand reagieren zu können.

Das frühe Gegentor, natürlich ein Desaster

Wie es zu diesem ultrafrühen Gegentor kam, ist hinreichend belegt und diskutiert. Ich muss hier aber noch einmal altklug darauf hinweisen, dass damit rein statistisch gesehen, die Chance des RWE etwas Zählbares mitnehmen zu können, dramatisch gesunken waren. Im Grunde gegen jeden Gegner der Liga, ganz besonders aber gegen RB Leipzig. Es ist schlichtweg eine große Tugend von RB, kollektiv äußerst stark gegen den Ball zu verteidigen und derart für den Gegner wenig zuzulassen. Die dabei angewandten Methoden sind zum Teil jedem zeitgemäßen Taktiklehrbuch zu entnehmen, zum Anderen behilft man sich jedoch auch mit vielen geschickten Kleinfouls, die den Kontrahenten ebenfalls sehr wirksam am Aufbau des Spiels hindern, und vom Schiedsrichter zumeist unterhalb des üblichen Gelbradars verortet werden.

Umso bemerkenswerter war, wie der RWE mit der unvermittelt entstandenen Matchsituation umging. Nämlich sehr, sehr klug. Im Kommentar der mdr-Liveübertragung sagte der, vorsichtig formuliert, leicht RB-affine Reporter immer wieder, dass den Rot-Weißen doch herzlich wenig einfiele gegen die Verteidigung der Leipziger. Es ist nur so: Mit dem frühen Gegentor hatten sich die taktischen Vorzeichen diametral geändert. Anders als in Münster konnte man jetzt nicht mehr aus einer leicht defensiven Konterstellung heraus spielen, sondern musste, damit das Spiel nicht erstarrte, selbst agieren. Dabei aber stets im Auge behalten, dass noch genügend Zeit blieb, um ein Tor zu erzielen, es also überhaupt keinen Sinn ergab, zu früh ein zu großes Risiko einzugehen. Hätte man das getan, wäre die Wahrscheinlichkeit hoch gewesen, mit 0:3 in die Pause zu gehen. So aber erarbeitete sich der RWE eine wahrnehmbare Feldüberlegenheit und in Folge einige tornahe Standards wie Ecken und Freistöße, aus denen die guten Möglichkeiten von Laurito und Brandstetter resultierten. Es waren Chancen und es waren Chancen auf Chancen vorhanden, nicht inflationär, aber genügend um wenigstens den Ausgleich zu erzielen.

Ich habe im Team des RWE an diesem Tag keine Schwachstelle gesehen. Jedenfalls, wenn man das momentane Leistungsvermögen der Spieler realistisch beurteilt. Es wäre schlichtweg ein bisschen irre, anzunehmen, dass Fillinger und Strangl als Fillinger und Strangl den Platz betreten und dort zu Robben und Ribery mutieren. Beide haben für ihre momentanen Möglichkeiten (nach beiderseits langer Verletzung, schwierigem Formaufbau, fehlender Spielpraxis) keinesfalls enttäuscht. Strangl merkte man sein Potenzial durchweg an, wenn auch nicht alles funktionierte. Fillinger konnte sich im Verlauf des Matches steigern; ihm gelang manch gefälliger Pass, ein jeder davon wichtig für sein Selbstvertrauen. Ebenfalls ihrem klugen taktischen Spiel war es zu verdanken, dass die beiden Außenverteidiger Odak und Czichos sich in der 2. Halbzeit vermehrt mit in die Angriffe einschalten konnten, ohne dass RB bei Ballverlusten sofort gigantische Räume offeriert bekam. Die für mich besten Akteure auf Seiten des RWE waren die beiden zentralen Mittelfeldspieler Engelhardt und Möhwald. Wie sie sich gegen die große Qualität des Leipziger Mittelfelds zur Wehr setzten, war bemerkenswert. Ihr Einsatz und ihr Zweikampfverhalten waren herausragend, ebenso ihr Wille dem Spiel des RWE offensiv eine Form zu geben. In der ersten Halbzeit agierten sie oft (und nachvollziehbar) mit langen Anspielen vor allem auf Brandstetter. Im zweiten Abschnitt setzte Erfurt mehr auf öffnende Diagonalbälle in Richtung der Flügel, wo vor allem Strangl und Odak ein paar Mal gefährlich vor dem Leipziger Tor auftauchten.

Insgesamt gilt: Wir haben das Spiel nicht verloren, weil wir zu wenige Möglichkeiten hatten, sondern weil wir die Möglichkeiten die vorhanden waren, nicht verwerten konnten.

Vom Schiedsrichter nicht gerade bevorzugt

In der Regel ist Schiedsrichterschelte in nahezu 100% aller Fälle ein Vorwand, um von eigenen Fehlleistungen abzulenken. Ein wenig verstehe ich aber Walter Koglers derzeitige Verdrossenheit, mehr noch: Ich teile sie. Das war jetzt das dritte Spiel in Folge in dem der RWE sehr wichtige Entscheidungen der Referees ertragen musste, die auch anders hätten ausfallen können, und denen man einen gewissen spielbestimmenden Charakter nicht absprechen kann. Für den Schiedsrichter war das kein einfaches Spiel. Es gab unzählig viele, meist kleinere Fouls. Mein Eindruck ist ja, dass die Spieler inzwischen im Training üben, wie man ein Foul begeht, ohne dass es wie ein solches aussieht. Die Betrachtung aller strittigen Szenen des Spiels würde den Rahmen dieses Textes sprengen, deshalb will ich mich auf zwei einschränken: Ich denke, dass das Foul gegen Brandstetter in der 1. Halbzeit eine Rote Karte hätte nach sich ziehen müssen. Der Leipziger Verteidiger macht das – nachdem er die bessere Position zum Ball vertändelt hatte – zwar sehr smart, nichtsdestotrotz hält er Brandstetter eindeutig fest. Der Schiedsrichter pfeift es nicht sofort ab, sondern mit einer gewissen Verzögerung, wohl einen evtl. Vorteil abwartend. Und nur dieses Zögern evoziert den Eindruck, dass der nachrückende Leipziger Spieler die Torchance noch hätte verhindern können. Fast noch gravierender eine Szene in der 2. Halbzeit im Leipziger Strafraum, bei der Laurito nach einer Flanke regelrecht umgenietet wurde. Der Ball war zwar schon weg und ich unterstelle dem Leipziger Spieler auch keine Absicht. Allein, das ist nebensächlich: Es war ein Foul, es war im Strafraum, es war Elfmeter. Wie gesagt, ansonsten gab es zuhauf strittige Szenen auf beiden Seiten, während mancher Spielphasen quasi im Halb-Minutentakt.

Der FC Rot-Weiß Erfurt hat dieses Spiel in Leipzig verloren. Wie dies geschah, verdient jedoch allen Respekt. Es gab schon viele Auswärtsspiele des RWE, bei denen eine ambitionierte, talentierte Mannschaft auf dem Platz stand, die sich aber nach einem Rückstand ihrem Schicksal ergab. Das war an diesem Samstag in Leipzig anders. Koglers Team glaubte an seine Chance und unternahm alles, um wenigstens einen Punkt mit nach Hause zu nehmen. Dass dies am Ende nicht gelang ist zwar ärgerlich, ändert aber nichts daran, dass wir im weiteren Verlauf der Saison noch einigen Spaß mit dieser Mannschaft haben werden. Jedenfalls deutet bisher nichts auf das Gegenteil hin.

Rot-Weiß Erfurt vs. Burghausen 1:1 / Ich. Bin. Nicht. Enttäuscht.

Die Erwartungshaltung um den wichtigsten Fußballklub der Thüringer Landeshauptstadt treibt zuweilen bizarre Blüten. Da schreibt einer bei Facebook (abgedruckt in der TA): «Landeshauptstadt gegen Dorf, es ist eine Schande.» Das würde als singulärer Blödsinn hier unerwähnt bleiben, wenn es nicht (zumindest teilweise) den Tenor der Meinungsbildung nach dem Spiel am Samstag wiedergeben würde. Der große FC Rot-Weiß Erfurt, Tabellendritter, ist nicht in der Lage, das kleine Wacker Burghausen, Tabellenletzter, aus dem Steigerwaldstadion zu schießen. Nun, die Wirklichkeit sieht etwas anders aus. Burghausen war in den letzten beiden Spielzeiten Sechster und Achter der Abschlusstabelle und ist mithin eine etablierte Größe in der dritten deutschen Profiliga. Beide Teams mussten vor der Saison Leistungsträger abgeben und ihren Etat deutlich reduzieren. Der RWE kam deutlich besser aus dem Saison-Startblock, da aber gerade einmal zehn Prozent der Spiele absolviert sind, handelt es sich nicht um einen Sprint, sondern um ein Langstreckenrennen, bei dem die Platzierung nach 400 Metern ja auch nicht mehr als einen Fingerzeig auf das finale Resultat liefert. Zudem hatte sich Burghausen in den ersten drei Saisonspielen schrittweise gesteigert, gegen Leipzig verlor man nur recht unglücklich in der Nachspielzeit. Es gibt keinen Grund dieses Unentschieden gleich wieder als Riesen-Enttäuschung rhetorisch in Szene zu setzen. Nach der Wolke 7 des Saisonstarts herrscht jetzt Liga-Alltag. So what?

Tunjic fehlte an allen Ecken und Enden

Walter Kogler gab Morten Nielsen eine Chance in der Startelf. Er ersetzte den rot-gesperrten Mijo Tunjic und konnte in dieser Rolle nicht überzeugen. Ich kann nicht wirklich beurteilen, ob Nielsen mit dieser Leistung bereits sein Potenzial erschöpft hat, denke aber, dass dies nicht der Fall ist. Zu seinen Gunsten sollte berücksichtigt werden, dass das sein erster Startelf-Einsatz seit Monaten war und er von Verletzungen immer wieder an einem stringenten Formaufbau gehindert wurde. Es wäre übertrieben zu behaupten, dass sich die beiden Buddys Brandstetter und Tunjic inzwischen blind verstehen, aber ihr Spiel wirkte schon ziemlich passabel aufeinander abgestimmt. Das konnte man vom Sturmduo Nielsen-Brandstetter kaum erwarten und dementsprechend sah das dann auch aus. Jedoch bot Brandstetter alles andere als eine schlechte Partie und auch Öztürk zeigt sich in der ersten Halbzeit gewohnt quirlig und für seine Gegenspieler schlecht ausrechenbar. Beide tendierten jedoch dazu, den Ball zu lange zu halten, was einige im Ansatz Erfolg versprechende Angriffe des RWE jäh und unnötig beendete. Aber, neben seiner offensiven Durchschlagskraft gingen dem Spiel der Rot-Weißen auch Tunjics Fleiß und Geschick beim Stören gegnerischer Angriffe ab. Bei einer 4-4-2-Formation ist eine unerlässliche Grundbedingung, dass die beiden Angreifer in der Lage sind, die zahlenmäßige Unterlegenheit des eigenen Mittelfelds gegen ein 4-2-3-1 des Gegners zu neutralisieren. Das gelang mit zunehmender Spieldauer immer weniger und sorgte dafür, dass die überdies ballsicheren Burghäuser in der entscheidenden Zone des Platzes die Hoheit über das Geschehen errangen. Nur gut, dass sie nicht in der Lage waren, diese Mittelfelddominanz mit besseren Zuspielen in die Spitze noch gefährlicher für die Abwehr des RWE werden zu lassen, als dies ohnehin schon der Fall war.

Das war kein gutes Spiel des FC Rot-Weiß Erfurt, jeder weiß das, weil jeder es sehen konnte. Es war ein völlig normales Spiel einer Liga, in der sich die Qualität der eingesetzten Spieler nur vergleichsweise wenig unterscheidet und es somit von Kleinigkeiten abhängig ist, ob ich ein Spiel gewinne oder verliere. Und der Gott der kleinen Dinge entschied sich an diesem Samstag eben für ein völlig leistungsgerechtes Unentschieden.

RB Leipzig ist keine Übermannschaft

Unser nächster Gegner ist – wie der RWE – nach vier Spielen noch ohne Niederlage, hat aber – anders als der RWE – zu Hause noch nicht gewonnen, was doch so ein bisschen die Stimmung eintrübt. Diese statistische Gemengelage entspricht im Großen und Ganzen dem Eindruck, den ich vom Spiel des Aufsteigers habe: Taktisch sehr diszipliniert, mithin schwer zu besiegen. Fußballerisch aber erstaunlich selten in der Lage Druck auf gut abgestimmt verteidigende und körperlich robuste Gegner auszuüben. Was manchmal nicht so ins Gewicht fällt, da sie mit Daniel Frahn einen Stürmer besitzen, der Spiele über brillante Einzelaktionen entscheiden kann. Auffällig ist, dass relativ häufig lange Bälle auf die Angreifer gespielt werden. Und, dass im Mittelfeld viele sogenannte «zweite Bälle» gewonnen werden. Das verleiht dem Spiel von RB Konstanz sieht aber selten gefällig aus. Ein großes Manko von RB ist die Anfälligkeit bei gegnerischen Standards. Dazu muss man aber a.) erst mal welche in Tornähe bekommen und b.) selbst eine gewisse Überlegenheit in dieser Disziplin vorweisen.

Mit Öztürk, Brandstetter und Tunjic fehlen dem RWE in Leipzig seine drei gefährlichsten Offensivakteure. Das ist unerfreulich. Wir sollten trotzdem guten Mutes nach Leipzig fahren. Gestern hat Duisburg bewiesen, dass dort nicht exklusiv für Spitzenteams wie Münster etwas zu holen ist. In Anbetracht des Komplettausfalls unseres Sturms wird es gravierende Änderungen in der RWE-Formation geben müssen. Es könnte sein, dass wir zum ersten Mal in dieser Saison ein System mit nur einem nominellen Stürmer sehen werden. Ich denke, dass Strangl und Göbel recht gute Chancen für die Startelf haben, mir persönlich würde allerdings auch die Variante Engelhardt und Baumgarten auf den Sechserpositionen und Pfingsten zentral im offensiven Mittelfeld davor plausibel erscheinen. Wer der (möglicherweise) einzige Stürmer sein wird, ist derzeit völlig offen. Was mich für Stolze einnimmt, ist seine Schnelligkeit und seine Aggressivität beim Anlaufen des ballführenden Aufbauspielers der gegnerischen Mannschaft.

Münster vs. Rot-Weiß Erfurt 3:3 / Kein Preußen-Monster

Es herrschte Enttäuschung im Lager der Rot-Weißen, nach einem Punktgewinn bei einer der spielstärksten Mannschaften der 3. Liga. Muss man mehr über den Verlauf dieses Spiels und der bisherigen Saison sagen? Man muss nicht, aber man kann.

Die Abwehr funktioniert

Die Innenverteidiger Laurito und Kleineheismann erfüllen alle Hoffnungen, die der Verein bei ihrer Verpflichtung in sie setzte. Bis auf den Stellungsfehler Lauritos vor dem 1:1 blieben sie erneut fehlerlos. Die Ruhe seiner Vorderleute wirkt sich offensichtlich positiv auf Philipp Klewin aus, es ist nichts mehr zu spüren von der rätselhaften Unruhe, die seinen Aktionen bei dem ein oder anderen Vorbereitungsspiel innewohnte. Außenverteidiger haben es schwer, wenn der Gegner Preußen Münster heißt. Wie vielleicht kein anderes Team der Liga versteht es Dotchevs Elf, enge Spielsituationen im Mittelfeldzentrum durch Spielverlagerungen auf die Flügel aufzulösen. Piossek und Grote sind schnell, technisch stark und halten permanent die Außenpositionen. Im Angesicht dieser großen Stärke der Münsteraner haben Czichos und Odak keinen schlechten Job gemacht, zumal sie nicht durchweg optimal von den beiden offensiven Außenbahnspielern unterstützt wurden, was Czichos einmal auch sehr lautstark in Richtung Öztürk kundtat.

Kuriose Tore & ein merkwürdiger Spielverlauf

Brandstetter eröffnete das Spektakel mit einer äußerst dynamischen Aktion. Bunjaku und (an guten Tagen) Semmer hießen die letzten Stürmer des RWE, die in der Lage waren so ein Tor zu erzielen. Unmittelbar danach offenbarte der Portugiese Amaury Bischoff warum man ihn zu den besten Spielern der 3. Liga zählt. Er steht jetzt bei 27 Torbeteiligungen in 37 Ligaspielen für Münster. Ein sagenhafter Wert für einen zentralen Mittelfeldspieler. Nach dem Ausgleich drängte Preußen auf die Führung, konnte sich auch eine deutliche Feldüberlegenheit erspielen, kam jedoch nur zu einigen Halbchancen, die sie entweder leichtfertig vergaben oder die von Klewin routiniert abgewehrt wurden.  Das lag vor allem daran, dass Taylor überhaupt nicht ins Spiel fand und Kara kollektiv gut abgeschirmt wurde. Damit war eine wichtige Achse des Münsteraner Spiels neutralisiert.

Nach der Pause gestaltete sich das Spiel wieder offener, der RWE stand nicht mehr so tief wie zu Ende der 1. Halbzeit. Und endlich wurde Tunjics Unermüdlichkeit beim Anlaufen des gegnerischen Torhüters einmal belohnt. Von diesem Tor wird Masuch seinen Enkeln bestimmt kein Wort erzählen.

Was danach folgte, war die stärkste Phase einer Erfurter Mannschaft seit dem grandiosen 3:1-Auswärtssieg in Dresden (Rückserie der Saison 10/11). Münster verfiel in eine Art nudistischer Schockstarre, entblößte die Abwehr und erlaubte dem RWE, Möglichkeit um Möglichkeit zu vergeigen. Daran änderte sich seltsamerweise auch nach dem Feldverweis für Tunjic rein gar nichts. Bis Sebastian Stolze eingewechselt wurde und tat, war er bei den A- und B-Junioren serienweise getan hatte: Großchancen in Zählbares zu veredeln.

Nun schien alles gelaufen. Niemandem drängte sich der Eindruck auf, dass Münster in der Lage sei, noch zwei Tore zu erzielen. Bis Gaetano Manno, der größte Vertragsdesperado der jüngeren deutschen Fußballgeschichte, einen dieser genialischen Manno-Momente hatte und den Ball ebenso überraschend wie unhaltbar in den Winkel zauberte. Zum Elfmeter, der für den Ausgleich sorgte, kann ich nichts sagen. Je öfter ich mir die Szene ansehe, desto weniger vermag ich zu erkennen, ob es ein Foul war und ob die Szene in oder außerhalb des Strafraums stattfand.

Anders verhält es sich bei dem bösartigen Tritt von Grote an den Kopf des am Boden liegenden Möhwald. Das war – ebenso wie die Aktion von Tunjic – eine klare Rote Karte.*

Livestream des WDR technisch wie journalistisch wohltuend

Wegen mir könnte der Westdeutsche Rundfunk alle Spiele des RWE übertragen. Zum einen sah man einen deutlichen Unterschied bei der Bildqualität. Kam einem glatt wie HD vor im Vergleich zu den verpixelten, manchmal an Atari-Spiele gemahnenden und immer mal wieder stockenden Streams des mdr. Zum anderen, und eigentlich noch wichtiger, war der WDR-Kommentator wohltuend objektiv und gut informiert. Völlig undenkbar beispielsweise, dass ein mdr-Reporter umstandslos die (eindrucksvolle) Scorerbilanz von Sebastian Stolze aus der letzter A-Jugendsaison bei dessen Einwechslung parat hätte. Dazu müsste man sich ja auf ein Spiel vorbereiten.

Die Liga – erste Konturen zeichnen sich ab

Einige Mannschaften, von denen man das erwarten konnte, stehen im oberen Drittel der Tabelle, oder werden bald dort stehen: Hier sind ganz eindeutig Heidenheim, Leipzig und Münster zu nennen – die allesamt als Aufstiegskandidaten gehandelt wurden und auf dem Weg sind, dieser Rolle gerecht zu werden. Die größte positive Überraschung bietet derzeit der VfL Osnabrück. Nach einem gewaltigen Umbruch in der Mannschaft durfte man damit nicht wirklich rechnen. Hier wurde wohl der Faktor Trainer bei der Prognose etwas vernachlässigt. Aber wer, wie Maik Walpurgis, mit den Sportfreunden Lotte die Regionalliga West gewinnt und RB Leipzig in der Relegation einen großen Tanz liefert, der muss als Trainer einfach richtig was auf dem Kasten haben. Auch Karsten Baumanns Arbeit in Duisburg ist die Anerkennung nicht zu verweigern. Quasi ohne Vorbereitung in eine Saison zu gehen und dann nach 3 Spielen 6 Punkte auf dem Konto zu haben: alle Achtung. In Halle und Chemnitz sollte man jetzt nicht gleich durchdrehen, dazu besteht keinerlei Anlass. Die bisherigen Leistungen war nicht so schlecht wie es die derzeitige Tabellensituation suggeriert.

Der FC Rot-Weiß Erfurt empfängt am Samstag die bisher punktlosen Burghäuser im Steigerwaldstadion. Als Tabellendritter. Traditionell betrachtet liegen dem RWE derartige Konstellationen nicht sonderlich. Allzu oft hat man in der Vergangenheit bei ähnlichen tabellarischen Voraussetzungen Spiele verloren. Einerseits. Andererseits sind derartige Rückgriffe statistischer Humbug mit schlichtweg null Einfluss auf das bevorstehende Spiel. Es gibt in dieser Liga keine leichten Gegner, jedenfalls nicht für den RWE. Aber es gibt auch keinen ersichtlichen Grund, warum die Mannschaft mit einer ebenso konzentrierten Leistung wie in Münster dieses Spiel nicht gewinnen können sollte.

*Nachtrag: Diese Grote-Möhwald-Situation ließ mir keine Ruhe, auch weil dazu im !com-Forum angeregt diskutiert wurde. Ich bin nach wie vor der Auffassung, dass Grote Möhwald absichtlich tritt, muss aber zugeben, dass diese (meine) Perspektive natürlich nicht die des Schiedsrichters ist (sein kann). Deshalb habe ich mich entschlossen, den Fall der kompetentesten Instanz vorzutragen, die mir einfiel – und das sind ganz eindeutig Collinas Erben. Alex Feuerherdt und Klaas Reese bieten unter diesem Namen einen brillanten Schiedsrichter-Podcast an, stehen aber auch via Twitter Rede und Antwort. Hier ihre Einschätzung des Falls auf Grundlage des mdr-Berichts:

Sehr schwer zu beurteilen. Für einen Platzverweis muss das Gespann sich absolut sicher sein, dass hier Absicht vorlag und nicht nur Ungeschicklichkeit (wobei die Spieler immer geschickter darin werden, solche Aktionen wie eine Ungeschicklichkeit aussehen zu lassen). Und natürlich gilt: In dubio pro reo. Ich betrachte das, wohlgemerkt, aus der Perspektive des Schiedsrichters (bzw. des Assistenten). Und da lässt sich eine Absicht kaum zweifelsfrei feststellen. Die Zeitlupe legt sie nahe, aber einen echten Beweis erbringt auch sie nicht.