Archiv für Oktober 28, 2013

Jahn Regensburg vs. Rot-Weiß Erfurt 3:1 / Ein gebrauchter Tag

Kogler & PreußerSuch a perfect day sang der große Lou Reed, von dessen viel zu frühem Tod wir gestern erfahren mussten. Nun, von einem perfekten Tag war der FC Rot-Weiß Erfurt am vergangenen Samstag in Regensburg mehr als nur meilenweit entfernt. Dies betrifft sowohl die gezeigte Leistung der Mannschaft, als auch das Resultat – denn obwohl die Rot-Weißen bereits sehr viel bessere Spiele in dieser Saison zeigten, war die Niederlage unglücklich.

Kogler war erneut gezwungen, kurzfristig umzustellen. Philipp Klewin hatte sich im Training verletzt. Für ihn kam Jeff Kornetzky zu seinem Debüt im Erfurter Tor. Und machte seine Sache – trotz der drei Gegentore, bei denen er nichts ausrichten konnte – ausgezeichnet. Pfingsten-Reddig saß wegen Trainingsrückstandes weiterhin nur auf der Bank. Im Angriff bot Kogler, neben Tunjic, Jonas Niefeld auf, auch für ihn war es ein Novum, in einem Meisterschaftsspiel in der Startelf zu stehen.

Die Geschichte des Spieles ist schnell erzählt: RWE startetet gut, kam zu Chancen, nutzte diese nicht und hatte Glück, dass Regensburg seinerseits drei prima Möglichkeiten vergab, bzw. diese von Kornetzky erstklassig vereitelt wurden. In der Pause musste Kleineheismann verletzungsbedingt vom Platz, kurz nach der Pause stimmte die Zuordnung der Viererkette überhaupt nicht und der Jahn ging in Führung. Wie schon in Halbzeit eins war RWE feldüberlegen, konnte sich aber keine wirklichen Tormöglichkeiten erarbeiten (mit der Ausnahme von Wiegels Chance in der 69. Minute). Etwas glücklich fiel der Ausgleich durch Nietfeld. Dabei wäre es vermutlich geblieben, wenn Laurito kurz vor dem Ende nicht etwas ungelenk in Amachaibou rutscht. Keinen Vorwurf an Laurito – hier gilt die ewige Fußballwahrheit: Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß. Aber ein Foul war das schon. Es kann keine Rede davon sein, dass er ihn nicht getroffen hat. Den pfeifen neun von zehn Schiedsrichtern und der Zehnte sollte mal bei Fielmann vorbeischauen.

Interessanter als das alles, ist die Frage nach den Gründen für den neuerlichen Spielverlust. Ich denke, dass alle Mannschaftsteile ihren Anteil an dieser Niederlage hatten. Für die Abwehrkette ist eine Umstellung während eines Spiels immer problematisch, deshalb wechseln Trainer in diesem Bereich selten ohne Not. Die war aber gegeben, weil sich Kleineheismann – ohnehin einer der stabilsten Spieler in den letzten Wochen – verletzte. Ich würde schon sagen, dass diese Änderung, und die daraus resultierende mangelnde Abstimmung ursächlich für den Führungstreffer von Regensburg war. Gegentor zwei und drei waren dann eher Pech (Laurito) oder dem kompletten Vorwärtsdrang der Mannschaft geschuldet, die in der knappen verbleibenden Zeit noch den Ausgleich erzielen wollte.

Nach allem, was ich sah, hörte und las, haben sowohl Möhwald als auch Engelhardt ein sehr passables Spiel abgeliefert. Trotzdem: in einem 4-4-2 kommt den beiden Sechsern defensiv wie offensiv entscheidende Bedeutung zu. Sie müssen die Mannschaft organisieren, den größten läuferischen Aufwand betreiben, den Gegner am Spielaufbau hindern und für Kreativität nach vorne sorgen. Eine fußballerische Herkulesaufgabe. Mir gefällt die personelle Mischung aus Möhwald und Engelhardt eigentlich sehr gut. Beide haben keine offensichtliche Schwäche. Möhwald weist eine hohe Dynamik nach vorne auf, Engelhardt hat große defensiv-taktische Fähigkeiten. Alle zwei ordnen ihr Spiel immer dem Erfolg der Mannschaft unter. Was beide allerdings nicht im gleichen Umfang wie Pfingsten-Reddig beherrschen, ist dessen Vermögen, sogenannte «tödliche» Pässe in freie offensive Räume zu spielen. Bei zwei Stürmern ist das, wenn die sich intelligent bewegen, öfter eine Option. Das soll jetzt kein Plädoyer für die Rückkehr von Pfingsten-Reddig ins zentrale Mittelfeld sein; es soll nur deutlich machen, dass Trainer Entscheidungen treffen und dass diese Entscheidungen selten alle Vorteile miteinander verbinden.

Nietfeld und Tunjic sind zwei recht ähnliche Stürmertypen. Beide haben im Strafraum ihre größten Stärken. Trotzdem klappte das Zusammenspiel in der 1. Halbzeit ganz passabel, ohne dass es die Qualität aufwies, die der Angriff des RWE mit einem gesunden Simon Brandstetter vorzuweisen hat. Wenn Kogler beim 4-4-2 bleibt, dann sollten diese Konstellation eine zweite Chance gegen Chemnitz erhalten. Aykut Öztürks Leistung ist für mich schwierig zu beurteilen, aber ich habe mich über die eine Szene, als er einen Elfmeter herausholen will, sehr geärgert. Hier wäre der konsequente Abschluss viel sinnvoller, oder mehr noch: geboten gewesen.

Der RWE hat gegenwärtig nicht nur eine Ergebniskrise. Dies zu behaupten, hieße sich die Leistung der Mannschaft schön zu reden. Ebenso falsch wäre es allerdings, gleich wieder die Apokalypse auszurufen. Alle drei Spiele wurden knapp verloren. Es war zudem recht offensichtlich, warum die Spiele verloren gingen. Neben Dingen, die man trainieren und unter der Woche verbessern kann – wie formative Kompaktheit, Verbesserung des Umkehrspiels, Laufwege, etc. – waren für die Niederlagen individuelle Fehlleistungen, Leichtfertigkeiten und Unkonzentriertheiten maßgeblich. Faktoren, auf die ein Trainer nur bedingt Einfluss nehmen kann.

Deshalb sehe ich in erster Linie die Mannschaft in der Pflicht, unabhängig von ihrer personellen Aufstellung und taktischen Ausrichtung. Wenn es endlich wieder gelingt, die Fehlerquote nach unten zu korrigieren, wird der FC Rot-Weiß Erfurt auch wieder Fußballspiele gewinnen.

Rot-Weiß Erfurt vs. 1. FC Heidenheim 1:2 / Trotz Niederlage tiefenentspannt

kogler_1Der 1. FC Heidenheim war nicht die allseits annoncierte Übermannschaft. Aber dann doch gut genug, um im Steigerwaldstadion den 5. Auswärtssieg der Saison zu feiern. Die verletzungsbedingten Ausfälle auf Erfurter Seite von Brandstetter, Czichos und – kurzfristig – Pfingsten-Reddig waren nicht zu kompensieren. Vor allem Brandstetter geht dem RWE sehr ab, ohne ihn bleibt die Durchschlagskraft der Offensive dürftig, seine Dynamik ist von keinem der bislang für ihn eingesetzten Spieler erreicht worden. Wenn Pfingsten-Reddig – in den letzten Wochen – für ihn spielte, war das auch nicht zu erwarten. Er sollte in erster Linie Bälle sichern und verteilen. Am Samstag bot Kogler Aykut Öztürk neben Tunjic auf, aber gegen die durchweg sehr aufmerksame Innenverteidigung der Heidenheimer sahen beiden Stürmer des RWE – man muss es so deutlich sagen – keine Schnitte. Was selbstredend nicht exklusiv ihnen anzulasten ist. Chancen fallen nicht einfach vom Laster. Die Zuspiele die sie erhielten, waren für Heidenheim zumeist leichte Beute: lang und hoch und/oder schlichtweg zu unplatziert. Defensiv kaum gefordert, reichte dem Spitzenreiter eine durchschnittliche Leistung für diesen Erfolg.

Eventuell hätte es für die Rot-Weißen, trotz schwacher Offensivleistung, für einen Punktgewinn genügen können, wenn denn das Abwehrverhalten konstant fehlerarm geblieben wäre. Sobald der RWE geordnet verteidigte, fiel den Schwaben nämlich ebenfalls nicht sonderlich viel ein, um Klewin in Bedrängnis zu bringen. Chancen für Heidenheim ergaben sich eigentlich nur, sobald Erfurt wild nach vorne spielte, den Ball verlor und sich solcherart frei bespielbare Räume für den Gegner ergaben. Da gab es dann viel Platz und wenig Gegner. Einerseits. Andererseits erzielte Erfurt in der ersten wirklichen Druckphase (vor der Pause) den Ausgleich. Die zweite derartige Phase (ca. ab Minute 75) führte dann allerdings nach Öztürks schlampigem Morabit-Gedächtnis-Hackenfehlpass zur Spielentscheidung zugunsten Heidenheims. Der Unterschied liegt schlichtweg darin, dass das höhere Risiko bei einem Rückstand einleuchtender ist, als bei einer Spielsituation in der man einen Punkt auf der Habenseite hat. Das war taktisch eher nicht so clever.

Apropos Smail Morabit. Der war – mit Haaren – nicht nur äußerlich schwer wiederzuerkennen (er wird doch wohl nicht den Rooney gemacht haben), sondern spielte auch völlig anders Fußball – gemessen an den meisten seiner Auftritte im Trikot von RWE. Sein jetziger Trainer, Frank Schmidt, gilt als Mann des lauten und klaren Wortes. Er scheint ihm deutlich gemacht zu haben, dass er nur eine Startelf-Chance hat, wenn er seine Fähigkeiten ganz und gar in den Dienst der Mannschaft stellt. Etwas, dass keinem Trainer in seiner Zeit hier dauerhaft geglückt ist. Und so spielte er gestern leider auch: Unspektakulär, effizient, teamfixiert. Er bereitete sowohl die erste Großchance des FCH als auch das spielentscheidende zweite Tor durch Göhlert vor. Hätte nicht sein müssen, Smail!

Ansonsten war der Erkenntniswert des Spiels gering. Die Leistung der Mannschaft ist Schwankungen unterworfen, die dann größer werden, wenn wichtige Spieler fehlen. Das ist weder neu, noch ist es besonders tragisch und kann bereits in der nächsten Woche gegen Regensburg wieder völlig anders aussehen. Ich bleibe bis auf Weiteres tiefenentspannt.

Blogstöckchen Länderspielpause

Ehrlich gesagt musste ich mich erst einmal ein bisschen kundig machen, was es mit so einem Blogstöckchen auf sich hat, nachdem es mir vom Ballsalat aus Dresden zugeworfen wurde. Historisch geht diese Tradition wohl auf Gotthold Ephraim Lessing zurück, der bereis 1771 in den Sinngedichten wusste: „Wer wird nicht einen Blogstock loben? // Doch wird ihn jeder lesen? Nein! // Wir wollen weniger erhoben // Und fleißiger gelesen sein.“ Nun ja, die Gefahr des „Erhebens“ hat Lessing wohl überschätzt. – In medias res:

Bislang bestes Spiel 2013/2014?

Der FC Rot-Weiß Erfurt hat in dieser Saison bereits einige formidable Spiele geboten. Herausragend war jedoch das 3:0 gegen den damaligen Spitzenreiter SV Wehen Wiesbaden. Mag sein, dass die Wiesbadener an diesem Tag etwas indisponiert waren, trotzdem hat mich die durchgehende Kontrolle des Geschehens auf dem Platz durch RWE gleichermaßen beeindruckt wie erfreut. Das war quasi der Goldstandard für diese Saison. Ich weiß jetzt, zu was die Mannschaft an guten Tagen in der Lage ist.

Absolutes Langweilerspiel 2013/2014?

Da geht es mir wie dem Kollegen aus Leipzig – Spiele der eigenen Mannschaft langweilen mich nie. Frustrieren: ja, durchaus möglich; langweilen: nein.

Aber ich möchte an dieser Stelle eine Diskussion aufgreifen, die es immer mal wieder unter Sportbloggern bei Twitter gibt. Ein Spiel wie das des FC Bayern gegen Nürnberg ist schon sehr einseitig. 81 Prozent Ballbesitz für den FCB, totale Dominanz einer Mannschaft, Tore sind nur eine Frage der Zeit. Als ob der Hulk gegen Philipp Rösler boxt. Dies ist keine Kritik an einer der beiden Mannschaften, schon gar nicht an den Bayern. Die haben ein – in jeder Hinsicht – großes Potenzial und verstehen es zu nutzen. Problematisch ist, dass auf diese Weise der Abstand zu 90 % der Mannschaften in der Bundesliga stetig wächst und der Spannungsgehalt, der jedenfalls für mich unabdingbar zum Fußball gehört, in solchen Partien sukzessive gegen null konvergiert. Ich habe dafür keinerlei vorzeigbaren Lösungsansatz, befürchte aber, wie der Trainer Baade, einen stetigen Bedeutungsverlust der nationalen Ligen, zugunsten einer paneuropäischen Fußball-Aristokratie.

Welcher Trainer ist mir angenehm positiv aufgefallen?

Hier sollte natürlich der Name Walter Kogler stehen und würde es auch, wenn er nicht bereits vom Rotebrauseblogger in dessen Blogstöckchen «nominiert» worden wäre. Im Grunde sind heuer fast alle meine Postings zu den Spielen von RWE kleine Huldigungen an unseren Cheftrainer.

Schon in Paderborn, Gladbach und Augsburg hat mich die Arbeit von Jos Luhukay beeindruckt. Wie er sich im schwierigen, dauernervösen Umfeld der Hertha mit akribischer Arbeit und exzessiv sachlichem Auftritt durchgesetzt hat, bestätigt diesen Eindruck vortrefflich. Da versteht jemand sein Handwerk. Ein später flämischer Meister.

Welcher Trainer nicht?

Mit Kritik an Trainern halte ich mich per se zurück. Sie sind wie Dirigenten. Man erwartet, dass das Resultat ihrer Arbeit harmonisch ist. Oder sogar ekstatisch. Nur, dass die Musiker teilweise keine Noten lesen können, das Publikum jede, meist unpassende, Gelegenheit zu Bei- oder Missfallenskundgebungen nutzt und der Impresario sich oft selbst für einen Wiedergänger Karajans hält.

Apropos Impresario. Diese Rolle hat Thomas Linke nach seiner aktiven Laufbahn für sich entdeckt. Seit er 1988 im Dress des FC Rot-Weiß Erfurt in der Oberliga debütierte, verfolge ich seinen Weg und muss sagen: in Relation zu seinem Talent hat er als Fußballer sehr, sehr viel erreicht. Auf seine Karriere als Sportdirektor trifft dies nicht zu. Bei Red Bull (Salzburg, Leipzig) und in Ingolstadt fand und findet er sehr opulente Bedingungen vor, mit denen er – Stand heute – recht wenig anzufangen wusste.

Welcher mediale Hype hat zuletzt genervt?

Stefan Kießling. Den ich für einen sehr guten Bundesligaspieler und – soweit man das beurteilen kann – für einen äußerst angenehmen Zeitgenossen halte. Man kann darüber diskutieren, ob man ihn für die Nationalmannschaft nominiert und somit auf einen (oder sogar mehrere) der folgenden Offensiv-Spieler verzichtet: Klose, Gomez, Reus, Özil, Kroos, Schürle, Podolski, Gündogan, Götze, Schürle, Müller, Kruse. Aber darum geht es bei der Diskussion gar nicht. Nicht bei Kießling und ebenfalls nicht bei Weidenfeller. Es geht immer um Joachim Löw. Dem man nicht zutraut einen Titel zu holen und den man wahlweise der Inkompetenz und/oder der egoistischen Sturheit überführen möchte. Deshalb werden von vielen interessierten Seiten diese Scheindiskussionen angezettelt. Über schlechten Fußball der Mannschaft kann sich ja niemand ernsthaft beklagen.

Meine Mannschaft hat bislang…

… eine unerwartet gute Saison gespielt, die so weder fußballerisch noch tabellarisch abzusehen war.

In der Länderspielpause werde ich…

… nicht mit Tränen in den Augen vor einem schwarzen Bildschirm sitzen.

Blockstöcken – das Prinzip:

Fragen kopieren, im eigenen Blog beantworten. Ob auf Zuwurf oder mit Aufheben des Stöckchens, entscheidet Ihr ganz alleine. Alles kann, nichts muss! Ich für meinen Teil bin an der Stelle raus und gebe in der Konferenz zurück nach Dresden: „Hallo Endreas, Zeit und Muse etwas zu schreiben?“  http://endreasmueller.blogspot.de/