Archiv für Februar 24, 2014

Wehen Wiesbaden vs. Rot-Weiß Erfurt 1:1

wehen-rweBlechbüchse hin, Wellblechpalast her – wen es fasziniert, ein Fußballspiel aus möglichst großer Nähe zu verfolgen, für den gibt es wahrlich miesere Orte als die Wiesbadener BRITA-Arena.

Walter Koglers Aufstellung bot nicht die geringste Überraschung. Patrick Göbel hatte sich, mit einer guten Vorstellung in Duisburg, erneut in die Startelf gespielt. Der Rest der Mannschaft stellt sich momentan (noch) nahezu von selbst auf. Die Rückkehr Möhwalds auf dem Spielberichtsbogen zeigt an, dass sich dies bald ändern könnte.

Rot-Weiß begann druckvoll und ging mit einer großartigen Kombination nach fünf Minuten folgerichtig in Führung. Wie schon in Duisburg leitete Pfingsten-Reddig das Tor mit einem schönen Pass ein, Drazan bestätigte (nicht nur in dieser Szene) wie wertvoll er bereits jetzt für die Mannschaft ist, und Kammlott tat, wofür man ihn verpflichtet hat und netzte routiniert ein. Die anschließenden 20 Minuten dominierte RWE nach Belieben, was einen (!) Zuschauer auf der Haupttribüne zu einem halblaut vorgetragenen «Kienle raus»-Ruf animierte. Dem mochte sich niemand weiter anschließen, schon gar nicht, als sich das Spiel zusehends in Richtung Erfurter Abwehr drehte. Wiesbaden fand immer besser in die Partie und Vunguidica, Mintzel, Book und Jänicke bewiesen, dass sie eine Defensive zu beschäftigen wissen. Den Ausgleich möchte ich nicht exklusiv unserer Abwehr angelastet sehen. Jänicke kann ohne jeden Druck, wie im Training, präzise flanken, Odak und Laurito stehen dann allerdings natürlich zu weit weg vom Torschützen Mintzel. Die ganz heißen letzten fünf Minuten vor der Pause hatten nicht zuletzt ihre Ursache in der Verletzung Lauritos. Engelhardt rückte zwar sofort in die Innenverteidigung, aber die Zuordnung stimmte vorerst überhaupt nicht, sodass RWE diese Phase nur mit Glück ohne weiteres Gegentor überstand. Nach Wiederanpfiff waren beide Mannschaften bemüht zum Siegtor zu gelangen, allerdings war es ihnen noch wichtiger, nicht als Verlierer den Platz zu verlassen. Alles war unspektakulärer als in Halbzeit eins, es gab deutlich weniger Torchancen und am Ende stand dann eben ein so logisches wie leistungsgerechtes Remis.

Was gab es noch Bemerkenswertes? Engelhardt spielte nach der Pause (wieder einmal) Innenverteidiger und macht seine Sache exzellent. Als hätte er seit der B-Jugend nichts anderes getan. Das ist keineswegs selbstverständlich, weshalb ich es hier gesondert vermerke. Wenn er zentral in der Abwehr spielt, hat das zudem den Vorteil, dass sich einer der beiden Sechser nicht (oder zumindest seltener) für den Spielaufbau nach hinten fallen lassen muss und auf diese Weise eine zusätzliche Anspielstation im Mittelfeld zur Verfügung steht, zumindest theoretisch.

Luka Odaks Defensivleistung war – gegen einen agilen Mintzel und sieht man mal vom Tor ab – in Ordnung. Was mir bei ihm nicht gefällt sind leichte Passfehler in der Vorwärtsbewegung, da agiert er einfach zu hektisch. Er kann das besser, keine Frage, nur wäre es langsam an der Zeit, dies konstant unter Beweis zu stellen.

Sehr gut gefallen hat mir Maik Baumgarten. Bei ihm bin (war) ich mir nie ganz sicher, ob seine Leistungen schon für die dritte Liga genügen. Er wurde in Wiesbaden in einer diffizilen Spielsituation als zentraler Mittelfeldspieler eingewechselt und hat diese Aufgabe defensiv souverän bewältigt. Wach, aggressiv, schnörkellos. Es mangelt ihm auch keineswegs an Spielübersicht bei eigenen Angriffen. Klar, nicht jeder Ball kam zum Mitspieler, aber grobe Fehlabspiele leistete er sich ebenfalls nicht. Für mich einer der Gewinner dieses Spiels.

Womit wir bei unserem Kapitän wären. Zunächst einmal, auch von diesem virtuellen Ort aus, einen herzlichen Glückwunsch zum 200. Drittligaspiel, lieber Nils Pfingsten-Reddig. Ansonsten lädt seine Leistung, wie häufig in den letzten Spielen, zu einer differenzierten Betrachtung ein. Ich hatte schon erwähnt, dass es sein Pass war, der das Führungstor einleitete. In diesem Bereich liegt ganz eindeutig seine größte Stärke – wie kein anderer Akteur unseres Kaders ist er in der Lage «tödliche» Pässe zu spielen. Weniger zufrieden war ich erneut mit seiner Leistung im Defensivverhalten. Hier ist er mir oft zu statisch, zu wenig aggressiv. Vor allem bei Ballverlusten ist es spielentscheidend, dass die zentralen Mittelfeldspieler in der Lage sind, einen Angriff des Gegners zu unterbinden. Sei es mit ihrem Zweikampfverhalten, sei es mit dem Zustellen von Passwegen, sei es mit möglichst geschickten, geringfügigen Fouls. (Was nicht immer gelingt, wie die insgesamt 14 Gelben Karten von Engelhardt und Möhwald beweisen.) In dieser Rubrik seiner Arbeitsplatzbeschreibung ist mir Pfingsten-Reddig zu zögerlich und das sorgt in Folge immer wieder dafür, dass sich die hintere Viererkette massiven Problemen – in Form einer Überzahl von Gegenspielern – gegenübersieht. Deshalb war ich froh, dass Kevin Möhwald wieder im Aufgebot stand und wir im Mittelfeld über Optionen verfügen, die wir überdies wie die Luft zum Atmen benötigen, da Laurito mindestens zwei Spiele ausfallen und Engelhardt seinen Platz in der Abwehr einnehmen wird.

Wir haben wieder nicht gewonnen, ich weiß. Trotzdem kommen mir die Abstiegsunkenrufe etwas deplatziert, um nicht zu sagen hysterisch vor. Die Mannschaft spielt weder wie ein Absteiger, noch verliert sie jedes Spiel. Es ist zugegeben derzeit etwas zäh mit dem Punktekonto, allerdings bin ich optimistisch, dass sich dies bereits am Freitag gegen Holstein Kiel ändern wird.

Einmal abgesehen von der fortgesetzten Sieglosigkeit war das ein sehr angenehmer Ausflug nach Wiesbaden. Nicht zuletzt wegen meines Bloggerkollegen Gunnar, der im stehblog dem SV Wehen Wiesbaden schon lange die Treue hält und uns vor dem Spiel und in der Halbzeit bestens betreute. Vielen Dank!

Schmerzlich: Aykut Öztürk und Okan Derici verlassen Rot-Weiß Erfurt

öztürkIn der Kabine des FC Rot-Weiß Erfurt wird es geräumiger, Aykut Öztürk und Okan Derici haben den Verein in Richtung Türkei verlassen. Ob beide sich langfristig mit dem Wechsel in die Süper Lig einen Gefallen tun, wird die Zeit erweisen; finanziell und kurzfristig steht dies wohl außer Frage.

Ich hege gemischte Gefühle bei beiden Personalien.

Aykut Öztürk: Er hat eine gute Rückrunde im letzten Jahr gespielt und eine noch bessere Hinserie in dieser Saison. Das ist sehr respektabel, noch dazu, wenn man weiß, dass er nicht in der besten körperlichen Verfassung an den Steigerwald kam und sich daran in den ersten Wochen seines Engagements wenig zu ändern schien. Er hat sich dann berappelt. Trotzdem ging mir sein zuweilen übertriebenes Eins-gegen-Eins-Spiel manchmal gegen den Strich, auch wenn er auf diese Weise eine Reihe von Elfmetern herauszuholen in der Lage war. Er hat dieses Talent, mit seiner kurzen Ballführung bei Verteidigern unüberlegte Bewegungen zu provozieren. Kein Problem. Das entsteht erst, wenn aus dem «Herausholen» von Elfern ein «Schinden» derselben wird. Diese Grenze war bei ihm fließend. Trotzdem, natürlich: es wäre besser gewesen, wenn er uns in der Rückrunde zu Verfügung gestanden hätte. Andererseits haben wir mit Christopher Drazan einen nominell sehr interessanten Spieler von Lautern geliehen, der Öztürk schnell vergessen machen kann. Wenn er denn hier funktioniert. Ist das nicht der Fall, haben wir auf der linken Angriffsseite nur wenige Optionen.

Okan Derici: Seinen Verlust bedaure ich sehr, vor allem weil er nie wirklich eine Chance bekam, sein Können unter Beweis zu stellen. Bei dem Kurzeinsatz gegen Dresden und noch viel mehr in der 2. HZ gegen Zwickau hat er mir sehr gut gefallen. Ich weiß, diese Vorbereitungsspiele sind keine Garantie für Drittliga-Tauglichkeit. Allerdings macht uns das verletzungsbedingte Fehlen Möhwalds im zentralen Mittelfeld sehr zu schaffen und gerade Pfingsten-Reddig hat z.B. gegen Münster nicht den Eindruck vermittelt, fußballerisch momentan unersetzbar für die Mannschaft zu sein. Für die nächste Saison ist derzeit nur Engelhardt eine feste Größe auf der 6er-Position, wie und vor allem ob es mit Pfingsten-Reddig und Möhwald weitergeht, steht in den Sternen. Für den Perspektivspieler Derici trifft nicht mal mehr diese Option zu. Leider.

Beiden wünsche ich von Herzen, dass sie in jeder Hinsicht eine gute Zeit in der Türkei haben.

Wacker Burghausen vs. FC Rot-Weiß Erfurt 1:1

Kogler & Preusser

Ihr Improvisationtalent ist gefragt: Kogler und Preusser

Die mäßig originelle Überschrift «Wacker geschlagen» werde ich in diesem Bloggerleben wohl nicht mehr verwenden können. Wieder kein Sieg der Rot-Weißen gegen die Oberbayern. Dass es wenigstens zu einem Punkt reichte, haben wir Philipp Klewin zu verdanken, der für seine Leistung vom Kicker-Sportmagazin völlig zu Recht zum Spieler des Spieltags erkoren wurde.

Dabei begann es halbwegs passabel. Ein Adjektiv, das ich schon zu nutzen bereit bin, wenn die Mannschaft in der Anfangsviertelstunde nicht in Rückstand gerät. Bei 7 von 9 Saisonniederlagen war dies der Fall. Aber Anfangs-Lethargie war am Samstag nicht das Problem. In den ersten 25 Minuten wurde wach und konzentriert verteidigt, Burghausen konnte das Selbstbewusstsein des Sieges in Leipzig nicht unmittelbar in Torgefahr umsetzen. Leider waren in der Offensive der Erfurter keine gravierenden Fortschritte im Vergleich zum Spiel gegen Münster erkennbar. Jedenfalls nicht hinsichtlich herausgespielter Torchancen. Die Spielanlage war in Ordnung. Beide zentralen Mittelfeldspieler (Engelhardt und Pfingsten-Reddig) gingen bei eigenem Ballbesitz konsequent mit nach vorn; die offensiven Außen (vor allem Göbel) rückten situativ ins Zentrum ein, um auf diese Weise zusätzlich Passoptionen in Strafraumnähe zu bieten. Auch die beiden Stürmer bewegten sich viel, wobei vor allem Kammlott öfter einen Innenverteidiger auf die Außenposition lockte, um die nötige Breite der Angriffe zu erwirken. Diese Fluidität sollte Unruhe in der Defensive von Burghausen stiften, was aber nur in homöopathischen Dosen gelang. Also eigentlich gar nicht. Wie bei allen offensivtaktischen Plänen im Fußball ist alles Makulatur, wenn die Passqualität des Vertikalspiels mangelhaft ist. Und das war – mit Ausnahme des Tores – über die gesamte Spieldauer hinweg der Fall. Und hier landen wir wieder beim zentralen Mittelfeld. Ungefähr nach 25 Minuten gab es kurz nacheinander zwei Szenen, die ich als typisch für das gegenwärtige Angriffspiel der RWE erachte: einen Fehlpass von Pfingsten auf Göbel in zentraler Position und danach einen von Engelhardt, auf den am Flügel startenden Kammlott. Beides waren keine völlig verunglückten, gravierenden Fehlabspiele. Es fehlten die berühmten Zentimeter. Die benötigt es aber, um gegen gut organisierte Defensiven überhaupt aussichtsreich vors gegnerische Tor zu kommen.

Das machte Burghausen zunehmend besser. Die Angriffe von Wacker gewannen an Präzision, welche man für geschickte Spielverlagerungen nutzte, bei denen die Abwehr des RWE von einer Verlegenheit in die nächste taumelte. Um das Führungstor herum hatte Burghausen hochkarätige Gelegenheiten, die allesamt von Klewin großartig abgewehrt zernichtet wurden. Sein Marktwert hat sich seit Saisonbeginn mehr als verdreifacht, was durchaus als ein Indiz für seine sportliche Entwicklung (und ihre Außenwirkung) gelten kann. Im Interview nach dem Spiel zeugten seine forschen (und überdies völlig korrekten) Äußerungen zum mangelhaften Offensivspiel seiner Vorderleute davon, dass er auch neben dem Platz an Selbstbewusstsein zugelegt hat.

Eine gelungene Angriffsaktion des RWE kann der Nachwelt dann doch überliefert werden. Der letztlich von Kammlott finalisierte Konter war genial gespielt, besser kann man das nicht machen. Kreuzer fängt einen Ball ab, der über Pfingsten, Göbel und wieder Pfingsten vom energisch durchlaufenden Mittelstürmer zum überraschenden Ausgleich mitten ins Herz aller Burghauser Hoffnungen versenkt wurde. Ein schönes Tor kann freilich nicht über die weitgehende Tristesse des ansonsten Gebotenen hinweg täuschen.

Mit 1:1 ging es in die Pause. Über Halbzeit zwei gibt es nichts Nennenswertes zu erzählen, außer dass Klewin noch zwei weitere Großchancen vereitelte und Pfingsten-Reddig mit einen Distanzschuss das Tor nur knapp verfehlte. Ein glücklicher Punktgewinn des FC Rot-Weiß Erfurt.

Die Kritik an der Spielweise der Mannschaft war schon nach dem Spiel gegen Münster unüberhörbar und naturgemäß ist sie nach dem Remis in Burghausen nicht leiser geworden. Ich kritisiere hier auch vieles, was sich mir während eines Spiels als mangelhaft darstellt. Die einen stimmen zu, andere halten mich für einen dilettantischen Narren. So what! Was mich an mancher Kritik sehr anfasst, ist der aggressiv-fordernde Sound, mit dem sie zuweilen vorgetragen wird. Das hat die Mannschaft nicht verdient. Sie hat in einigen Spielen der Vorrunde am Optimum dessen agiert, was sie zu leisten vermag. Daraus Ansprüche auf Kontinuität abzuleiten, halte ich für verständlich, aber vermessen. Es gelingt ihr oft nicht, sich gegen gut geordnete Defensiven Torchancen zu erarbeiten? Stimmt, dieses chronische Defizit teilt sie jedoch mit so gut wie allen anderen Mannschaften dieser Liga, Heidenheim mal ausgenommen. Es werden aus der Abwehr zu viele lange Bälle nach vorn geschlagen? Stimmt auch. Nur, dass das auf die jeweiligen Gegner meist ebenfalls zutrifft. Quasi alle defensivtaktischen Folterinstrumente der Fußballgegenwart sind exakt auf dieses Ziel hin konzipiert: jeden konstruktiven gegnerischen Spielaufbau unterbinden und nur die Option lang nach vorn geschlagener Bälle übrig lassen. Von der Bundes- bis hinab zu Oberliga. Wenn’s reicht.

Ich kann die Enttäuschung gut verstehen, dass wir an den letzten Spieltagen nicht näher an die Aufstiegsplätze herangekommen sind. Ich teile sie sogar. Nüchtern betrachtet muss man jedoch konstatieren: die Mannschaft ist weiterhin im Soll. Leistungsschwankungen eingeschlossen. Ich kann nicht in einem Satz das Nachwuchskonzept des Vereins feiern, um im nächsten zu kritisieren, dass diese junge Mannschaft nicht unentwegt alle Gegner aus den Schuhen kickt.

Last but not least ein Grußwort an die Mitglieder jener Bruderschaft, die die Beleidigungen gegen Carsten Kammlott zu verantworten haben: Tiefer kann man nicht sinken. Sollte man meinen. In Eurem Fall jedoch bin ich optimistisch: Ihr schafft das locker!