Archiv für Februar 22, 2015

Aus gegebenem Anlass: Eine kleine Hommage an Juri Judt

Mit Kurt Jara, Bernard Dietz, Dir und Deinem Bruder Thomas, mit Reuter, Eckstein, Dorfner oder dem Jahrhundertfußballer Griechenlands Giorgos Koudas habe ich Spieler von absoluter Klasse trainiert. Aber wie Fußballer gerne reden, hätte man dem einen das Kopfballspiel vom anderen gewünscht und dem anderen die Zweikampfstärke oder Schnelligkeit vom Ersten, um den perfekten Spieler zu haben. 1998, bei meiner Arbeit für Greuther Fürth, hat mir der liebe Gott diesen perfekten Spieler mit dem 12-jährigen Juri Judt über den Weg laufen lassen.

Heinz Höher an Klaus Allofs (Aus: «Spieltage» von Ronald Reng)

Heinz Höher, Protagonist eines der großartigsten Bücher, das jemals über Fußball geschrieben wurde, hat seinem Zögling mit diesen Worten eine schwere Hypothek auferlegt. Zunächst verlief die Karriere des Juri Judt wie Juri_Judt_2009von seinem Mentor geplant: Er setzte sich bei Greuther Fürth im Männerbereich durch, bekam einen guten Vertrag beim fränkischen Rivalen in Nürnberg, spielte anfangs auch dort regelmäßig. Dann eine langwierige Verletzung und seitdem befand sich die Karriere im Sturzflug. In Leipzig als Stammspieler aussortiert, folgte ein hektischer Wechsel zum damals chaotisch-panischen 1. FC Saarbrücken. Selbst dort kam er nur auf fünf Einsätze. Dann – in dieser Saison – der Transfer an den Steigerwald. Hier schien es zunächst ähnlich – schlecht – zu laufen wie bei seinen vorherigen Stationen. Zunächst stellte ihn Kogler als Rechtsverteidiger in die Startelf, es folgten einige weniger glückliche Spiele und es kam, wie es kommen musste: Der genesene Luka Odak verdrängte ihn auf die Bank. Dann beorderte Kogler ihn am 20. Spieltag (gegen BVB II) ins zentrale Mittelfeld. Einigermaßen überraschend, aber dann auch wieder nicht, weil Judt dereinst in Fürth auf eben dieser Position seine vielleicht überzeugendsten Spiele bestritt. Das war lange her, aber er absolvierte in Dortmund sein bis dahin bestes Spiel für die Rot-Weißen. Das nutze ihm zunächst wenig, das Tandem Menz und Tyrala war bis zur Winterpause gesetzt. Nach ebendieser musste Menz gegen Cottbus gesperrt passen und wieder griff Kogler auf Judt zurück. Erneut machte er ein starkes Spiel: äußerst laufstark, geschickt im Zweikampf, so gut wie keine Ballverluste im Spielaufbau, kluge Spieleröffnungen. So sieht das Anforderungsprofil eines defensiven zentralen Mittelfeldspielers aus. Und er verstetigte diese Leistung, einschließlich des gestrigen Spiels gegen Osnabrück. In dem gab es mehrere Schlüsselszenen, hinreichend oft benannt wurden der großartige Ballklau Klewins gegen den freien Menga, die Abwehr auf der Torlinie von Aydin und die Rote Karte gegen Thomik. Zwischen den beiden letzten Szenen liegt allerdings ein, unter hohem Gegnerdruck gespielter, langer und präziser Ball von Juri Judt auf Kammlott, der dann zur Notbremse des Osnabrücker Verteidigers führte. Dafür hält der Neusprech der modernen Spielanalyse den Begriff Keypass parat.

Seit er sich in der Startelf festgespielt hat, gab es immer wieder Szenen (u.a. sensationell gute Balleroberungen), die mehr als erahnen lassen, warum Heinz Höher in seinem Brief an Klaus Allofs den ganz hohen Ton anschlug. Hoffen wir alle, dass das fußballerische Comeback des Juri Judt fortdauert, zum Wohle des FC Rot-Weiß Erfurt. Der, da bin ich sicher, in Heinz Höher einen neuen Fan gefunden hat.

Free Kevin! Einige Anmerkungen zum Spiel des FC Rot-Weiß Erfurt

koglerZu Recht feiern alle den makellosen Start des FC Rot-Weiß Erfurt nach der Winterpause. Weil er so wichtig für die tabellarische Nähe zu den Führenden der Liga war, weil es in den letzten Jahren zumeist gegenteilig lief.

Es ist aber keineswegs so, dass die beiden Siege zu einem Taumel der Euphorie geführt hätten. Zu schwach war der erste Gegner (Cottbus) und zu glücklich der späte Sieg in Dresden. Alle drei Tore in den beiden Spielen wurden durch Standards erwirkt, was durchaus auf einen offensichtlichen Schwachpunkt hindeutet: Die Anzahl der herausgespielten Torchancen lässt zu wünschen übrig. Gegen Energie konnte man das noch geflissentlich übersehen, vor allem wegen der eklatanten Unfähigkeit des Gegners, selbst gefährliche Aktionen zu initiieren. Gegen Dynamo hatten wir in Halbzeit eins einfach nur Glück, nicht bereits mit einem entscheidenden Rückstand in die Kabine zu gehen. Das Gegenpressing funktionierte gut, allerdings war der solcherart mit großem Kraftaufwand zurückeroberte Ball nach spätestens drei eigenen Pässen aufs Neue verloren. Das konnte Dynamo gegen eine aufgerückte Erfurter Mannschaft einige Male zu blutdrucksteigernden Aktionen nutzen. Noch ärgerlicher allerdings war der Umstand, dass die rot-weißen Offensivakteure den Ball in aussichtsreicher Feldposition so einfach verloren. „Gegenpressing ist der beste Spielmacher“, lautet ein berühmter Sinnspruch von Jürgen Klopp aus besseren Tagen. An der prekären Situation der Borussia erleidet die Richtigkeit des Satzes keinen Schaden. Allerdings nur, wenn die anschließenden Offensivaktionen dann und wann präzise verwertet werden. Wenn nicht, hat man viel Kraft investiert, ohne einen Mehrwert zu erzielen.

Was tun? Nun, es hat mich schon gewundert, dass Walter Kogler Kevin Möhwald in Dresden nicht in der Startformation aufbot. Auf seine sehr späte Einwechslung konnte ich mir schon gar keinen Reim machen. Warum? Weil das durchgehend ungenaue Angriffsspiel der Mannschaft bereits sehr früh nach genau dem Spielertyp schrie, den Möhwald verkörpert. Es steht außer Frage, dass Kogler in Zusammenstellung und Vorbereitung der Mannschaft sehr viel mehr richtig als falsch gemacht hat. Sonst wären wir nicht da wo wir gerade stehen. Ich habe in diesem einen Punkt einfach nur eine andere Auffassung und die lautet: Kevin Möhwald muss spielen. Entweder als zentraler offensiver Spieler hinter einer Spitze oder, vermutlich weniger wirkungsvoll, aber immer noch besser als überhaupt nicht, auf der rechten offensiven Seite, wenn denn 4-4-2 das neue Standard-System werden soll. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt gehe ich aber von einer Rückkehr zum 4-2-3-1 aus, mit Kammlott als einziger Spitze. Was ganz gewiss für neue Diskussionen sorgen würde.