Archiv für Juni 18, 2015

Die Saison von Rot-Weiß Erfurt / Teil 2

Der Trainerwechsel / Pro & Contra

Eins vorweg: Walter Kogler war und ist ein hochsympathischer Mensch. Seine fast schon unösterreichisch zurückgenommene, vorsichtige und freundliche Art hat Maßstäbe gesetzt. Die sportliche Bilanz seines Wirkens fällt hingegen zwiespältig aus. Den besten Fußball spielte die von ihm trainierte Mannschaft in der Vorrunde der Saison 2013/2014. Trotz des personellen Substanzgewinns konnte daran in der letzten Saison nicht angeknüpft werden. Meine Hoffnung gründete darauf, dass sich die Mannschaft über die Grundtugenden Kampf und Disziplin hinaus fußballerisch sukzessive verbessert. Das trat nicht ein. Stattdessen blieb nur ein fürchterliches Vakuum übrig, als die Basiselemente des Fußballspiels abhanden kamen. Vor diesem Hintergrund ist die Entlassung Walter Koglers nachvollziehbar. Auf der anderen Seite deuten allen Indikatoren darauf hin, dass ein Verein wie Rot-Weiß Erfurt mit ständigen Wechseln der sportlichen Leitung schlecht abschneidet. Wenn man schon kein Geld hat, so das Motto erfolgreicherer «armer» Vereine, muss man mit gutem Personal, dem man vertraut, auch wenn es sportlich mal schlechter läuft, und Langmut eine Mannschaft entwickeln. Hoffen wir einfach, dass wir mit Christian Preußer nun endlich einen Trainer haben, dem dies vergönnt ist.

Spielsystem

Eigentlich begann es interessant und vielversprechend. In den ersten Saisonspielen ließ Kogler mit Andeutungen einer 3er-Kette spielen. Menz schob sich zur Spieleröffnung, aber auch beim Spiel gegen den Ball, immer wieder zwischen die beiden Innenverteidiger. Das geschah so regelmäßig, dass man dabei nicht mehr nur von einem «abkippenden Sechser» sprechen konnte. Aus mir unerfindlichen Gründen war es damit aber bald wieder vorbei. Von nun an galt die Faustregel: wenn Kammlott und Brandstetter fit sind: 4-4-2 (mit Doppelsechs). Wenn nur einer gesund war (meist Kammlott): 4-2-3-1. Personell fand ich das 4-2-3-1 immer besser, schon allein weil Möhwald darin eine klare und seinen Stärken gemäße Rolle (auf der 10) vorbehalten war.  Viel mehr muss man über das Spielsystem nicht schreiben, es wurde – in jeder Formation – konventionell interpretiert. Hier wünsche ich mir für die neue Spielzeit mehr Vielfalt. Nach dem fußballerischen Waterloo des Frühjahrs würde ich über ein Spielsystem nachdenken, dass bereits formativ bessere Möglichkeiten der offensiven Spielentfaltung bietet, also z.B. ein 4-4-2 mit Raute. (Was natürlich wiederum andere Fragen und Probleme aufwirft, die es zu lösen gilt.) Wir sind ein kleiner Verein mit eingeschränkten finanziellen Möglichkeiten. Umso wichtiger wäre es, in den Bereichen innovativ aufzutreten die nichts mit der Qualität des Kaders zu tun haben, also z.B. durch konsequente Aneignung und Umsetzung eines überdurchschnittlich variablen Spielsystems.

Verein / Vereinsführung / Außersportliches

Das Steigerwaldstadion, dieser schöne aber in die Jahre gekommene Ort großer Verheiß- und Enttäuschungen existiert in seiner alten Form nicht mehr. Dies war unvermeidlich, was es nicht weniger anrührend macht. Es wurde mit einer spektakulären, allerdings am Ende doch recht teuren Veranstaltung würdig verabschiedet.

Auf Grund der anhaltend prekären Finanzlage entschloss sich der Verein zur Ausgabe eigener Genussscheine. Daran ist nichts verwerflich, diesen Weg haben bereits eine stattliche Anzahl von Fußballklubs beschritten. Ich habe bisher noch keine exakte Zahl über die eingenommene Summe gelesen (was auch an mir liegen kann), aber die kolportierten 500.000 Euro sind unzweifelhaft mehr als Peanuts für die schwindsüchtigen Konten des Vereins. Ein Kollateralnutzen dabei war zweifellos die Möglichkeit, über den vorgeschriebenen Wertpapierprospekt einen ungefilterten Blick auf die wirtschaftliche Situation des Vereins nehmen zu können. Die Wahrheit ist oft nicht angenehm. In diesem Fall sieht man sich einem komplexen (aber wohl beherrschbaren) Schuldenberg, bestehend aus Rangrücktrittsdarlehen und sonstigen Verbindlichkeiten, auf der einen und einer fragilen Einnahmesituation auf der anderen Seite gegenüber. Es ist kein kleines Wunder, dass Rolf Rombach die Pleite des Klubs bisher abzuwenden in der Lage war. Es ist aber auch klar, dass der Verein auf die Person Rombach bis auf Weiteres festgelegt bleibt. Weniger wegen der von ihm investierten Eigenmittel (die es honorigerweise auch gibt), sondern in erster Linie, weil er bei den Gläubigern mit seinem Namen für ein maßvolles Wirtschaften unter komplizierten Bedingungen einsteht. Einfacher ausgedrückt: Wirft Rombach hin, ist es um den Verein vermutlich geschehen. Einen plausiblen Kandidaten für seine Nachfolge habe ich weit und breit noch nicht erblickt. Es gibt viele Gründe unserem Präsidenten dankbar zu sein, selbstredend gehört dazu sein unermüdliches – und offensichtlich erfolgreiches – Engagement für den Bau eines neuen Stadions. Das ändert aber nichts daran, dass es Entscheidungen unter seiner Präsidentschaft gab, gibt und (sehr wahrscheinlich) weiter geben wird, denen ich kritisch bis ablehnend gegenüberstehe und das wird in diesem Blog weiterhin ein Thema bleiben.

Die «Mission 2016» verstarb in der letzten Woche durch eine Erklärung auf der Homepage des Vereins. Ihr frühzeitiges Ableben ist das Beste was ich über diesen Unfug zu sagen weiß. Sie ruhe sanft und endgültig auf dem Friedhof rot-weißer Träumereien.

Das mediale Umfeld

Der mdr hat sich in der letzten Saison um die 3.Liga verdient gemacht und eine große Zahl von Spielen übertragen. Das wird der Sender in der kommenden Saison noch einmal steigern; die DDR-Oberliga «feiert» eine Renaissance in der Drittklassigkeit. Ein ambivalentes Szenario. Die einen bejubeln – zu Recht natürlich – ihren Aufstieg (Magdeburg), andere könnten gut darauf verzichten (Aue). Wieder andere spielen in ihrer Eigenwahrnehmung immer Champions League (Dresden) und für den FC Rot-Weiß Erfurt ist es seit Jahren Alltag. Nicht alles was der mdr dazu produziert ist ein Kandidat für den Grimme-Preis, aber in der Berichterstattung hat sich vieles zum Positiven gewandelt. Klar ist ebenfalls, wer erfolgreich spielt, bekommt mehr Aufmerksamkeit in Form von Sendezeit. Sich über diesen Mechanismus zu beklagen wäre albern.

Was die Printmedien betrifft, befindet sich der FC Rot-Weiß in einer befriedeten Zone. Die Thüringer Allgemeine berichtet nur nach einem Spieltag opulent (eine Seite) über das Spiel. Ansonsten kommt der Verein dann vor, wenn es die Nachrichtenlage hergibt. Ab und an ein Interview, alles sehr zurückgenommen. Tenor: Alles Wesentliche wird mit wohlwollender Distanz fachlich (meist) fundiert berichtet. Nutzung sozialer Netzwerk durch die TA-Sportredaktion: Fehlanzeige.

Ein anderes Kaliber ist da die Thüringer Ausgabe von Bild. «RWE-Chefreporter» (meine Kreation) Michael Windisch nutzt intensiv Twitter, um auf neue Entwicklungen im Verein hinzuweisen und nicht selten auch seine Meinung zu artikulieren. Konfrontativ? Manchmal. Diskutabel? Sicher. Aber vor allem ist es unterhaltsam. Bild druckt jeden Tag einen Artikel zu RWE. Das sind zuweilen Petitessen, aber oft genug auch gute Interviews (wie z.B. jenes mit Maik Baumgarten vor zwei Wochen). Es fällt schon auf, dass Bild meist vor anderen Medien über bestimmte Entwicklungen im Verein informiert ist. Und – zumindest während der Zeit in der ich das etwas intensiver verfolge (also etwa 3 Jahre) – mit keiner Meldung dramatisch falsch lag. Die letzte grobe Falschmeldung zu RWE leistete sich vor zwei Jahren die TA mit der Nachricht, dass Ralf Loose neuer Cheftrainer wird. Eine Boulevardzeitung ist von ihrem Naturell her meinungsaggressiver als andere Zeitungen. Dinge werden pointierter dargestellt. Das ist ihr Geschäftsmodell. Im Komfortbereich Profifußball sehe ich das sehr gelassen, bei anderen Feldern der Berichterstattung weniger.

Summarisch bin ich der Auffassung, dass alle mit dem Gegenstand RWE befassten Journalisten mit der für ihren Berufsstand notwendigen Distanz über den Fußballklub Rot-Weiß Erfurt berichten. Keiner will dem Verein Böses, eher trifft das Gegenteil zu. Für den Verein eine komfortable und mitnichten selbstverständliche Situation.

Die Aussichten für 2015/2016

Sportlich derzeit nicht seriös zu beurteilen. Mit Möhwald und Czichos verlassen zwei hochkarätige Spieler den Verein. Auch der Verlust von Wiegel, Brandstetter (sehr bedauerlich, aber verständlich bei seiner chronischen Verletzungsanfälligkeit), Kleineheismann, Baumgarten, Bukva muss erst kompensiert werden. Alle bisherigen Neuverpflichtungen ergeben Sinn und weisen interessante Profile auf. Kaum überraschend die gestrige Aussage von Torsten Traub, dass man noch einen offensiven Mittelfeldspieler sucht (als Ersatz für Möhwald). Daraus gilt es schlussendlich, eine Mannschaft zu formen. Für unseren jungen Cheftrainer eine ebenso reizvolle wie schwierige Aufgabe. Ich wünsche mir einfach, dass diese Mannschaft besseren, attraktiveren Fußball spielt als in der letzten Saison. Dann wird sie auch problemlos die Liga halten, da bin ich sicher. Mehr an Erwartung habe ich nicht.

Die Saison von Rot-Weiß Erfurt / Teil 1

RWE vs. HachingDer Philosoph Ludwig Wittgenstein schrieb: «Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.» Es war trotzdem keine bewusste Entscheidung, mich mit dem betexten der sportlichen Aktivitäten des FC Rot-Weiß in der abgelaufenen Saison zurückzuhalten. Es war schlichtweg nur so, dass ich während eines Spiels oft den Eindruck hatte, genau dieses Spiel vor Kurzem schon mal gesehen und darüber auch bereits geschrieben zu haben. Man sollte daraus nicht auf innere Teilnahmslosigkeit schließen. Der Fan in mir bangte, litt, fluchte und freute sich wie immer. Aber der Blogger sah den seriellen Déjà-vus auf dem Platz oft entgeistert zu. Um mit dieser Saison schlussendlich meinen Frieden zu machen, nun doch einige bilanzierende Anmerkungen.

Transferperiode 14/15 und Saisonerwartungen

Niemand der Leistungsträger der Saison 13/14 schien den Verein zu verlassen. Nur Nils Pfingsten-Reddig verabschiedete sich/man – nach einem für ihn frustrierenden Jahr – gen Nordhausen. Ihm wäre ein großer Abschied nach vier Jahren am Steigerwald zu wünschen gewesen. Der Verein entschied sich dagegen, hatte damit jedoch das volle Maß an Stillosigkeit, zu dem er in der Lage ist, noch lange nicht ausgeschöpft. Es wurde zunächst munter weiter verpflichtet und die Namen, sportlichen Steckbriefe und Marktwerte lasen sich verheißungsvoll: Tyrala, Bukva, Falk, Judt, Aydin, Menz, etc. Bei der Verpflichtung von Christoph Menz fragte ich mich, welche Konsequenzen dies für die personelle Ausrichtung des zentralen Mittelfeldes haben würde. Der Verein ließ die Frage nur kurz unbeantwortet, bestellte Marco Engelhardt nach absolvierter Trainingseinheit ein und verkündete ihm, dass seine Dienste nicht länger benötigt würden. Wohlgemerkt war zu diesem Zeitpunkt die Saisonvorbereitung bereits in vollem Gange. Sportlich konnte ich diese Entscheidung nicht verstehen, für mich war Engelhardt der beste Erfurter Feldspieler der Spielzeit gewesen. Auch, weil er praktisch ohne Substanzverlust im zentralen Mittelfeld und als Innenverteidiger spielen konnte. Aber gut, damit kann ich leben, ich bin hier nur ein Blogger. Es ist mein Recht dies und jenes zu kritisieren, aber ich trage eben auch keine Verantwortung für irgendetwas. Fatal hingegen fand ich die Art und Weise wie diese Trennung vollzogen wurde. Denn es war offensichtlich, dass man Engelhardt loswerden wollte und nur wartete bis Menz unterschrieb, um die Trennung zu exekutieren.  Rombach, Hörtnagl und Wilfried Mohren waren und sind (meist zu meiner Belustigung) dem großen moralischen Wort heftig zugeneigt. Im Falle Marco Engelhardts bewarb sich der Verein (Slogan: #Herzzeigen) jedoch um den Titel «Miesester Arbeitgeber des Jahres». So geht man mit keinem Angestellten um. Schon gar nicht mit einem, der hier fußballerisch groß geworden ist und sich nie etwas zuschulden hat kommen lassen hat.

Mein Verhältnis zu den handelnden Personen des Vereins war durch den «Fall Engelhardt» bereits vor der Saison angeschlagen. Ansonsten war ich neugierig wie immer, ob und wie es gelingen würde, aus den vielen Neuzugängen eine gute Mannschaft zu formen. Immerhin hatte das Team nominell stark an Marktwert zugelegt und in Walter Kogler einen Trainer, dem ich zutraute, daraus etwas zu machen.

Der Saisonverlauf

Die Leistungen im erweiterten ersten Saisondrittel (etwa bis Spieltag 14, dem Heimsieg gegen Chemnitz) waren wenig dazu angetan, Euphorie zu verbreiten, aber sie waren grundsolide. Immerhin stand die Mannschaft nach dem 14. Spieltag auf Rang zwei, auch wenn die Abstände zwischen den Teams der ersten Tabellenhälfte marginal waren. Kogler ließ einen nüchternen, effektiven, unterkühlten Fußball spielen, der davon lebte, dass die Mannschaft wenig Fehler machte und die des Gegners effektiv verwertete. Im Angriffsdrittel wurde versucht, viele sogenannte zweite Bälle zu erobern, um schnell und schnörkellos zum Abschluss zu kommen, ohne dass man viel Risiko eingehen musste. Das funktionierte in den Heimspielen recht überzeugend, auswärts hingegen genügte dieser reaktive Spielstil meist nicht für Punkte. Einmal in Rückstand geraten, verschwand das Zutrauen ins eigene fußballerische Vermögen zuweilen in Minutenschnelle. Das Spiel kollabierte dann manchmal regelrecht und es war nur dem Glück und den Paraden Philipp Klewins zu verdanken, dass in solchen Phasen nicht noch mehr Gegentore fielen.

Es kam der traurige Monat November: das Desaster der Pokalniederlage in Rudolstadt war eingebettet in eine kleine Serie von vier sieglosen Ligaspielen und dem «Absturz» auf Rang 10 der Tabelle. Aber Kogler gelang es die Mannschaft zu stabilisieren und ein wenig Spielplanglück gesellte sich ebenfalls hinzu: auf dem Tiefpunkt ihrer Formkrise wurden desolate Rostocker im letzten Heimspiel vor der Winterpause deutlich bezwungen und das traditionell nervöse Vereinsumfeld konnte halbwegs befriedet Weihnacht feiern.

Aus dem Wintertrainingslager erreichten uns fröhliche Youtube-Clips, die wohl den Zusammenhalt der Spieler illustrieren sollten. So etwas gehört heutzutage offensichtlich dazu, obwohl sich später der öffentlich zur Schau gestellte Teamgeist oft in Nichts auflöst.

Nach der Winterpause deutete darauf zunächst wenig hin. Mit vier Siegen in Folge startete Rot-Weiß so erfolgreich wie selten ins neue Jahr. Erneut stand man auf Tabellenplatz zwei und dieses Mal gab man sich verhalten optimistisch. Das Wort von der «vorzeitigen Erfüllung der Mission 2016» machte die Runde. Niemand ahnte, dass uns in den nächsten Wochen ein fast beispielloser freier Fall bevorstand. Von der Spitze des Doms aufs Pflaster des gleichnamigen Platzes davor. Ungebremst. Dabei hätte man vorbereitet sein können. Diese vier Siege waren allesamt wenig überzeugend erspielt. Wenn man so will, waren sie der positive Kulminationspunkt der Koglerschen Spielweise. Der Sieg in Dresden war pures Glück. Vor allem aber das Heimspiel gegen Münster verdeutlichte, dass die Mannschaft nicht in der Lage war, sich – selbst gegen einen Gegner, der viele Räume anbot – klare Tormöglichkeiten zu erarbeiten. Mit der so deutlichen wie verdienten Niederlage in Kiel (1:4) begann eine der sportlich katastrophalsten Episoden des Vereins. An ihrem Ende würde Walter Kogler nicht mehr auf der Trainerbank sitzen und die «Mission 2016» nur mehr eine weitere Randnotiz in den Annalen des FC Rot-Weiß Erfurt sein.

Ende Teil 1 / Morgen geht es weiter mit einigen Gedanken zum Trainerwechsel, zum medialen Umfeld und zu den Dingen, die mir sonst noch irgendwie wichtig erschienen.

PS: Ich habe im Moment keinen Schimmer warum die Kommentarfunktion für diesen Post nicht funktioniert. Wenn Ihr was schreiben wollt, dann sendet es bitte per Mail an: fedor.freytag@stellungsfehler.de – ich pflege es dann ein, sobald ich die Ursache gefunden habe.