Archiv für März 30, 2017

Wir wollen doch nur spielen

Geht es nur mir so? Je mehr TV-Sendungen und Artikel zu den uns alle umtreibenden Themen Arenamiete, Nebenkosten, Lizenz zu sehen bzw. zu lesen sind, desto unübersichtlicher erscheint mir die Situation. Ich denke dann über Begriffe wie «ortsüblich» und «marktüblich» nach und frage mich, wieso diese Termini von niemandem mit Inhalten, also beispielsweise einer klaren Definition oder dem Verweis auf eine konkrete EU-Förderrichtlinie, versehen werden. Sondern, im Gegenteil, es kommt mir vor, als dienen sie allen, oder wenigstens den meisten die sie benutzen, eher dazu, ihre eigentlichen Absichten zu verschleiern.

Ebenso auffallend ist, wie quasi alle unentwegt darauf verweisen, dass man doch bitte nicht mehr öffentlich übereinander, sondern miteinander über eine Lösung reden solle. Wie süß. – Und alle tun das wo? Im Fernsehen, in Zeitungs-Interviews und in Pressemitteilungen. Großartig!

Schon die Forderung unseres Bürgermeisters, dass der Verein personelle Konsequenzen ziehen müsse, wenn er weiteres Geld von der Stadt wolle, war, da sie öffentlich erfolgte, entweder eine atemberaubende Torheit oder aber Andreas Bausewein hatte nie die Absicht, dem Verein die avisierten 600.000 Euro zu beschaffen. Es war a priori klar, dass sich Rolf Rombach darauf nie einlassen würde, nicht einlassen konnte. Man stelle sich nur diesen Dialog vor einem Arbeitsgericht vor:

Richter: «Warum hat man Sie entlassen, Herr Krause?»
Krause: «Weil der Oberbürgermeister von Erfurt das so wollte.»
Richter: «Der Oberbürgermeister von Erfurt hat genau welche Funktion bei Ihrem Arbeitgeber, dem FC Rot-Weiß Erfurt?»
Krause: «Gar keine.»
Richter: «Danke, ich habe keine weiteren Fragen.»

Die in Aussicht gestellten 600.000 Euro hätte man somit gleich als Rücklage für Abfindungen verwenden können. Worauf bereits Michael Panse in seinem Blog aufmerksam machte.

Ich kenne Konstantin Krause und Thomas Kalt nicht persönlich. Und ich traue mir kein Urteil hinsichtlich ihrer Arbeit beim Verein zu. Natürlich weiß ich, dass bei einem Verein der mehr als 5 Millionen Euro Schulden hat und dessen Kopf quasi auf dem Schafott liegt, nicht alles supi gelaufen sein kann in den letzten Jahren. Wie hoch daran der Anteil der beiden Herren ist, kann ich jedoch seriös nicht beurteilen. Als schlimmstes Vergehen aber wird ihnen angelastet, dass sie irgendwie für schlechte Stimmung bei den Gesprächen zwischen Stadt, Betreibergesellschaft und Verein gesorgt hätten. Huihuihui, schlechte Stimmung während hoch-strittiger Verhandlungen – bei denen für alle Beteiligten viel auf dem Spiel steht –, das hat es ja noch nie gegeben. Zitat aus dem oben bereits verlinkten Text von Michael Panse: «Der grüne Fraktionsvorsitzende erklärte sie würden RWE nicht unterstützen, weil Herr Rombach Frau Hoyer kritisiert habe (wie alle wissen: völlig berechtigt). … Er [Bausewein, Anmerkung Fedor Freytag] und seine Beigeordnete Hoyer haben einen großen Teil der Verantwortung für das schwierige Fahrwasser in dem sich nun alle befinden.» Der ausgewiesene Rathaus-Kenner und Stadtrat Panse hält es also für möglich, und darin möchte ich ihm nicht widersprechen, dass die «schlechte Stimmung» gar nicht einseitig vom Verein ausgegangen ist und die Stadt daran einen nicht geringen Anteil hat. Das sollte jeder im Sinn haben, der sich öffentlich dazu äußert. Auch unser zweifelsfrei honoriger Ehrenvorsitzende Klaus Neumann.

Nun zu einem anderen Protagonisten der letzten Tage im Arena-Dschungelcamp: Mike Mohring. Irgendwann in der letzten Woche wartete er mit dem Vorschlag auf, das Land solle beim Bund dessen Anteil an den Fördergeldern (ca. 16 Millionen Euro) ablösen. Bodo Ramelow ließ dies noch am selben Tag als «Unsinn» bezeichnen. Beide Seiten verzichteten darauf, eine ungute Konstante der ganzen Debatte, ihre Auffassung nachvollziehbar zu belegen. Meinem inneren Monk gefällt Mohrings Vorschlag. Ich tausche auch gern schnell die Damen – beim Schach. Wie Mohring halte ich wenig von der komplexen Gesamtkonstruktion der Arena GmbH. «Zu viele Köche verderben den Brei» mag ein altbackenes Sprichwort sein, das macht es allerdings nicht weniger wahr. Mohring erklärte dies sogar zur Voraussetzung, damit dem Verein in Zukunft bessere Mietkonditionen eingeräumt werden können. Warum das so sein soll, dazu schwieg Mohring letzte Woche und auch in der Sendung des mdr am Montag. Was mich dazu bewog, ihn genau dies zu fragen. Er hatte mir am Dienstag eine Antwort in Aussicht gestellt, sobald und wenn diese eintrifft, gehört Ihr zu den Ersten denen ich davon berichte.

Was uns direkt zum Kern dieses Textes führt. Dem fast schon metaphysisch aufgeladenen Begriff von der «marktüblichen» bzw. «ortsüblichen» (Mohring) Miete die RWE aufzubringen habe, damit man nicht gegen die Fördermittelauflagen verstoße. Wenn irgendjemand unter den geneigten Lesern Kenntnis davon haben sollte, wie und nach welchen Regularien sich diese Miete ermittelt und mir dieses Wissen zwecks Aneignung zur Verfügung stellt, dann würde er den folgenden Abschnitt einigermaßen obsolet machen.

Mir stellt es sich momentan so dar, dass der Begriff genauso dehnbar ist, wie er sich anhört. Es existiert kein verbindlicher Index für Stadionmieten, ebenso wenig wie ein Bundesamt darüber wacht. Der einzige konkrete und begründete Vorschlag stammt vom Verein, noch einmal vorgetragen von Rolf Rombach während der mdr-Sendung am Montag. Er orientiert sich an den Mieten in Halle, Magdeburg, Chemnitz und Zwickau. Alles Fußball-Drittligisten, alle mit mehr oder weniger neuen Stadien, alle in einem vergleichbaren Wirtschaftsraum beheimatet. Mehr «marktüblich» geht nicht. Demgegenüber beharrt die Arena GmbH auf einer um ca. 35 % höheren Miete. Mitsamt den horrenden Nebenkosten (allein für die Security von ca. 400.000 Euro pro Saison) kann der Verein diese Miete nicht aufbringen. Er würde bei diesen Konditionen nicht mal eine Lizenz vom DFB erhalten. Ich habe noch niemanden außerhalb des Erfurter Rathaus und der Arena GmbH vernommen, der diese Miete für gerechtfertigt hält. (Klar, war es ein Fehler des Vereins dieser Summe in einem Vorvertrag zuzustimmen, wohl aber in Unkenntnis der exorbitanten Nebenkosten.)

Das Argument, es handele sich eben nicht um ein Fußballstadion, sondern um eine Multifunktionsarena (MFA), weshalb die höhere Miete gerechtfertigt sei, lässt mich schlussendlich völlig perplex zurück. Dem Verein ging es von vornherein nur um ein modernes Fußballstadion, mit der er seine Wettbewerbsfähigkeit konsolidieren wollte. Modern heißt: Zeitgemäßer Bauzustand, Möglichkeiten der Vermarktung, gute Sicht für alle Zuschauer, nutzbar für deutsche Profiligen, keine Dixi-Klos. Weil das allein über den von Matthias Machnig erdachten Weg möglich war, schluckte RWE die Kröte MFA plus Laufbahn. (Letztere ist eigentlich, ebenso wie die alte Westtribüne, ein Grund zur Mietminderung, weil beide Sicht und Atmosphäre eines puren Fußballstadions verhindern.) Der Verein hat dieses Konstrukt nicht bestellt. Es bildete nur die einzige Möglichkeit, in absehbarer Zeit eine attraktive Spielstätte zu bekommen. Warum soll Rot-Weiß jetzt dafür mehr bezahlen? Von den annoncierten 70 Veranstaltungen in diesem und den nächsten Jahren profitiert exklusiv die Arena Erfurt GmbH.

Ich habe keine Ahnung, auf welchem Trip Andreas Bausewein sich in dieser Sache befindet. Sollte es ihm darum zu tun sein, dem größten Erfurter Verein den Todesstoß zu versetzen, hat er darin bereits beachtliche Fortschritte erzielt. Es ist allein an ihm, diesen Wahnsinn unverzüglich zu stoppen. Alle anderen sind nur noch Komparsen in diesem Drama.

(Anmerkung: Ist ohnehin relativ üppig geraten, der Text. Weshalb ich einige Punkte, wie zum Beispiel die irrwitzigen Nebenkosten nicht vertiefe.)