Chemnitzer FC vs. Rot-Weiß Erfurt 0:2 / Eine Ahnung von Größe

Sie schossen die Tore: Reichwein und Drexler  / © www.fototifosi.de

Auf die Details kommt es an. Im Fußball wie im Leben, das man gerne auch das richtige nennt. RWE Co-Trainer Henri Fuchs erklärte in der Halbzeit im mdr, dass man die Spieler genau instruiert habe, wie sie den CFC-Rechtsverteidiger Fabian Stenzel anlaufen sollen. Nämlich so, dass er den Ball möglichst nur in die Mitte des Spielfeldes weiterpassen kann und nicht auf die rechte Seite zu Ronny Garbuschewski.

Chemnitz minus Garbuschewski / Kein Problem für den RWE

Stefan Emmerling verwendete also viel gedankliche Mühe darauf, den Spielmacher der Chemnitzer zu isolieren und scheute nicht davor zurück, seine Defensive aufwendig umzubauen. Das gelang glänzend. Wenn Garbuschewski dann doch mal am Ball war, kümmerte sich Joan Oumari um ihn, eine Dienstleistung, auf die der Chemnitzer Regisseur gewiss gerne verzichtet hätte. Die Erfurter Viererkette mit Rauw, Zedi, Bertram und Oumari war eine Novität, spielte aber, als hätte sie in dieser Konstellation schon manche Schlacht geschlagen. Die Aufstellung Oumaris hinten links hatte einen weiteren Vorteil. Damit war Caillas für das linke Mittelfeld frei und mittels seiner Spielstärke gelang es, Stenzel in der Abwehr zu binden. Ein weiterer Mosaikstein, um Garbuschewskis taktische Quarantäne im Angriff zu perfektionieren. Auch ansonsten gab es an diesem wunderbaren Nachmittag im Stadion an der Gellertstraße keinen Ausfall im Trikot des RWE. Im Gegenteil: Drexler und Reichwein waren pures Nitroglyzerin für die Verteidigung der Chemnitzer. Nach 28 Minuten – mit der Roten Karte gegen Bankert – hatten die beiden dann auch sämtliche Aufstiegsträume des CFC pulverisiert. Mission accomplished.

Die Rote Karte war berechtigt

Im oben schon erwähnten Halbzeitinterview des mdr bewies Henri Fuchs diplomatisches Geschick. Er wollte wohl nicht noch Öl ins Feuer gießen und befand, dass man „die Rote Karte nicht hätte geben müssen.“ Nun ja, was muss man schon geben? Festzuhalten bleibt, dass sich die Entscheidung von Schiedsrichter Stegemann völlig mit der korrespondierenden Regel des Deutschen Fußballbundes im Einklang befand. Diese lautet nämlich: „Ein Spieler … erhält die Rote Karte und wird des Feldes verwiesen, wenn er eines der folgendes Vergehen begeht: (u.a.) Vereiteln einer offensichtlichen Torchance für einen auf sein Tor zulaufenden Gegenspieler durch ein Vergehen, das mit Freistoß oder Strafstoß zu ahnden ist.“ Man kann sich die Szene wegen mir jetzt noch hundertmal anschauen, Stoff für Verschwörungstheorien sieht anders aus. Bankert tat durch sein Foul genau das: Er verhinderte eine offensichtliche Torchance. Amen. Und wenn ein mdr-Sportreporter noch einmal irgendeinen Blödsinn im Sinne von: Er war doch gar nicht letzter Mann erzählt, storniere ich den Dauerauftrag für die GEZ. Denn ob jemand „letzter Mann“ war, ist in etwa so relevant wie das Wahlergebnis von Dr. Gerd-Bezahlt-Euer-Stadion-Doch-Selber-Stübner für die Erfurter Kommunalpolitik: nämlich null.

Wäre das Spiel ohne diese Rote Karte anders verlaufen? Nun, darauf deutet wenig bis nichts hin. Der RWE war davor und danach die dominierende Mannschaft und es stand bereits 0:2, als der Chemnitzer Innenverteidiger vom Feld musste.

Im Hinspiel hatte ich einen taktischen Punktsieg Gerd Schädlichs über seinen Erfurter Kollegen konstatiert (RWE – CFC 0:0 / Emmerling vs. Schädlich 0:1). Emmerling hat sich am Samstag eindrucksvoll gerächt rehabilitiert. Nicht zum ersten Mal stellte sich dabei die Polyvalenz einiger RWE-Spieler als großes Plus heraus. Drexler spielte grandios in der Spitze, Caillas weiß auf jeder Position links der Spielmitte zu gefallen und Joan Oumari mag die tiefen Teller nicht erfunden haben, aber auf dem Platz ist er eigentlich immer ein Gewinn für die Stabilität des Rot-Weißen Defensivspiels.

Hoffentlich nicht wieder ein großer personeller Umbruch

Ich konnte nicht umhin, mich am Spiel des RWE in Chemnitz hochgradig zu erfreuen. Dabei war es keineswegs berauschend, spielerisch hatte die Mannschaft in dieser Saison schon Effektvolleres geboten. Doch vielleicht lag genau an diesem Punkt der Unterschied zu anderen, nicht siegreich beendeten Spielen: Nach der Führung wurde getan, was notwendig war, um zu gewinnen, und nicht das, woran man Spaß hat. Kein Glänzen wollen, keine Hackenpässe, kein Nachlassen im Gefühl einer vermeintlichen Überlegenheit. Einfach nur: konzentrierter Ergebnisfußball. Es beschlich mich – nicht zum ersten Mal – eine Ahnung davon, was mit dieser Mannschaft möglich gewesen wäre.

Meine Vorfreude auf das letzte Saisonspiel gegen Oberhausen ist ohnehin mit reichlich Wehmut vermischt. Wieder verlassen mit Olivier Caillas (sicher) und Marcel Reichwein (so gut wie sicher) zwei Spieler den RWE, die ich gerne länger in Erfurt spielen gesehen hätte. Dass die so Welt ist, muss mir jetzt niemand erklären. Das weiß ich. Es ändert nur nichts an der Leerstelle, die diese Fußballer hinterlassen werden und auf deren adäquaten Ersatz man vorerst nur hoffen darf. Umso wichtiger wäre, dass die auslaufenden Verträge mit anderen Leistungsträgern dieser Spielzeit, wie Pfingsten-Reddig und Weidlich, verlängert werden. Klar, auch diese beiden haben sich schwächere Spiele gestattet, und vor allem Weidlich ist derzeit nicht gerade in einer Überform. Nichtsdestotrotz handelt es sich um zwei Stammspieler, die – nimmt man alles in allem – ihre Drittligatauglichkeit in zwei Spielzeiten verlässlich demonstriert haben. Werden sie weiterhin an den Verein gebunden, könnte man sich bei der Personalsuche für die neue Saison auf die beiden defensiven Außenbahnen konzentrieren, hier herrscht absehbar der größte Handlungsbedarf.

4 comments

  1. Micha sagt:

    Gute Analyse, vor allem der taktischen Feinheiten. Nur wenige Anmerkungen aus Chemnitzer Sicht:

    Die Rote Karte.
    Fehlentscheidung. Einmal, weil der Pass ungenau ist und vom Gefoulten Spieler nicht mehr zu erlaufen gewesen wäre. Dann, weil da in der Tat noch ein weiterer Spieler schräg reinläuft und vom Gefoulten, so dieser den Ball denn irgendwie erreicht hätte, noch hätte umspielt werden müssen (womit deine Regelkunde aus zwei Gründen nicht zutrifft, da keine Torchance verhindert wurde). Und nicht zuletzt, da nur wenigen Minuten zuvor auf der Gegenseite an der linken Strafraumecke eine sehr ähnliche Situation vom Schiedsrichter nur mit Freistoß und ohne jede Karte abgehandelt wurde, owohl der CFC-Spieler hier den Ball ohne Foul sogar hätte erreichen können (wenngleich in nicht so zentraler Position, sodass auch da wahrscheinlich noch Gegenspieler hätten eingreifen können). Allerdings hätte der CFC auch zu elft nicht zurückgeschlagen, mit dem 2.Sonntagsschuss war das Spiel gegessen.

    Zu Garbuschewskis Ausschaltung.
    Ja und nein. Ja, er war, wie die gesamte Mannschaft nach dem 0:2 wirkungslos. Zuvor hingegen passte die Erfurter Defensive hinten links nicht. Ausdruck dessen: die zahlreichen Ecken, die dort herausgeholt wurden. Ein Manko, welches diese Erfurter Schwäche nicht deutlicher werden ließ: Garbu neigte seit einigen Wochen zunehmend öfter dazu, statt seine Außenbahn bis zur Grundlinie zu nutzen, Überraschungsmomente in der Mitte und links zu versuchen. War eigentlich gut gedacht, von ihm jedoch einfach zu häufig probiert. Deshalb passierte nicht mehr über rechts, und nach dem 0:2 wie gesagt, eh nicht mehr.

    Davon abgesehen spielten die beiden Aspekte dem sehr guten Erfurter Auftritt natrl. in die Karten. Im CFC-Lager wird vor allem auch die einseitige Rechtslastigkeit unseres Spiels als großes Manko ausgemacht, auf dass sich die Gegner zunehmend besser eingestellt haben. Insofern: Emmerling hat seine HA gemacht, den Taktik-Ausgleich zu Schädlich erzielt, wenngleich ihm oben genannte Punkte zusätzlich in die Karten spielten.

  2. @Micha:
    Okay – ich kann Deine Sichtweise der Dinge hinsichtlich der Roten Karte nachvollziehen, auch wenn ich sie nicht teile. Meiner Ansicht nach spielt Caillas den Ball ziemlich genau in den Lauf (und auf den starken rechten Fuß) von Drexler. Entscheidend ist für mich aber, dass Drexler im Sprint ist, während der zweite IV des CFC steht. Da wäre er nicht mehr hingekommen, denke ich.

    Dass Garbuschewski sich vermehrt von der rechten Seite löst, nachdem nun wirklich jeder Trainer der dritten Liga auf seine Stärke aufmerksam geworden war, ist mir schon in Eurem Spiel gegen Wiesbaden aufgefallen. Bietet sich ja im Grunde bei seiner Beidfüßigkeit auch an, hatte aber meist nicht den erhofften Effekt. Dieses ungute Wegkippen des Spielaufbaus auf eine Seite gibt es beim RWE auch, nur dass es bei uns die linke Seite betrifft. Das Hauptproblem ist hier, dass gute Trainer ihre Mannschaften darauf einstellen können.

    Auf Garbuschewskis Entwicklung in Düsseldorf bin ich sehr neugierig. Ich wünsche ihm jedenfalls alles Gute, auch wenn ich mir denken kann, dass Euch sein Verlust quasi ins Mark trifft. Ist hier leider auch nicht anders, siehe Reichwein, siehe Caillas und wer weiß, wer da noch geht.

    Gruß,
    Fedor

  3. LEE sagt:

    Tut mir leid Micha, aber aus regeltechnischer Sicht kann man hier nicht von einer Fehlentscheidung sprechen. Ich hab mir die Szene in normaler Geschwindigkeit, in Zeitlupe und im Schnelldurchlauf angesehen. Aus meienr Sicht kann der Chemnitzer nicht mehr eingreifen. Ob Drexler (der auf den ersten Metern einigen Spielern weglaufen kann) den Ball noch erhalten hätte, ist natürlich Spekulation, aber anhand anderer Szenen würde ich mal sagen: Ja, hätte er. Im Grunde kann man dem SR keinen Vorwurf machen – die rK war regelkonform.

  4. Micha sagt:

    Ist eh müßig, darüber zu diskutieren, LEE. Ich stand im Stadion so, dass ich genau die Gasse, in die der Ball geschickt wurde, im Blick hatte. Den Pass hätte der Drexler niemals bekommen, der Ball war schnell und schon durchgelaufen, als Drexler fiel. Ob das auch für den SR zu beurteilen war, mag ich nicht einschätzen. Selbst wenn, dann bleibt immer noch der Fakt, dass er 5min zuvor auf der Gegenseite eine identische Szene nur mit Freistoß und ohne jede Karte ahndet. Insofern bleibts eine schlechte SR-Leistung, die aber den Spielausgang, wie oben schon beschrieben, nicht beeinflusst hat, da der CFC auch zu elft nicht zurückgekommen wäre.
    Schöne Sommerpause wünsch ich.