Rot-Weiß Erfurt vs. VfB Stuttgart II 3:1

Für Spiele wie das gestrige wurde der Begriff Arbeitssieg dereinst erfunden. Gegen zunächst sehr defensiv eingestellte Gäste tat sich Rot-Weiß in der ersten halben Stunde äußerst schwer, passende Mittel in der Offensive zu finden. Das ist nichts Neues und im Grunde ein generelles Problem der Liga (und nicht nur dieser): Das offensive Vermögen hinkt dem defensiven hinterher.

Trotzdem war Erfurt die spielbestimmende Mannschaft; gefährliche Offensivaktionen der Stuttgarter gab es jedenfalls keine. Das hatte auch mit einer System-Innovation von Walter Kogler zu tun: Mit viel gutem Willen könnte man noch von einer 4-1-4-1-Formation mit einem extrem nach hinten orientierten Sechser (Menz) sprechen. Kann man aber auch sein lassen und gleich sagen: Das war eine lupenreine Dreierkette im Spielaufbau, aus der im Defensivspiel eine Fünferkette wurde. Ein Hybridsystem, dass bei der WM unter anderem von Holland, den Chilenen und Uruguay bevorzugt wurde. Im Spielaufbau fand ich es noch nicht ganz so überzeugend, weil für meinen Geschmack die drei Spieler (Menz, Czichos, Kleineheismann) oft zu eng beieinanderstanden und so den zahlenmäßigen Vorteil gegen die in der Regel nur mit zwei Spielern pressenden Stuttgarter nicht wirkungsvoll auskombinieren konnten. Vor allem aber, weil Menz keine Anspielstationen in der Spielmitte fand. Das wurde erst graduell besser als er etwas vertikaler nach vorne versetzt spielte, der VfB einen Tick offensiver wurde und wechselweise Tyrala, Bukva und Möhwald sich etwas mehr nach hinten fallen ließen.

Das gesamte Defensivspiel unserer Mannschaft hat mir dagegen sehr gut gefallen. Durch die vielbeinige Angriffsmitte gelang dem VfB über die gesamte Spieldauer gesehen sehr, sehr wenig.

Das erste Tor für Rot-Weiß lag zwar nicht in der Luft, fiel aber in einer Phase, als es gelang, den ein oder anderen Angriff deutlich näher an den Strafraum der Gäste zu verlagern, von daher fiel es auch nicht völlig überraschend. Zu diesem Zeitpunkt hatten Bukva und Wiegel die Seiten getauscht, was vor allem Andreas Wiegel irgendwie besser ins Spiel brachte. Nachdem er zuvor schon gute Ansätze zeigte, war er an der Entstehung beider Vorpausen-Tore maßgeblich beteiligt. Von ihm kam der Pass, den Eichmeier zu seiner prachtvollen Flanke von der linken Seite nutzte und er provozierte das Handspiel, das dem Elfmeter vorausging.

Im Grunde warteten alle Rot-Weißen mit einer soliden Leistung auf. Etwas ab fielen für mein Empfinden nur Bukva, der keine wirklich entscheidenden Impulse setzen konnte und Falk, der mir zu viele einfache Pässe in der Kurzdistanz nicht an den Mitspieler brachte. Auf seiner Habenseite steht allerdings die sehenswerte Kopfballvorlage zum entscheidenden dritten Treffer. Überhaupt spielte Falk besser, nachdem er mit Brandstetter einen Stürmerkollegen an die unmittelbare Seite bekam.

Sonst fiel mir noch eine Szene aus der 2. Halbzeit auf, als Czichos bei einem Angriff der Stuttgarter nicht den Fehler machte und den ballbesitzenden Stürmer direkt attackierte, sondern nach hinten auswich, um den frei ins Zentrum laufenden zweiten Angreifer abzudecken. So blieb den Stuttgartern keine offensive Anspielmöglichkeit und der Angriff wurde abgefangen. Das war sehr smart verteidigt.

Ich habe bereits eine Menge recht herabwürdigender Einlassungen zum gestrigen Spiel gelesen, die ich alle nur äußerst eingeschränkt nachvollziehen kann. Mir ist schon klar, dass fußballerisch momentan noch einiges im Argen liegt, in erster Linie im Offensivspiel. Allerdings setzt Kogler noch deutlicher als in der letzten Saison darauf, dass die Mannschaft vernünftig und zeitgemäß das Spiel nach vorne aufbaut, mit kurzen Pässen und sich situativ ergebenden Seitenverlagerungen und eben möglichst unter Verzicht auf lang geschlagene Bälle (die es natürlich als alternatives Stilmittel oder aus der Not heraus immer noch geben wird). Da geht noch so einiges schief, trotzdem ist der Weg der Richtige. Mich freut ebenfalls, dass Kogler taktisch offenbar variabler agiert als in der letzten Saison. All dies darf natürlich kein Selbstzweck sein, sondern muss mit gewonnenen Punkten einhergehen. Aber da bin ich für die Zukunft optimistisch.

13 comments

  1. zum wiederholten male eine analyse mit tiefgang- lesenswert Jonathan Müller

  2. wieder mal eine super Analyse…. besser kann man es einfach nicht sagen …. Top

  3. variabilität in system und personal: (y) (y) (y) . spiel für mich wesentlich besser, als die kritiken, v.a. online.

  4. Für mich war Falk einer der besten.. Der gewinnt da vorne 80% seiner kopfballduelle.. Aber klar für die meisten Stadion Besucher zählen beo Stürmern nur die Tore was nach Reichwein und tunjic nun Falk zum buhmann macht… Wenn da ein schneller Stürmer an seiner Seite spielt ist das ein sehr effektives taktisches mittel.

  5. Starker Bericht, dennoch ist nicht von der Hand zu weisen, dass ein Falk als Alleinunterhalter wenig sinnvoll erscheint, ich warte mit Spannung auf die Genesung von Chipper, dann hast die Qual der Wahl von Personal und System, sollten alle 3 fit sein, glaube ich nicht daran das 2 davon auf der Bank sitzen!

  6. was man mit falk machen kann, haben wir am dienstag gesehen, alleine bringt er wenig, da keiner da ist der seine kopfballverlängerungen verwertet
    als brandstetter reinkam, führte das prompt zum 3:1, falk gewann das kopfballduell und brandstetter verwertete den ball;)

  7. Pfanni1979 sagt:

    Gut analysiert aber die aufkommende Kritik ist auch berechtigt. Ich kann keinen Fortschritt erkennen. Und sollte dies nicht jedes Jahr so sein. Damit die Mission in Angriff genommen werden kann?Unsere Neuzugänge sollten uns doch weiterhelfen. Aber dies kann ich im Sturm nicht sehen. Da waren wir mit Mijo flexibler aufgestellt. Und man kann doch auch mal mehr erwarten als immer nur Ausreden.Jedes Jahr neue Baustellen. Etwas mehr Kontinuität würde uns gut tun…

  8. halte ich für totalen käse. und für verletzte kann man selten jemanden verantwortlich machen.

  9. Sobald Chipi fit ist und mit Brandstetter ein Sturmduo bilden kann wird die Liga endlich wieder vor unserer Offensive zittern… wie schon gesagt Falk war keine Verbesserung sondern nur ein Ersatz für Tunijc… wir brauchen richtige Stürmer wie Brandstetter und Kammlott die auch mal nen schwierigen Ball verwerten und aus jeder Lage schießen können, nicht jemanden der die Chancen liegen lässt oder den Ball lieber vertändelt weil er den Ball lieber noch 3 mal abspielt..

  10. die beiden gehören freilich zur creme de la creme. aber falk mit tunjic gleichzusetzen – also bitte. wie man falk als waffe einsetzen kann, wurde bereits mehrfach gezeigt. mijo war meines erachtens ein völlig anderer spielertyp und es wäre ja auch allzu verwunderlich gewesen, wenn die verantwortlichen einen gleichen als „ersatz“ geholt hätten. wie bereits letzte woche erwähnt: sollten mal alle fit sein, könnte das ein regelrechtes luxusproblem werden, da eine tolle vielfalt an stärken der einzelspieler besteht.

  11. Was ich aber bedenklich finde, sind die vielen gelben Karten, die wir schon wegen teils unnötiger Aktionen erhalten haben. Dazu noch das anhaltende Verletzungspech könnten uns die gelben Karten noch sehr weh tun. Schon letzte Saison haben wir uns durch unnötige Verwarnungen und Ampelkarten stets selbst geschwächt.