Rot-Weiß Erfurt vs. Preußen Münster 1:1 / Quo vadis RWE?

dunkle wolkenMein erster Impuls nach dem Spiel am Samstag: Es muss eine Abrechnung her, ein rhetorisches Gemetzel, bei dem kein Auge trocken bleibt. Mit der Mannschaft, der sportlichen Leitung, mit einfach allem und jedem, der bei drei nicht auf den Bäumen ist.

Dann kehrte peu à peu die Vernunft zurück. Es sind vier Partien gespielt, tabellarisch ist nichts Entscheidendes passiert. Wir haben in dieser Woche zwei Spiele vor uns; noch weilt die Hoffnung auf Besserung unter den Lebenden.

Deshalb nur einige – eher zurückhaltende – Sätze als Spielkritik.

Die scheinbare Einheitsmeinung von der Unterscheidung in eine gute erste und eine schlechte zweite Halbzeit kann ich nicht nachvollziehen. Die ersten 45 Minuten waren schlecht, nach der Pause wurde es noch schlechter. Klar, es gab das Tor, unser erster (und einziger) vernünftiger Angriff in drei Spielen (Wiesbaden, Dresden, Münster). Was in Halbzeit eins noch einigermaßen funktionierte (bis auf das Gegentor), war die Unterbindung der Ballzirkulation der Preußen. Im Angriff aber gab es, über die vollen 90 Minuten das Woodstock unter den Fehlpassfestivals zu bestaunen erleiden.

Mir ist es letztendlich völlig egal, ob Christian Preußer mit ein oder zwei nominellen (ausgebildeten) Stürmern spielen lässt. Solange die Angreifer beweglich sind, sich fallen lassen, auf die Flügel ausweichend Räume im Zentrum schaffen. Das ist zwingend notwendig, um genügend Raum und Anspielstationen aus dem Mittelfeld heraus zu haben. Unter keinen Umständen will ich zwei Spitzen sehen, die zwischen den Verteidigern der gegnerischen Viererkette auf Bälle warten. Das ist Fußball der 90iger Jahre und wird auch von schlechteren Defensiven als der von Preußen Münster problemlos verteidigt.

Im Spielbericht der TA beklagt Marco Alles zu Recht die mangelhafte Raumaufteilung. Der Abstand unserer hinteren Viererkette zur Mittelfeldkette war in der 2. Halbzeit über weite Strecken viel zu groß. Was die Preußen immer wieder für eindrucksvolle Ballpassagen in diesem Raum zu nutzen wussten. (Exkurs: Gott sei Dank scheint es eine Art Preußen-Münster-Gen zu geben, denn manchmal hatte man den Eindruck, dass sie sich an ihrer Ballfertigkeit erfreuten, ohne entschlossen zum Abschluss kommen zu wollen. Scheint mir den Fußball der Preußen bereits seit Jahren zu prägen.)

Summarisch muss ich konstatieren, und das hat mir nachdrücklich das Wochenende verhagelt, dass wir unser bestes Spiel am 1. Spieltag in Magdeburg gemacht haben. Meine Hoffnung, dass sich die neue Mannschaft steigert (indem sich auch die neuen Offensivspieler langsam an die Liga gewöhnen), bestätigt sich bisher leider ganz und gar nicht. Eher ist das Gegenteil der Fall. Mit der Realitätskonfrontation scheint das Selbstvertrauen zu schwinden. Dies hat im Fußball noch nie etwas besser gemacht.

Trotz meiner Kritik an den Preußen war ihr Spiel guter Anschauungsunterricht für genau das, was den Rot-Weißen abgeht: Spiel- und Passsicherheit im Mittelfeld. In allen Zonen des Mittelfelds, zentral, offensiv und bei den Spielern auf den Außenbahnen. Ehrlich gesagt habe ich bei den derzeit gehandelten potenziellen Spielern Zweifel, ob sie leisten können, was bitter vonnöten ist – uns sofort weiterhelfen. Noch ein oder zwei talentierte Spieler zu verpflichten, die aber ebenfalls Monate benötigen, um sich an das Spieltempo der Liga zu gewöhnen (mit offenem Ausgang), erscheint mir nicht sinnvoll. Mir jedenfalls käme eine Leihe von Spielern aus dem Kader eines deutschen Zweitligateams oder eines ausländischen Erstligisten (Polen, Ungarn, Tschechien, etc.) erfolgversprechender vor.

Ja, ich weiß, die maladen Finanzen. Aber haben wir nicht etwas Handlungsspielraum durch die doch recht erfolgreiche Ausgabe der Genussscheine bekommen? Wenn ja, wäre es an der Zeit ihn auszuschöpfen. Nur mit einer halbwegs stabilen Abwehr, der Eroberung von zweiten Bällen, Toren nach Standards und Carsten Kammlott als einzigem, wirklich durchgängig ligatauglichen Offensivspieler wird es schwer bis unmöglich, die Klasse zu halten.

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