Überlegungen zur Trainerfrage

Ich habe im Oktober 2012 ein langes Interview mit Christian Preußer geführt. Damals war er Trainer der U19 und Chef unseres Nachwuchs-Leistungszentrums. Mir fiel die Akribie auf, mit der er sich allen Dingen seines Aufgabenbereichs offensichtlich widmete. (Und ja, sie gefiel mir diese Akribie, weil sie im Gegensatz zu der sonstigen Wurschtigkeit stand und steht, mit der in diesem Verein sonst so vieles betrieben wird.) Es saß mir ein junger, sympathischer, intelligenter Trainer gegenüber und ich hatte keinen Zweifel, dass er eines Tages seinen Weg im Profifußball gehen wird. An dieser Einschätzung halte ich bis heute fest.

Natürlich weiß ich, dass es gute Argumente gibt, die in der gegenwärtigen, zweifellos sehr schwierigen, Situation gegen ihn sprechen. Es ist auch keineswegs so, dass ich mit allen Äußerungen und Entscheidungen Christian Preußers als Trainer unserer Profimannschaft einverstanden bin, bzw. genauer formuliert, dass ich diese verstehe.

Die Mannschaft spielt überwiegend schlechten Fußball. Auf diesen kurzen Satz können sich wohl alle Anhänger des FC Rot-Weiß Erfurt schnell einigen. Aber er ist, meiner Meinung nach, nur halb richtig. Korrekter müsste er lauten: Die Mannschaft spielt überwiegend schlechten Offensivfußball. Hingegen sind das Abwehrverhalten und die Defensivleistung in vielen Spielphasen in Ordnung. Mir ist klar, dass dies für den Klassenerhalt zu wenig sein könnte, nichtsdestotrotz muss es erwähnt werden, will man zu einer halbwegs soliden Einschätzung der Situation gelangen.

Im Grunde spiegelt dieser Offensiv-Defensiv-Kontrast nur wider, in welcher Qualität es gelungen ist, die personellen Abgänge am Ende der Saison zu ersetzen. Und da ist zu konstatieren, dass fast alle verpflichtenden Defensivspieler gute bis sehr gute Leistungen zeigen, während der Nachweis stabiler Drittligareife bei den Transfers im Offensivbereich aussteht. Besonders weh tut das bei der Spätverpflichtung Marc Höcher, der außer einigen Standards bisher alles vermissen lässt, was man sich von ihm versprochen hatte.

Christian Preußer ist nach wie vor von der Qualität all seiner Neuverpflichtungen überzeugt. Ich kann ihm nicht grundsätzlich widersprechen, da mir die Trainings-Eindrücke fehlen. Aber ich habe Zweifel. Außer den bisher wenig überzeugenden Leistungen der neuen Offensivspieler ist es natürlich verheerend, dass Spieler bei denen man davon ausgehen durfte, dass sie über gutes Drittliganiveau verfügen, dieses nur sehr eingeschränkt abzurufen in der Lage sind. Die Leistungen von Menz und Tyrala sind bestenfalls als schwankend zu charakterisieren. Sie werden im zentralen Mittelfeld aufgeboten, der Do-or-Die-Zone des Fußballs. Ist man hier dem Gegner unterlegen, verliert man Fußballspiele. Es wird von essenzieller Bedeutung sein, und zwar für jeden Trainer dieser Mannschaft, diese beiden Schlüsselspieler wieder in eine Form zu trainieren, die sie nicht zur Belastung, sondern zu Leistungsträgern des Teams werden lässt. Andererseits muss man Preußer zugute halten, dass er mit Nikolaou eine sehr kreative Lösung aus dem Hut zauberte, dem man gewisse strategische Fähigkeiten auf dem Platz nicht absprechen kann. Er verfügt über ein gutes Zweikampfverhalten (ein großer Mangel bei Menz und Tyrala), hat aber auch eine passable Grundtechnik und (das ist auf der Position sein größtes Plus) er spielt fast durchweg die richtigen Pässe, kann enge Situation durch Spielverlagerung auflösen. Er wäre mit einem Sebastian Tyrala in guter Verfassung ein absolut wettbewerbsfähiges Duo im zentralen Mittelfeld.

Was mich irritiert ist das überlange Festhalten an Dingen, die offenkundig nicht erfolgreich sind. Hier wäre das 4-4-2-System zu nennen, welches gegen Stuttgart II zwar prima klappte. Aber nur, weil die Innenverteidiger des VfB die Kopfballablagen von Szimayer nicht verteidigen konnten und die Stuttgarter ganz generell einen schlechten Tag in der Defensive erwischt hatten. In quasi allen Spielen danach (bis man es gegen Osnabrück wieder mit nur einem Stürmer versuchte) wurde diese Taktik der langen Bälle wieder und wieder neu erprobt. Auch gegen Gegner bei denen a priori klar war, dass es nicht funktionieren würde, eben weil die Qualität der Innenverteidiger viel zu gut für diese doch recht simple Form des Fußballs ist. Es gab auch Spiele, in denen man diese Taktik zur Halbzeit hätte revidieren können und müssen. Wenn die Stürmer keine verwertbaren Bälle erhalten, weil das Passspiel im Mittelfeld im Grunde nicht vorhanden ist, macht es keinerlei Sinn einen gelernten Mittelstürmer durch einen anderen zu ersetzen. Ich denke, dass es von großer Bedeutung ist, die Passqualität im Angriffsdrittel drastisch zu erhöhen. Aus diesem Grund würde ich derzeit eher ein System bevorzugen, in dem nur ein nomineller («gelernter») Mittelstürmer aufgeboten wird. Ob man das dann als 4-4-2 oder 4-2-3-1 typisiert ist völlig nachrangig, wichtig ist, das die Anzahl der Passdreiecke (vulgo Anspielstationen) erhöht wird, um die Anzahl der Fehlabspiele zu verringern.

Sachen wie diese habe ich allerdings bereits kritisiert als Stefan Emmerling oder Alois Schwartz hier Trainer waren. Nicht wenige habe die jetzige Situation (Abstiegskampf) bereits vor der Saison prognostiziert. Und bei fast jedem Saisonspiel – selbst nach gewonnenen – wurde deutlicher, dass die Prognose nicht ausschließlich der chronischen Schwarzmalerei am Steigerwald geschuldet war. Nun ist also eingetreten, was zu befürchten war. Wir stehen – wenigstens gefühlt – auf einem Abstiegsplatz. Trotzdem rate ich dem Verein, sich dem schnellen Impuls einer Trainerentlassung zu verweigern. Sollten die Verantwortlichen der Auffassung sein, dass Christian Preußer fachlich gute Arbeit leistet, und sollte sein Verhältnis zur Mannschaft intakt sein, liegen keine Gründe vor, ihn zum jetzigen Zeitpunkt zu entlassen. Die Tabellensituation ist fraglos kritisch und gefährlich, noch aber hat die Mannschaft locker alle Möglichkeiten, ausreichend Punkte für den Verbleib in der Liga zu holen. Es ist jedoch völlig klar, dass sich die Frage nach der Qualität des behandelnden Arztes so lange stellt, wie der Patient auf der Intensivstation liegt. Insofern ist meine Meinung in dieser Frage durchaus abhängig von den Resultaten der nächsten Spiele (falls es die mit Preußer noch geben sollte), mehr aber noch von den dabei gezeigten Leistungen. Auch aus diesem Grund halte ich Ultimaten an den Trainer (sollte es sie denn wirklich geben) für kompletten Blödsinn.

7 comments

  1. Thomas sagt:

    Das Erstemal das ich in Deinen Blog nicht Deiner Meinung bin. Für mich ist Herr Preußer ein blanker Theoretiker. Der zwar einen Plan und ein fundiertes Fachwissen hat, es aber nicht auf die Mannschaft umsetzen kann. Sein ganzer Werdegang ist noch nie von Erfolg gekrönt gewesen. In seiner Tätigkeit als Nachwuchstrainer ging es immer gegen den Abstieg. Mit selbigen Erfolg. Welcher seiner damaligen Schützlinge hat es zum Profi geschafft? Nicht viele. Und das ganze zieht sich jetzt bei der 1. Mannschaft weiter so durch. Wie ein roter Faden. Alleine seine Spielstatistik spricht Bände. Im Interview gescheit philosophieren und das Ganze dann nicht umsetzen zu können, sind zwei verschiedene Sachen. Er ist für mich der blanke Theoretiker. Mehr nicht. Und ich denke mal, siehe das Interview von Herrn Traub, in der TA, Grüppchenbildung, das Herr Preußer bei den etablierten Spielern, einfach nicht mehr ankommt und die sich von ihn nichts mehr sagen lassen.
    Ich laß mich sehr gerne eines besseren belehren und hoffe inständig, daß Herr Preußer es doch noch schafft, aber die Ergebnisse seiner Trainerlaufbahn sprechen da leider im Moment eine andere Sprache.

  2. ronry sagt:

    @thomas – hier möchte ich Dir in etlichen Dingen klar widersprechen. Ich habe in den letzten Jahren viele Möglichkeiten genutzt , um hier und da mit dem jetzigen Trainerteam ins Gespräch zu kommen ( Preußer, Twardzik, auch sehr viel mit Norman Loose), mir auch unter Preußer A-Junioren anzusehen oder Trainingseinheiten verschiedener Trainer ( Schwartz, Kogler, Preußer). Zutreffend ist definitiv die akribische Arbeit von Preußer – während ich manch andere Trainingseinheit anderer Trainer doch hier und da recht rustikal fand. es ist in meinen Augen von der Aufgabenstellung her auch ein klarer Unterschied, ob ich A-Junioren trainiere oder eine erste Mannschaft. Im Juniorenbereich (A- und B-Junioren) geht es in allererster Linie um die Entwicklung der Spieler an möglichst immer höhere Limite. Es liegt hier in der Natur der Dinge, das viele den Weg nach ganz oben nicht schaffen und den Sprung in die A-Junioren oder in die erste Mannschaft irgendwann nicht schaffen oder auch den Umweg über die U23 nicht bewältigen und dann irgendwann den Verein wechseln müssen – die Karrieren dann bei 4.- bis 6.Ligisten erst einmal weitergehen werden. Es gibt in und im Imkreis von Thüringen wohl fast keinen Vereinen der Spielklassen 4 bis 6, wo nicht irgendwo ein Ex-RWE-Spieler dabei ist.Es ist eine Frage der Qualitäten der einzelnen Jahrgänge ( und die sind sehr sehr unterschiedlich), wie sich ein B- oder A-Juniorenjahrgang in der Spielklasse schlägt und entwickelt. Und da spielen nicht nur fußballerische Qualitäten eine Rolle, sondern auch viele andere Einflüsse. Preußer hat mit seinen Trainern ohne Zweifel im Nachwuchsbereich eine Menge Spieler entwickelt – vielen ist jedoch weder bekannt noch bewusst, das eine ganze Reihe davon durch den Einfluß anderer Vereine, Spielerberater und Eltern frühzeitig den Verein verließen. Unter den infrastrukturellen Voraussetzungen in Erfurt ist es eine Sisyphusarbeit, einen A-Juniorenjahrgang in der Bundesliga zu halten und Jahr um Jahr den Klassenerhalt zu schaffen. Es sind in diesen Bereichen sicher auch Resultate zu sehen, aber nicht nur vordergründig. Ziel in diesem Bereich ist es, Spieler für Höheres zu entwickeln. Wie diese Spieler dann oben ankommen oder erst einmal auch nicht, ist eine ganz andere Frage. Unter Preußer und dem von ihm entwickelten und verantworteten Nachwuchsbereich des Vereines wurden Spieler wie Klewin, Möhwald, Patrick Göbel, Nietfeld, Stolze und etliche andere entwickelt.Mancher (Stolze) brachte dem Verein auch eine gute Ablösesumme. Hier Preußers Arbeit rein ergebnistechnisch nur dem Wirken in der ersten Mannschaft gegenüber zu stellen, wird dieser Arbeit im Nachwuchsbereich in keiner Weise gerecht. Weil im Nachwuchs ganz andere Prämissen gesetzt werden. In der ersten Mannschaft habe ich es mit – zum größten Teil – Spielern zu tun, die teilweise gestandene oder Strecken einer Karriere vorzuweisen haben. Die andere Trainer erlebt haben und andere Vereine und Strukturen. Die über eine Anzahl von Erfahrungen verfügen. Trainers Aufgabe ist hier eher, diesem Konglomerat von Spielern unterschiedlicher Altersgruppen und Erfahrungswerte eine Linie des Handelns im taktischen Bereich aufzuzeigen und diese umzusetzen, eine homogen auftretende Mannschaft unter dem Druck von Wettbewerbsergebnissen zu entwickeln. Eine Mannschaft, die Zielvorgaben erfüllen soll. Und das ganze im Rahmen der strukturellen Möglichkeiten des Vereines RWE – wovon die finanzielle Struktur eine der schwersten Hürden ist und manches Sportliche nicht ermöglicht. Preußer hat in einer Abwärtsspirale unter Kogler eine Mannschaft übernommen, wo anscheinend viele nicht mehr bereit waren, das volle Level zu bringen oder nicht genügend Einfluß hatten, die Mannschaft zusammen zu halten.Jedenfalls hatte ich im Rest der Rückrunde zunehmend diesen Eindruck. Es ist nicht so, das die aktuelle Mannschaft nicht Szenen hatte, wo sie Fussball SPIELEN nicht nachgewiesen hat.Die akutelle Mannschaft ist mMn derzeit nicht in der Lage, einen guten Level konstant auf das Feld zu bringen – obwohl in der Summe der Spieler genügend auf dem Platz stehen,die über Qualitäten verfügen, das eigentlich umsetzen zu können. Fedor Freytag nannte in seinem Artikel oben dazu genügend Beispiele und sprach insbesondere das Wirken der Mittelfeldspieler an. Jene Zone, die derzeit permanent die KO-Zone für RWE ist.

  3. Fedor Freytag sagt:

    Erstmal vielen Dank für die Kommentare. Die sind dann doch eigentlich Bloggers Lohn. Ich hatte ohnehin nicht damit gerechnet, dass der Post nur Zustimmung erfährt. Zu offenkundig sind die Defizite der Mannschaft, zu gegensätzlich die Wahrnehmung der Person Preußer. Was die Verdienste Preußers betrifft in der Nachwuchsarbeit betrifft, bin ich völlig einig mit Ronry. Das war, ist und bleibt, wie er schreibt, eine Sisyphos-Arbeit. Wenn ich Vater eines talentierten 14-jährigen wäre und mir dann diese Infrastruktur ansehen würde, hätte es der RWE jedenfalls schwer mich zu überzeugen. Und trotzdem ist das Preußer oft genug gelungen. Aber das bietet natürlich keine Gewähr, dass er sich als Trainer im Profibereich durchsetzt. Ich bin dennoch davon überzeugt, dass er das schaffen wird und werde daher – zumindest symbolisch – am Samstag einige Kerzen anzünden, damit er weiter unser Trainer bleibt. Zudem gibt es ja überhaupt keine Gewähr, dass ein neuer Trainer nachhaltig größeren Erfolg haben wird. Die Statistiken sind da relativ eindeutig: im Schnitt bringen Trainerwechsel nichts. Und ob der Verein so einen Glücksgriff wie mit Alois Schwartz noch einmal wiederholen kann, steht in den Sternen. Wenn überhaupt. Wie auch immer, ich finde es toll, dass ihr – bei aller inhaltlichen Differenz und angesichts der emotionalen Lage – sachlich bleibt.

  4. Andi sagt:

    Grundsätzlich läuft es doch immer gleich ab. eine erfolgreiche Mannschaft gibt ein System vor, dann wird lange gegrübelt, nachgedacht ob es auch für uns passt und schließlich wendet man es selbst an. Bis das System jeder kennt und dann funzt es nicht mehr. Dann lässt sich jemand ein neues System einfallen und die gleiche Kette geht von vorne los! Ist es nicht so auch bei FC Barcelona und der span. Nationalmannschaft gewesen. Christian Preußer führt seine Teams ebenso nach dem gleichen Muster soweit ich informiert bin. LG Andi 🙂

  5. Papa sagt:

    @Fedor
    Ich stimme Dir zu 99,9% zu.
    Der fehlende Prozentpunkt beläuft sich auf die Tatsache, dass diese Mannschaft einen neuen Impuls braucht.Sie ist in ihrer Qualität limitiert. Ich denke, dass CP einen zu hohen Anspruch an das taktische und spielerische Vermögen dieses Kaders.
    Wir alle wissen nicht erst seit gestern, dass es nur ein Ziel geben kann in dieser Saison. Der heißt Platz 17 und möglichst Thüringenpokal.
    Das ist so nicht machbar. Ein erfahrener Trainer muss her, der die Spieler das spielen lässt, was sie können.

  6. ronry sagt:

    Keine Meinung zum neuen Trainer?? So verärgert über RWE??

  7. Fedor Freytag sagt:

    Ich werde eine Meinung zum neuen Trainer als Trainer haben, wenn ein paar Spiele gespielt sind. Ich finde Krämer auch erfrischend und sympathisch und … (hier könnten noch einige positive Adjektive stehen). Allerdings kann ich das alles vorerst nicht in irgendeine Relation zu seinen Fähigkeiten als Trainer setzen. Niemand kann das, auch wenn einige es trotzdem tun. Und nein, vom Verein bin ich nicht enttäuscht. Die Handlungsspielräume sind so marginal, es wäre unfair in dieser prekären Situation da auch noch drauf zu hauen. Da ich am liebsten über die Dinge die auf dem Platz passieren schreibe, habe ich momentan das Problem, dass über den Fußball der von der Mannschaft gespielt wurde im Grunde alles gesagt war/ist. Ich hoffe, ich werde etwas inspirierter, wenn es am Samstag wieder los geht. Und danke für Deine Nachfrage.