Rot-Weiß Erfurt: Nachrichten vom Abstiegskampf

kammlott Ich kann mich noch lebhaft an den Abend des 16. April 2013 erinnern. Wir hatten soeben den insolvenzbedrohten Traditionsverein Alemannia Aachen locker mit 3:1 bezwungen. Das Ergebnis wurde den Kräfteverhältnissen auf den Platz nicht mal ansatzweise gerecht. Es waren 32 Spieltage absolviert. Eine Saison, in der wir vom ersten Spieltag an unten festklebten, würde ein versöhnliches Ende nehmen, das war die erfreuliche Essenz dieses Abends. Hurra, wir hatten 38 Punkte!

Die haben wir jetzt nach 32 Spieltagen auch. Und trotzdem laufen alle Anhänger des FC Rot-Weiß Erfurt mit angeknabberten Nägeln durch die Welt. Damals hatten wir sieben Punkte Vorsprung auf den ersten Abstiegsplatz, während es diesmal nur drei sind. Zudem ein Restprogramm, das uns fast ausschließlich auf Gegner treffen lässt, die keinen Deut weniger als wir entschlossen sein werden, den Abstieg in die Hölle der Regionalliga zu vermeiden.

Ich bin kein übermäßig großer Freund davon, die Realität durch «positives Denken» in ein virtuelles Lila-Laune-Land zu überführen. Trotzdem gibt es Anlass zu Optimismus. Stefan Krämers Mannschaft hat in Köln, nicht zum ersten Mal, nachgewiesen, dass sie mit Konzentration, Spielvermögen und taktischem Geschick, diesen beinharten sportlichen Überlebenskampf anzunehmen weiß. Ob das am Ende reicht, ist nicht ausgemacht, aber erfreulich vieles deutet darauf hin.

Die Mannschaft hat bei der Fortuna quasi von der ersten Sekunde an, einen verunsicherten Gegner noch weiter verunsichert, indem sie sofort und in allen Zonen des Spielfelds aggressiv presste. Dann, als dieser Druck etwas nachzulassen schien, nagelte Menz endlich den x-ten (und ersten gefährlichen) Standard unter die Latte. Zu Kammlotts Tor muss man nicht viel sagen. Außer, dass es schlichtweg großartig war, wie unser Stürmer, der – von einem Infekt geplagt – morgens kaum aus dem Bett kam, diesen Abwehrfehler nutzte.

Als nach dem Anschlusstor viele dachten, nun gehe es dahin, brachte Krämer (für den völlig fertigen Kammlott) Sebastian Szimayer und lag damit, nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal an diesem Nachmittag, völlig richtig. Das entscheidende dritte Tor wurde von diesem in Folge richtiggehend erzwungen. Mit seiner physischen Stärke und Präsenz kamen die (ohnehin schwachen) Innenverteidiger der Kölner bis zum Ende überhaupt nicht zurecht. Auch die etwas überraschende Einwechselung Uzans für den verletzten Tyrala erwies sich als gut durchdacht. Die Fortuna wollte dieses Spiel mit spielerischen Mitteln bestreiten und gewinnen. Dies durchkreuzte Krämer, indem er in kritischen Phasen mehr Physis ins Spiel brachte, erst Szimayer und dann den Mittelstürmer Uzan im zentralen Mittelfeld.

Fraglos, die ganze Mannschaft hat ein sehr gutes Spiel gemacht. Trotzdem möchte ich noch auf die Leistung von Theodor Bergmann zu sprechen kommen. Niemandem war sonderlich wohl, als Brückner nach 40 Minuten humpelnd das Feld verlassen musste. Wie der für ihn kommende Bergmann aber in der 2. Halbzeit spielte, fand ich sehr überzeugend. Er ist ganz sicher kein Zehner und agierte dann auch eher auf einer Achterposition vor/neben Tyrala und Judt, während Benamar und Aydin öfter in die Mitte einrückten. Vom Typ her erinnert mich Bergmann ein bisschen an Julian Weigl vom BVB. Etwas schlaksig daherkommend verfügt er trotz seiner Jugend über ein sehr gutes Raumgefühl und trifft meist die richtigen Entscheidungen bei der Spielfortsetzung. Wann immer möglich, versucht er einen vertikalen Pass zu spielen, das war in den letzten Jahren nicht unbedingt eine Stärke der bei RWE eingesetzten zentralen Mittelfeldspieler. Mit einem Wort: Der Junge sollte öfters spielen. (Und bitte, bitte, bitte Torsten Traub: Ich möchte Theodor Bergmann in zwei Jahren nicht im Trikot von Zwickau oder Nordhausen sehen, nachdem man erneut an einem jungen Spieler das Interesse verloren hatte.)

Bergmann, Szimayer, Uzan. In Anbetracht von Sperren (Benamar) und Verletzungen (Tyrala, Brückner) ist es von hohem Wert, dass auf unserer Bank Spieler sitzen, die man auch in engen und hitzigen Spielen, also in allen noch vor uns liegenden, mit gutem Gewissen einwechseln kann.

Osnabrück kann kommen.

3 comments

  1. HUKL sagt:

    Hallo, der Stellungsfehler ist wieder online!

    Ohne mich unbedingt aufdrängen zu wollen, dürften meine zuletzt geschriebene Zeilen u.a. zum benötigten Zusammenhalt einer Mannschaft mit einem wichtigen Ziel genau zu Deinen Zeilen passen, die erst vor zwei Jahren entstanden waren. Von allen darin befindlichen Namen, einschließlich des besonders hervorgehobenen Kapitän und Kunstschützen, Pfingsten-Reddig, fehlt heute jede Spur! Sie haben aus den bekannten Gründen einfach das Weite gesucht und heuerten woanders an, manchmal sogar in einer niedrigeren Klasse. Nur selten gelang allerdings der Sprung nach oben!

    Nach dem überraschenden Auswärtssieg in Köln sieht die derzeitige Situation der Rot-Weißen schon etwas erfreulicher aus. Mal sehen, wie die Geschichte enden wird.

    Um die restaurierte MFA, die mittlerweile zumindest kostenmäßig sehr hoch angesiedelt ist, wo der Verein lediglich für die noch unbekannte und hoffentlich bezahlbare Miete aufkommen muss, ranken sich aber ständig zum Erstaunen der Beobachter aus nah und fern immer wieder Neuigkeiten! Planer hätten z.B. unterdimensioniertes Elektro- bzw. Wasserkabel verbaut, das die Rasenheizung oder die Flutlichtanlage auf „Sparflamme“ hält oder die gastronomischen Speisen nur lauwarm zu haben sind und die Toilettenanlagen max. nur für „kleine Geschäfte“ angeboten werden. In den Waschräumen sollen sich möglichst mehrere Spieler auf einmal unter einer Dusche einfinden und dabei kräftig mit warmer Wasserzuführung sparen! Besonders an die auswärtigen Zuschauer gilt die Bitte, nicht bei einem eventuellen Torerfolg, wie neulich bei den Chemnitzern geschehen, gleich in Ekstase zu geraten, die die eingesetzten neuen Sitzschalen zum Bersten bringt. Und Brennen darf es auch nicht überall, weil auch bei der Planung verschiedene Brandschutzelemente vergessen wurden…….

    Nur gut, dass eine tüchtige Dezernentin des Erfurter Stadtrates sonst alles im Griff hat!

  2. Fedor Freytag sagt:

    Erstmal eine formale Feststellung, die mir wichtig ist: Der Blog war nie offline (im Sinne von: nicht erreichbar).

    Was Frau Hoyer betrifft: Keine Ahnung was Andreas Bausewein geritten hat, ausgerechnet seine völlig sachunkundige Wirtschaftsdezerntin zur Projektleiterin für den Umbau zu ernennen. Vielleicht werden wir es ja seinen Memoiren entnehmen können. Aber ich finde, man macht es sich zu einfach, jetzt alles auf sie zu schieben. Das gesamte Informationsmanagement der Stadtverwaltung ist ein Desaster. Unwilligkeit und Unfähigkeit gehen hier zuweilen eine gefährliche Symbiose ein. Das ist nicht nur beim Umbau des Stadion zu unterstellen, sondern wird von vielen Stadträten (aus fast allen Fraktionen) auch bei ganz anderen Themen inzwischen sehr laut kritisiert. Die Bürger dieser Stadt haben ein Problem mit einer selbstherrlichen Verwaltung, das weit über Kathrin Hoyer hinaus geht.

  3. OK sagt:

    Auf dass es dich über diesen Umweg erreiche (ich bin sozusagen Follower ohne Account):

    Ich warte weiterhin auf die Besprechung des neuen Buches (deine selbstgesetzte Deadline müsste heute 24Uhr auslaufen).

    Viele Grüße (mit einem Augenzwinkern)

    P.S. Danke für die bisherigen Blogs, freue mich auf Weitere.