SV Sandhausen – Rot-Weiß Erfurt 2:1

Die Tabelle lügt nicht! Oder doch? © kicker.de

Wieder eine Führung verspielt und keinen Punkt geholt. Bonjour tristesse, RWE! Wie kaum anders zu erwarten, denken in den Foren die ersten darüber nach, ob nicht ein Trainerwechsel das Mittel der Stunde wäre, um den tabellarischen Sinkflug zu stoppen. Emmerling erreiche die Mannschaft nicht mehr, es würde nicht nach dem Leistungsprinzip aufgestellt, weshalb auch Tom Bertram nicht spielen dürfe und als argumentative Krönung wird eine Rückkehr Julian Humberts in die Startelf gefordert. Julian Humbert! der bei seinen drei Einsätzen in der Oberliga niemandem sonderlich aufgefallen ist, soll für Pfingsten-Reddig ins defensive Mittelfeld rücken.

Nun, in Erfurt haben es defensive Mittelfeldspieler traditionell schwer, was die korrekte Einordnung ihrer Leistungen betrifft. Samil Cinaz wollte auch niemand eine Tränen nachweinen, obwohl er drei Jahre lang einer der überragenden Sechser in der Klasse war. Beim FSV ist er auf dieser Position gesetzt, wohlgemerkt in der 2. Bundesliga. Pfingsten-Reddig ist ein klassischer Box-to-Box-Midfielder, er spielt zwischen den Strafräumen, eröffnet das Spiel vertikal (mit kurzen Pässen), oder verlagert das Spiel auf die Außenpositionen. Und diesen Job erledigt er – meiner Auffassung nach – meistens sehr gut. Er ist der defensivere der beiden Sechser, schon allein weil Zedi sich sehr oft (und nicht selten erfolgreich) in die unmittelbaren Angriffsbemühungen einschaltet. Im Defensivspiel, vor allem bei Ballverlusten, nimmt Emmerling hier ein bewusstes Risiko in Kauf, das nicht eben geringer wird, wenn man bedenkt, dass Manno (nominell im rechten Mittelfeld aufgeboten) bei Angriffen als dritter Stürmer agiert. Wie gesagt, dass ist so gewollt, weil Emmerling die Durchschlagskraft im Angriff stärken will. Das wir, wie in Sandhausen, bei Gegenangriffen manchmal in Unterzahl sind, ist ein strukturelles Problem. Dies aber Nils Pfingsten-Reddig anzulasten ist, mit Verlaub, lächerlich. Emmerling kann dieses System jederzeit ändern, in dem sich zum Beispiel Zedi nicht mehr so weit nach vorn orientiert, oder die rechte Seite defensiver agiert, um auch zentral bei Kontern des Gegners aushelfen zu können (oder beides). Dann muss taktisch aber sichergestellt bleiben, dass die Offensivkraft des RWE erhalten bleibt und genau hier liegt das Problem: sowohl Zedis wuchtige Vorstöße, als auch Mannos Qualitäten als freier Radikaler des RWE-Angriffsspiel sind nicht wirklich verzichtbar. Das ist die Nuss, die Emmerling knacken muss, aber niemand auf dieser Welt weiß das besser als der Trainer des RWE.

Zum Fall Bertram: 28.04.2008, Flutlichtspiel der 2.Bundesliga, Freiburg gegen Fürth. Tom Bertram hat sich in die Anfangsformation der Greuther gespielt. Die Mannschaft von Labaddia hat – wie zumeist – noch alle Chancen in die Erste Bundesliga aufzusteigen. Es sind siebzig Minuten gespielt, Greuth führt 2:1, Bertram macht ein sehr gutes Spiel, als sich laut Kicker folgende Szene zuträgt: Bertram passte leichtsinnig nach hinten, wo sich Schlitte das Leder schnappte, dann mit Übersicht auf Pitroipa flankte, dabei den heranstürmenden Kirschstein überwand. Pitroipa bedankte sich artig und schob zum 2:2 ein. Fürth verlor das Spiel noch, und stieg bekanntlich nicht auf. Tom Bertram absolvierte noch ein Pflichtspiel für Fürth und wurde dann nach Paderborn verkauft. Gar keine Frage, Tom Bertram ist das größte Innenverteidigertalent des RWE seit Thomas Linke. Aber er ist nicht die Antwort auf alle unsere derzeitigen Defensivschwächen. Und er ist immer noch dafür gut, gleichzeitig ein prima Spiel und einen Leichtsinnsfehler zu machen. Ich denke, dass wir drei in etwa gleichwertige Innenverteidiger haben; alle drei werden in dieser Saison noch viele Einsätze bekommen. Es war sinnvoll, Oumari nach seiner Sperre wieder Spielpraxis zu geben, außerdem war dieser Wechsel keinesfalls ursächlich für die Niederlage in Sandhausen.

Die oben gezeigt Grafik sieht vor allem deshalb so jämmerlich aus, weil wir am ersten Spieltag hoch gegen die Westsachsen gewonnen haben. Aber inzwischen wissen wir, wie dieser Sieg (der auch noch klarer ausfiel, als es der Spielverlauf eigentlich hergab) einzuordnen ist: gegen die gewinnen fast alle. Was mich momentan nicht wirklich aufheitert. Im Übrigen sind die Leistungen des RWE eher konstant: zu wenig Tore (schlecht!) aus den vielen Chancen (gut!) gemacht. Und, viel zu viele Gegentore (schlecht!); teils der offensiven Gesamtausrichtung geschuldet, teils durch individuelle Fehler hervorgerufen. Es überwiegt also das Negative und deshalb stehen wir eben auch da wo wir stehen. Es bleibt viel Arbeit für Emmerling und sein Team, allerdings mache ich mir deswegen keine Sorgen. Er ist ein guter Trainer, Fleiß und Akribie sind seine Sache eher als die populistische Geste (wie z.B. ein öffentlich verkündetes Straftraining, oder ähnlicher Blödsinn). Für die Fütterung des Mobs haben wir ja noch den darin bewährten Wilfried Mohren.

Sorgen bereitet mir die Möglichkeit, dass die Resultate auch in den kommenden Spielen nicht stimmen. Oder genauer gesagt, besorgt mich vor allem die Resonanz darauf. Man benötigt nicht viel Phantasie, um sich die Reaktionen (wohl vor allem auf der Haupttribüne) vorstellen zu können, sollte beispielsweise gegen Münster (sprich im nächsten Heimspiel) verloren werden. Ich kann nur hoffen, dass unser gemeinhin so besonnener Präsident dann die Nerven behält. Sicher bin ich mir da nicht.

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