Unterhaching – RWE 1:3 / Schöne Aussichten

Alles schien wie immer zu laufen, wenn der RWE im Münchner Vorort Unterhaching antritt. Nach dem schnellen Rückstand waren alle Vorgaben des Trainers die Kreide nicht mehr wert mit der sie die Taktiktafel zierten. Schier unbegreiflich, dass die Hachinger ein halbes Dutzend bester Möglichkeiten in Halbzeit eins nicht nutzten. Unbegreiflich, aber gut. Für uns. Das Spiel seiner Mannschaft in den ersten 45 Minuten anzusehen, muss ein Grauen für Stefan Emmerling gewesen sein. Denn eine mikrotaktische Änderung kann man die Einwechslung von Gaetano Manno, vor allem aber die damit verbundenen Konsequenzen, kaum nennen. Ich will nicht sagen, dass Emmerling Vabanque spielte; sehr, sehr riskant war es in jedem Fall. Am Ende stand ein überragender Sieg, erspielt innerhalb der besten 45 Minuten Fußball, die der RWE in dieser Saison ablieferte.

Die Aufstellung Baumgartens in der Startformation war durchaus eine kleine Überraschung. Doch vielleicht hatte die Vorstellung Rauws in Gotha, der beim Pokalspiel die freie Sechser-Position probeweise innehatte, Emmerling ebenso wenig überzeugt wie mich. Hinzu kam, dass auch Ofosu-Ayeh nicht wirklich überzeugen konnte, so dass es nicht ratsam schien die Baustelle auf der rechten Abwehrseite mit ihm zu verschlimmbessern. Hinten blieb – während des gesamten Spiels – alles wie gehabt (wenn niemand verletzt oder gesperrt ist): Sponsel im Tor, Oumari und Bertram in der Innenverteidigung, Rauw auf rechts und Caillas links. Ich sehe gerade bei kicker.de, dass alle Spieler unserer Viererkette die Note 3 für ihre Leistung bekommen haben. Das lass ich mal so stehen. Nein, das kann ich nicht so stehen lassen. Eingedenk der Tatsache, dass wir, wenn alles normal läuft, mit einem 0:3 (oder höher) in die Kabine gehen, können sie mit dieser Benotung des Fachmagazins zufrieden sein.

Im Mittelfeld ersetzte Baumgarten Pfingsten-Reddig, vielmehr: er hätte ihn ersetzen sollen. Das ist keine Schelte an unserem Nachwuchstalent. Der Konjunktiv begründet sich in erster Linie durch meine immens stabile Meinung, dass Nils Pfingsten-Reddig derzeit durch keinen anderen Spieler dieser Mannschaft adäquat zu ersetzen ist. Seine Spielintelligenz, seine Sicherheit bei der Spieleröffnung, sein Gespür für freie Räume sind unverzichtbar. Genauso wie die Entschlossenheit eines Rudi Zedi hinsichtlich der Unterstützung von Angriffsaktionen.

Mit Beginn der zweiten Halbzeit kam Manno für Baumgarten. Weidlich nahm dessen Position im defensiven Mittelfeld ein, Manno wiederum spielte auf rechts. Seinem Temperament, seiner Ausbildung und der Intention seines Trainers gemäß, agierte er deutlich offensiver als Weidlich, so dass der RWE bei eigenen Angriffen mit vier Stürmern die Hachinger Defensive bedrängte. Die zeigte sich dieser Aufgabe nicht gewachsen und wurde in den 20 Minuten nach der Pause in Grund und Boden gespielt. Bevor der Trainer der Hachinger (Heiko Herrlich) so recht fassen konnte was da geschah, stand es 3:1 für den RWE und die Messe war gelesen.

Wir führen an dieser Stelle – und für genau einen Spieltag – mal die Rubrik Mann des Tages ein. Vor allem deshalb, weil es mir die Gelegenheit gibt, ein paar nette Sachen über einige Protagonisten des RWE zu verlieren:

Kandidat 1: Andreas Sponsel. Wie schon in Saarbrücken (bei seinem Debüt) ein Garant des Erfolges. Allein die Parade gegen den heranstürmenden Avdic war gleichermaßen gekonnt wie überlebensnotwendig. Das zweite Tor für die Hachinger wäre – sehr wahrscheinlich – das Ende aller Hoffnungen gewesen. Allerdings hatte er Hilfe, durch:

Kandidat 2: Olivier Caillas. Der Deutsch-Franzose würde vermutlich auf Jahre hinaus jede Umfrage der dritten Liga nach dem unbeliebtesten Spieler gewinnen. Egal ob man Zuschauer, oder Spieler der anderen Mannschaften fragt. Ich finde ihn großartig. Unser Agent Provocateure lief Avdic zwar 20 Meter hinterher, als dieser allein auf Sponsel zusteuerte, gestikulierte aber wild und zeigte seinem Keeper an, in welche Ecke der Hachinger Angreifer schießen würde (nach rechts). Und lag völlig richtig damit. Das habe ich so auch noch nie gesehen. Sensationelle Szene.

Kandidat 3: Denis-Danso Weidlich. Bereits in der letzten Saison zählte Danso zu den Leistungsträgern der Mannschaft. Robuste Physis, gute Technik, vor allem aber seine Durchsetzungsfähigkeit im eins gegen eins gehören zu seinen Trümpfen. Sein taktisches Verständnis ließ bisweilen zu wünschen übrig. Daran haben Spieler und Trainer gearbeitet, jedenfalls bot Danso auf der anspruchsvollen zentralen Mittelfeldposition (in Halbzeit zwei) eine großartige Leistung.

Kandidat 4: Gaetano Manno. Ich bin sowieso ein Fan des Italieners. Zugegeben, nicht all seine Spiele für den RWE waren so beeindruckend wie jenes am Freitag. Dies mag aber auch daran liegen, dass es schwierig für ihn war (vielleicht noch ist), seine Rolle in der Mannschaft zu finden. Ständig zwischen Bank, Angriff, rechtem Mittelfeld und dem Hemingway changierend, hätte wohl jeder ein Problem ständig optimale Leistungen abzurufen. Eines konnte man ihm allerdings nie absprechen: Einsatzwillen und Laufbereitschaft. Emmerling hat mit ihm den Sieg eingewechselt.

Kandidat 5: Marcel Reichwein. Der viel gescholtene Stürmer klausfischerte mit einem Traumtreffer die Führung. Mehr muss man nicht sagen. Just enjoy it.

Kandidat 6: Dominick Drechsler. Hat diese Saison bereits das ein oder andere gute Spiel gezeigt. Es fehlte die Konstanz. Für einen 21jährigen ist das eher normal. Was für fast alle offensiven Spieler des RWE zutrifft, gilt ganz besonders für ihn: Arbeitet viel nach hinten, hat große Stärken im offensiven eins gegen eins und spielt äußerst mannschaftsdienlich; meistens mit dem Blick für den besser positionierten Mitspieler. Wenn es bei ihm so läuft wie am Freitag, ist er ein Albtraum für jede Verteidigung.

So, jetzt habe ich bereits die halbe Mannschaft aufgelistet und bin doch noch nicht am Ende. Einer fehlt noch, nämlich:

Kandidat 7: Stefan Emmerling. Hat alles gewagt und gewonnen. Wer diesen Blog halbwegs regelmäßig liest, dem wird nicht entgangen sein, dass ich große Stücke auf unseren Trainer halte. Deshalb gönne ich ihm von ganzem Herzen den Triumph, mit seinem Willen zum Risiko den entscheidenden Akzent zum Sieg gesetzt zu haben. Wohl wissend, dass dies am kommenden Freitag schon (fast) niemand mehr weiß, sollten wir gegen Chemnitz nicht gewinnen.

Das Benennen so vieler Kandidaten für den Mann des Tages macht deutlich: ein Sieg hat zumeist viele Väter, was in diesem Fall überhaupt nicht ironisch gemeint ist. Eine völlig unvermutete und deshalb umso eindrucksvollere Steigerung der gesamten Mannschaft war letztendlich ausschlaggebend für diese enorm wichtigen drei Punkte. In den letzten sechs Spielen wurde exakt der „Aufstiegsdurchschnitt“ von 2 Punkten pro Spiel erreicht. Nach drei Auswärtssiegen in Folge hätte niemand etwas dagegen, das arithmetische Mittel gegen formschwache Chemnitzer weiter anzuheben. Jeder weiß jedoch: angeschlagene Boxer sind am gefährlichsten.

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