RWE – Chemnitz 0:0 / Emmerling – Schädlich 0:1

So kopflos wie eine abgelegte Mütze: das Spiel des RWE

Am Ambiente lag es nicht. Freitagabend, Flutlicht, fast 10.000 Zuschauer. Großartige Stimmung im Steigerwaldstadion. Auch wenn die Choreo der Haupttribüne nicht völlig gelungen war und von den Ultras unseres geliebten mitteldeutschen Kuschelsenders die mediale Weiterverbreitung verweigert wurde. 1500 glänzend aufgelegte Chemnitzer Fans hatten ihren Anteil an einem atmosphärisch gelungenen Abend. Beide Fanlager traten überdies den Beweis an, dass ein Spiel zweier Traditionsmannschaften, die auf eine lange Fußballrivalität zurückblicken, nicht automatisch von Gewalt begleitet sein muss. Leider konnte das Geschehen auf dem Feld dem äußeren Rahmen nicht ansatzweise gerecht werden. Das lag in erster Linie am platzbauenden Verein, dem FC Rot-Weiß Erfurt.

Der Mann mit der Mütze (siehe oben), seit nunmehr 31 Jahren mein Begleiter bei den Heimspielen des RWE, bemerkte es als erster: Nils Pfingsten-Reddig nur auf den Bank. Ungläubiger Blickkontakt, begleitet von hochgezogenen Augenbrauen meinerseits. Never change a winning team, sagte der Mann mit der Mütze. Es sei denn du kannst es stärker machen, grummelte es in mir. Für drei Punkte hätte ich gerne darauf verzichtet, meine Skepsis durch den weiteren Fortgang der Dinge bestätigt zu finden.

Es begann schon anders als erwartet: Der RWE zögerlich, zaghaft, zaudernd. Angsthasenfußball. Nichts zu spüren vom Selbstbewusstsein, den ein herausragend erspielter Auswärtssieg eigentlich zur Folge haben sollte. Der CFC (mit den Ex-Erfurtern Sträßer und Stenzel) begriff schnell, das hier vielleicht mehr zu holen sein könnte, als ein mittels taktischer Disziplin ergurktes Unentschieden. Und hatte die ersten Möglichkeiten des Spiels. Über das gesamte Spiel hinweg, waren die Chemnitzer Torchancen von etwas höherer Qualität als die des RWE. Hundertprozentige, klar herauskombinierte Möglichkeiten gab es jedoch auf beiden Seiten nicht. Wenn es so was überhaupt gibt, dann haben wir am Freitagabend ein typisches Null-zu-Null-Spiel gesehen durchlitten.

Der einzige Erfurter Spieler der – für diese Abend – mit dem Hauptwort Tormöglichkeit in ein und demselben Satz vorkam, war Gaetano Manno. Der Deutsch-Italiener und freie Radikale des RWE-Angriffs rackerte wie ein Berserker und lief so unermüdlich wie ein Duracellhase. Allerdings bin ich sicher, dass das taktisch so nicht geplant war und Manno viel mehr seine Position auf der rechten Seite halten sollte. Er veränderte diese taktische Vorgabe wohl deshalb, weil ihm relativ schnell klar war, dass er dort keine verwertbaren Zuspiele erhalten würde. Und wollte auf diese Weise dem Schicksal Drexlers, auf der anderen Seite, entgehen. Was wiederum das Problem nach sich zog, dass der RWE mit drei Mittelstürmern agierte, damit allerdings das Mittelfeld den Chemnitzern überließ.

Es wäre vermessen, wenn ich jetzt behaupten würde, dass wir mit Nils Pfingsten-Reddig besser gespielt oder gar gewonnen hätten. Aber das Spiel in Unterhaching hat gezeigt, welche gravierenden Folgen taktische Änderungen haben können. Um eines vorweg zu sagen: Danso Weidlich war ganz klar einer des besseren Spieler des RWE an diesem Abend. Jedoch, meiner bescheidenen Meinung nach: er ist kein Sechser. Zu seinen Vorzügen zählen eine unglaublich starke Physis und die Fähigkeit auch mal zwei oder drei Spieler auf dem Weg nach vorn stehen zu lassen. In seiner Spielweise durchaus an Lúcio erinnernd. Jedoch liegt hier auch ein Problem. Auf den Außenbahnen, das hat Danso oft genug bewiesen, kann dies ein taktisches Mittel sein, eine Abwehr in Verlegenheit zu bringen. Im hochkritischen, verdichteten Mittelfeldzentrum hingegen, sind lange Sturmläufe mit dem Ball am Fuß ungeeignet zur Spieleröffnung. Zu hoch das Risiko eines Ballverlustes, zudem ist es leicht ausrechenbar und – im massiv besetzten zentralen Mittelfeld – gut zu unterbinden.

Spielertypen wie Pfingsten-Reddig sind im heutigen Fußball so einer Art Passroboter. Mit hoher Präzision sollen sie das Spiel aus der Abwehr eröffnen, am besten mit Raumgewinn, also vertikal oder diagonal nach vorn. Zweikämpfe sind eher zu vermeiden, denn die kann man leicht verlieren. Was – so nahe am eigenen Strafraum – fast zwangsläufig zu Tormöglichkeiten des Gegners führt. Bei der Bewertung von Weidlichs Leistung muss fairerweise berücksichtigt werden, dass er auf dieser Position über keine nennenswerte Erfahrung verfügt. 45 Minuten in einem Auswärtsspiel zählen da nicht wirklich.

Zu Beginn der Begegnung spielten sie es taktisch wie gehabt (nur halt ohne Pfingsten): Weidlich war der erste Adressat für die Innenverteidiger, Zedi agierte recht deutlich davor. Aber es funktionierte nicht. Weder gab es Zuspiele in die Mitte (auf Zedi, oder einen der Stürmer) noch konnten die Außen ins Spiel eingebunden werden. Dann versuchte sich Zedi, das Dilemma erkennend, für ein paar Minuten in der Spieleröffnung (ohnehin nicht seine Stärke) – und ebenfalls mit überschaubarem Erfolg. Anschließend passten sich die Verteidiger über weite Strecken der Partie den Ball gegenseitig zu, siebzig Meter vom Chemnitzer Tor entfernt. Ratlosigkeit machte sich breit, die bis zum Ende anhielt. Sicher, ein paar Mal schleppte Danso den Ball gefällig durch Mittelfeld, aber außer einer Ecke sprang dabei nicht viel heraus. Unmittelbare wie mittelbare Torgefahr – Fehlanzeige.

Ein Verdienst von Gerd Schädlich. Der Großmeister des ostsächsischen Catenaccio verzichtete auf offensives Pressing und nutzte die so gewonnen Ressourcen zur Doppelung der Außenpositionen und einem gut organisierten Zustellen der zentralen vertikalen Passwege. Diese simplen taktischen Mittel genügten, um dem RWE die Luft abzuwürgen. Läuferisch, kämpferisch und konditionell sind Mannschaften die von Gerd Schädlich trainiert werden sowieso stets vorn dabei. Allein mit kämpferischen Mitteln ist ihnen nicht beizukommen.

Im Gegensatz zum Sieg in Unterhaching fehlte unserem Trainer der Mut zu gravierenden Korrekturen. Um an der weitgehenden Agonie des Angriffspiels etwas zu ändern, wäre das dringend geboten gewesen. Die Wechsel die er vornahm blieben mir ein Rätsel. Das Lächeln der Mona Lisa nichts dagegen. Das Duell der Trainer ging an diesem Abend an den knurrig-sympathischen Sachsen Schädlich. Nun ja, zum Trost sei Stefan Emmerling zugerufen: man kann den Kollegen halt nicht immer so düpieren, wie das von einer Woche gegen Heiko Herrlich herrlich gelang. Trotzdem – man hätte es wenigstens versuchen können.

Bei aller Kritik: wir haben nicht verloren. Die Chemnitzer verteidigten gut, der RWE ebenfalls. Der CFC versuchte die spielerische Verunsicherung der Erfurter zu nutzen, das gelang zum Glück nur in Maßen. Zudem erwischte Tom Bertram einen prima Tag und war an diesem Abend bester Erfurter Spieler. Am Boden und in der Luft kaum zu überwinden. Das trifft – bis auf einen Fehler – ebenso auf Oumari zu. Nur zwei Gegentore in den letzen sechs Spielen sind beredtes Zeugnis einer Stabilisierung der Defensive auf hohem Niveau.

Der Mann mit der Mütze sagte nach dem Spiel dasselbe, was er bereits nach den letzten Unentschieden gesagt hatte: Was soll’s, dann werden wir halt auswärts gewinnen. Sollte das wieder eintreffen, werde ich ihn beim nächsten Heimspiel Nostradamus nennen.

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