Tag Archiv für Bergmann

Rot-Weiß Erfurt: Nachrichten vom Abstiegskampf

kammlott Ich kann mich noch lebhaft an den Abend des 16. April 2013 erinnern. Wir hatten soeben den insolvenzbedrohten Traditionsverein Alemannia Aachen locker mit 3:1 bezwungen. Das Ergebnis wurde den Kräfteverhältnissen auf den Platz nicht mal ansatzweise gerecht. Es waren 32 Spieltage absolviert. Eine Saison, in der wir vom ersten Spieltag an unten festklebten, würde ein versöhnliches Ende nehmen, das war die erfreuliche Essenz dieses Abends. Hurra, wir hatten 38 Punkte!

Die haben wir jetzt nach 32 Spieltagen auch. Und trotzdem laufen alle Anhänger des FC Rot-Weiß Erfurt mit angeknabberten Nägeln durch die Welt. Damals hatten wir sieben Punkte Vorsprung auf den ersten Abstiegsplatz, während es diesmal nur drei sind. Zudem ein Restprogramm, das uns fast ausschließlich auf Gegner treffen lässt, die keinen Deut weniger als wir entschlossen sein werden, den Abstieg in die Hölle der Regionalliga zu vermeiden.

Ich bin kein übermäßig großer Freund davon, die Realität durch «positives Denken» in ein virtuelles Lila-Laune-Land zu überführen. Trotzdem gibt es Anlass zu Optimismus. Stefan Krämers Mannschaft hat in Köln, nicht zum ersten Mal, nachgewiesen, dass sie mit Konzentration, Spielvermögen und taktischem Geschick, diesen beinharten sportlichen Überlebenskampf anzunehmen weiß. Ob das am Ende reicht, ist nicht ausgemacht, aber erfreulich vieles deutet darauf hin.

Die Mannschaft hat bei der Fortuna quasi von der ersten Sekunde an, einen verunsicherten Gegner noch weiter verunsichert, indem sie sofort und in allen Zonen des Spielfelds aggressiv presste. Dann, als dieser Druck etwas nachzulassen schien, nagelte Menz endlich den x-ten (und ersten gefährlichen) Standard unter die Latte. Zu Kammlotts Tor muss man nicht viel sagen. Außer, dass es schlichtweg großartig war, wie unser Stürmer, der – von einem Infekt geplagt – morgens kaum aus dem Bett kam, diesen Abwehrfehler nutzte.

Als nach dem Anschlusstor viele dachten, nun gehe es dahin, brachte Krämer (für den völlig fertigen Kammlott) Sebastian Szimayer und lag damit, nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal an diesem Nachmittag, völlig richtig. Das entscheidende dritte Tor wurde von diesem in Folge richtiggehend erzwungen. Mit seiner physischen Stärke und Präsenz kamen die (ohnehin schwachen) Innenverteidiger der Kölner bis zum Ende überhaupt nicht zurecht. Auch die etwas überraschende Einwechselung Uzans für den verletzten Tyrala erwies sich als gut durchdacht. Die Fortuna wollte dieses Spiel mit spielerischen Mitteln bestreiten und gewinnen. Dies durchkreuzte Krämer, indem er in kritischen Phasen mehr Physis ins Spiel brachte, erst Szimayer und dann den Mittelstürmer Uzan im zentralen Mittelfeld.

Fraglos, die ganze Mannschaft hat ein sehr gutes Spiel gemacht. Trotzdem möchte ich noch auf die Leistung von Theodor Bergmann zu sprechen kommen. Niemandem war sonderlich wohl, als Brückner nach 40 Minuten humpelnd das Feld verlassen musste. Wie der für ihn kommende Bergmann aber in der 2. Halbzeit spielte, fand ich sehr überzeugend. Er ist ganz sicher kein Zehner und agierte dann auch eher auf einer Achterposition vor/neben Tyrala und Judt, während Benamar und Aydin öfter in die Mitte einrückten. Vom Typ her erinnert mich Bergmann ein bisschen an Julian Weigl vom BVB. Etwas schlaksig daherkommend verfügt er trotz seiner Jugend über ein sehr gutes Raumgefühl und trifft meist die richtigen Entscheidungen bei der Spielfortsetzung. Wann immer möglich, versucht er einen vertikalen Pass zu spielen, das war in den letzten Jahren nicht unbedingt eine Stärke der bei RWE eingesetzten zentralen Mittelfeldspieler. Mit einem Wort: Der Junge sollte öfters spielen. (Und bitte, bitte, bitte Torsten Traub: Ich möchte Theodor Bergmann in zwei Jahren nicht im Trikot von Zwickau oder Nordhausen sehen, nachdem man erneut an einem jungen Spieler das Interesse verloren hatte.)

Bergmann, Szimayer, Uzan. In Anbetracht von Sperren (Benamar) und Verletzungen (Tyrala, Brückner) ist es von hohem Wert, dass auf unserer Bank Spieler sitzen, die man auch in engen und hitzigen Spielen, also in allen noch vor uns liegenden, mit gutem Gewissen einwechseln kann.

Osnabrück kann kommen.

RWE vs. 1. FC Magdeburg 0:1 / Letzter Test vor Saisonbeginn

Hier ein paar Eindrücke vom Spiel gegen Magdeburg: Walter Kogler machte seine Ansage wahr und ließ ein 4-4-2-System spielen, zum ersten Mal sogar von Anfang an mit zwei Stürmern (Tunjic und Brandstetter). Die größte Überraschung in der Aufstellung des RWE-Coaches bot allerdings Johannes Bergmann auf der linken Position der Viererkette, was durchaus naheliegend ist, da Bergmann ein Linksfuß ist, und auch wieder nicht, weil er diese Position meines Wissens noch nie gespielt hat. Das machte sich beispielsweise bei seinem Stellungsfehler vor dem 0:1 durchaus bemerkbar.

Laurito und Kleineheismann in der Innenverteidigung wirkten wach und in den meisten Szenen solide, mit mehrheitlich brauchbaren Anspielen im Spielaufbau. Beide Außenverteidiger hatten die Lizenz sich situativ nach vorne zu orientieren. Odak nahm das gerne in Anspruch, gute Partie von ihm, vom sehr gut trennten ihn nur die verbesserungswürdige Qualität seiner Hereingaben.

Die beiden Sechser (Pfingsten und Engelhardt) holten sich wechselweise die Bälle im Spielaufbau hinten ab, standen in der Regel auch vertikal gut gestaffelt. Dass es bei ihnen keine klare Zuordnung gibt (z.B. Pfingsten immer offensiver als Engelhardt), sehe ich als Vorteil, da es den zentralen Spielaufbau etwas weniger ausrechenbar macht. Defensiv agierte allerdings Engelhardt tiefer als Pfingsten. Sind die Räume vor ihm kompakt geschlossen, sortiert er sich sogar teilweise in die Viererabwehrkette ein.

Dann wird es etwas asynchron, was sicher den verschiedenen Talenten der beiden offensiven Außenbahnspieler geschuldet ist. Öztürk verschob sehr weit nach vorn, praktisch auf eine Höhe mit den beiden Stürmern. Wird er mit einem guten Pass in Szene gesetzt, kann er so seine immensen Stärken im eins gegen eins ausspielen, die er, bis zu seiner Auswechslung (die hoffentlich eine reine Vorsichtsnahme war), eindrucksvoll demonstrierte. Ihn bekamen die Magdeburger Verteidigern nie in den Griff. Möhwald auf rechts agiert deutlich tiefer, weil er das Spiel lieber vor sich hat und weil er mit Odak einen passstarken Außenverteidiger hinter sich weiß, und sie in dieser Konstellation die Strafraumnäherung eher mit Kombinationen anstreben. Gut bei Möhwald war, dass er – wann immer sinnvoll und möglich – in den Strafraum drang und dort den Abschluss suchte. Verbesserungswürdig ist sein Spiel ohne Ball, exemplarisch sei hier eine Szene aus der zweiten Halbzeit erwähnt, Tunjic hat auf dem rechten Flügel den Ball, wird gedoppelt, Möhwald läuft vor ihm in den Strafraum, statt an die Außenlinie, um auf diese Weise einen der beiden Verteidiger von Tunjic wegzuziehen. Angriff zu Ende.

Solange Öztürk auf dem Platz war, hat mir sogar die Spielweise mit zwei Mittelstürmern gut gefallen. Beide, also Bandstetter und Tunijc, bewegten sich viel: Tunjic sehr oft nach rechts, um Passoptionen mit Möhwald und dem nachrückenden Odak zu öffnen. Brandstetter bot sich als Relaisstation für das zentrale Mittelfeld an, oder rückte in die linke Halbposition in Richtung Öztürk. Überhaupt machte Brandstetter ein überzeugendes Spiel: wenig Ballverluste, gute Ballan- und mitnahmen, stets den Torabschluss suchend. Für alle Offensivspieler gilt, dass die Chancenverwertung mangelhaft war und sie sich in der ein oder anderen Situation schneller vom Ball trennen müssen.

Ein Wort zu Fillinger, der für Öztürk kam: Alibifußball!

Richtig Bauchgrimm verursacht mir die Torwartposition. Klewin wirkte auch gegen Magdeburg hypernervös und leistete sich in der 2. Halbzeit einen Riesenbock, der fast zum 0:2 geführt hätte. Kornetzky scheint mir ein richtiger Obersympath zu sein, aber ob er (momentan) der bessere Torwart ist, vermag ich nicht zu beurteilen.

Und, last but not least, die neueste Version der von mir erwarteten Startaufstellung gegen die Stuttgarter Kickers. Ein 4-4-2 mit zwei Stürmern, vor allem wohl auch deswegen, weil sich personelle Alternativen dazu (Strangl, Fillinger, Derici, Göbel) nicht wirklich anbieten:

Rot-Weiß Erfurt vs. RW Oberhausen: Wenn selbst Siege Trauer tragen

Fokussiert: Dominick Drexler  / © www.fototifosi.de

Irgendwann Mitte der ersten Halbzeit vergab Marcel Reichwein seine zweite und – wie sich zeigen sollte – letzte Torchance in diesem Spiel, in diesem Stadion, für diesen Verein. Einer der Dauerkarteninhaber um mich herum, noch nie ein großer Reichwein-Freund, jaulte auf und schimpfte: «Mein Gott, den muss er doch machen.» Eine zugegeben vergleichsweise harmlose Bemerkung, die ich normalerweise ignorieren würde. Nicht so am Samstag. Ich konnte nicht anders und wies ihn darauf hin, dass selbst die ganz Großen dieses Sport mitnichten all ihre Torchancen zu nutzen wissen und es mir überdies rätselhaft sei, wieso man dieser Tatsache nicht einmal im letzten Spiel von Marcel Reichwein Rechnung tragen kann. Sowie der Tatsache von 29 Toren und 16 Torvorlagen in zwei Drittligaspielzeiten. Wir haben dann in der Halbzeit ein Bier zusammen getrunken und uns wieder vertragen. Er war – wie ich, wie viele – einfach nur sauer, dass es wieder nichts wird mit dem Aufstieg (oder wenigstens der Relegation) und aus alter Gewohnheit bot sich unser Mittelstürmer als Zielscheibe an. Eine Enttäuschung die ich, wie gesagt, völlig nachvollziehen kann, da ich sie selbst empfinde. Nur weiß ich auch, dass Defätismus, Resignation und Schuldzuweisungen die denkbar ungeeignetsten Reaktionen auf erlittene Niederlagen darstellen.

Für Oberhausen nur noch ein Freundschaftsspiel

Aus offensichtlichen Gründen muss man zum Spiel selbst nicht allzu viele Worte verlieren. Oberhausen war abgestiegen und spielte auch so. Dadurch hatte das Geschehen auf dem Rasen, spätestens nach dem 2:0, Freundschaftsspielcharakter. Der RWE musste gewinnen – und spielte auch so. Die Mannschaft, der von einigen bereits eine Söldnermentalität attestiert wurde, gewann die letzten drei Spiele der Saison. Muster ohne Wert, leider. Auch unentwegtes Aktualisieren des Wischtelefons in Tateinheit mit irrationalem Anflehen höherer Mächte half nichts: Der Liveticker des SV Sandhausen meldete um 15.17 Uhr die Niederlage. Ihre, vor allem aber unsere. Nie war ein Sieg so sinnlos. So meine Gemütslage, als ich – passenderweise nass wie ein begossener Pudel – wieder auf dem Heimweg war.

Größere Enttäuschung als letztes Jahr

Meine Enttäuschung über die abgelaufene Saison ist dramatisch größer als im letzten Jahr. In der letzten Spielzeit rechnete ich über lange Phasen nicht damit, dass der RWE irgendetwas mit dem Aufstieg zu tun haben würde. Und, ganz entscheidend, ich traute es der Mannschaft vor allem fußballerisch nicht zu. Dann kam der Sieg in Dresden und plötzlich schien alles möglich. Daraufhin wurde in Wiesbaden gewonnen und plötzlich war alles möglich. Schließlich stürzte das ganze Kartenhaus gegen Regensburg und Ahlen wieder zusammen. Das alles spielte sich zeitlich sehr gedrängt ab. Wie in einem schlechten Film: Der Held sieht seine seit Jahren vermisste Geliebte plötzlich auf der anderen Straßenseite. Er lächelt, sie lächelt. Er rennt mit ausgebreiteten Armen auf sie zu. Dann überrollt ihn der Bus. THE END.

Ganz anders in diesem Jahr. Um das Bild ein letztes Mal zu gebrauchen: In dieser Spielzeit hat uns der Bus gleich mehrmals überfahren. Soweit die Emotionen. Nun zu den Fakten.

Die Zugänge waren Verstärkungen

Vor der Saison war die sportliche Leitung (im Wesentlichen also Stefan Emmerling) genötigt zahlreiche Abgänge durch neue Spieler zu ersetzen. Das gelang wie bereits im Jahr zuvor bemerkenswert gut: Morabit, Rickert, Rauw, Oumari, Manno und Ofosu-Ayeh gehörten über die ganze Saison hinweg zu den 16 bis 17 Spielern der Kernmannschaft. Morabits Verpflichtung war sogar ein kleiner Geniestreich. Der Franzose wurde vom saarländischen Oberligisten SF Köllerbach verpflichtet und schon im Vorbereitungsspiel gegen Werden Bremen war seine spielerische Klasse nicht zu übersehen. In der Innenverteidigung wurde Routine (Rauw) und Perspektive (Oumari) verpflichtet. Beides Verteidiger, die fußballerisch besser sind als Möckel, Hillebrandt und Pohl. Wer das nicht wahrhaben will, erinnere sich an das zuweilen atemberaubend dilettantische Gekicke vor dem eigenen Tor in den letzten Jahren. Etwas, das man in dieser Saison kaum zu ertragen hatte. Natürlich auch dank eines immer wertvoller werdenden Tom Betram. Mit Ofosu-Ayeh wurde ein 19 Jahre alter Nachwuchsspieler aus Wilhelmshaven geholt, dessen Saison Licht und Schatten aufwies, der aber eindeutig ebenfalls auf der Habenseite von Emmerlings Verpflichtungen zu verorten ist. Für alles, was er auf dem Platz geleistet hat, trifft das gleichermaßen auf Gaetano Manno zu. Von Hause aus ein Stürmer hat er im offensiven Mittelfeld mehrheitlich gute, engagierte Spiele geboten. Das ist keineswegs selbstverständlich, da er hier deutlich mehr Defensivarbeit leisten muss, wozu er klaglos bereit und in der Lage war.

Während der Winterpause konnte sich der Verein zudem mit Marco Engelhardt auf einen langfristigen Vertrag einigen. Und, obwohl er quasi ein Jahr keinen Fußball mehr gespielt hatte, gelang ihm bereits in Bremen der Sprung in die Stammelf. Angesichts dieser Verstärkungen ist Emmerlings Aussage, dass die Mannschaft spielerisch besser sei als jene der letzten Saison völlig nachvollziehbar. Wir halten fest: mehr spielerische Qualität bei kleinerem Etat. Schon rechnerisch war das nur möglich, weil der RWE mit 23 Spielern den numerisch kleinsten Kader aller Drittligamannschaften aufwies (Quelle: transfermarkt.de).

Viele Spiele wurden von Kleinigkeiten entschieden

Warum hat es dann trotzdem wieder nur zu Platz 5 gereicht? Nun, ich glaube nicht, dass es hierfür eine monokausale, alles erfassende, quasi mohrensche Antwort gibt. Jedenfalls keine plausible. Eine Ursache liegt meines Erachtens in der immensen sportlichen Ausgeglichenheit der Liga. Es gab eine Unmenge enge Spiele. Spiele in denen Kleinigkeiten und Zufälle den Ausschlag gaben. In einigen dieser Spiele hatte die Mannschaft schlichtweg Pech, in anderen vergab sie Führungen durch mentale und taktische Leichtfertigen, wobei Ersteres meist Letzterem vorausging. Natürlich wurden taktische Fehler gemacht, nicht alle vom Trainer erdachten Spielpläne gingen auf und manchmal, ja manchmal, verlor man gegen eine an diesem Tag schlichtweg bessere Mannschaft. Was aber vergleichsweise selten vorkam.

In einer separaten Saisonanalyse werde ich darauf noch detaillierter zu sprechen kommen. Wie ausgeglichen der gesamte Wettbewerb 3.Liga war, sollen hier schon mal einige Zahlen verdeutlichen.

Extrem hohe Leistungsdichte

Die längste Siegesserie aller Mannschaften (8 Siege in Folge) bescherte dem VfR Aalen (bei ansonsten durchschnittlicher Bilanz) den direkten Aufstieg. Eine ähnliche Sequenz der Chemnitzer nach der Winterpause katapultierte die Sachsen zwischenzeitlich von sehr weit unten auf den Relegationsplatz. Gerade mal 22 Punkte liegen zwischen dem Tabellenführer (Sandhausen, 66) und dem ersten Nichtabstiegsplatz (Babelsberg, 44). In den bisherigen Spielzeiten war der Abstand (meist deutlich) größer: 08/09 – 38 Punkte, 09/10 – 23, 10/11 – 49. Der Tabellenvierzehnte Darmstadt verlor nur drei Spiele mehr als Primus Sandhausen. Burghausen, Tabellensechster, verlor sogar drei Partien weniger (7) als der Spitzenreiter (10). Die 18 Unentschieden der Oberbayern (zwei davon gegen den RWE) werden wohl ein Rekord für die Drittligaewigkeit bleiben.

Es fühlt sich nicht so an, aber es war eine gute Saison

Nüchtern betrachtet hat die Mannschaft des FC Rot-Weiß Erfurt unter ihrem Trainer Stefan Emmerling erneut eine gute Drittligasaison gespielt. Der fünfte Platz lässt wenig Raum für andere Interpretation. Im Grunde wurde die Mannschaft ein Opfer der durch sie selbst entfachten Erwartungen. Die frustrierende Erfahrung scheinbar leichtfertig vertaner Aufstiegschancen teilen wir allerdings mit den Anhängern anderer Vereine: siehe Chemnitz, siehe Burghausen, siehe Heidenheim, siehe die Offenbacher Kickers. Auch die wurden das ein oder andere Mal vom Bus der eigenen Illusionen überrollt, auch die hatten beständig (Burghausen, Offenbach, Heidenheim) oder zum Ende (Chemnitz) die Aufstiegsplätze vor der Nase. Das wird in Erfurt niemanden trösten, sollte aber Anlass genug sein, über die vermeintliche Singularität hiesigen Elends hinwegzukommen.

Das Wichtigste zum Ende dieses Postings: Wie die meisten bereits wissen, hat sich unser U18-Nationalspieler Johannes Bergmann am Sonntag beim Spiel gegen den VfL Osnabrück schwer verletzt. Ihm wünschen wir alles erdenklich Gute, vor allem jedoch baldige und vollständige Genesung. Kopf hoch, Johannes!

Wacker Burghausen – RWE 1:1 / So wird das (wieder) nichts

Smail Morabit isoliert / © www.fototifosi.de

Der Beginn des Spiels war ebenso grandios wie das Wetter. Die Erfurter präsentierten sich hellwach und gingen mit 1:0 in Führung. Der Gegner drängte auf den schnellen Ausgleich, spielte sich jedoch ein ums andere Mal in der Defensive des RWE fest. Stefan Emmerling gefiel, was er sah. Bedauerlich für ihn: es war nicht seine Mannschaft die da auf dem Platz stand, sondern die A-Jugend des RWE, die dem hoch favorisierten Nachwuchs des Multimillionen-Klubs Hamburger SV keine Chance ließ und am Ende 3:0 gewann. Auf die bemerkenswerte Vorstellung unserer U19 komme ich noch zu sprechen.

Morbus Erfordensis

Knapp 24 Stunden zuvor lief es ähnlich und doch völlig anders. Nach 4 Minuten traf Morabit – nach schöner Vorarbeit von Drexler – zur 1:0 Führung. Danach verzichtete der RWE bis zum Halbzeitpfiff auf jegliche Angriffe, die diese Namen verdient gehabt hätten. Das Beste war noch das Resultat, mit dem es in die Kabine ging. Der Rest war Kopfschütteln Verzweiflung ob eines für mich unerklärlichen, quasi linearen Leistungsabfalls innerhalb dieser Halbzeit. Wie gesagt, den Höhepunkt des Offensivspiels stellte das frühe Tor dar. Das Verteidigen klappte bis zur 30. Minute halbwegs zufriedenstellend, dann schlichen sich auch hier Konzentrationsmängel ein, aus einem resultierte der Ausgleich. Dass aus weiteren nicht die Führung für Burghausen hervorging, war pures Glück. Wäre alles verschmerzbar gewesen, hätte man es mit einem starken Gegner zu tun gehabt. Aber diese Charakterisierung traf auf Burghausen nicht zu: Fehlerhaft in der Abwehr, mit großen Defiziten im Spielaufbau und daraus folgend erheblichen Schwierigkeiten konstruktive Angriffe vorzutragen. Da kam den Bayern der Morbus Erfordensis gerade Recht – jene unausgeforschte Krankheit, die sich meist einstellt, wenn der RWE im Begriff ist etwa erreichen zu können. Symptome: Quasi alle vertikal gespielten Bälle landen beim Gegner, naives Zweikampfverhalten, leichtfertige Fehler in der Abwehr. Am 7. Mai letzten Jahres gab es den letzten dramatischen Ausbruch dieser Seuche. Beim 3:4 in Ahlen, nachdem die Mannschaft je zweimal mit zwei Toren in Führung lag. Opfer: der Relegationsplatz und zahllose gebrochene Fan-Herzen.

Nach der Pause – nicht gut, aber besser

Nicht zum ersten Mal in dieser Saison gelang Stefan Emmerling in der Pause so etwas wie eine kleine Wunderheilung. Er nahm Drexler heraus und brachte Weidlich. Eine Auswechslung verdient gehabt, hätten einige Spieler mehr. Allen voran Marcel Reichwein, dessen Zweikampf- und Passquote in den ersten 45 Minuten man nicht umhin kommt, unterirdisch zu nennen. Das Spiel der Kontrahenten stabilisierte sich fortan auf überschaubarem Niveau. Wie Mannschaften die unbedingt in die zweite Liga gehören, agierten beide Teams nicht. Der RWE hatte die qualitativ etwas besseren Chancen und war spielerisch leicht überlegen. Seine drei Großchancen konnte Reichwein jedoch nicht verwerten, diesbezüglich kein Vorwurf an ihn, das kann vorkommen.

Für den theoretischen Fall, jemand hätte mir vor dem Spiel vertraglich einen Punkt in Burghausen garantiert, dann hätte ich (nach kurzem Zögern) unterschrieben. Insofern ist das Unentschieden bei einem kampf- und heimstarken Gegner, der das gleiche Saisonziel verfolgt (nämlich den Aufstieg in die 2. Liga) völlig in Ordnung. Das Problem ist der (zumindest mir) rätselhafte Einbruch des RWE in der ersten Halbzeit. Nachdem man schnell in Führung gegangen war. Derartige Phasen darf sich eine Mannschaft nicht leisten, die bis zum Ende um den 3. Platz mitzuspielen gedenkt. Am Mittwoch bereits gibt es in Darmstadt die Gelegenheit, diesen Anspruch wieder deutlich werden zu lassen.

U19-Junioren / Moderner Fußball

Noch einige Anmerkungen zum Spiel unserer U19 gegen den HSV. Nachdem man in der Vorrunde bereits gegen den amtierenden deutschen Meister Wolfsburg gewonnen hatte, war es nicht mal der Sieg an sich der so bemerkenswert war. Es war die über 90 Minuten hoch konzentrierte, technisch-taktische Leistung des von Christian Preußer trainierten Teams. Hier gewann kein David mit rein kämpferischen Mittel und ein bisschen Glück gegen einen spielerisch überlegenen Goliath. Fußballerisch befanden sich beide Mannschaften völlig auf Augenhöhe. Der RWE gewann, weil er zum einen vor dem Tor zielstrebiger agierte: das Offensivspiel war breit gefächert angelegt, die beiden Spitzen bewegten sich permanent, die Außen schalten sich fast immer in die Angriffe ein und nutzen spielintelligent ihre Räume oder schafften diese erst, indem sie die gegnerische Abwehr zum Verschieben auf eine Seite zwangen. Zum anderen zeichnete sich die Mannschaft durch eine fast schon sensationelle Kompaktheit im Defensivverhalten aus. Die Viererkette hatte die Vorgabe des Trainers sehr hoch zu stehen, Bergmann und Torhüter Klewin organisierten dies lautstark. Preußer verzichtete auf ein kraftraubendes aggressives Pressing, die Mannschaft stellte jedoch (mit den Angreifern beginnend) die Passwege für den HSV geschickt zu. Aufgrund der hoch stehenden Viererkette wurde es im Mittelfeld sehr eng für den HSV. Im Resultat gelang es den Hamburgern so gut wie nie, sich vor das Tor des Erfurter Nachwuchses zu kombinieren. Last but not least, war es ein überragender Patrick Göbel, der zwei Tore schoss und zudem mit seinen Standards immer wieder für helle Aufregung im Strafraum des HSV sorgte.

Fazit: Die U19 des RWE wies an diesem Tag keine Schwachpunkte auf, wohl aber ragten einige Spieler heraus: Neben Göbel ist hier Abwehrstratege Johannes Bergmann zu nennen, sowie der gleichermaßen mit Spielübersicht auffallende, wie robuste Maik Baumgarten. Der Verein hat mit dieser U19-Mannschaft das wohl begabteste Nachwuchsteam beisammen, seit Clemens Fritz, Marco Engelhardt und Norman Loose in dieser Altersklasse spielten. Er sollte etwas daraus machen, sonst werden sich andere bedienen. Wie anders soll ich mir die Anwesenheit von Aues Sportdirektor Steffen Heidrich erklären, der es vorzog sich die RWE-Talente anzusehen, statt einem eminent wichtigen Spiel seiner Mannschaft in Rostock beizuwohnen.