Tag Archiv für Drazan

Rot-Weiß Erfurt vs. Jahn Regensburg 2:3 / Rot-Weiße Bravehearts

RWE vs. Regensburg

Ich erwartete ein munteres Drittligaspiel, bestritten von zwei Mannschaften, deren Stärken eher in der Offensive liegen. Ich sah ein aufregendes Spektakel, dessen spielentscheidende Szene noch immer nicht vollständig geklärt ist. Vor allem sah ich aber eine großartig kämpfende Erfurter Mannschaft, die kurz davor stand eine fußballerische Sensation Wirklichkeit werden zu lassen. Aber auch wenn diese nicht gelang, sollten sich die Anhänger des FC Rot-Weiß an der großen Moral ihres Teams erfreuen, anstatt sich bis zum Überdruss an der Leistung des Schiedsrichters abzuarbeiten.

Motto des Spiels:

Let’s stay together!

Die Aufstellung:

Keine Überraschung in der Startformation.

Taktiksplitter:

Dazu würde ich mehr schreiben, wenn es ein ganz normales Spiel gewesen wäre. Denn das Aufeinandertreffen des Erfurter 4-4-2 und des Regensburger 4-2-3-1 war schon fast prototypisch für ein Spiel, in dem diese Systeme gegeneinander antreten. Nur so viel: Regensburg machte in der Offensive das Spiel sehr breit, der ballferne offensive Außenbahnspieler blieb (fast immer) auf seiner Seite. Über schnelle diagonale Spielverlagerungen sollte dieser ins Spiel gebracht und der freie Raum genutzt werden, was vor allem über unsere rechte Abwehrseite einige Male gelang. Auch, weil sich Drazan nicht wirklich an der Abwehrarbeit beteiligte. Ganz anders das Erfurter Spiel. Hier rückt der ballferne Außenspieler (fast immer) ins Zentrum, um bei der systembedingten Vakanz des 10er-Raums eine zusätzliche Anspielstation zu bieten. Dies klappte beim Zuspiel von Möhwald auf Strangl, das zum Elfmeter führte, ausgezeichnet. Damit sind wir schon bei der ersten diskutablen Entscheidung des Spiels. Ich denke, es ist unstrittig, dass der Regensburger die Hand bereits vor dem Strafraum an Strangs Trikot hat. Das spielt aber keine Rolle, wenn diese sich noch dort befindet, sobald Strangls Fuß die Strafraumlinie berührt. Ich habe es mir einige Male angesehen: Es ist – so oder so – nicht wirklich zweifelsfrei zu erkennen.

Das Coaching:

Es gab einiges Murren um mich herum, als Kogler nach Möhwalds Feldverweis Brandstetter für Baumgarten auswechselte. Bei diesem Spielstand (1:1), in dieser Spielminute (34.) und angesichts der Spielstärke des Gegners hätten 100 von 100 Trainern so gewechselt. Bei Unterzahl in dieser Phase des Spiels kann es nur darum gehen, defensive Stabilität herzustellen, was in der Folge ja auch ganz gut gelang – bis die Unterzahl dann, nach Czichos Platzverweise, eine Zweifache wurde.

Kogler ließ Drazan in der Kabine und brachte für ihn Andreas Wiegel. Ein völlig nachvollziehbarer Wechsel, weil Drazan sich schlichtweg nicht an die defensive Zuordnung hielt, weshalb der Jahn vor allem über unsere rechte Abwehrseite gefährlich wurde. Je näher das Ende der Saison rückt, desto mehr beschleicht mich bei Drazan der Eindruck, dass er vor allem über gute Offensivaktionen potenzielle neue Arbeitgeber auf sich aufmerksam machen möchte. Seine individuellen Stärken sind unbestritten, verweigert er aber die Arbeit gegen den Ball, gehört er auf die Bank. Punkt.

Spieler des Tages:

Marco Engelhardt. Mal wieder. Bis zum 1:1 ein solides Spiel von ihm, danach überragend. Etwas zugespitzt könnte man behaupten: Je weniger eigene Mitspieler auf dem Feld standen, desto besser wurde Engelhardt. Jammerschade, dass sein Freistoß kurz vor Ultimo das Ziel knapp verfehlte. Ein Tor wäre die Krönung gewesen.

Bilanz des Spiels:

Die Schlüsselszene des Spiels datiert sich auf die 31. Spielminute. Es wird noch immer unterschiedlich darüber berichtet, was zum Elfmeter für Regensburg und zur Gelb-Roten Karte für Möhwald führte. Laut Spielberichtsbogen von fussballdaten.de und kicker.de, die, soweit ich erfahren habe, auf dem Spiel-Protokoll des DFB beruhen, wird ein Foulelfmeter für Regensburg aufgeführt. Und vermutlich, infolgedessen, die Gelb-Rote Karte wegen Foulspiels für Möhwald. Diese Sichtweise ließe die Entscheidung von Willenbork zumindest einigermaßen konsistent dastehen. Wenn sie auch, mit einiger Wahrscheinlichkeit, falsch war. Hier bieten die TV-Bilder des mdr allerdings ebenfalls keine letzte Gewissheit. Mein Eindruck im Stadion war: Möhwald berührt den Regensburger gar nicht, eine Wahrnehmung, die durch die Fernsehbilder nicht widerlegt aber eben auch nicht zweifelsfrei bewiesen wird. Die Riesen-Verwirrung um die Szene entsprang einer vielfach wiederholten Fehlinterpretation, Quelle: mdr-Spielbericht, der zufolge ein (vermeintliches) Handspiel von Möhwald ursächlich für den Elfmeter gewesen sein soll. Diese Version ist noch heute so in der TLZ zu lesen. Dabei war es eindeutig Odak der nicht Hand spielte. Wofür Möhwald dann Gelb-Rot sah, ist noch immer offen: Foulspiel oder doch Reklamieren? Wie auch immer, danach war das Spiel ein anderes. Regensburg wollte sich die Führung erspielen, der RWE ließ nicht viel zu und hatte mit Kammlotts Kopfballmöglichkeit sogar die bessere Chance. Ein zweites Mal änderte sich die Statik des Spiels komplett mit der Herausstellung von Czichos. Fingerspitzengefühl hin oder her, er darf diesen Zweikampf an der Seitenlinie einfach nicht so führen. Wie kaum anders zu erwarten, spielten die Regensburger weiter geduldig auf den Führungstreffer. Wie der dann fiel, ließ das Steigerwaldstadion vollends zum Tollhaus werden. Allein: das war ein reguläres Tor, es gab keine aktive Bewegung der Hand von Muhovic zum Ball. Sieht blöd aus, ist bitter – alles keine Frage. Trotzdem war die Anerkennung des Tores regelkonform. Man kann über die Regel diskutieren, es ist aber müßig, über deren korrekte Auslegung durch den Schiedsrichter zu lamentieren.

Die eigentliche Sensation war allerdings, wie die Erfurter Mannschaft auf den Rückstand reagierte. Statt wie die Lemminge auf weitere Tore der Regensburger zu warten, wurde nun volles Risiko gegangen, in der Abwehr und im Mittelfeld wurde nur noch eins gegen eins verteidigt und vorne erzwang man den Ausgleich. Nicht mittels eines irgendwie hineingewürgten Standards, sondern durch Zweikampfpräsenz, Druck und spielerische Mittel. Mit zwei Spielern weniger auf dem Feld, man es kann es gar nicht oft genug wiederholen. Es war dann auch eine feine Kombination, die zum zwischenzeitlichen Ausgleich durch den erneut unermüdlichen Kammlott führte.

Der Gegner:

Regensburg trat wie erwartet auf: fußballerisch versiert und begabt, mit Mängeln in der Chancenverwertung und in der Defensive. Sie sind nur knapp einer Blamage entgangen, die ein erneuter Erfurter Ausgleich zwangsläufig dargestellt hätte.

Die Konsequenzen:

Platz vier in der Liga kann man jetzt völlig vergessen. Wird zudem interessant, wen Kogler am Samstag in Chemnitz auf den Platz schickt. Man kann nur hoffen, dass Laurito wieder einsatzfähig ist. So oder so wird die Besetzung der beiden Außenverteidiger-Positionen ein schwieriges Unterfangen werden.

Die Öffentlichkeit:

Ist mir alles zu fokussiert auf den Schiedsrichter. Der, ich sage es gern noch einmal, sicherlich keinen guten Tag hatte. Mir ist viel wichtiger zu betonen: eine großartige kämpferische Leistung der Mannschaft, die nicht verdient hat, im großen Schiri-Gemotze unterzugehen.

Die Aussichten:

Nordhausen. Alles andere: sekundär. Vorläufig.

Wenn ich der Trainer wäre …

… würde ich mir über das Spiel gegen Chemnitz erst Gedanken machen, nachdem wir morgen im Südharz – hoffentlich – gewonnen haben. Und ich würde Christopher Drazan auf einen Plausch bitten. Thema: Du hilfst uns nur, wenn Du diszipliniert spielst. Heldenfußball braucht kein Mensch!

Rot-Weiß Erfurt vs. SpVgg Unterhaching 2:0 / Sans Souci!

RWE vs. HachingNoch sorgenvoll und etwas grantig blickend: Walter Kogler

Schlecht gespielt und gewonnen folgt auf gut gespielt und nicht gewonnen. Mit diesem Satz lassen sich die beiden letzten Begegnungen der Erfurter Rot-Weißen auf den Punkt bringen. Erneut zwangen Walter Kogler widrige Umstände, die Mannschaft massiv umzubauen. Das wäre beinahe schief gegangen. Beinahe.

Motto des Spiels:

I can see for miles!

Die Aufstellung:

«Die personelle Situation entspannt sich.» Stand hier nach dem Spiel gegen den Nachwuchs des VfB zu lesen. Stimmte auch, bis sich gestern vor dem Spiel Andre Laurito verletzte. Schlimmer konnte es kaum kommen. Kogler war genötigt, die komplette Abwehrkette umzubauen (da ja Kleineheismann ebenfalls fehlte). Engelhardt und Czichos hatten beide schon in der Innenverteidigung gespielt, nur eben nicht zusammen. Beides sind Linksfüße, sodass Engelhardt zudem gezwungen war, die rechte Position der beiden Innenverteidiger einzunehmen. Kreuzer kann nur rechts spielen, deshalb musste Odak auf die linke Seite wechseln. Zu allem Überfluss war die Mannschaft damit auch «kleiner» geworden, was für eventuelle Standards der Unterhachinger keine gute Aussicht war. Es gibt gewiss Zeitgenossen, die an dieser Stelle einwenden werden, dass das ja alles Profis sind, die den ganzen Tag nichts anderes tun als Fußball spielen. Und deshalb mit so einer Situation umgehen können sollten. Stimmt, und das haben sie dann ja auch sehr passabel getan. Nur ist es eben so, dass ein Abwehrverbund, wie der Name schon sagt, eine kollektive Angelegenheit ist und diese Gruppenharmonie gewisse trainierte Mechanismen bedarf. Zum Beispiel müssen die Abstände untereinander stimmen, es muss die Distanz zum Mittelfeld eingehalten werden (nicht zu groß aber auch nicht zu klein). Es sollten die Kommandos zum Herauslaufen klar sein – wenn der Gegner Abseits gestellt werden soll, etc. Deshalb rotieren Trainer in der Abwehr nicht ohne Not, selbst wenn sie dies in den übrigen Mannschaftsteilen fast schon zum Stilprinzip erhoben haben, wie z.B. Guardiola bei den Bayern. Es wäre verwunderlich gewesen, wenn diese massiven Umbauten keine Leistungseinbuße zur Folge gehabt hätte.

Taktiksplitter:

Wieder das altbewährte 4-4-2, diesmal mit Pfingsten und Möhwald auf der Doppelsechs. Ein Gespann, dass keine schlechte Bilanz vorzuweisen hat. Die Bilanz ist gestern noch besser geworden, diesmal muss man aber etwas frech behaupten: Nicht wegen, sondern trotz ihnen! Beide hatten sich einen gebrauchten Tag andrehen lassen. Wer das Zentrum beherrscht, der beherrscht das Spiel. Gestern waren das ganz eindeutig die Jungs von Christian Ziege. Pfingsten-Reddig mit den – leider – schon gewohnten Lässigkeiten in der Defensive. Typisch eine Szene aus Halbzeit eins, in der – nach einem Ballverlust – die Hachinger im Umkehrspiel angreifen. Pfingsten versucht den Konter zu unterbinden, wird aber ausgespielt und muss dann eigentlich das Foul nehmen (und evtl. Gelb riskieren), tut das aber nicht, lässt den Hachinger laufen, was sich Sekunden später in direkter Torgefahr niederschlägt. Hinzu kamen – von beiden Akteuren – etliche Fehlabspiele.

Ein weiteres Problem des RWE-Angriffspiels waren die Flügel. Vor allem wirkte sich aus, dass Drazan diesmal nicht von Czichos unterstützt werden konnte, sowohl beim Aufbau der Angriffe, als auch was seine Sicherung nach hinten betraf. Hier wurde dann eine Schwäche der Lauterer Leihgabe offenbar, sein Spiel gegen den Ball. (Man ist geneigt zu sagen: ein notorisch österreichisches Defizit). Was dann wiederum Kogler auf die Palme brachte, der seinen jungen Landsmann einige Male heftig ermahnte.

Das Coaching:

Für mich waren alle Wechsel nachvollziehbar, wenn sie auch nicht wirklich die gewünschten Resultate zeitigten.

Spieler des Tages:

Marco Engelhardt. Nicht fehlerfrei auf doppelt ungewohnter Position und ohne Unterstützung wenigstens eines gelernten Innenverteidigers. Trotzdem machten er und Czichos das ziemlich gut. Er sah sich – angesichts der Schwäche der beiden 6er im Spielaufbau – zunehmend auch dafür verantwortlich und schlug in Halbzeit zwei einige sehr brauchbare Pässe. (Klar hätte ich auch Kammlott nennen können, aber ich habe den Verdacht, sein Name wird hier ohnehin noch einige Mal auftauchen).

Bilanz des Spiels:

Ein Sieg, der so wichtig war, dass es fast schon irrelevant ist, wie er zustande kam. Jetzt hat RWE 10 Punkte Vorsprung auf die Abstiegsplätze, bei sieben noch ausstehenden Spielen ist da nichts mehr zu befürchten. Zu einem frühen Zeitpunkt kann die Planung für die neue Saison verbindlich betrieben werden. Das ist ein Wettbewerbsvorteil und ich bin sehr optimistisch, dass Hörtnagl und Kogler den zu nutzen wissen.

Der Gegner:

«Nicht immer schön hinten rausspielen», hatte Ziege vor dem Spiel im kicker postuliert. Seine Jungs hielten sich nicht daran und wären – beinahe – dafür belohnt worden. Man muss schon ein Herz aus Stein haben oder rein gar nichts von Fußball verstehen, wollte man den Hachingern absprechen, gestern Abend nicht mindestens einen Punkt verdient gehabt zu haben. Es kam anders, gut für uns, schlecht für das talentierte Team aus Oberbayern.

Noch vor einigen Jahren hätte man das Folgende gar nicht erwähnen müssen, aber derzeit greift die Unsitte um sich, einfach weiter zu spielen, wenn ein verletzter Spieler des Gegners am Boden liegt. Nicht so Unterhaching, die haben zweimal den Ball ins Aus gespielt. Wohlgemerkt: Mitte der 2. Halbzeit, bei einem 0:1-Rückstand und während einer eigenen Druckphase. Großartig!

Die Konsequenzen:

Platz vier ist immer noch möglich, wenn auch schwierig, da Wehen ebenfalls gewann und irgendwie einen Lauf zu haben scheint.

Die Öffentlichkeit:

Ich habe es so vermisst – die Nörgelei in den Foren nach einem Sieg. Allemal besser als das konsternierte, entsetzte Schweigen nach den Spielen gegen Kiel und Elversberg. Die TA verblüfft ein bisschen mit dem offenkundigen Gegensatz eines eher negativen Spielberichts und guter Einzelnoten für die Spieler.

Die Aussichten:

Aus bereits beschriebenen Gründen: blendend. Man kann die Saison ambitioniert (DFB-Pokal) aber in Ruhe zu Ende spielen. Ich hoffe nur, dass sich die schlimmsten Gerüchte hinsichtlich der Verletzung Lauritos nicht bestätigen und er wirklich nur für das Spiel in Heidenheim ausfällt.

Sollte Heidenheim heute Abend verlieren, wird dort das ganz große Flattern losgehen. Könnte am Samstag ein spektakuläres Spiel werden, dazu ist aber – ganz klar – eine Leistungssteigerung des gesamten Teams vonnöten.

Wenn ich der Trainer wäre …

… würde ich schon viel an die nächste Saison denken. Es gibt in allen Mannschaftsteilen eine Menge zu verbessern. Es reicht eben nicht aus, nur ab und an mit den Besten der Liga mithalten zu können. Um ernsthaft oben dabei zu sein, muss schlichtweg mehr Konstanz auf hohem Niveau her. Das ist leicht daher geschrieben, ich weiß. Aber wir nähern uns der mystischen Zahl 2016, von daher drückt es nur aus, was sich der Verein selbst auf die rot-weißen Fahnen geschrieben hat.

Wehen Wiesbaden vs. Rot-Weiß Erfurt 1:1

wehen-rweBlechbüchse hin, Wellblechpalast her – wen es fasziniert, ein Fußballspiel aus möglichst großer Nähe zu verfolgen, für den gibt es wahrlich miesere Orte als die Wiesbadener BRITA-Arena.

Walter Koglers Aufstellung bot nicht die geringste Überraschung. Patrick Göbel hatte sich, mit einer guten Vorstellung in Duisburg, erneut in die Startelf gespielt. Der Rest der Mannschaft stellt sich momentan (noch) nahezu von selbst auf. Die Rückkehr Möhwalds auf dem Spielberichtsbogen zeigt an, dass sich dies bald ändern könnte.

Rot-Weiß begann druckvoll und ging mit einer großartigen Kombination nach fünf Minuten folgerichtig in Führung. Wie schon in Duisburg leitete Pfingsten-Reddig das Tor mit einem schönen Pass ein, Drazan bestätigte (nicht nur in dieser Szene) wie wertvoll er bereits jetzt für die Mannschaft ist, und Kammlott tat, wofür man ihn verpflichtet hat und netzte routiniert ein. Die anschließenden 20 Minuten dominierte RWE nach Belieben, was einen (!) Zuschauer auf der Haupttribüne zu einem halblaut vorgetragenen «Kienle raus»-Ruf animierte. Dem mochte sich niemand weiter anschließen, schon gar nicht, als sich das Spiel zusehends in Richtung Erfurter Abwehr drehte. Wiesbaden fand immer besser in die Partie und Vunguidica, Mintzel, Book und Jänicke bewiesen, dass sie eine Defensive zu beschäftigen wissen. Den Ausgleich möchte ich nicht exklusiv unserer Abwehr angelastet sehen. Jänicke kann ohne jeden Druck, wie im Training, präzise flanken, Odak und Laurito stehen dann allerdings natürlich zu weit weg vom Torschützen Mintzel. Die ganz heißen letzten fünf Minuten vor der Pause hatten nicht zuletzt ihre Ursache in der Verletzung Lauritos. Engelhardt rückte zwar sofort in die Innenverteidigung, aber die Zuordnung stimmte vorerst überhaupt nicht, sodass RWE diese Phase nur mit Glück ohne weiteres Gegentor überstand. Nach Wiederanpfiff waren beide Mannschaften bemüht zum Siegtor zu gelangen, allerdings war es ihnen noch wichtiger, nicht als Verlierer den Platz zu verlassen. Alles war unspektakulärer als in Halbzeit eins, es gab deutlich weniger Torchancen und am Ende stand dann eben ein so logisches wie leistungsgerechtes Remis.

Was gab es noch Bemerkenswertes? Engelhardt spielte nach der Pause (wieder einmal) Innenverteidiger und macht seine Sache exzellent. Als hätte er seit der B-Jugend nichts anderes getan. Das ist keineswegs selbstverständlich, weshalb ich es hier gesondert vermerke. Wenn er zentral in der Abwehr spielt, hat das zudem den Vorteil, dass sich einer der beiden Sechser nicht (oder zumindest seltener) für den Spielaufbau nach hinten fallen lassen muss und auf diese Weise eine zusätzliche Anspielstation im Mittelfeld zur Verfügung steht, zumindest theoretisch.

Luka Odaks Defensivleistung war – gegen einen agilen Mintzel und sieht man mal vom Tor ab – in Ordnung. Was mir bei ihm nicht gefällt sind leichte Passfehler in der Vorwärtsbewegung, da agiert er einfach zu hektisch. Er kann das besser, keine Frage, nur wäre es langsam an der Zeit, dies konstant unter Beweis zu stellen.

Sehr gut gefallen hat mir Maik Baumgarten. Bei ihm bin (war) ich mir nie ganz sicher, ob seine Leistungen schon für die dritte Liga genügen. Er wurde in Wiesbaden in einer diffizilen Spielsituation als zentraler Mittelfeldspieler eingewechselt und hat diese Aufgabe defensiv souverän bewältigt. Wach, aggressiv, schnörkellos. Es mangelt ihm auch keineswegs an Spielübersicht bei eigenen Angriffen. Klar, nicht jeder Ball kam zum Mitspieler, aber grobe Fehlabspiele leistete er sich ebenfalls nicht. Für mich einer der Gewinner dieses Spiels.

Womit wir bei unserem Kapitän wären. Zunächst einmal, auch von diesem virtuellen Ort aus, einen herzlichen Glückwunsch zum 200. Drittligaspiel, lieber Nils Pfingsten-Reddig. Ansonsten lädt seine Leistung, wie häufig in den letzten Spielen, zu einer differenzierten Betrachtung ein. Ich hatte schon erwähnt, dass es sein Pass war, der das Führungstor einleitete. In diesem Bereich liegt ganz eindeutig seine größte Stärke – wie kein anderer Akteur unseres Kaders ist er in der Lage «tödliche» Pässe zu spielen. Weniger zufrieden war ich erneut mit seiner Leistung im Defensivverhalten. Hier ist er mir oft zu statisch, zu wenig aggressiv. Vor allem bei Ballverlusten ist es spielentscheidend, dass die zentralen Mittelfeldspieler in der Lage sind, einen Angriff des Gegners zu unterbinden. Sei es mit ihrem Zweikampfverhalten, sei es mit dem Zustellen von Passwegen, sei es mit möglichst geschickten, geringfügigen Fouls. (Was nicht immer gelingt, wie die insgesamt 14 Gelben Karten von Engelhardt und Möhwald beweisen.) In dieser Rubrik seiner Arbeitsplatzbeschreibung ist mir Pfingsten-Reddig zu zögerlich und das sorgt in Folge immer wieder dafür, dass sich die hintere Viererkette massiven Problemen – in Form einer Überzahl von Gegenspielern – gegenübersieht. Deshalb war ich froh, dass Kevin Möhwald wieder im Aufgebot stand und wir im Mittelfeld über Optionen verfügen, die wir überdies wie die Luft zum Atmen benötigen, da Laurito mindestens zwei Spiele ausfallen und Engelhardt seinen Platz in der Abwehr einnehmen wird.

Wir haben wieder nicht gewonnen, ich weiß. Trotzdem kommen mir die Abstiegsunkenrufe etwas deplatziert, um nicht zu sagen hysterisch vor. Die Mannschaft spielt weder wie ein Absteiger, noch verliert sie jedes Spiel. Es ist zugegeben derzeit etwas zäh mit dem Punktekonto, allerdings bin ich optimistisch, dass sich dies bereits am Freitag gegen Holstein Kiel ändern wird.

Einmal abgesehen von der fortgesetzten Sieglosigkeit war das ein sehr angenehmer Ausflug nach Wiesbaden. Nicht zuletzt wegen meines Bloggerkollegen Gunnar, der im stehblog dem SV Wehen Wiesbaden schon lange die Treue hält und uns vor dem Spiel und in der Halbzeit bestens betreute. Vielen Dank!

Schmerzlich: Aykut Öztürk und Okan Derici verlassen Rot-Weiß Erfurt

öztürkIn der Kabine des FC Rot-Weiß Erfurt wird es geräumiger, Aykut Öztürk und Okan Derici haben den Verein in Richtung Türkei verlassen. Ob beide sich langfristig mit dem Wechsel in die Süper Lig einen Gefallen tun, wird die Zeit erweisen; finanziell und kurzfristig steht dies wohl außer Frage.

Ich hege gemischte Gefühle bei beiden Personalien.

Aykut Öztürk: Er hat eine gute Rückrunde im letzten Jahr gespielt und eine noch bessere Hinserie in dieser Saison. Das ist sehr respektabel, noch dazu, wenn man weiß, dass er nicht in der besten körperlichen Verfassung an den Steigerwald kam und sich daran in den ersten Wochen seines Engagements wenig zu ändern schien. Er hat sich dann berappelt. Trotzdem ging mir sein zuweilen übertriebenes Eins-gegen-Eins-Spiel manchmal gegen den Strich, auch wenn er auf diese Weise eine Reihe von Elfmetern herauszuholen in der Lage war. Er hat dieses Talent, mit seiner kurzen Ballführung bei Verteidigern unüberlegte Bewegungen zu provozieren. Kein Problem. Das entsteht erst, wenn aus dem «Herausholen» von Elfern ein «Schinden» derselben wird. Diese Grenze war bei ihm fließend. Trotzdem, natürlich: es wäre besser gewesen, wenn er uns in der Rückrunde zu Verfügung gestanden hätte. Andererseits haben wir mit Christopher Drazan einen nominell sehr interessanten Spieler von Lautern geliehen, der Öztürk schnell vergessen machen kann. Wenn er denn hier funktioniert. Ist das nicht der Fall, haben wir auf der linken Angriffsseite nur wenige Optionen.

Okan Derici: Seinen Verlust bedaure ich sehr, vor allem weil er nie wirklich eine Chance bekam, sein Können unter Beweis zu stellen. Bei dem Kurzeinsatz gegen Dresden und noch viel mehr in der 2. HZ gegen Zwickau hat er mir sehr gut gefallen. Ich weiß, diese Vorbereitungsspiele sind keine Garantie für Drittliga-Tauglichkeit. Allerdings macht uns das verletzungsbedingte Fehlen Möhwalds im zentralen Mittelfeld sehr zu schaffen und gerade Pfingsten-Reddig hat z.B. gegen Münster nicht den Eindruck vermittelt, fußballerisch momentan unersetzbar für die Mannschaft zu sein. Für die nächste Saison ist derzeit nur Engelhardt eine feste Größe auf der 6er-Position, wie und vor allem ob es mit Pfingsten-Reddig und Möhwald weitergeht, steht in den Sternen. Für den Perspektivspieler Derici trifft nicht mal mehr diese Option zu. Leider.

Beiden wünsche ich von Herzen, dass sie in jeder Hinsicht eine gute Zeit in der Türkei haben.

FC Rot-Weiß Erfurt vs. SC Preußen Münster 0:0

engelhardt_01-2014Wir müssen nicht drum herum reden. Die ersten 30 Minuten des FC RWE im Spiel gegen Preußen Münster waren eine Zumutung. Was nicht an der sibirischen Kälte lag. Schwer zu sagen, welches die Gründe für den erneuten Fehlstart waren. Fehlende Wachheit möchte man bei Temperaturen von minus 6 Grad eigentlich ausschließen. Trotzdem sollte über die kollektive Verabreichung doppelter Espresso unmittelbar vor Anpfiff nachgedacht werden. Ich vermute allerdings, dass die Mannschaft vor allem dann Probleme bekommt, wenn ein Gegner (gerade auch im Steigerwaldstadion) nicht abwartend, sondern aggressiv beginnt. Wie die Stuttgarter Kickers und wie gestern die Preußen aus Münster. Nur mit Glück überstanden die Rot-Weißen diese Phase ohne Gegentor. Wäre der RWE zum neunten Mal in der Anfangsviertelstunde in Rückstand geraten, hätten wir – jedenfalls rein statistisch – alle Hoffnungen fahren lassen können.

Für diese halbe Stunde erübrigt sich eine Einzelkritik, alle spielten unter ihrem Niveau. Wenig hilfreich, dass ein Routinier wie Pfingsten-Reddig in dieser Phase vor allem durch eklatante Fehlabspiele und dürftiges Zweikampfverhalten auffiel.

Es gab einige spannende Fragen die Startformation betreffend: Kammlott oder Nietfeld neben Tunjic im Angriff? – Und, wer spielt auf den defensiven Außenpositionen? Hier waren nach den Vorbereitungsspielen noch drei Spieler in der Verlosung: Odak, Baumgarten, Serrek. Im Sturm entschied sich Kogler für Kammlott, eine richtige Entscheidung wie der Verlauf des Spiels zeigen sollte. In die Abwehr stellte der RWE-Coach Serrek auf die linke und Odak (wie gehabt) auf die rechte Seite der Viererkette.

Nach Ablauf dieser fürchterlichen 30 Minuten gelang es dem RWE, das eigene Spiel zu stabilisieren. Die Viertelstunde vor der Pause war dann das Beste, was wir an diesem Nachmittag zu sehen bekommen sollten.

Eine kurze Kritik der Mannschaftsteile. Abwehr: Klewin hat sich bisher jedes Lob verdient, das er bekam, aber in diesem Spiel war er in der Strafraumbeherrschung schlichtweg schlecht und hatte unübersehbare Probleme beim Herauslaufen. Dazu gab es eine interessante Szene in Halbzeit zwei. Bad Cop Engelhardt faltet ihn zusammen, weil er bei einer Flanke nicht herauskam, Good Cop Laurito tätschelte ihm beschwichtigend den Hinterkopf. Psychologisch raffinierte Aufgabenverteilung der Routiniers.

Odak solider als zuletzt, mit reichlich Luft nach oben, was die Qualität seiner Flanken betrifft. Die große Überraschung war Serrek, der so offensiv auftrat wie lange kein Außenverteidiger im Trikot von RWE. Was daran liegen könnte, dass er eigentlich kein Außenverteidiger, sondern gelernter Mittelfeldspieler ist. Nach vorne sah das gut aus, war allerdings bei Ballverlusten recht riskant, da die Abstimmung mit Strangl (und später mit Drazan) zu wünschen übrig ließ. (Was allerdings eher den Mittelfeldspielern anzulasten ist.) Philipp Serrek ist zweifellos eine Bereicherung des Kaders: technisch gut, kopfball- und passstark. Stellungsspiel und taktische Abstimmung müssen jedoch verbessert werden. Fraglich ist allerdings, ob wir uns davon werden überzeugen können, da Czichos für Burghausen wieder spielberechtigt ist und ich ihn für gesetzt halte.

Kleineheismann grundsolide wie immer, Laurito in jeder Hinsicht überragend.

Mittelfeld: Engelhardt defensiv sehr stark. Es war nicht zuletzt ihm zu verdanken, dass RWE das Spiel halbwegs in den Griff bekam. In Halbzeit zwei auch offensiv derjenige der beiden zentralen Mittelfeldspieler, der sich um Struktur mühte. Pfingsten-Reddig anfänglich mit einigen Zuspielen aus der Hölle. Das wurde – auf für seine Verhältnisse überschaubarem Niveau – besser. Er konnte nach vorne jedoch nie Impulse setzen. Ein schwaches Spiel des Kapitäns. Ich stelle mir schon die Frage, warum Okan Derici keine Chance bekam, sein Können zu beweisen. (Derici wird sich das wohl ebenfalls fragen.) Wie fast alle anderen startete Patrick Göbel besorgniserregend unkonzentriert in die Partie. Zeigte aber später ab und an, was er für eine Qualität vor und im Strafraum hat. Vor allem wenn er in zentraler Position agiert. Marius Strangl kann man kein schlechtes Spiel nachsagen. Aber auch kein wirklich gutes. Seine offensive Dynamik reicht oft nur bis zum gegnerischen Strafraum, hinzu kam in einigen Situationen die bereits erwähnte mangelhafte Absicherung für den offensiven Serrek. Da war er schlichtweg zu zögerlich in der Rückwärtsbewegung.

Angriff: Tja, Kammlott und Tunjic. Die beiden möchte ich aus der Generalkritik die ersten 30 Minuten betreffend ausnehmen. Sie hätte sich schon mit einer Kaskade von Doppelpässen von der eigenen Grundlinie bis zum gegnerischen Tor kombinieren müssen, um Wirkung zu erzielen. Auf brauchbare Pässe ihrer Mitspieler jedenfalls konnten sie nicht hoffen. Es war auch  Mijo Tunjics Verdienst, dass das Vakuum im offensiven Mittelfeld halbwegs überbrückt werden konnte. Er ließ sich öfter recht tief fallen und bewegte sich für einen Spieler seiner Größe erstaunlich flink auf dem teils glatten, teils tiefen Boden des Steigerwaldstadions. Diesbezüglich ein richtig gutes Spiel des Holländers. Was ihm bei der öffentlichen Bewertung seines Spiels immer – und nicht völlig zu Unrecht – angelastet werden wird, ist das weitgehende Fehlen direkter, eigener Torgefahr.

Hätte man mit leben können, wenn denn Kammlott das vermutlich entscheidende Tor gelungen wäre. Aber so märchenhaft ist Fußball leider selten. Trotzdem war es ein gutes Spiel des Rückkehrers. Kogler stellte ihn dahin, wo er hingehört, zentral in die Sturmspitze. Wie viele andere im Stadion konnte ich seine frühe Auswechslung nicht verstehen. Ein Leistungsabfall war für mich (noch) nicht zu erkennen. Er hatte unmittelbar vor der Auswechslung seine beste Szene, als er zwei Verteidiger (die ja während des Spiels ebenfalls nicht frischer werden) düpierte. Das Kalkül Koglers war wohl, mit Nietfeld einen Stürmer mit Strafrauminstinkt in die Schlacht zu werfen. Dumm nur, dass es nicht die dafür notwendigen Strafraum-Situationen, nach z.B. Standards, gab. Bei Jonas Nietfeld sah man in jeder Sekunde, die er auf dem Platz stand, dass Stürmer die fast 1,90 Meter groß sind, auf derart instabilem Geläuf nicht gerade bevorteilt sind. Die Ausnahme Tunjic hatte ich schon erwähnt.

Christopher Drazan hat mir gut gefallen. Sehr dynamisch, mit dem Zutrauen bei Angriffen von außen in die Mitte zu marschieren. Ich hatte nach dem Spiel gegen Zwickau auf Facebook geschrieben, dass es mit seiner Schnelligkeit möglicherweise nicht so gut bestellt sei. Das nehme ich ausdrücklich zurück. Mit seiner Schnelligkeit ist alles in Ordnung. Man darf gespannt sein, wie er sich entwickelt. Wenn es so läuft, wie ich hoffe, könnte es einen heißen Tanz um die Position im linken Mittelfeld zwischen ihm und Öztürk geben. Je nach Wetterlage irgendwann im Frühjahr.

Summarisch ein völlig leistungsgerechtes Unentschieden. Nach der Niederlage von Leipzig gegen Burghausen sollte nun wirklich jedem klar sein, dass die jeweilige Tabellenposition kein hinreichend eindeutiges Indiz für den Ausgang eines Spiels darstellt. In dieser Liga noch weit weniger als in anderen. Heidenheim zähle ich schon gar nicht mehr dazu.

Sollte das Wetter es zulassen und wir spielen nächste Woche in Burghausen: Doppelte Espresso stehen nicht auf der Dopingliste.