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Rot-Weiß Erfurt: Nachrichten vom Abstiegskampf

kammlott Ich kann mich noch lebhaft an den Abend des 16. April 2013 erinnern. Wir hatten soeben den insolvenzbedrohten Traditionsverein Alemannia Aachen locker mit 3:1 bezwungen. Das Ergebnis wurde den Kräfteverhältnissen auf den Platz nicht mal ansatzweise gerecht. Es waren 32 Spieltage absolviert. Eine Saison, in der wir vom ersten Spieltag an unten festklebten, würde ein versöhnliches Ende nehmen, das war die erfreuliche Essenz dieses Abends. Hurra, wir hatten 38 Punkte!

Die haben wir jetzt nach 32 Spieltagen auch. Und trotzdem laufen alle Anhänger des FC Rot-Weiß Erfurt mit angeknabberten Nägeln durch die Welt. Damals hatten wir sieben Punkte Vorsprung auf den ersten Abstiegsplatz, während es diesmal nur drei sind. Zudem ein Restprogramm, das uns fast ausschließlich auf Gegner treffen lässt, die keinen Deut weniger als wir entschlossen sein werden, den Abstieg in die Hölle der Regionalliga zu vermeiden.

Ich bin kein übermäßig großer Freund davon, die Realität durch «positives Denken» in ein virtuelles Lila-Laune-Land zu überführen. Trotzdem gibt es Anlass zu Optimismus. Stefan Krämers Mannschaft hat in Köln, nicht zum ersten Mal, nachgewiesen, dass sie mit Konzentration, Spielvermögen und taktischem Geschick, diesen beinharten sportlichen Überlebenskampf anzunehmen weiß. Ob das am Ende reicht, ist nicht ausgemacht, aber erfreulich vieles deutet darauf hin.

Die Mannschaft hat bei der Fortuna quasi von der ersten Sekunde an, einen verunsicherten Gegner noch weiter verunsichert, indem sie sofort und in allen Zonen des Spielfelds aggressiv presste. Dann, als dieser Druck etwas nachzulassen schien, nagelte Menz endlich den x-ten (und ersten gefährlichen) Standard unter die Latte. Zu Kammlotts Tor muss man nicht viel sagen. Außer, dass es schlichtweg großartig war, wie unser Stürmer, der – von einem Infekt geplagt – morgens kaum aus dem Bett kam, diesen Abwehrfehler nutzte.

Als nach dem Anschlusstor viele dachten, nun gehe es dahin, brachte Krämer (für den völlig fertigen Kammlott) Sebastian Szimayer und lag damit, nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal an diesem Nachmittag, völlig richtig. Das entscheidende dritte Tor wurde von diesem in Folge richtiggehend erzwungen. Mit seiner physischen Stärke und Präsenz kamen die (ohnehin schwachen) Innenverteidiger der Kölner bis zum Ende überhaupt nicht zurecht. Auch die etwas überraschende Einwechselung Uzans für den verletzten Tyrala erwies sich als gut durchdacht. Die Fortuna wollte dieses Spiel mit spielerischen Mitteln bestreiten und gewinnen. Dies durchkreuzte Krämer, indem er in kritischen Phasen mehr Physis ins Spiel brachte, erst Szimayer und dann den Mittelstürmer Uzan im zentralen Mittelfeld.

Fraglos, die ganze Mannschaft hat ein sehr gutes Spiel gemacht. Trotzdem möchte ich noch auf die Leistung von Theodor Bergmann zu sprechen kommen. Niemandem war sonderlich wohl, als Brückner nach 40 Minuten humpelnd das Feld verlassen musste. Wie der für ihn kommende Bergmann aber in der 2. Halbzeit spielte, fand ich sehr überzeugend. Er ist ganz sicher kein Zehner und agierte dann auch eher auf einer Achterposition vor/neben Tyrala und Judt, während Benamar und Aydin öfter in die Mitte einrückten. Vom Typ her erinnert mich Bergmann ein bisschen an Julian Weigl vom BVB. Etwas schlaksig daherkommend verfügt er trotz seiner Jugend über ein sehr gutes Raumgefühl und trifft meist die richtigen Entscheidungen bei der Spielfortsetzung. Wann immer möglich, versucht er einen vertikalen Pass zu spielen, das war in den letzten Jahren nicht unbedingt eine Stärke der bei RWE eingesetzten zentralen Mittelfeldspieler. Mit einem Wort: Der Junge sollte öfters spielen. (Und bitte, bitte, bitte Torsten Traub: Ich möchte Theodor Bergmann in zwei Jahren nicht im Trikot von Zwickau oder Nordhausen sehen, nachdem man erneut an einem jungen Spieler das Interesse verloren hatte.)

Bergmann, Szimayer, Uzan. In Anbetracht von Sperren (Benamar) und Verletzungen (Tyrala, Brückner) ist es von hohem Wert, dass auf unserer Bank Spieler sitzen, die man auch in engen und hitzigen Spielen, also in allen noch vor uns liegenden, mit gutem Gewissen einwechseln kann.

Osnabrück kann kommen.

Aus gegebenem Anlass: Eine kleine Hommage an Juri Judt

Mit Kurt Jara, Bernard Dietz, Dir und Deinem Bruder Thomas, mit Reuter, Eckstein, Dorfner oder dem Jahrhundertfußballer Griechenlands Giorgos Koudas habe ich Spieler von absoluter Klasse trainiert. Aber wie Fußballer gerne reden, hätte man dem einen das Kopfballspiel vom anderen gewünscht und dem anderen die Zweikampfstärke oder Schnelligkeit vom Ersten, um den perfekten Spieler zu haben. 1998, bei meiner Arbeit für Greuther Fürth, hat mir der liebe Gott diesen perfekten Spieler mit dem 12-jährigen Juri Judt über den Weg laufen lassen.

Heinz Höher an Klaus Allofs (Aus: «Spieltage» von Ronald Reng)

Heinz Höher, Protagonist eines der großartigsten Bücher, das jemals über Fußball geschrieben wurde, hat seinem Zögling mit diesen Worten eine schwere Hypothek auferlegt. Zunächst verlief die Karriere des Juri Judt wie Juri_Judt_2009von seinem Mentor geplant: Er setzte sich bei Greuther Fürth im Männerbereich durch, bekam einen guten Vertrag beim fränkischen Rivalen in Nürnberg, spielte anfangs auch dort regelmäßig. Dann eine langwierige Verletzung und seitdem befand sich die Karriere im Sturzflug. In Leipzig als Stammspieler aussortiert, folgte ein hektischer Wechsel zum damals chaotisch-panischen 1. FC Saarbrücken. Selbst dort kam er nur auf fünf Einsätze. Dann – in dieser Saison – der Transfer an den Steigerwald. Hier schien es zunächst ähnlich – schlecht – zu laufen wie bei seinen vorherigen Stationen. Zunächst stellte ihn Kogler als Rechtsverteidiger in die Startelf, es folgten einige weniger glückliche Spiele und es kam, wie es kommen musste: Der genesene Luka Odak verdrängte ihn auf die Bank. Dann beorderte Kogler ihn am 20. Spieltag (gegen BVB II) ins zentrale Mittelfeld. Einigermaßen überraschend, aber dann auch wieder nicht, weil Judt dereinst in Fürth auf eben dieser Position seine vielleicht überzeugendsten Spiele bestritt. Das war lange her, aber er absolvierte in Dortmund sein bis dahin bestes Spiel für die Rot-Weißen. Das nutze ihm zunächst wenig, das Tandem Menz und Tyrala war bis zur Winterpause gesetzt. Nach ebendieser musste Menz gegen Cottbus gesperrt passen und wieder griff Kogler auf Judt zurück. Erneut machte er ein starkes Spiel: äußerst laufstark, geschickt im Zweikampf, so gut wie keine Ballverluste im Spielaufbau, kluge Spieleröffnungen. So sieht das Anforderungsprofil eines defensiven zentralen Mittelfeldspielers aus. Und er verstetigte diese Leistung, einschließlich des gestrigen Spiels gegen Osnabrück. In dem gab es mehrere Schlüsselszenen, hinreichend oft benannt wurden der großartige Ballklau Klewins gegen den freien Menga, die Abwehr auf der Torlinie von Aydin und die Rote Karte gegen Thomik. Zwischen den beiden letzten Szenen liegt allerdings ein, unter hohem Gegnerdruck gespielter, langer und präziser Ball von Juri Judt auf Kammlott, der dann zur Notbremse des Osnabrücker Verteidigers führte. Dafür hält der Neusprech der modernen Spielanalyse den Begriff Keypass parat.

Seit er sich in der Startelf festgespielt hat, gab es immer wieder Szenen (u.a. sensationell gute Balleroberungen), die mehr als erahnen lassen, warum Heinz Höher in seinem Brief an Klaus Allofs den ganz hohen Ton anschlug. Hoffen wir alle, dass das fußballerische Comeback des Juri Judt fortdauert, zum Wohle des FC Rot-Weiß Erfurt. Der, da bin ich sicher, in Heinz Höher einen neuen Fan gefunden hat.

Rot-Weiß Erfurt vs. FSV Mainz 05 II 1:0

Wenn ich ein Spiel des FC Rot-Weiß Erfurt sehe, leide ich innerlich an jedem Fehlpass, jeder vergebenen Torchance, jedem Abpraller, der nicht zu einem unserer Spieler springt und an tausend weiteren Unzulänglichkeiten mehr, die einem perfekten Spiel entgegen stehen. Im Spiel gegen die 2. Mannschaft des FSV Mainz 05 gab es viel zu leiden. So wie in vielen Spielen seitdem ich Anhänger der Rot-Weißen bin. Einerseits. Andererseits freute ich mich über den fünften Heimsieg in Folge und die erneute Bestätigung meiner These, dass wirklich schwache Mannschaften in dieser Liga schlichtweg inexistent sind. Jedenfalls gibt es keine, die man en passant aus dem Steigerwaldstadion, das bald eine Arena sein wird, schießt. Insofern halte ich die massive Kritik, die derzeit selbst nach einem Sieg auf Mannschaft und Trainer niedergeht, für überzogen. Man erfährt in vielen dieser Äußerungen manches über die Kritiker und wenig über das Spiel der Erfurter Mannschaft.

Natürlich spielte RWE nach der frühen Führung zu passiv, Mainz kam zu Chancen, ein Ausgleich für die Rheinhessen wäre verdient gewesen. Wie schon häufiger in den letzten Partien funktionierten Pressing und vor allem Gegenpressing (sprich attackieren nach eigenem Ballverlust) zu häufig nicht. Vor allem das zentrale Mittelfeld wurde einige Male überspielt, was bei den spielstarken Mainzern quasi immer dazu führte, dass sie die sich bietenden Räume nutzten, um sich gefährlich vor das Erfurter Tor zu kombinieren. Insgesamt muss man derzeit die Arbeit gegen den Ball in einigen Spielphasen kritisieren. In der zweiten Halbzeit wurde vieles besser, auch weil die offensiven Flügelspieler und die Stürmer konsequenter und effektiver nach hinten arbeiteten. Im Resultat hatte Mainz so gut wie keine Torgelegenheiten mehr.

Am meisten Blutdruck hatte ich jedoch bei zwei Szenen von Andreas Wiegel. Ich finde es großartig, dass wir wieder einen Tempodribbler von hohen Graden in der Mannschaft haben, und denke, dass er in den letzten Wochen noch einmal einen deutlichen Schritt nach vorn gemacht hat. Aber bei seinen beiden Chancen in der 2. Halbzeit muss er den viel besser postierten Kammlott anspielen, dann werden aus passablen Einschussmöglichkeiten Großchancen. Egoshooting kann sich das Team nicht leisten.

Zur Gretchenfrage 4-4-2 oder 4-2-3-1? Ich kann gut verstehen, dass Kogler weder auf Kammlott noch auf Brandstetter verzichten möchte. Deshalb halte ich das 4-4-2 für das derzeit richtige System zu Spielbeginn. Trotzdem müssen einige Problemstellen auf dem Platz beantwortet werden. Zum einen ist das Offensivspiel zu statisch, wenn sich beide Stürmer nicht entsprechend nach hinten orientieren und als Anspielstation im Mittelfeld anbieten. Hier kann man als Anschauungsunterricht die gegenwärtige Spielweise der Gladbacher Borussia nur empfehlen. Sowohl Kruse als auch Raffael lassen sich wechselweise tief in die eigene Hälfte fallen oder überladen die Flügel und sorgen derart für eine extreme Unausrechenbarkeit des Angriffsspiels. So muss das. Im Defensivspiel dürfen die Stürmer nicht ausschließlich als erste Pressingreihe auftreten, sondern müssen situativ nach hinten arbeiten, um Lücken (z.B. bei einem nicht gelungenen Gegenpressing) zu schließen. Als Stürmer Kräfte sparen wenn der Gegner angreift, war früher.

Auch die Integration von Okan Aydin war alles andere als optimal, aber das ist wohl kaum als Überraschung zu werten, schließlich war es sein Debüt in der Startelf. Fast durchweg gut gefallen hat mir die Leistung der Abwehr, auch der zuletzt viel kritisierte Judt bot ein überaus solides Spiel. Um Rafael Czichos mache ich mir langsam Sorgen, denn seine Qualitäten als offensiver Linksverteidiger werden so manchem Zweitligisten nicht lange entgehen.

Es wird sich in den nächsten Wochen entscheiden, ob es Kogler schafft, die offensichtlichen Defizite weitgehend zu eliminieren. Gelingt dies, hat der FC Rot-Weiß gute Chancen lange oben mitzuhalten. Das diesjährige Personal gibt dies allemal her. Doch selbst wenn es so geschieht, werde ich wieder viel leiden.

Rot-Weiß Erfurt vs. Dynamo Dresden 2:0

Das war ein formidabler Fußballnachmittag im Erfurter Steigerwaldstadion. Eine ansehnliche Zahl Erfurter Zuschauer, die im Verlauf des Spiels zunehmend euphorischer ihre Mannschaft feierten, eine eindrucksvolle Dresdner Fangemeinde, die ihre Mannschaft – nicht minder imponierend – unabhängig vom Spielstand lautstark unterstützte und, natürlich als Ursache Nummer eins, eine sehr gut eingestellte und spielende Mannschaft von Rot-Weiß Erfurt.

Vor dem Spiel war ich mir nicht sicher, ob Kogler Brandstetter als einzige Spitze würde auflaufen lassen, um derart im Mittelfeld genügend Akteure für eine anzustrebende fußballerische Dominanz aufbieten zu können. Oder ob er Falk als zweite Spitze in die Startelf stellt, um mit langen Bällen (und über Kopfballablagen) gegen die zwangsweise neu formierte Dresdner Innenverteidigung den Erfolg anzustreben. Ich sollte nicht zu kleinmütig von unserem Cheftrainer denken, der Plan A (mit Brandstetter als einzigem Stürmer) ging voll und ganz auf.

Es wird zunehmend schwieriger – und das ist eine überaus erfreuliche Entwicklung – das Spiel der Erfurter Mannschaft in eine der üblichen Systemnotationen zu fassen. Mit etwas Phlegma könnte man es als 4-2-3-1 bezeichnen. Obwohl es im Spiel gegen den Ball eher wie ein 4-4-1-1 aussah, weil immer ein Spieler (zuerst meist Möhwald, im weiteren Spielverlauf Tyrala) den in vorderster Front pressenden Brandstetter unterstützte und dabei aus der Kette rückte. Im Spielaufbau hingegen war es meist eine lupenreine Dreierkette mit Menz als zentralem Aufbauspieler und weit ins Mittelfeld geschobenen Außenverteidigern. Auffallend war die starke Asymmetrie auf den Außenbahnen. Links orientierte sich Bukva sehr oft ins Zentrum und überließ dem sehr weit nach vorn rückenden Czichos die gesamte Außenbahn. Rechts hielt der sensationell starke Wiegel meist länger die Außenposition und zog erst mit Ball am Fuß in Richtung offensives Zentrum oder Außenlinie. Während Juri Judt (der von Spiel zu Spiel besser wird) meist absichernd agierte und sich situativ auch mal wieder als Anspielstation in Richtung der Dreierkette fallen ließ.

Kogler weigerte sich nach dem Sieg einen Spieler besonders hervorzuheben, da ich aber keinerlei Ambitionen in Richtung Diplomatischen Dienst hege, will ich es hier trotzdem tun. Christoph Mercedes-Menz hat erneut mit äußerst effektivem Spiel geglänzt. Seine Spieleröffnung war beeindruckend. Er vermied große Risiken und fand trotzdem immer wieder raumgewinnende Anspielstationen. Eine Voraussetzung dafür ist natürlich eine entsprechende Präsenz eigener Spieler im Mittelfeld. Dafür boten sich vor allem die ballsichersten Erfurter Spieler Tyrala, Möhwald und Bukva an. Wenn diese Anspielstationen nicht mit ausreichend großer Sicherheit erreichbar waren, wurde geduldig abgewartet oder auch mal ein halblanger Ball auf die offensiven Außen riskiert. (Auf der Gegenseite wurde Kirsten öfter ins Aufbauspiel der Dresdner eingebunden, was nur eine mäßig gute Idee war, da Brandstetter ihn immer wieder mit großem Tempo anlief und den Torwart der SGD zwang, lange, unkontrollierte Bälle zu spielen.) Defensiv agierte Menz ebenfalls gewohnt besonnen und zweikampfstark, wobei auch hier betont werden muss, dass sich alle Spieler aktiv und aggressiv an der Defensivarbeit beteiligten und so oft Überzahlsituationen in Ballnähe entstanden, die nicht selten in Ballgewinne umgewandelt werden konnten.

Exemplarisch für das Abwehrverhalten der Mannschaft über lange Strecken der Partie steht der Ballgewinn von Möhwald vor dem zweiten Tor, das ich mir gar nicht oft genug anschauen kann. Ab dem Zeitpunkt als Möhwald den Ball unter Kontrolle bringt und sofort zu Wiegel passt, ist dieser Treffer für Dynamo nicht mehr zu verteidigen. Jedenfalls nicht, wenn man es so perfekt zu Ende spielt, wie der RWE es in dieser Situation getan hat. Zwischen Balleroberung und Torabschluss liegen sechs Sekunden. In denen alles stimmt: Laufwege, Passpräzision und -tempo, Handlungsschnelligkeit und (sehr wichtig!) die uneigennützige Auswahl der richtigen finalen Option durch Wiegel. Ein tolles Tor von der Sorte, die mir viel lieber ist, als ein Volley aus 30 Metern in den Winkel. Auch toll und trotzdem ein reines Zufallsprodukt.

Ein Wort zum Gegner. Zu meiner Überraschung attestierte Michael Windisch, neuerdings eine Art Allzweckwaffe des mdr für den Thüringer Fußball und hauptberuflich Reporter der BILD-Zeitung, der SG Dynamo Dresden, dass sie «erschreckend schwach» gespielt hätte. Diese Einschätzung trifft, wenn überhaupt, nur auf die ersten 20 Minuten des Spiels zu. Danach war es eine ausgeglichene Partie mit Chancen auf beiden Seiten. Zu jedem Zeitpunkt des Spiels war zu erkennen, dass Minge und Böger eine Mannschaft zusammengestellt haben, die über ein großes fußballerisches Potenzial verfügt und das auch abzurufen weiß. Sie traf an diesem Nachmittag nur eben auf eine – in diesem Spiel – etwas bessere Mannschaft.

Es ist einigermaßen banal, darauf zu verweisen, dass der Verein jetzt zwei extrem schwere Auswärtsspiele vor der Brust hat. Vor allem auch deswegen, weil es im Grunde in der Liga überhaupt keine anderen Spiele gibt, schon gar nicht auswärts. Münster wird, nach dem Derbysieg in Osnabrück, mit großem Selbstvertrauen aufspielen. Aber – und das ist die gute Nachricht – sie werden auf eine Erfurter Mannschaft treffen, für die das in ebensolchem Umfang zutrifft. Hoffe ich doch.

Hansa Rostock vs. Rot-Weiß Erfurt 1:1

Der erste Punkt der neuen Saison ist auf der Habenseite verbucht. Nichts was man ausgelassen bejubeln müsste, aber ein Unentschieden in Rostock ist auch nicht Nichts.

Zunächst schien es, als ob Rostock an die erste Halbzeit gegen Münster anknüpfen wollte, doch als diese ersten zehn Minuten hanseatischen Sturm und Drangs überstanden waren, passierte bis zu Brandstetters Tor nicht viel. Rot-Weiß verteidigte geschickt, das heißt kompakt und vermied zudem größere Risiken in der Vorwärtsbewegung. Gegen eine solcherart agierende Erfurter Mannschaft fiel Hansa wenig ein. Die Zuschauer sahen ein schwaches Drittligaspiel, das seinen fußballerischen Höhepunkt in der 78. Minute hatte, als der eingewechselte Brandstetter eine glänzende Kombination über Möhwald und Wiegel zur Erfurter Führung einköpfte.

In der Logik dieses chancenarmen Spiels hätte es gelegen, dass dieser einsame fußballerische Gipfel für einen Dreier genügt. Leider stand dem die zwingendere Logik einer obskuren Erfurter Fußballtradition entgegen: Unaufmerksamkeit nach eigenen Toren. Bereits nach dem direkten Wiederanstoß schlief Judt den berühmt-berüchtigten Juri-Schlaf. Leider kennt man diese Konzentrationsschwächen von ihm zur Genüge, hauptverantwortlich dafür, dass seine bisherige Karriere weit unter seinen fußballerischen Fähigkeiten verläuft. Das ging zunächst noch einmal gut, er wurde – Fußball ist oft ein ironischer Sport – von Kleineheismann zusammengefaltet. Ein paar Minuten später traf unser Innenverteidiger ins eigene Netz. Es gibt Eigentore, bei denen man dem Verursacher nicht wirklich einen Vorwurf machen kann. Der Ausgleich gestern zählt nicht dazu.

Wiewohl Kleineheismann natürlich wieder mal nur am Ende einer Fehlerkette stand. Los geht es eigentlich schon bei Tyrala, der bei der Hereingabe von der rechten Rostocker Seite viel zu weit wegsteht von seinem Gegenspieler; dann gewinnt Judt einen Zweikampf, aber Möckel kann den Ball nicht klären und am Ende kickt eben Kleineheismann eine eigentlich harmlose Hereingabe ins eigene Tor. Manchmal denke ich: Sic transit gloria mundi (so vergeht der Ruhm der Welt) ist das eigentliche Motto des Erfurter Fußballs. Natürlich ist das Unentschieden gerecht, schon allein, weil eigentlich keiner der beiden Mannschaften gestern drei Punkte verdient gehabt hätte. Aber seien wir ehrlich, gestern hätten wir gut mit dieser im universalen Maßstab vergleichsweise kleinen Gerechtigkeitslücke leben können.

Gesicherte Angaben zum Spielsystem liegen Stand jetzt noch nicht vor. Wieder mal herausragend verwirrend die Grafik des mdr-Spielberichtes, mit einer taktischen Formation, die man in Leipzig vermutlich vom kleinen Bruder des Praktikanten hat zusammenwürfeln lassen. Wenn man schon keine Ahnung hat, steht einem ja offen, das Spielsystem bei den Verantwortlichen zu erfragen – man nennt es Journalismus.

Nach allen was mir an Informationen und Bildern vorliegt, würde ich mal mit einiger Sicherheit von einem 4-1-4-1 ausgehen. Mit Menz auf der zentralen defensiven Position im Mittelfeld, davor die beiden Achter Tyrala und Möhwald, Bukva und Eichmeier auf den beiden Außenpositionen und Falk als einziger Spitze. Werden wir – je nachdem wie Kogler den Fitnesszustand von Brandstetter einschätzt – möglicherweise am Dienstag gegen den VfB noch einmal zu sehen bekommen. Wie es in dieser Systemfrage (ein oder zwei Mittelstürmer) weitergeht, wird interessant zu verfolgen sein. Ich habe da keine besondere Präferenz, für mich ist es wichtiger, dass die Passgenauigkeit und die darauf aufbauende Variabilität des Offensivspiels peu à peu besser wird.

Letzten Samstag hat nicht viel zu einem Punkt gefehlt, gestern trennten uns nur drei Minuten vom ersten Sieg. Die Hoffnung auf drei Punkte am Dienstag ist also nicht völlig abwegig. Das wird schwer genug gegen die bereits jetzt unter Druck stehenden Talente des VfB Stuttgart. Gelingt es, kann man aber mit einiger Berechtigung von einem halbwegs gelungenen Start in die neue Saison sprechen. Von einem, auf dem sich aufbauen lässt.

Last but not least bleibt zu hoffen, dass sich unser Kapitän nicht so schwer verletzt hat, wie es die ersten Bilder und Nachrichten vermuten ließen. Gute Besserung, André Laurito!

Rot-Weiß Erfurt vs. Borussia Dortmund II 1:2

Mir hängt die Geschichte um Marco Engelhardt noch tief in den Knochen; mein Verhältnis zum FCRWE ist derzeit so ambivalent wie lange nicht. Aber egal, gestern begann die neue Saison. Gelegenheit also, sich auf die sportlichen Aspekte zu konzentrieren.

Es war das erste Spiel einer auf vielen Positionen neu zusammengestellten Mannschaft. Es wurde gegen eine fußballerisch begabte Mannschaft verloren. Das ist ärgerlich aber kein Beinbruch. Wie wohl man natürlich sicherstellen muss, dass in den nächsten Spielen gepunktet wird. Sonst droht – wie vor 2 Jahren – eine verhängnisvolle Abwärtsspirale mitsamt den anscheinend unvermeidlichen internen wie externen Panikreaktionen.

Das Spiel gestern wurde verloren, weil die sehr ansehnlichen ersten zehn Minuten ohne Torerfolg blieben. Danach wurde der BVB besser und offenbarte die defensiven Probleme einer Aufstellung, die mit zwei vor allem offensiv agierenden zentralen Mittelfeldspielern sehr mutig zu nennen ist. Kann man machen, ist aber in jedem Fall riskant, da die defensive Absicherung funktionieren muss, was gestern erst mit der Einwechslung von Menz der Fall war. Tyrala und Möhwald bildeten vorher keinen Verbund, sondern spielten offensiv wie defensiv mehr oder weniger aneinander vorbei.

Das Spiel wurde auch verloren, weil Kogler mit der Auswechslung von Nietfeld viel zu lange wartete. Ich sage das nicht gerne und ohne jede Häme, aber in dieser Verfassung hat Nietfeld in der 3. Liga nichts verloren. Man opfert bei einem 4-4-2 immer einen Spieler im Mittelfeld, was nur zu rechtfertigen ist, wenn beide Stürmer Gefahr für die gegnerische Abwehr ausstrahlen. Davon war Jonas Nietfeld weit entfernt. Mit dem Wechsel Bukvas (bis dahin schwach) von der linken Seite in den Sturm wurde es besser. Der Österreicher konnte einige Male den Ball gut behaupten und bereitete nicht zufällig den Anschlusstreffer vor.

Ein weiteres Manko gestern ist fast schon ein RWE-Klassiker. Die Angriffsreihe, bestehend aus den beiden offensiven Außen und den zwei Stürmern, agiert viel zu statisch. Man steht auf einer Reihe mit der Viererkette des Kontrahenten und wartete auf Zuspiele, die nicht kamen. Nicht kommen konnten, weil beide Sechser aggressiv am Spielaufbau gehindert werden und mithin isoliert waren. Ein fluides Offensivspiel sieht anders aus: Ausweichen der Stürmer in den Rückraum, situatives Einrücken der Außenspieler, etc.

Zu den neuen Spielern will und kann ich nach nur einem Spiel noch nichts sagen, mit einer Ausnahme: Sebastian Tyrala. Er ist fußballerisch ganz klar eine Bereicherung im Mittelfeld, hat aber seine Stärken zweifellos in der Vorwärtsbewegung. Er ist eben nicht der Abräumer vor der Abwehr und als solcher wurde er auch nicht verpflichtet. Dies bedeutet aber auch, dass er defensiv gut abgesichert werden muss. Nach dem gestrigen Spiel würde ich sagen, dass Menz mit dieser Rolle weniger Probleme hat als Kevin Möhwald. Der kann das auch, die Frage ist nur, ob er sich mit dieser vor allem defensiven Ausrichtung auf Dauer zufrieden gibt. Auf der rechten Seite wirkte er (nach Koglers Umstellung und wie bereits am Anfang der letzten Saison) weitgehend isoliert.

Bilanzierend ist zu konstatieren, dass mit der Verpflichtung von Tyrala, Bukva und Judt die Mannschaft fußballerisch aufgewertet wurde. Jetzt bleibt abzuwarten, ob dieses mehr an offensiven Optionen mit der überlebensnotwendigen defensiven Stabilität versehen werden kann.

Im Übrigen war es das letzte Saisoneröffnungsspiel im Steigerwaldstadion, wie wir alle es kennen.