Tag Archiv für Kleineheismann

Rot-Weiß Erfurt vs. VfB Stuttgart II 3:1

Für Spiele wie das gestrige wurde der Begriff Arbeitssieg dereinst erfunden. Gegen zunächst sehr defensiv eingestellte Gäste tat sich Rot-Weiß in der ersten halben Stunde äußerst schwer, passende Mittel in der Offensive zu finden. Das ist nichts Neues und im Grunde ein generelles Problem der Liga (und nicht nur dieser): Das offensive Vermögen hinkt dem defensiven hinterher.

Trotzdem war Erfurt die spielbestimmende Mannschaft; gefährliche Offensivaktionen der Stuttgarter gab es jedenfalls keine. Das hatte auch mit einer System-Innovation von Walter Kogler zu tun: Mit viel gutem Willen könnte man noch von einer 4-1-4-1-Formation mit einem extrem nach hinten orientierten Sechser (Menz) sprechen. Kann man aber auch sein lassen und gleich sagen: Das war eine lupenreine Dreierkette im Spielaufbau, aus der im Defensivspiel eine Fünferkette wurde. Ein Hybridsystem, dass bei der WM unter anderem von Holland, den Chilenen und Uruguay bevorzugt wurde. Im Spielaufbau fand ich es noch nicht ganz so überzeugend, weil für meinen Geschmack die drei Spieler (Menz, Czichos, Kleineheismann) oft zu eng beieinanderstanden und so den zahlenmäßigen Vorteil gegen die in der Regel nur mit zwei Spielern pressenden Stuttgarter nicht wirkungsvoll auskombinieren konnten. Vor allem aber, weil Menz keine Anspielstationen in der Spielmitte fand. Das wurde erst graduell besser als er etwas vertikaler nach vorne versetzt spielte, der VfB einen Tick offensiver wurde und wechselweise Tyrala, Bukva und Möhwald sich etwas mehr nach hinten fallen ließen.

Das gesamte Defensivspiel unserer Mannschaft hat mir dagegen sehr gut gefallen. Durch die vielbeinige Angriffsmitte gelang dem VfB über die gesamte Spieldauer gesehen sehr, sehr wenig.

Das erste Tor für Rot-Weiß lag zwar nicht in der Luft, fiel aber in einer Phase, als es gelang, den ein oder anderen Angriff deutlich näher an den Strafraum der Gäste zu verlagern, von daher fiel es auch nicht völlig überraschend. Zu diesem Zeitpunkt hatten Bukva und Wiegel die Seiten getauscht, was vor allem Andreas Wiegel irgendwie besser ins Spiel brachte. Nachdem er zuvor schon gute Ansätze zeigte, war er an der Entstehung beider Vorpausen-Tore maßgeblich beteiligt. Von ihm kam der Pass, den Eichmeier zu seiner prachtvollen Flanke von der linken Seite nutzte und er provozierte das Handspiel, das dem Elfmeter vorausging.

Im Grunde warteten alle Rot-Weißen mit einer soliden Leistung auf. Etwas ab fielen für mein Empfinden nur Bukva, der keine wirklich entscheidenden Impulse setzen konnte und Falk, der mir zu viele einfache Pässe in der Kurzdistanz nicht an den Mitspieler brachte. Auf seiner Habenseite steht allerdings die sehenswerte Kopfballvorlage zum entscheidenden dritten Treffer. Überhaupt spielte Falk besser, nachdem er mit Brandstetter einen Stürmerkollegen an die unmittelbare Seite bekam.

Sonst fiel mir noch eine Szene aus der 2. Halbzeit auf, als Czichos bei einem Angriff der Stuttgarter nicht den Fehler machte und den ballbesitzenden Stürmer direkt attackierte, sondern nach hinten auswich, um den frei ins Zentrum laufenden zweiten Angreifer abzudecken. So blieb den Stuttgartern keine offensive Anspielmöglichkeit und der Angriff wurde abgefangen. Das war sehr smart verteidigt.

Ich habe bereits eine Menge recht herabwürdigender Einlassungen zum gestrigen Spiel gelesen, die ich alle nur äußerst eingeschränkt nachvollziehen kann. Mir ist schon klar, dass fußballerisch momentan noch einiges im Argen liegt, in erster Linie im Offensivspiel. Allerdings setzt Kogler noch deutlicher als in der letzten Saison darauf, dass die Mannschaft vernünftig und zeitgemäß das Spiel nach vorne aufbaut, mit kurzen Pässen und sich situativ ergebenden Seitenverlagerungen und eben möglichst unter Verzicht auf lang geschlagene Bälle (die es natürlich als alternatives Stilmittel oder aus der Not heraus immer noch geben wird). Da geht noch so einiges schief, trotzdem ist der Weg der Richtige. Mich freut ebenfalls, dass Kogler taktisch offenbar variabler agiert als in der letzten Saison. All dies darf natürlich kein Selbstzweck sein, sondern muss mit gewonnenen Punkten einhergehen. Aber da bin ich für die Zukunft optimistisch.

Hansa Rostock vs. Rot-Weiß Erfurt 1:1

Der erste Punkt der neuen Saison ist auf der Habenseite verbucht. Nichts was man ausgelassen bejubeln müsste, aber ein Unentschieden in Rostock ist auch nicht Nichts.

Zunächst schien es, als ob Rostock an die erste Halbzeit gegen Münster anknüpfen wollte, doch als diese ersten zehn Minuten hanseatischen Sturm und Drangs überstanden waren, passierte bis zu Brandstetters Tor nicht viel. Rot-Weiß verteidigte geschickt, das heißt kompakt und vermied zudem größere Risiken in der Vorwärtsbewegung. Gegen eine solcherart agierende Erfurter Mannschaft fiel Hansa wenig ein. Die Zuschauer sahen ein schwaches Drittligaspiel, das seinen fußballerischen Höhepunkt in der 78. Minute hatte, als der eingewechselte Brandstetter eine glänzende Kombination über Möhwald und Wiegel zur Erfurter Führung einköpfte.

In der Logik dieses chancenarmen Spiels hätte es gelegen, dass dieser einsame fußballerische Gipfel für einen Dreier genügt. Leider stand dem die zwingendere Logik einer obskuren Erfurter Fußballtradition entgegen: Unaufmerksamkeit nach eigenen Toren. Bereits nach dem direkten Wiederanstoß schlief Judt den berühmt-berüchtigten Juri-Schlaf. Leider kennt man diese Konzentrationsschwächen von ihm zur Genüge, hauptverantwortlich dafür, dass seine bisherige Karriere weit unter seinen fußballerischen Fähigkeiten verläuft. Das ging zunächst noch einmal gut, er wurde – Fußball ist oft ein ironischer Sport – von Kleineheismann zusammengefaltet. Ein paar Minuten später traf unser Innenverteidiger ins eigene Netz. Es gibt Eigentore, bei denen man dem Verursacher nicht wirklich einen Vorwurf machen kann. Der Ausgleich gestern zählt nicht dazu.

Wiewohl Kleineheismann natürlich wieder mal nur am Ende einer Fehlerkette stand. Los geht es eigentlich schon bei Tyrala, der bei der Hereingabe von der rechten Rostocker Seite viel zu weit wegsteht von seinem Gegenspieler; dann gewinnt Judt einen Zweikampf, aber Möckel kann den Ball nicht klären und am Ende kickt eben Kleineheismann eine eigentlich harmlose Hereingabe ins eigene Tor. Manchmal denke ich: Sic transit gloria mundi (so vergeht der Ruhm der Welt) ist das eigentliche Motto des Erfurter Fußballs. Natürlich ist das Unentschieden gerecht, schon allein, weil eigentlich keiner der beiden Mannschaften gestern drei Punkte verdient gehabt hätte. Aber seien wir ehrlich, gestern hätten wir gut mit dieser im universalen Maßstab vergleichsweise kleinen Gerechtigkeitslücke leben können.

Gesicherte Angaben zum Spielsystem liegen Stand jetzt noch nicht vor. Wieder mal herausragend verwirrend die Grafik des mdr-Spielberichtes, mit einer taktischen Formation, die man in Leipzig vermutlich vom kleinen Bruder des Praktikanten hat zusammenwürfeln lassen. Wenn man schon keine Ahnung hat, steht einem ja offen, das Spielsystem bei den Verantwortlichen zu erfragen – man nennt es Journalismus.

Nach allen was mir an Informationen und Bildern vorliegt, würde ich mal mit einiger Sicherheit von einem 4-1-4-1 ausgehen. Mit Menz auf der zentralen defensiven Position im Mittelfeld, davor die beiden Achter Tyrala und Möhwald, Bukva und Eichmeier auf den beiden Außenpositionen und Falk als einziger Spitze. Werden wir – je nachdem wie Kogler den Fitnesszustand von Brandstetter einschätzt – möglicherweise am Dienstag gegen den VfB noch einmal zu sehen bekommen. Wie es in dieser Systemfrage (ein oder zwei Mittelstürmer) weitergeht, wird interessant zu verfolgen sein. Ich habe da keine besondere Präferenz, für mich ist es wichtiger, dass die Passgenauigkeit und die darauf aufbauende Variabilität des Offensivspiels peu à peu besser wird.

Letzten Samstag hat nicht viel zu einem Punkt gefehlt, gestern trennten uns nur drei Minuten vom ersten Sieg. Die Hoffnung auf drei Punkte am Dienstag ist also nicht völlig abwegig. Das wird schwer genug gegen die bereits jetzt unter Druck stehenden Talente des VfB Stuttgart. Gelingt es, kann man aber mit einiger Berechtigung von einem halbwegs gelungenen Start in die neue Saison sprechen. Von einem, auf dem sich aufbauen lässt.

Last but not least bleibt zu hoffen, dass sich unser Kapitän nicht so schwer verletzt hat, wie es die ersten Bilder und Nachrichten vermuten ließen. Gute Besserung, André Laurito!

Rot-Weiß Erfurt vs. SpVgg Unterhaching 2:0 / Sans Souci!

RWE vs. HachingNoch sorgenvoll und etwas grantig blickend: Walter Kogler

Schlecht gespielt und gewonnen folgt auf gut gespielt und nicht gewonnen. Mit diesem Satz lassen sich die beiden letzten Begegnungen der Erfurter Rot-Weißen auf den Punkt bringen. Erneut zwangen Walter Kogler widrige Umstände, die Mannschaft massiv umzubauen. Das wäre beinahe schief gegangen. Beinahe.

Motto des Spiels:

I can see for miles!

Die Aufstellung:

«Die personelle Situation entspannt sich.» Stand hier nach dem Spiel gegen den Nachwuchs des VfB zu lesen. Stimmte auch, bis sich gestern vor dem Spiel Andre Laurito verletzte. Schlimmer konnte es kaum kommen. Kogler war genötigt, die komplette Abwehrkette umzubauen (da ja Kleineheismann ebenfalls fehlte). Engelhardt und Czichos hatten beide schon in der Innenverteidigung gespielt, nur eben nicht zusammen. Beides sind Linksfüße, sodass Engelhardt zudem gezwungen war, die rechte Position der beiden Innenverteidiger einzunehmen. Kreuzer kann nur rechts spielen, deshalb musste Odak auf die linke Seite wechseln. Zu allem Überfluss war die Mannschaft damit auch «kleiner» geworden, was für eventuelle Standards der Unterhachinger keine gute Aussicht war. Es gibt gewiss Zeitgenossen, die an dieser Stelle einwenden werden, dass das ja alles Profis sind, die den ganzen Tag nichts anderes tun als Fußball spielen. Und deshalb mit so einer Situation umgehen können sollten. Stimmt, und das haben sie dann ja auch sehr passabel getan. Nur ist es eben so, dass ein Abwehrverbund, wie der Name schon sagt, eine kollektive Angelegenheit ist und diese Gruppenharmonie gewisse trainierte Mechanismen bedarf. Zum Beispiel müssen die Abstände untereinander stimmen, es muss die Distanz zum Mittelfeld eingehalten werden (nicht zu groß aber auch nicht zu klein). Es sollten die Kommandos zum Herauslaufen klar sein – wenn der Gegner Abseits gestellt werden soll, etc. Deshalb rotieren Trainer in der Abwehr nicht ohne Not, selbst wenn sie dies in den übrigen Mannschaftsteilen fast schon zum Stilprinzip erhoben haben, wie z.B. Guardiola bei den Bayern. Es wäre verwunderlich gewesen, wenn diese massiven Umbauten keine Leistungseinbuße zur Folge gehabt hätte.

Taktiksplitter:

Wieder das altbewährte 4-4-2, diesmal mit Pfingsten und Möhwald auf der Doppelsechs. Ein Gespann, dass keine schlechte Bilanz vorzuweisen hat. Die Bilanz ist gestern noch besser geworden, diesmal muss man aber etwas frech behaupten: Nicht wegen, sondern trotz ihnen! Beide hatten sich einen gebrauchten Tag andrehen lassen. Wer das Zentrum beherrscht, der beherrscht das Spiel. Gestern waren das ganz eindeutig die Jungs von Christian Ziege. Pfingsten-Reddig mit den – leider – schon gewohnten Lässigkeiten in der Defensive. Typisch eine Szene aus Halbzeit eins, in der – nach einem Ballverlust – die Hachinger im Umkehrspiel angreifen. Pfingsten versucht den Konter zu unterbinden, wird aber ausgespielt und muss dann eigentlich das Foul nehmen (und evtl. Gelb riskieren), tut das aber nicht, lässt den Hachinger laufen, was sich Sekunden später in direkter Torgefahr niederschlägt. Hinzu kamen – von beiden Akteuren – etliche Fehlabspiele.

Ein weiteres Problem des RWE-Angriffspiels waren die Flügel. Vor allem wirkte sich aus, dass Drazan diesmal nicht von Czichos unterstützt werden konnte, sowohl beim Aufbau der Angriffe, als auch was seine Sicherung nach hinten betraf. Hier wurde dann eine Schwäche der Lauterer Leihgabe offenbar, sein Spiel gegen den Ball. (Man ist geneigt zu sagen: ein notorisch österreichisches Defizit). Was dann wiederum Kogler auf die Palme brachte, der seinen jungen Landsmann einige Male heftig ermahnte.

Das Coaching:

Für mich waren alle Wechsel nachvollziehbar, wenn sie auch nicht wirklich die gewünschten Resultate zeitigten.

Spieler des Tages:

Marco Engelhardt. Nicht fehlerfrei auf doppelt ungewohnter Position und ohne Unterstützung wenigstens eines gelernten Innenverteidigers. Trotzdem machten er und Czichos das ziemlich gut. Er sah sich – angesichts der Schwäche der beiden 6er im Spielaufbau – zunehmend auch dafür verantwortlich und schlug in Halbzeit zwei einige sehr brauchbare Pässe. (Klar hätte ich auch Kammlott nennen können, aber ich habe den Verdacht, sein Name wird hier ohnehin noch einige Mal auftauchen).

Bilanz des Spiels:

Ein Sieg, der so wichtig war, dass es fast schon irrelevant ist, wie er zustande kam. Jetzt hat RWE 10 Punkte Vorsprung auf die Abstiegsplätze, bei sieben noch ausstehenden Spielen ist da nichts mehr zu befürchten. Zu einem frühen Zeitpunkt kann die Planung für die neue Saison verbindlich betrieben werden. Das ist ein Wettbewerbsvorteil und ich bin sehr optimistisch, dass Hörtnagl und Kogler den zu nutzen wissen.

Der Gegner:

«Nicht immer schön hinten rausspielen», hatte Ziege vor dem Spiel im kicker postuliert. Seine Jungs hielten sich nicht daran und wären – beinahe – dafür belohnt worden. Man muss schon ein Herz aus Stein haben oder rein gar nichts von Fußball verstehen, wollte man den Hachingern absprechen, gestern Abend nicht mindestens einen Punkt verdient gehabt zu haben. Es kam anders, gut für uns, schlecht für das talentierte Team aus Oberbayern.

Noch vor einigen Jahren hätte man das Folgende gar nicht erwähnen müssen, aber derzeit greift die Unsitte um sich, einfach weiter zu spielen, wenn ein verletzter Spieler des Gegners am Boden liegt. Nicht so Unterhaching, die haben zweimal den Ball ins Aus gespielt. Wohlgemerkt: Mitte der 2. Halbzeit, bei einem 0:1-Rückstand und während einer eigenen Druckphase. Großartig!

Die Konsequenzen:

Platz vier ist immer noch möglich, wenn auch schwierig, da Wehen ebenfalls gewann und irgendwie einen Lauf zu haben scheint.

Die Öffentlichkeit:

Ich habe es so vermisst – die Nörgelei in den Foren nach einem Sieg. Allemal besser als das konsternierte, entsetzte Schweigen nach den Spielen gegen Kiel und Elversberg. Die TA verblüfft ein bisschen mit dem offenkundigen Gegensatz eines eher negativen Spielberichts und guter Einzelnoten für die Spieler.

Die Aussichten:

Aus bereits beschriebenen Gründen: blendend. Man kann die Saison ambitioniert (DFB-Pokal) aber in Ruhe zu Ende spielen. Ich hoffe nur, dass sich die schlimmsten Gerüchte hinsichtlich der Verletzung Lauritos nicht bestätigen und er wirklich nur für das Spiel in Heidenheim ausfällt.

Sollte Heidenheim heute Abend verlieren, wird dort das ganz große Flattern losgehen. Könnte am Samstag ein spektakuläres Spiel werden, dazu ist aber – ganz klar – eine Leistungssteigerung des gesamten Teams vonnöten.

Wenn ich der Trainer wäre …

… würde ich schon viel an die nächste Saison denken. Es gibt in allen Mannschaftsteilen eine Menge zu verbessern. Es reicht eben nicht aus, nur ab und an mit den Besten der Liga mithalten zu können. Um ernsthaft oben dabei zu sein, muss schlichtweg mehr Konstanz auf hohem Niveau her. Das ist leicht daher geschrieben, ich weiß. Aber wir nähern uns der mystischen Zahl 2016, von daher drückt es nur aus, was sich der Verein selbst auf die rot-weißen Fahnen geschrieben hat.

FC Rot-Weiß Erfurt vs. SC Preußen Münster 0:0

engelhardt_01-2014Wir müssen nicht drum herum reden. Die ersten 30 Minuten des FC RWE im Spiel gegen Preußen Münster waren eine Zumutung. Was nicht an der sibirischen Kälte lag. Schwer zu sagen, welches die Gründe für den erneuten Fehlstart waren. Fehlende Wachheit möchte man bei Temperaturen von minus 6 Grad eigentlich ausschließen. Trotzdem sollte über die kollektive Verabreichung doppelter Espresso unmittelbar vor Anpfiff nachgedacht werden. Ich vermute allerdings, dass die Mannschaft vor allem dann Probleme bekommt, wenn ein Gegner (gerade auch im Steigerwaldstadion) nicht abwartend, sondern aggressiv beginnt. Wie die Stuttgarter Kickers und wie gestern die Preußen aus Münster. Nur mit Glück überstanden die Rot-Weißen diese Phase ohne Gegentor. Wäre der RWE zum neunten Mal in der Anfangsviertelstunde in Rückstand geraten, hätten wir – jedenfalls rein statistisch – alle Hoffnungen fahren lassen können.

Für diese halbe Stunde erübrigt sich eine Einzelkritik, alle spielten unter ihrem Niveau. Wenig hilfreich, dass ein Routinier wie Pfingsten-Reddig in dieser Phase vor allem durch eklatante Fehlabspiele und dürftiges Zweikampfverhalten auffiel.

Es gab einige spannende Fragen die Startformation betreffend: Kammlott oder Nietfeld neben Tunjic im Angriff? – Und, wer spielt auf den defensiven Außenpositionen? Hier waren nach den Vorbereitungsspielen noch drei Spieler in der Verlosung: Odak, Baumgarten, Serrek. Im Sturm entschied sich Kogler für Kammlott, eine richtige Entscheidung wie der Verlauf des Spiels zeigen sollte. In die Abwehr stellte der RWE-Coach Serrek auf die linke und Odak (wie gehabt) auf die rechte Seite der Viererkette.

Nach Ablauf dieser fürchterlichen 30 Minuten gelang es dem RWE, das eigene Spiel zu stabilisieren. Die Viertelstunde vor der Pause war dann das Beste, was wir an diesem Nachmittag zu sehen bekommen sollten.

Eine kurze Kritik der Mannschaftsteile. Abwehr: Klewin hat sich bisher jedes Lob verdient, das er bekam, aber in diesem Spiel war er in der Strafraumbeherrschung schlichtweg schlecht und hatte unübersehbare Probleme beim Herauslaufen. Dazu gab es eine interessante Szene in Halbzeit zwei. Bad Cop Engelhardt faltet ihn zusammen, weil er bei einer Flanke nicht herauskam, Good Cop Laurito tätschelte ihm beschwichtigend den Hinterkopf. Psychologisch raffinierte Aufgabenverteilung der Routiniers.

Odak solider als zuletzt, mit reichlich Luft nach oben, was die Qualität seiner Flanken betrifft. Die große Überraschung war Serrek, der so offensiv auftrat wie lange kein Außenverteidiger im Trikot von RWE. Was daran liegen könnte, dass er eigentlich kein Außenverteidiger, sondern gelernter Mittelfeldspieler ist. Nach vorne sah das gut aus, war allerdings bei Ballverlusten recht riskant, da die Abstimmung mit Strangl (und später mit Drazan) zu wünschen übrig ließ. (Was allerdings eher den Mittelfeldspielern anzulasten ist.) Philipp Serrek ist zweifellos eine Bereicherung des Kaders: technisch gut, kopfball- und passstark. Stellungsspiel und taktische Abstimmung müssen jedoch verbessert werden. Fraglich ist allerdings, ob wir uns davon werden überzeugen können, da Czichos für Burghausen wieder spielberechtigt ist und ich ihn für gesetzt halte.

Kleineheismann grundsolide wie immer, Laurito in jeder Hinsicht überragend.

Mittelfeld: Engelhardt defensiv sehr stark. Es war nicht zuletzt ihm zu verdanken, dass RWE das Spiel halbwegs in den Griff bekam. In Halbzeit zwei auch offensiv derjenige der beiden zentralen Mittelfeldspieler, der sich um Struktur mühte. Pfingsten-Reddig anfänglich mit einigen Zuspielen aus der Hölle. Das wurde – auf für seine Verhältnisse überschaubarem Niveau – besser. Er konnte nach vorne jedoch nie Impulse setzen. Ein schwaches Spiel des Kapitäns. Ich stelle mir schon die Frage, warum Okan Derici keine Chance bekam, sein Können zu beweisen. (Derici wird sich das wohl ebenfalls fragen.) Wie fast alle anderen startete Patrick Göbel besorgniserregend unkonzentriert in die Partie. Zeigte aber später ab und an, was er für eine Qualität vor und im Strafraum hat. Vor allem wenn er in zentraler Position agiert. Marius Strangl kann man kein schlechtes Spiel nachsagen. Aber auch kein wirklich gutes. Seine offensive Dynamik reicht oft nur bis zum gegnerischen Strafraum, hinzu kam in einigen Situationen die bereits erwähnte mangelhafte Absicherung für den offensiven Serrek. Da war er schlichtweg zu zögerlich in der Rückwärtsbewegung.

Angriff: Tja, Kammlott und Tunjic. Die beiden möchte ich aus der Generalkritik die ersten 30 Minuten betreffend ausnehmen. Sie hätte sich schon mit einer Kaskade von Doppelpässen von der eigenen Grundlinie bis zum gegnerischen Tor kombinieren müssen, um Wirkung zu erzielen. Auf brauchbare Pässe ihrer Mitspieler jedenfalls konnten sie nicht hoffen. Es war auch  Mijo Tunjics Verdienst, dass das Vakuum im offensiven Mittelfeld halbwegs überbrückt werden konnte. Er ließ sich öfter recht tief fallen und bewegte sich für einen Spieler seiner Größe erstaunlich flink auf dem teils glatten, teils tiefen Boden des Steigerwaldstadions. Diesbezüglich ein richtig gutes Spiel des Holländers. Was ihm bei der öffentlichen Bewertung seines Spiels immer – und nicht völlig zu Unrecht – angelastet werden wird, ist das weitgehende Fehlen direkter, eigener Torgefahr.

Hätte man mit leben können, wenn denn Kammlott das vermutlich entscheidende Tor gelungen wäre. Aber so märchenhaft ist Fußball leider selten. Trotzdem war es ein gutes Spiel des Rückkehrers. Kogler stellte ihn dahin, wo er hingehört, zentral in die Sturmspitze. Wie viele andere im Stadion konnte ich seine frühe Auswechslung nicht verstehen. Ein Leistungsabfall war für mich (noch) nicht zu erkennen. Er hatte unmittelbar vor der Auswechslung seine beste Szene, als er zwei Verteidiger (die ja während des Spiels ebenfalls nicht frischer werden) düpierte. Das Kalkül Koglers war wohl, mit Nietfeld einen Stürmer mit Strafrauminstinkt in die Schlacht zu werfen. Dumm nur, dass es nicht die dafür notwendigen Strafraum-Situationen, nach z.B. Standards, gab. Bei Jonas Nietfeld sah man in jeder Sekunde, die er auf dem Platz stand, dass Stürmer die fast 1,90 Meter groß sind, auf derart instabilem Geläuf nicht gerade bevorteilt sind. Die Ausnahme Tunjic hatte ich schon erwähnt.

Christopher Drazan hat mir gut gefallen. Sehr dynamisch, mit dem Zutrauen bei Angriffen von außen in die Mitte zu marschieren. Ich hatte nach dem Spiel gegen Zwickau auf Facebook geschrieben, dass es mit seiner Schnelligkeit möglicherweise nicht so gut bestellt sei. Das nehme ich ausdrücklich zurück. Mit seiner Schnelligkeit ist alles in Ordnung. Man darf gespannt sein, wie er sich entwickelt. Wenn es so läuft, wie ich hoffe, könnte es einen heißen Tanz um die Position im linken Mittelfeld zwischen ihm und Öztürk geben. Je nach Wetterlage irgendwann im Frühjahr.

Summarisch ein völlig leistungsgerechtes Unentschieden. Nach der Niederlage von Leipzig gegen Burghausen sollte nun wirklich jedem klar sein, dass die jeweilige Tabellenposition kein hinreichend eindeutiges Indiz für den Ausgang eines Spiels darstellt. In dieser Liga noch weit weniger als in anderen. Heidenheim zähle ich schon gar nicht mehr dazu.

Sollte das Wetter es zulassen und wir spielen nächste Woche in Burghausen: Doppelte Espresso stehen nicht auf der Dopingliste.

Rot-Weiß Erfurt im November 2013: eine emotionale Achterbahnfahrt

NPRIch muss gestehen, dass ich das Blog betreffend momentan eine kleine Novemberdepression durchleide. Der mitteilbare Neuigkeitswert der letzten Spiele ist gering. Die Mannschaft macht einen gefestigten Eindruck, spielt einen Fußball, den sie beherrscht, und hat die letzten drei Partien ohne Gegentor gewonnen. Das ist fraglos großartig. Die Spiele ähneln einander: Man beginnt mit der klaren Vorgabe ein Gegentor zu vermeiden, defensive Kompaktheit dominiert die Taktik. Je nach Spielentwicklung und Gegner wird dann das Risiko überschaubar erhöht. Faszinierend, dass wir mit dieser Spielweise inzwischen die meisten Tore der Liga erzielt haben. Und ein Indiz dafür, dass Walter Kogler seiner Mannschaft inzwischen diesen Stil sehr gekonnt in die fußballerische DNA gemendelt hat. Allerdings bietet dies, man muss es ja eigentlich gar nicht betonen, keine Gewähr dafür, dass es mit dem Siegen so weiter geht. Siehe die Niederlagen im Oktober, bei denen die Mannschaft kaum schlechter Fußball spielte, allerdings nicht das nötige Spielglück auf ihrer Seite hatte.

Nachrichten aus der Hölle: die Verletzungen von Brandstetter und Möhwald

Kevin Möhwald musste im Spiel gegen Darmstadt nach 20 Minuten verletzt vom Platz. Das sah schon vor Ort übel aus, und leider haben sich die unguten Ahnungen bestätigt. Er wird in diesem Jahr dem Verein nicht mehr zur Verfügung stehen. Eine erhebliche Schwächung, denn auf der 6er-Position hat sich der Nachwuchsnationalspieler mit dynamischer Spielweise, uneitler Mannschaftsdienlichkeit und technischer Beschlagenheit unentbehrlich gemacht. Für das Spiel gegen Hansa steht vermutlich auch Pfingsten-Reddig nicht zur Verfügung (Virusbefall), sodass entweder Baumgarten mal wieder eine Startelf-Chance bekommt und neben Engelhardt aufläuft, oder, da die Sperre von Czichos abgelaufen ist, dieser in die Innenverteidigung rückt und Kleineheismann ins zentrale defensive Mittelfeld. Da mit Leonhard Haas der beste (und offensivstärkste) zentrale Mittelfeldspieler der Rostocker gegen RWE fehlen wird, könnte Kogler sich für die offensivere Variante mit Baumgarten entscheiden. Andererseits wäre die Doppelsechs mit Engelhardt und Kleineheismann vielleicht das entscheidende Quantum zu viel an defensiver Kompetenz für die ohnehin zu Hause bisher nicht sonderlich offensivstarken Hanseaten.

Fast noch dramatischer liest sich Brandstetters Prognose. Vor allem, weil sich der Eindruck orthopädischer Ratlosigkeit nachgerade aufdrängt. Zwei Operationen, dann Reha, Rückkehr ins Mannschaftstraining, erneute Schmerzen, jetzt wieder Physiotherapie. Keine halbwegs gesicherte Genesungsprognose in Sicht. Man kann Simon Brandstetter schlichtweg nur wünschen, dass sich alles noch zum Guten wendet und er möglichst bald wieder seinem Beruf nachzugehen in der Lage ist. Aus der egoistischen Sicht eines Anhänger des FC Rot-Weiß Erfurt heißt dies vor allem: Wir müssen auf unabsehbare Zeit auf unseren besten Stürmer verzichten. Es ist ohnehin ein kleiner Triumph, dass wir trotzdem die meisten Tore erzielt haben.

Was ist nur in dich gefahren, Nils?

Jeder der hier schon länger ab und an vorbeischaut wird wissen, wie sehr ich den Fußballer Nils Pfingsten-Reddig schätze. Ich halte mir auch zugute, ihn stets gegen – aus meiner Sicht – ungerechtfertigte oder überzogene Kritik verteidigt zu haben. An dem Menschen und Fußballprofi gab es ohnehin nichts auszusetzen. Bis jetzt. Ich kann nachvollziehen, dass es einen Profifußballer ins Mark trifft, wenn er seinen Platz in der Startelf verliert. Geht einem ja beruflich oder privat nicht anders. Was ich nicht ausstehen kann, sind egomane Kaspereien wie der Torjubel unseres Kapitäns nach seinem Elfmetertor am Freitag. Gepaart mit dem per Interview geäußerten Ultimatum an den Verein, ihn entweder spielen oder zur Winterpause gehen zu lassen. Wie Möhwalds Verletzung deutlich macht, benötigen wir auf jeden Fall mehr als zwei überdurchschnittliche Spieler im zentralen Mittelfeld. Sportlich wäre es daher eine grandiose Schwächung, wenn man Pfingsten-Reddig ziehen lassen würde. Es sollte aber sichergestellt sein, dass solche öffentlichen Trotzposen ebenso unterbleiben wie auflagenstark lancierte Unverschämtheiten gegenüber dem eigenen Arbeitgeber. Wenn er das weiter so treibt, soll man ihn gehen lassen. Die ansonsten zu befürchtende permanente Unruhe braucht kein Mensch.

Finanzielle Hiobsbotschaft steht zu erwarten

In einem Artikel der Thüringischen Landeszeitung werden Äußerungen von RWE-Präsident Rolf Rombach zur wirtschaftlichen Situation des Vereins wie folgt wiedergegeben: «Als ‚desaströs‘ beschreibt er die vergangene Saison, ohne im Vorfeld schon Einzelheiten nennen zu wollen.» Gemeint ist das Vorfeld der Mitgliederversammlung, die in der nächsten Woche stattfindet. Nun, wir alle wussten bereits, dass RWE sexy aber bettelarm ist. Diese Äußerung von Rombach hört sich allerdings nach Intensivstation an. Aber gut, ich will mich dem Vorbild unseres Präsidenten anschließen und «im Vorfeld» keine weiteren Spekulationen anstellen. Es soll allerdings schon Onkologen gegeben haben, die an Krebs starben. Hoffen wir einfach mal, dass Rot-Weiß Erfurt nicht der erste Verein im deutschen Profifußball sein wird, der vom hauseigenen Insolvenzverwalter in die Insolvenz geführt wird. Ehrlich gesagt mag ich daran nicht wirklich glauben. Es stünde für die berufliche Reputation Rolf Rombachs zu viel auf dem Spiel. Dennoch ist zu befürchten, dass für eventuell notwendige personelle Nachrüstungen in der Winterpause (siehe oben) kein Geld zur Verfügung steht. Beim tabellarischen Stand der Dinge wäre das keine Katastrophe. Womöglich aber eine vertane Chance. Und die sind im Fußball so launisch wie rar. Jedenfalls für einen Klub wie den unseren.

Dortmund II vs. Rot-Weiß Erfurt 0:3 / Göbel&Co rocken den BVB

RWE - YoungstersDer Ballspielverein Borussia Dortmund e.V. eignet eine ruhmreiche Vergangenheit, durchlebt eine in jeder Hinsicht erfolgreiche Gegenwart und darf – nach allem was man weiß – einer ebensolchen Zukunft entgegen sehen. Über was er allerdings nicht verfügt, ist ein vernünftiger Rasen für die Austragung der Heimspiele seiner Drittligamannschaft. Aber wir wollen die Erregung darüber gar nicht allzu hoch dimmen, denn vermutlich hat von diesen miserablen Platzverhältnissen der samstägliche Gegner des BVB, der FC Rot-Weiß Erfurt, durchaus profitiert. Eine Art höhere Fußball-Ironie. Quittieren wir gerne und mit einem milden Lächeln.

Der BVB begann stark, wurde dem Ruf der Zweitvertretungen gerecht, spielte technisch beschlagenen Fußball, spielte über die Flügel, kam zu einigen Halbchancen und dachte wohl, dies genüge zunächst als Arbeitsnachweis. Errare humanum est, würden die alten Römer und Wilfried Mohren sagen. Nach etwa zehn gespielten Minuten übernahm Erfurt die Hoheit und gab die Spielkonsole bis zum Abpfiff nicht mehr her. Am Ende stand ein ungefährdeter, kühl, kontrolliert und zu Teilen sogar ansehnlich herausgespielter Erfolg für die rot-weißen Farben. Punkt. (Oder richtiger: drei davon.) Ja, Marvin Ducksch war nicht dabei, seines Zeichens der teuerste Spieler der 3. Liga. Er sollte mit den Profis in Wolfsburg siegen, was – wie man inzwischen weiß – auch so ein BVB-Plan war, der in dieser Woche nicht wirklich aufging.

Dortmund versuchte es fortan fast nur noch mit hohen Zuspielen auf den Sturmhirten Balint Bajner, der jedoch bei Laurito und Engelhardt in besten Händen war und deshalb gar nichts ausrichten konnte. Nach der Führung durch Wiegel (Assist: Pfingsten-Reddig) gewann Erfurt Selbstvertrauen und Sicherheit und verwaltete den Vorsprung, ohne dass der geneigte Zuschauer oder -hörer jede Minute einen kleinen Herzkasper erlitt, wie das noch eine Woche zuvor gegen Chemnitz der Fall war, als RWE-Verteidiger vier Mal auf der Linie klären mussten. Dann kam Patrick Göbel und machte den Sack zu. Er schoss das zweite Tor selbst und spielte einen wunderbaren Pass in die Schnittstelle der Dortmunder Abwehrkette, den Nietfeld quer legte und damit Mijo Tunjic ein Angebot unterbreitete, das dieser nicht ablehnen konnte.

Es gibt Stimmen, die behaupten, dass Marco Engelhardt, als Innenverteidiger für den gesperrten Kleineheismann aufgeboten, sein bestes Spiel für RWE machte, seitdem er wieder am Steigerwald die Töppen schnürt. Ob das zutrifft, kann ich nicht beurteilen. Was ich glaube beurteilen zu können, ist der Umstand, dass spielerisch sehr starke Innenverteidiger dem Aufbauspiel jeder Fußballmannschaft gut tun, natürlich auch dem von RWE. Womit ich keinesfalls sagen möchte, dass Kleineheismann Schwächen in dieser Disziplin hat – eher ist das Gegenteil der Fall. Aber Engelhardt ist in dieser Hinsicht natürlich noch mal eine andere Nummer. Mit Pfingsten-Reddig und Möhwald im zentralen Mittelfeld hat Erfurt alle drei Spiele gewonnen, eine durchaus bemerkenswerte Statistik. Das ist jetzt kein Plädoyer, diese Konstellation gegen Dortmund in jedem weiteren Spiel aufs Neue zu erproben. Es soll nur zeigen, dass Kogler eine Situation zu nutzen weiß, die er selbst mitgeschaffen hat: Obwohl Kleineheismann, Czichos und Möckel nicht aufgeboten werden können (mithin drei der vier Spieler die bisher in der IV standen), ist er in der Lage mit Engelhardt einen weiteren Akteur in die Startelf zu stellen, der ohne jeden Substanzverlust diese Position zu spielen weiß. Und auf dessen eigentlicher Planstelle im zentralen Mittelfeld agiert dann mit Pfingsten und Möhwald ein äußerst spielstarkes Duo. Diese Variabilität ist über das Resultat vom Samstag hinaus eine äußerst erfreuliche Botschaft für jeden Anhänger der Rot-Weißen.

Patrick Göbel. Ich muss gestehen, ich hatte meine Zweifel, ob sich der kleine offensive Mittelfeldspieler mit dem sensationellen rechten Fuß bei den Profis würde durchsetzen können. Aber gerade bei ihm macht sich eine weitere Personalentscheidung der sportlichen Leitung peu à peu bezahlt. Es ist sicherlich für die jungen Spieler von großem Wert, dass mit Christian Preußer ein Ko-Trainer installiert wurde, der sie seit Jahren kennt und der sich im Umgang mit ihnen stets für Vertrauen und Geduld ausspricht. Das zahlen Klewin, Möhwald, Nietfeld, Göbel, Baumgarten und Stolze jetzt mit harter Währung in Form von guten Leistungen zurück.

Man kann überhaupt nicht genug würdigen, wie großartig das ist.

Rot-Weiß Erfurt vs. Chemnitzer FC 1:0 / Keine Krise. Nirgends.

2013_09_28_[H]_Erfurt_3-1_OsnabrückJetzt ist sogar ein leibhaftiger Tatort-Kriminaloberkommissar Anhänger des FC Rot-Weiß Erfurt. Ich alpträume bereits davon, ihn eines unschuldigen Sonntagabends in der Bettwäsche meines Herzensvereins beim Fuck & Go (Tatortjungdeutsch) abgelichtet zu sehen. Den Drehbuchautoren sei überdies, aus Gründen der Glaubwürdigkeit, bei der Entwicklung dieses Charakters dringend geraten, von einer nebenberuflichen Karriere nämlichen Kommissars in der Erfurter Lokalpolitik abzusehen. Kein Fan von RWE hatte dort jemals eine Chance.

Über das Spiel gegen Chemnitz ist bereits viel geschrieben worden. Die Sichtweise auf Resultat und Spielgeschehen darf man durchaus disparat nennen. War der Sieg jetzt glücklich oder doch verdient? Nun, da für beide Zuschreibungen keine objektiven Maßstäbe existieren, liegt das letztendlich stets im Auge des Betrachters. Man vergeht sich auch nicht an den Grundsätzen der Logik, wenn man beides gleichberechtigt nebeneinander gelten lässt. So oder so, der anschwellende Bockgesang von einer Erfurter Krise ist vom Tisch. Die Mannschaft hat ihn mit einer konzentrierten, einsatzstarken und (defensiv) fehlerarmen Performance verstummen lassen. Vorläufig.

Nach dem frühen Führungstor von RWE war Chemnitz bis zum Abpfiff die eindeutig spielbestimmende Mannschaft. Vier Mal musste ein Erfurter Verteidiger den Ball von der Linie bugsieren, da kann man das Adjektiv glücklich durchaus bemühen, ohne völlig daneben zu liegen. Es sei daran erinnert, dass der CFC vor der Saison – neben Heidenheim – als erster Aspirant für den direkten Aufstieg in die 2. Liga galt. Am Samstag konnte jeder der wollte sehen, dass die Mannschaft tatsächlich nicht von Vollblinden mit Vollblinden bestückt wurde. Fußballerisch gehören die Sachsen zweifellos zu den besten Teams der Liga. Trotzdem resultierten die Chancen zum überwiegenden Teil aus Standardsituationen. Die wurden mehrheitlich von Ronny Garbuschewski getreten, dem ich in dieser fußballerischen Teil-Disziplin Bundesliganiveau attestieren würde.

Ich komme jetzt zu den Argumenten, die ins Feld führen kann, wer den Sieg der Erfurter nicht in erster Linie als glücklich bezeichnen möchte. Wie unter Gerd Schädlich war die Spielanlage des CFC sehr auf die Außenpositionen hin angelegt. Kein Wunder, sie verfügen dort mit Pfeffer und Garbuschewski über begabte Individualisten. Nach anfänglichen Unsicherheiten stellten sich die Erfurter Außenverteidiger im Verbund mit den offensiven Außenbahnspielern und dem jeweils ballnahen Innenverteidiger gut auf dieses Mittel der Wahl des CFC ein. Mit einem Wort: es wurde kollektiv gut verschoben und gegen den Ball gearbeitet. Chemnitz fand auf den Flügeln nur selten frei bespielbare Räume. Sie waren stark bei Standards, blieben auf diese allerdings auch angewiesen, um überhaupt torgefährlich zu werden. Die beiden zentralen Stürmer der Chemnitzer hatten gegen Laurito und Kleineheismann in der Regel das Nachsehen.

Ein Wort zur zweifellos starken Leistung von Andre Laurito, der noch in der Vorwoche das Epizentrum des Unmuts vieler Erfurter Anhänger war. Hierzu sollte man sich zunächst einmal die Stärken und Schwächen Lauritos vor Augen führen. Zu seinen Stärken zählen das Spiel mit dem Kopf, robuste Physis, ein sicheres Stellungsspiel, große Ruhe am Ball und eine solide Technik. Diese Vorzüge konnte er am Samstag allesamt über die gesamte Spieldauer hinweg einbringen. Rot-Weiß stand fast durchweg relativ tief und es bestand selten die Gefahr, dass Andre Lauritos größtes Manko, nämlich Schnelligkeitsdefizite gegen antrittsstarke, agile Stürmer, offenbar wurde. Es hängt meist nicht vom Willen und der Motivation der Spieler ab, ob sie ein gutes oder schlechtes Spiel abliefern, sondern ob sie mehrheitlich in Spielsituationen geraten, die ihre Stärken oder eben Schwächen hervorheben.

Diesen etwas umständlichen Satz habe ich mir deshalb zurechtgelegt, weil er gleichsam für Tunjic und Nietfeld gilt, die beiden Stürmer in der Anfangself von RWE. Beide sind, wie letztens bereits vermerkt, ähnliche Stürmertypen: groß, physisch durchsetzungsfähig, laufstark. Filigrantechniker sind sie nicht. Mir hat bei ihrem Zusammenspiel am Samstag sowohl die Breite als auch die Tiefe gefehlt. Soll heißen: sie standen zu nah beieinander, wo es besser gewesen wäre, dass sich einer als Anspielstation ins offensive Mittelfeld oder in die flügelnahen Halbräume bewegt. Wobei das nicht wirklich ihr Spiel ist, was aber nichts daran ändert, dass es notwendig gewesen wäre. Um mal wieder einen dieser coolen neuen Fußball-Termini zu benutzen: dem Angriffsspiel des RWE mangelte es an Fluidität. So wurde die Chemnitzer Abwehr ihrerseits nur sehr selten auseinandergezogen. Die langen angriffseinleitenden Bälle von RWE konnten die Verteidiger leicht neutralisieren. Der Erfurter Zielspieler im Angriff war meist die ärmste Sau auf dem Feld, weil er einen schwierig zu verarbeitenden Ball gegen eine Überzahl von Gegnern behaupten musste, was dann auch selten gelang. Dieses Problem des RWE-Offensivspiels ist nicht wirklich neu und es wird Zeit Folgendes zu konstatieren: alle bisherigen Versuche, unter formaler Beibehaltung des 4-4-2, Simon Brandstetter halbwegs adäquat zu ersetzen, müssen als mehr oder weniger gescheitert angesehen werden.

Weshalb ich für eine Änderung des Systems hin zu einem 4-2-3-1 plädiere – bis Brandstetter wieder einsatzfähig ist. Wenn es gut funktioniert auch darüber hinaus. Warum? Engelhardt und Pfingsten-Reddig haben am Samstag defensiv ein sehr gutes Spiel gemacht. Sie waren mit Abwehraufgaben allerdings weitgehend ausgelastet, dahinter musste zwangsläufig der Spielaufbau zurückstehen. In Folge davon (und weil Chemnitz früh ins Pressing ging) mussten die Stürmer meist über lange Bälle ins Spiel einbezogen werden, was meist schnell den direkten Ballverlust zur Folge hatte. Ich verspreche mir von der Implementierung eines offensiven Mittelfeldspielers schlichtweg mehr spielerische Impulse und eine höhere Passqualität. Und ich kann auch mit einem personellen Vorschlag aufwarten: Patrick Göbel hat nach meinem Dafürhalten in dieser Saison eine sehr erfreuliche Entwicklung genommen und nach seiner Einwechslung am Samstag einen quirligen, ballsicheren, laufstarken sowie selbstbewussten Eindruck hinterlassen. Er wäre der RWE-Spieler meiner Wahl für diese zentrale, offensive Aufgabe. Ganz sicher kein Zehner klassischer Prägung wie Netzer, Overath oder Riquelme, aber für die moderne Interpretation dieser Position verfügt er über alle nötigen Talente.

Jahn Regensburg vs. Rot-Weiß Erfurt 3:1 / Ein gebrauchter Tag

Kogler & PreußerSuch a perfect day sang der große Lou Reed, von dessen viel zu frühem Tod wir gestern erfahren mussten. Nun, von einem perfekten Tag war der FC Rot-Weiß Erfurt am vergangenen Samstag in Regensburg mehr als nur meilenweit entfernt. Dies betrifft sowohl die gezeigte Leistung der Mannschaft, als auch das Resultat – denn obwohl die Rot-Weißen bereits sehr viel bessere Spiele in dieser Saison zeigten, war die Niederlage unglücklich.

Kogler war erneut gezwungen, kurzfristig umzustellen. Philipp Klewin hatte sich im Training verletzt. Für ihn kam Jeff Kornetzky zu seinem Debüt im Erfurter Tor. Und machte seine Sache – trotz der drei Gegentore, bei denen er nichts ausrichten konnte – ausgezeichnet. Pfingsten-Reddig saß wegen Trainingsrückstandes weiterhin nur auf der Bank. Im Angriff bot Kogler, neben Tunjic, Jonas Niefeld auf, auch für ihn war es ein Novum, in einem Meisterschaftsspiel in der Startelf zu stehen.

Die Geschichte des Spieles ist schnell erzählt: RWE startetet gut, kam zu Chancen, nutzte diese nicht und hatte Glück, dass Regensburg seinerseits drei prima Möglichkeiten vergab, bzw. diese von Kornetzky erstklassig vereitelt wurden. In der Pause musste Kleineheismann verletzungsbedingt vom Platz, kurz nach der Pause stimmte die Zuordnung der Viererkette überhaupt nicht und der Jahn ging in Führung. Wie schon in Halbzeit eins war RWE feldüberlegen, konnte sich aber keine wirklichen Tormöglichkeiten erarbeiten (mit der Ausnahme von Wiegels Chance in der 69. Minute). Etwas glücklich fiel der Ausgleich durch Nietfeld. Dabei wäre es vermutlich geblieben, wenn Laurito kurz vor dem Ende nicht etwas ungelenk in Amachaibou rutscht. Keinen Vorwurf an Laurito – hier gilt die ewige Fußballwahrheit: Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß. Aber ein Foul war das schon. Es kann keine Rede davon sein, dass er ihn nicht getroffen hat. Den pfeifen neun von zehn Schiedsrichtern und der Zehnte sollte mal bei Fielmann vorbeischauen.

Interessanter als das alles, ist die Frage nach den Gründen für den neuerlichen Spielverlust. Ich denke, dass alle Mannschaftsteile ihren Anteil an dieser Niederlage hatten. Für die Abwehrkette ist eine Umstellung während eines Spiels immer problematisch, deshalb wechseln Trainer in diesem Bereich selten ohne Not. Die war aber gegeben, weil sich Kleineheismann – ohnehin einer der stabilsten Spieler in den letzten Wochen – verletzte. Ich würde schon sagen, dass diese Änderung, und die daraus resultierende mangelnde Abstimmung ursächlich für den Führungstreffer von Regensburg war. Gegentor zwei und drei waren dann eher Pech (Laurito) oder dem kompletten Vorwärtsdrang der Mannschaft geschuldet, die in der knappen verbleibenden Zeit noch den Ausgleich erzielen wollte.

Nach allem, was ich sah, hörte und las, haben sowohl Möhwald als auch Engelhardt ein sehr passables Spiel abgeliefert. Trotzdem: in einem 4-4-2 kommt den beiden Sechsern defensiv wie offensiv entscheidende Bedeutung zu. Sie müssen die Mannschaft organisieren, den größten läuferischen Aufwand betreiben, den Gegner am Spielaufbau hindern und für Kreativität nach vorne sorgen. Eine fußballerische Herkulesaufgabe. Mir gefällt die personelle Mischung aus Möhwald und Engelhardt eigentlich sehr gut. Beide haben keine offensichtliche Schwäche. Möhwald weist eine hohe Dynamik nach vorne auf, Engelhardt hat große defensiv-taktische Fähigkeiten. Alle zwei ordnen ihr Spiel immer dem Erfolg der Mannschaft unter. Was beide allerdings nicht im gleichen Umfang wie Pfingsten-Reddig beherrschen, ist dessen Vermögen, sogenannte «tödliche» Pässe in freie offensive Räume zu spielen. Bei zwei Stürmern ist das, wenn die sich intelligent bewegen, öfter eine Option. Das soll jetzt kein Plädoyer für die Rückkehr von Pfingsten-Reddig ins zentrale Mittelfeld sein; es soll nur deutlich machen, dass Trainer Entscheidungen treffen und dass diese Entscheidungen selten alle Vorteile miteinander verbinden.

Nietfeld und Tunjic sind zwei recht ähnliche Stürmertypen. Beide haben im Strafraum ihre größten Stärken. Trotzdem klappte das Zusammenspiel in der 1. Halbzeit ganz passabel, ohne dass es die Qualität aufwies, die der Angriff des RWE mit einem gesunden Simon Brandstetter vorzuweisen hat. Wenn Kogler beim 4-4-2 bleibt, dann sollten diese Konstellation eine zweite Chance gegen Chemnitz erhalten. Aykut Öztürks Leistung ist für mich schwierig zu beurteilen, aber ich habe mich über die eine Szene, als er einen Elfmeter herausholen will, sehr geärgert. Hier wäre der konsequente Abschluss viel sinnvoller, oder mehr noch: geboten gewesen.

Der RWE hat gegenwärtig nicht nur eine Ergebniskrise. Dies zu behaupten, hieße sich die Leistung der Mannschaft schön zu reden. Ebenso falsch wäre es allerdings, gleich wieder die Apokalypse auszurufen. Alle drei Spiele wurden knapp verloren. Es war zudem recht offensichtlich, warum die Spiele verloren gingen. Neben Dingen, die man trainieren und unter der Woche verbessern kann – wie formative Kompaktheit, Verbesserung des Umkehrspiels, Laufwege, etc. – waren für die Niederlagen individuelle Fehlleistungen, Leichtfertigkeiten und Unkonzentriertheiten maßgeblich. Faktoren, auf die ein Trainer nur bedingt Einfluss nehmen kann.

Deshalb sehe ich in erster Linie die Mannschaft in der Pflicht, unabhängig von ihrer personellen Aufstellung und taktischen Ausrichtung. Wenn es endlich wieder gelingt, die Fehlerquote nach unten zu korrigieren, wird der FC Rot-Weiß Erfurt auch wieder Fußballspiele gewinnen.

Rot-Weiß Erfurt vs. VfL Osnabrück 3:1

Pfingsten19-15-14-13-9-20. Das sind nicht die Lottozahlen von gestern. Es ist die chronologische Abfolge der Punktestände des FC Rot-Weiß Erfurt nach jeweils 11 absolvierten Drittliga-Spieltagen. So viele Punkte wie heuer (ein Austriazismus zu Ehren unseres Cheftrainers!) hatte der Verein zu diesem Zeitpunkt der Saison noch nie. Und das nach einer in fast jeder Hinsicht verkorksten Saison. Und das, nachdem erneut wichtige Spieler den Verein verlassen haben und der Etat chronisch schwindsüchtig ist. Walter Kogler genießt Vertrauen am Steigerwald. Das merkte man gestern sehr deutlich, als zur Überraschung aller, Nils Pfingsten-Reddig neben Mijo Tunjic am Anstoßkreis stand und somit die Frage geklärt war, wer neben dem Holländer im Sturm spielen würde. Im weiteren Spielverlauf empfanden die meisten Zuschauer diese Lösung als nur bedingt zukunftsfähig. Bei Emmerling und Schwartz hätte sich der Unmut darüber schnell lautstarken Ausdruck verschafft, nicht so gestern. Es wurde viel getuschelt und mit dem Kopf geschüttelt, aber dabei blieb es. Kogler hat in der anschließenden Pressekonferenz seine Motivation hinsichtlich dieser Entscheidung begründet. Doch dazu später noch einige Bemerkungen.

Osnabrück ist eine bemerkenswert gut organisierte Mannschaft

Auf die Frage, worin der Unterschied zwischen 1. und 2. Bundesliga liege, hat Jürgen – the face – Klopp einmal sinngemäß geantwortet: Die Differenz liege ausschließlich in der fußballerischen Qualität der Spieler. Alles was man trainieren könne, sei gleich. Trainieren kann man Kondition, taktisches Verhalten, systemische Grundordnung, Verhalten bei Standards, Laufwege, etc. Maik Walpurgis, der Trainer des VfL, hat mit den Sportfreunden Lotte im letzten Jahr die wahrscheinlich qualitativ beste Regionalliga-Staffel gewonnen und dem mutmaßlichen Champions-League-Sieger des Jahres 2023 in der Relegation, bis in die Verlängerung hinein, einen großen Fight geliefert. Maik Walpurgis ist ein großes Trainertalent. Sein neuer Verein, der VfL Osnabrück, ist individuell gut aber nicht überragend besetzt. Die Stärke der Mannschaft speist sich in erster Linie aus ihrer glänzenden Organisation, und die ist das Ergebnis guten, effizienten, modernen Trainings.

Fortuna war an diesem Nachmittag eine Rot-Weiße

In den ersten 15 Minuten des Spieles ereignete sich relativ wenig. Den Respekt, den beide Teams voreinander hatten, war quasi mit Händen zu greifen. Doch schon in dieser Phase war der VfL das gefälligere Team. Danach begann die stärkste Phase der Osnabrücker. Ich denke, dass es ein Resultat der Videoanalyse war, dass der VfL die meisten seiner Angriffe über die linke Erfurter Abwehrseite vortrug. Davon versprach man sich zwei Dinge: Zum einen sollten die offensivstarken Öztürk und Czichos in der Defensive permanent beschäftigt werden, zum anderen hatte man bei Öztürk wohl Defizite im Defensivverhalten ausgemacht, die zu nutzen der VfL beabsichtigte. Beide Intentionen gingen zunächst auf. Immer wieder waren Engelhardt und Möhwald genötigt, auf dieser Seite auszuhelfen und auch Kleineheismann rückte permanent aus der Mitte heraus, um die Überzahl des VfL auf diesem Flügel zu neutralisieren.

Doch der RWE reagierte und kam ebenfalls zu ersten vorzeigbaren Angriffen. Jetzt würfelte Fortuna und oben lag eine rot-weiße Seite. Grimaldi traf nur den Innenpfosten, während Laurito drei Minuten später die Erfurter Führung erzielte. Tunjic hätte dann das Spiel bereits vorentscheiden können, doch er scheiterte am glänzend reagierenden TAG Heuer Fernandes. Leider reagierte Tunjic kurz vor der Pause nicht ebenso gedankenschnell und haderte mit dem Schiedsrichter, statt die schnelle Ausführung des Freistoßes zu unterbinden, der dem Ausgleich durch Grimaldi vorausging.

Kogler reagierte mit einer taktischen Änderung

Nicht direkt nach der Halbzeit, aber so etwa nach 50 absolvierten Minuten wechselten Wiegel und Öztürk die Seiten. Während Wiegel permanent die linke Außenbahn hielt, hatte Öztürk nun jegliche Freiheiten: er spielte nominell auf der rechten Seite, rückte aber situativ oft ins Sturmzentrum, oder überlud (nicht selten gemeinsam mit Pfingsten) den linken Flügel. Mit dieser taktischen Änderung hatten die Osnabrücker nun ihrerseits Probleme. Zudem fehlte ihnen, nach zwei in jeder Hinsicht intensiven Spielen gegen RB und Union, die körperliche Frische um nach dem erneuten Rückstand wieder ins Spiel zu finden. So gewann der RWE letztlich verdient dieses enge, schwierige und komplizierte Spiel.

Pfingsten als Stürmer war weder eine Fehlbesetzung noch ist es eine Dauerlösung

Koglers lieferte auf der Pressekonferenz nach dem Spiel eine – jedenfalls für mich – völlig nachvollziehbare Begründung, warum er Nils Pfingsten-Reddig neben Tunjc aufbot. Er versprach sich von seinem Kapitän in erster Linie Ballsicherung und -verteilung in vorderster Linie. Ich glaube, dass die Entscheidung wer als zweiter Stürmer neben Tunjic spielt (solange Brandstetter verletzt ist), von Spiel zu Spiel neu getroffen wird und dabei werden vor allem taktische Überlegungen maßgeblich sein. Das sah man gestern schon daran, dass sofort, nachdem das 2:1 fiel, Pfingsten ausgewechselt wurde. Die Annahme lag nahe, dass es jetzt mehr Räume für den konterstarken Stolze geben würde und Kogler zögerte keine Sekunde, solcherart auf diese neue taktische Spielsituation zu reagieren. Gut vorstellbar, dass Stolze im nächsten Spiel in Unterhaching von Anfang spielt, eben weil der RWE dort vermutlich aus einer eher abwartenden Haltung heraus agieren will. Im Übrigen sollte man bei der Bewertung von Pfingstens Leistung nicht völlig vernachlässigen, dass dies ganz gewiss nicht seine Lieblingsposition ist, er sie zum ersten Mal innehatte und man dem Duo Tunjic & Pfingsten wohl auch eine gewisse Eingewöhnungszeit zubilligen muss.

Und am Ende wurde unser Kapitän mit viel Beifall verabschiedet, weil alle froh waren, dass er mal wieder einen entscheidenden Elfmeter verwandelte. Der Beifall wäre wohl noch einen Tick stärker ausgefallen, wenn man auch nur 25 Minuten in die Zukunft hätte schauen können, um durch Engelhardts Fehlversuch daran erinnert zu werden, dass dies alles andere als eine Selbstverständlichkeit ist.

RB Leipzig vs. Rot-Weiß Erfurt 2:0 / Mit fliegenden Fahnen

Das bis zum vergangenen Samstag letzte Spiel, das ich im Leipziger Zentralstadion sah, fand am 14.06.2006 statt. Spanien zerlegte die Ukraine mit 4:0 und ich dachte damals bei mir: Wer zur Hölle soll diese Mannschaft besiegen? Nun, die Spanier schlugen sich im Achtelfinale der WM zum vorerst letzten Mal selbst (der Profiteur hieß Frankreich), um in der Folge ihre eindrucksvolle, aber inzwischen etwas enervierende Weltherrschaft über den Fußball anzutreten.

Vergleichbare spielerische Delikatessen waren vom Drittligaspiel RB Leipzig gegen Rot-Weiß Erfurt nicht zu erwarten. Wohl aber eine erbitterte Fehde um jeden Quadratmeter Rasen, jeden Ball, jeden geringen Vorteil. Schließlich hatten fast alle, denen sich dafür eine Gelegenheit bot, kaum eine Chance ausgelassen dieses Spiel emotional aufzuladen: Sportlich, popkulturell, ideologisch. Das berücksichtigend, muss man allen Kombattanten auf dem Rasen, und den meisten auf den Rängen Lob dafür zollen, dass es vergleichsweise fair und friedlich zuging.

Ein Wort zur Atmosphäre: Auf eine völlig gegensätzliche Art und Weise ist die Leipziger Arena ebenso ungeeignet für Drittligafußball wie das Erfurter Steigerwaldstadion. (Zugegeben, das ist sicherlich keine grundstürzend neue Erkenntnis.) 15.000 Zuschauer sind für ein sportlich nicht übermäßig bedeutendes (weil frühsaisonales) Spiel eine stattliche Kulisse. Von der Haupttribüne betrachtet, sah das trotzdem wie die Vormittagssession einer U23-Leichtathletik-EM aus: gähnend leere Ränge allenthalben. Akustisch hingegen bot vor allem der Erfurter Fanblock – trotz eines durchgehend zur Euphorie wenig Anlass gebenden Spielstands – wahrlich Herausragendes.

Kogler will nicht abwartend-defensiv spielen

Nicht wenige, so auch ich, hatten damit gerechnet, dass Kogler ein sehr defensives System wählt, z.B. ein 4-1-4-1 mit Kleineheismann als zusätzlichem, rein defensivem Sechser. Doch Kogler ist eben nicht Alois Schwartz, er blieb beim bis dahin bewährten 4-4-2. Vielleicht auch, weil Brandtstetter zur Überraschung aller doch einsatzfähig war. Und der Erfurter Trainer tat gut daran. Mal abgesehen davon, dass Kleineheismann als Sechser vermutlich erst gar nicht in die Verlegenheit gekommen wäre, diesen fatalen Rückpass zu spielen, ist es natürlich einfacher mit einer offensiveren, spielbegabteren Formation auf einen Rückstand reagieren zu können.

Das frühe Gegentor, natürlich ein Desaster

Wie es zu diesem ultrafrühen Gegentor kam, ist hinreichend belegt und diskutiert. Ich muss hier aber noch einmal altklug darauf hinweisen, dass damit rein statistisch gesehen, die Chance des RWE etwas Zählbares mitnehmen zu können, dramatisch gesunken waren. Im Grunde gegen jeden Gegner der Liga, ganz besonders aber gegen RB Leipzig. Es ist schlichtweg eine große Tugend von RB, kollektiv äußerst stark gegen den Ball zu verteidigen und derart für den Gegner wenig zuzulassen. Die dabei angewandten Methoden sind zum Teil jedem zeitgemäßen Taktiklehrbuch zu entnehmen, zum Anderen behilft man sich jedoch auch mit vielen geschickten Kleinfouls, die den Kontrahenten ebenfalls sehr wirksam am Aufbau des Spiels hindern, und vom Schiedsrichter zumeist unterhalb des üblichen Gelbradars verortet werden.

Umso bemerkenswerter war, wie der RWE mit der unvermittelt entstandenen Matchsituation umging. Nämlich sehr, sehr klug. Im Kommentar der mdr-Liveübertragung sagte der, vorsichtig formuliert, leicht RB-affine Reporter immer wieder, dass den Rot-Weißen doch herzlich wenig einfiele gegen die Verteidigung der Leipziger. Es ist nur so: Mit dem frühen Gegentor hatten sich die taktischen Vorzeichen diametral geändert. Anders als in Münster konnte man jetzt nicht mehr aus einer leicht defensiven Konterstellung heraus spielen, sondern musste, damit das Spiel nicht erstarrte, selbst agieren. Dabei aber stets im Auge behalten, dass noch genügend Zeit blieb, um ein Tor zu erzielen, es also überhaupt keinen Sinn ergab, zu früh ein zu großes Risiko einzugehen. Hätte man das getan, wäre die Wahrscheinlichkeit hoch gewesen, mit 0:3 in die Pause zu gehen. So aber erarbeitete sich der RWE eine wahrnehmbare Feldüberlegenheit und in Folge einige tornahe Standards wie Ecken und Freistöße, aus denen die guten Möglichkeiten von Laurito und Brandstetter resultierten. Es waren Chancen und es waren Chancen auf Chancen vorhanden, nicht inflationär, aber genügend um wenigstens den Ausgleich zu erzielen.

Ich habe im Team des RWE an diesem Tag keine Schwachstelle gesehen. Jedenfalls, wenn man das momentane Leistungsvermögen der Spieler realistisch beurteilt. Es wäre schlichtweg ein bisschen irre, anzunehmen, dass Fillinger und Strangl als Fillinger und Strangl den Platz betreten und dort zu Robben und Ribery mutieren. Beide haben für ihre momentanen Möglichkeiten (nach beiderseits langer Verletzung, schwierigem Formaufbau, fehlender Spielpraxis) keinesfalls enttäuscht. Strangl merkte man sein Potenzial durchweg an, wenn auch nicht alles funktionierte. Fillinger konnte sich im Verlauf des Matches steigern; ihm gelang manch gefälliger Pass, ein jeder davon wichtig für sein Selbstvertrauen. Ebenfalls ihrem klugen taktischen Spiel war es zu verdanken, dass die beiden Außenverteidiger Odak und Czichos sich in der 2. Halbzeit vermehrt mit in die Angriffe einschalten konnten, ohne dass RB bei Ballverlusten sofort gigantische Räume offeriert bekam. Die für mich besten Akteure auf Seiten des RWE waren die beiden zentralen Mittelfeldspieler Engelhardt und Möhwald. Wie sie sich gegen die große Qualität des Leipziger Mittelfelds zur Wehr setzten, war bemerkenswert. Ihr Einsatz und ihr Zweikampfverhalten waren herausragend, ebenso ihr Wille dem Spiel des RWE offensiv eine Form zu geben. In der ersten Halbzeit agierten sie oft (und nachvollziehbar) mit langen Anspielen vor allem auf Brandstetter. Im zweiten Abschnitt setzte Erfurt mehr auf öffnende Diagonalbälle in Richtung der Flügel, wo vor allem Strangl und Odak ein paar Mal gefährlich vor dem Leipziger Tor auftauchten.

Insgesamt gilt: Wir haben das Spiel nicht verloren, weil wir zu wenige Möglichkeiten hatten, sondern weil wir die Möglichkeiten die vorhanden waren, nicht verwerten konnten.

Vom Schiedsrichter nicht gerade bevorzugt

In der Regel ist Schiedsrichterschelte in nahezu 100% aller Fälle ein Vorwand, um von eigenen Fehlleistungen abzulenken. Ein wenig verstehe ich aber Walter Koglers derzeitige Verdrossenheit, mehr noch: Ich teile sie. Das war jetzt das dritte Spiel in Folge in dem der RWE sehr wichtige Entscheidungen der Referees ertragen musste, die auch anders hätten ausfallen können, und denen man einen gewissen spielbestimmenden Charakter nicht absprechen kann. Für den Schiedsrichter war das kein einfaches Spiel. Es gab unzählig viele, meist kleinere Fouls. Mein Eindruck ist ja, dass die Spieler inzwischen im Training üben, wie man ein Foul begeht, ohne dass es wie ein solches aussieht. Die Betrachtung aller strittigen Szenen des Spiels würde den Rahmen dieses Textes sprengen, deshalb will ich mich auf zwei einschränken: Ich denke, dass das Foul gegen Brandstetter in der 1. Halbzeit eine Rote Karte hätte nach sich ziehen müssen. Der Leipziger Verteidiger macht das – nachdem er die bessere Position zum Ball vertändelt hatte – zwar sehr smart, nichtsdestotrotz hält er Brandstetter eindeutig fest. Der Schiedsrichter pfeift es nicht sofort ab, sondern mit einer gewissen Verzögerung, wohl einen evtl. Vorteil abwartend. Und nur dieses Zögern evoziert den Eindruck, dass der nachrückende Leipziger Spieler die Torchance noch hätte verhindern können. Fast noch gravierender eine Szene in der 2. Halbzeit im Leipziger Strafraum, bei der Laurito nach einer Flanke regelrecht umgenietet wurde. Der Ball war zwar schon weg und ich unterstelle dem Leipziger Spieler auch keine Absicht. Allein, das ist nebensächlich: Es war ein Foul, es war im Strafraum, es war Elfmeter. Wie gesagt, ansonsten gab es zuhauf strittige Szenen auf beiden Seiten, während mancher Spielphasen quasi im Halb-Minutentakt.

Der FC Rot-Weiß Erfurt hat dieses Spiel in Leipzig verloren. Wie dies geschah, verdient jedoch allen Respekt. Es gab schon viele Auswärtsspiele des RWE, bei denen eine ambitionierte, talentierte Mannschaft auf dem Platz stand, die sich aber nach einem Rückstand ihrem Schicksal ergab. Das war an diesem Samstag in Leipzig anders. Koglers Team glaubte an seine Chance und unternahm alles, um wenigstens einen Punkt mit nach Hause zu nehmen. Dass dies am Ende nicht gelang ist zwar ärgerlich, ändert aber nichts daran, dass wir im weiteren Verlauf der Saison noch einigen Spaß mit dieser Mannschaft haben werden. Jedenfalls deutet bisher nichts auf das Gegenteil hin.