Tag Archiv für Oumari

Preußen Münster vs. FC Rot-Weiß Erfurt 3:2

Noch einer der Besten: Thomas Ströhl © www.fototifosi.de

«Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch!» Hätte Hölderlin den RWE am Samstag kicken gesehen, dieser Satz wäre nie geschrieben worden. Dabei hatte ich mir vorher einiges ausgerechnet. Die Preußen waren drei Ligaspiele sieglos geblieben und lieferten unter der Woche dem FC Augsburg einen ebenso beachtlichen wie kraftraubenden Pokalfight. Als dann jedoch klar wurde, dass Drexler und Möckel nicht auflaufen würden, verflüchtigten sich diese Hoffnungen sofort. Fata Morgana nichts dagegen. Ich war sicher, dass diese Ausfälle nicht kompensiert werden könnten – und behielt leider recht.

Das Endresultat war noch das Beste an der Leistung der Erfurter Mannschaft. Oder das Schlimmste. Es ermöglichte Wilfried Mohren die irreführende Überschrift «Knappe Niederlage nach großem Kampf». Das klingt nach Fußball auf Augenhöhe, nach Hoffnung für die nächsten Aufgaben. Stand jetzt, alles falsch: kein Fußball, keine Augenhöhe, keine Hoffnung. Geschenkt, Mohren ist Pressesprecher des Vereins, er wird dafür bezahlt, das Positive aus jedem Spiel zu destillieren, selbst wenn man dafür ein Elektronenmikroskop benötigt. Im Grunde hat Marco Alles in der heutigen Ausgabe der TA sowohl meine Gemütslage als auch meine Einschätzung des Spiels treffend zusammengefasst: Trostlos.

Dann doch noch einige taktische Anmerkungen:

Seit Beginn der Rückrunde der letzten Saison hat der RWE Probleme bei hohen gegnerischen Standards. Alois Schwartz lässt Ecken mit einer Manndeckung verteidigen, wie das auch schon bei Stefan Emmerling der Fall war. Leicht verständlich: Jedem Spieler wird ein Gegenspieler zugeteilt, es kommt darauf an, gegen diesen das Kopfballduell zu gewinnen oder ihn zumindest entscheidend zu stören. Klappt aber nicht und das tut uns in dieser Saison noch sehr viel mehr weh als in der Letzten. Quasi existenzielle Pein. Christian Preußer hatte auf eine kombinierte Raum-Mann-Deckung bei Ecken umgestellt. Diese trägt dem Fakt Rechnung, dass zwei Drittel aller Tore nach Ecken über den sogenannten kurzen Pfosten erzielt werden. In den Spielen unter Preußer versammelten sich in dieser Zone die kopfballstärksten Erfurter Spieler: Möckel und Oumari. Beim Führungstor von Münster war überhaupt nicht zu erkennen, ob es sich um eine Raum- oder Manndeckung handelte. Es herrschte das pure Chaos im Strafraum. Und Oumari stand völlig wirkungslos am langen Pfosten herum.

Alois Schwartz am 11.09.2012 in der Thüringer Allgemeinen: «Ich bin ein Verfechter der offensiven Verteidigung, um den Gegner unter Druck zu setzen, den Ball zu erobern und schnell in die Tiefe zu spielen. Eher der Dortmunder als der Münchner Stil.» Niemand hier hätte etwas dagegen, wenn der RWE diesen Dortmunder Stil beherrschen würde. Nach dem Spiel in Münster müssen daran allerdings große Zweifel angemeldet werden. Die Mannschaft griff oft mit vier Spielern die Preußen tief in deren Hälfte an. Daran beteiligt waren Tunjic, Baumgarten, der ballnahe offensive Außenbahnspieler und Pfingsten-Reddig. Probleme gab es immer, wenn Münster dieses Pressing umspielen konnte, und dies war häufig der Fall. Dann öffnete sich ein gewaltiges Loch im Mittelfeld des RWE. Es ist immer etwas falsch gelaufen im Fußball, wenn Spieler des verteidigenden Teams mit dem Gesicht zum eigenen Tor Ball und Gegner hinterher rennen. Wie bereits bei einschlägigen Versuchen mit dieser Taktik in der letzten Saison (z.B. in Jena) war der Abstand zwischen der pressenden Offensivreihe und der Viererkette (plus Engelhardt davor) viel zu groß. Jegliche Kompaktheit ging dabei flöten. Das war beim Heimspiel gegen Offenbach noch völlig anders: Da liefen nur Tunjic und Möhwald (als zentraler Offensivspieler) die spielaufbauenden Gegner an, dahinter agierten zwei eng verbundene Viererketten. Ich habe den Eindruck, dass die Mannschaft mit dieser Vorwärtsverteidigung völlig überfordert ist. Wenn dem so ist, sollte dieses Experiment unverzüglich und zugunsten einer weniger komplexen Spieltaktik beendet werden. Es nützt nämlich nichts, wenn sie es am 30. Spieltag einigermaßen beherrscht, wir dann aber bereits 25 Punkte Rückstand auf einen Nichtabstiegsplatz haben.

Die Außenverteidigerpositionen waren in der letzten Saison bereits eine Dauerbaustelle. Hört sich ein bisschen nebensächlich an – Außenverteidiger. Nicht erst seit der Diskussion um Marcel Schmelzer wissen wir jedoch, dass Außenverteidigern im modernen Fußball eine exorbitant wichtige Rolle zukommt. Will man nicht permanent lange Bälle auf den Wide Receiver Mittelstürmer Mijo Tunjic schlagen müssen, sind sie für den Spielaufbau von kaum zu überschätzender Bedeutung. Spielaufbau bedeutet aber vor allem: sie müssen (als Minimalqualifikation) hohe Ball- und Passsicherheit mit gutem Zweikampfverhalten verbinden. Beides Attribute die momentan weder Czichos noch Ofosu-Ayeh auszeichnen. Hier ist guter Rat teuer, aber ich würde derzeit eher gelernte Mittelfeldspieler für diesen Positionen aufbieten. Baumgarten beispielsweise wäre einen Versuch wert.

Alle Mannschaften im Abstiegskampf haben ein spezifisches Dilemma, so auch der RWE. Nach schlechten Leistungen müsste die Mannschaft auf einigen Positionen umgebaut werden (wie z.B. in der Außenverteidigung). Diese permanenten Wechsel wiederum unterbinden jede Möglichkeit des Einspielens unter Wettkampfbedingungen. Das wäre notwendig, um Automatismen und Konstanz im Spiel zu etablieren. Ein Teufelskreis, um den ich Alois Schwartz nicht beneide.

Landespokal: Jena vs. Erfurt 0:1 / Mit Herz und Hirn

Oumari und Möckel haben alles im Griff © www.fototifosi.de

Der baumlange Jena-Fan vor mir kannte sich erstaunlich fundiert mit den Spielern des RWE aus. Wenn er das verhasste Team aus der Landeshauptstadt nicht gerade lautstark schmähte, klärte er seinen Nachbarn recht detailliert über Stärken und Schwächen unserer Spieler auf. Als in der 85. Minute Morabit für Baumgarten eingewechselt wurde, lautete sein Kommentar: «Jetzt kommt der doch noch, das ist gar nicht gut.» Wie recht er damit haben sollte, zeigte sich nur vier Minuten später. Oumari spielte einen langen Pass auf den besten Erfurter Stürmer. Dieser täuschte eine Ballannahme vor, ließ das Spielgerät jedoch auf Tunjic durchlaufen, der mittels dieser Finte allein auf Berbig zulaufen und vollenden konnte. Ich will dieses Durchlaufen lassen des Balles jetzt nicht zur Heldentat stilisieren, aber die fußballerische Raffinesse die in diesem Move von Morabit lag, fehlte dem Angriffsspiel des RWE bis dahin. (Leider sieht man diese gedankenschnelle Gewitztheit auf den mdr-Bildern nicht wirklich. Ich stand hinter dem Tor, dort erkannte man sofort, dass die Bewegung pure Absicht war.)

Um es etwas überspitzt zu formulieren: Morabit ist derart wichtig für den RWE, dass er selbst ohne Ballberührung ein Spiel mitentscheidet.

Bis zu diesem Zeitpunkt (also quasi über die volle Spielzeit) war der RWE in allen Belangen die bessere Mannschaft. Aber eben nicht deutlich besser, sondern nur graduell. Nicht genug jedenfalls, um es auf die Anzeigetafel zu schaffen. Dass Jena laufen, kämpfen und grätschen würde, konnte angesichts eines Pokalspiels und der fanatischen Kulisse kaum überraschen. Es war das Spiel der Saison für den FCC. Nicht zu übersehen war ebenfalls, dass Petrik Sander ein ziemlich guter Trainer ist. Alles, was so halbwegs unabhängig von der individuell-technischen Qualität der Spieler trainiert werden kann, stimmte im Spiel der Jenaer: aggressives Zweikampfverhalten, kompakte Raumaufteilung, Defensiv-Offensiv-Balance.

Trotz der defensiven Konstanz des FCC erarbeitete sich der RWE gute Möglichkeiten. Drexler und Möckel scheiterten in der ersten Halbzeit an Berbig und am Pfosten, Möhwalds Heber verfehlte in Halbzeit zwei das Tor nur um Zentimeter. Das Team von Alois Schwartz verlor zu keinem Zeitpunkt des Spiels den Überblick und die Kontrolle, ließ sich weder von der Kulisse noch von der robusten Zweikampfführung der Jenaer beeindrucken. Oumari, Möckel und Rickert spielten routiniert und fehlerfrei, erleichtert wurde ihnen das allerdings von der Kompaktheit des Erfurter Mittelfeldes. In der spielentscheidenden Zone des Platzes regierte meist der RWE mit Engelhardt, Pfingsten-Reddig und Baumgarten. Folgerichtig kamen oft nur lange und ungenaue Zuspiele in Richtung der Jenaer Angreifer, die unsere Verteidigung meist mühelos abfangen konnte.

Allerdings hatte der RWE ebenfalls gravierende Probleme im Offensivspiel. Zu häufig wurden schwer zu verarbeitende lange und oder hohe Bälle gespielt. Wenn einmal über mehrere Stationen und mit Raumgewinn kombiniert wurde, fehlte es oft an der Präzision beim finalen Zuspiel in die torgefährliche Zone. Ebenso häufig wurde der Ball vorher schon vertändelt, nicht selten spielte dabei der spätere Torschütze eine kaum zu übersehende ungute Rolle. Fluides Kurzpassspiel verlangt von allen Beteiligten eine hohe Passgenauigkeit – bisher keine ausgeprägte Eigenschaft von Mijo Tunjic. Er hat – wie man in der 89. Minute sehen konnte – seine nachweislichen Stärken im Strafraum, wird er dort gut in Szene gesetzt, macht er Tore.

Fazit: Der RWE hat dieses Pokalviertelfinale verdient gewonnen. Nicht weil die Mannschaft brillant kickte. (Aber damit war bei einem realistischen Blick auf die Dinge kaum zu rechnen.) Sondern weil sie über 90 Minuten konzentriert und engagiert Fußball spielte, ohne Arroganz, dafür mit Herz und Hirn. Eigenschaften, die am Samstag in Münster erneut dringend benötigt werden.

RWE vs. Stuttgarter Kickers 0:3 / Angst essen Verstand auf

Wie es um den FC Rot-Weiß Erfurt steht, konnte man an den Gesichtern der Zuschauer in meiner Nähe gut ablesen. Quasi: 50 Shades of Fassungs-, Rat- und Hoffnungslosigkeit. Die meisten litten eher still vor sich hin. Bei einigen gewann man den Eindruck sie schauen einem rasanten Tennisspiel zu, so regelmäßig wie sie ihren Kopf schüttelten. Andere, wenige, machten es wie immer und konzentrierten ihren Unmut auf die üblichen Verdächtigen: Tunjic, Pfingsten-Reddig, Engelhardt, Bertram, etc.

Selbst eine kurze taktische Analyse fällt schwer, auch weil ich das Gefühl habe, dass diese niemanden wirklich interessiert. Woher aber kommt der leblose Eindruck, den der RWE über die gesamten 90 Minuten vermittelte? Nun, es war offensichtlich, dass Alois Schwatz sehr viel Wert auf das permanente Einhalten der taktischen Grundordnung legte. Dagegen ist per se nichts einzuwenden. Allerdings führte die Angst vor einem Gegentreffer dazu, dass sie das gesamte Offensivspiel lähmte. Die Außenverteidiger schalteten sich so gut wie nie in die Angriffe ein, was zu permanenter Unterzahl auf den Flügeln führte. Die Spieleröffnung über das zentrale Mittelfeld wurde von den Kickers dadurch unterbunden, dass zum einen die Passwege zugestellt wurden, manchmal nahm man Engelhardt und Pfingsten-Reddig auch in Manndeckung. Damit blieben nur lange Bälle zur Spieleröffnung übrig. Oft wurden diese von Oumari auf den linken Flügel zu Drexler gespielt. Wenn sie denn mal ihren Adressaten fanden, sah sich Drexler meist zwei oder drei Gegenspielern gegenüber. Ein Überladen seiner Seite mittels der Unterstützung durch die Außenverteidiger (oder die Sechser) fand nicht statt. Das war in der letzten Saison noch anders. Da gab es die Variante der langen Bälle von Caillas auf Morabit (meist auch über links) ebenfalls, allerdings unterstützte damals Pfingsten-Reddig sehr häufig den Außenstürmer, was am Samstag völlig unterblieb.

An dieser Stelle stellt sich die grundsätzliche Frage nach dem Spielplan. Sicher ist es von großem Wert, nicht in Rückstand zu geraten. Und es gibt Gegner in dieser Liga, gegen die ein Unentschieden (auch zu Hause) durchaus ein brauchbares Resultat darstellt. Der Aufsteiger Stuttgarter Kickers zählt in seiner jetzigen Verfassung nicht dazu. Gegen die Jungs aus Degerloch muss ich ein Heimspiel gewinnen wollen. Ohne ein gewisses Maß an Risiko wird das nicht funktionieren. Gegen keinen Gegner. Zu diesem Zweck muss sich eben ein Außenverteidiger in die Flügelangriffe einschalten. Wenn die beiden nominellen Spielgestalter im zentralen Mittelfeld sehen, dass die Innenverteidiger Probleme haben Anspielstationen zu finden, muss sich einer zurückfallen lassen, um diese Aufgabe zu erleichtern. Selbst wenn ich – risikominimierend – auf lange Bälle setze, müssen sich ein Sechser und der zentrale offensive Mittelfeldspieler (Möhwald) vorher auf diese Seite orientieren, damit wenigstens ab und an eine dieser Situationen in einen Erfolg versprechenden Angriff mündet (z.B. über die Eroberung bereits abgewehrter «zweiter» Bälle.)

Wie bereits in den Spielen zuvor brach die Mannschaft nach dem Rückstand komplett auseinander, obwohl Schwartz relativ früh und nur positionsersetzend tauschte. Die Grundordnung blieb (nominell) erhalten, nachdem in den Spielen zuvor die Herausnahme eines Sechser bzw. die Auflösung der Viererkette gleichfalls völlig in die Hose gegangen war. Ich hätte bereits zur Halbzeit Tunjic aus dem Spiel genommen und Drexler in die Mitte beordert, einfach um einen Spieler im Sturmzentrum zu haben, der Bälle festmachen und auf nachrückende Mitspieler prallen lassen kann. Etwas was Mijo Tunjic (bei aller Laufbereitschaft) durchweg nicht gelang (und was wohl insgesamt nicht zu seinen Stärken zählt). Keine Ahnung, ob dies etwas verbessert hätte, aber ich hatte nach 45 Minuten schlichtweg das Gefühl (womit ich kaum der Einzige war), dass wir dieses Spiel verlieren werden, wenn sich nichts ändert.

Wie auch immer, momentan haben die Apokalyptiker Konjunktur. Und gute Argumente. Jedenfalls, wenn man Rechthaberei zum obersten Vereinsziel erklärt. Nach dem jetzigen Stand der Dinge wird zutiefst offenbar, dass Rolf Rombach und seine Jünger mit vielem was sie in den letzten Monaten getan, veranlasst und unterlassen haben grandios falsch lagen. Um das zu erkennen, benötigt es nicht viele Worte, ein Blick auf die Tabelle bzw. auf die Leistung der Mannschaft genügt. Dennoch, wozu genau in der gegenwärtigen Lage ein Machtvakuum beim RWE gut sein soll, erschließt sich mir nicht. Die Forderungen nach einem Rücktritt des Präsidenten (mitsamt seiner zugegeben semiprofessionellen Entourage) sind suizidal. Es existiert momentan keine erkennbare Alternative zu ihm, weder personell und schon gar nicht konzeptionell. Ich weiß, dass viele große Sorgen um die Zukunft ihres Vereins haben und auch, dass es allzu menschlich ist, jemanden für Niederlagen sofort haftbar machen zu wollen. Allerdings: Jegliches hat seine Zeit, und gerade jetzt ist der denkbar ungünstigste Zeitpunkt für Scharmützel zwischen Fans und Vereinsführung.

Wir werden diese Scheiße gemeinsam durchstehen oder die Zeit des RWE im deutschen Profifußball ist vorerst abgelaufen.

Rot-Weiß Erfurt vs. Offenbacher Kickers: Schade eigentlich!

Man sieht ihm an, dass der Ball nicht rein geht: Tobias Ahrens © www.fototifosi.de

In der Halbzeit herrschte an den Stehtischen hinter der Tribüne seltene Einigkeit: das waren sehr gute 45 Minuten des FC Rot-Weiß Erfurt. Fast makellos. Einziges Manko war die Chancenverwertung – wer einen Gegner so klar dominiert, sollte höher führen als mit dem knappsten aller Ergebnisse.

Das von Christian Preußer installierte und von Alois Schwartz beibehaltene 4-2-3-1-System bewährte sich erneut. Der RWE dominierte das Mittelfeld nach Belieben. Defensiv wie offensiv. Der OFC gab einen harmlosen Schuss auf das Tor von Rickert ab, während der RWE sich kontinuierlich Chancen erarbeitete. Nur eine davon wurde verwertet. Oumari schlug einen Franz-Beckenbauer-Gedächtnis-Pass auf Drexler, der sich im Zweikampf behauptete, die Übersicht behielt und Möhwald im Rückraum bediente. Der zog direkt ab und erzielte sein zweites Saisontor.

Auch die Auswechslungen Arie van Lents zur zweiten Hälfte ergaben zunächst kein völlig anderes Spiel. Der OFC tat sich mit der kompakten Erfurter Defensive weiterhin schwer. Doch das Mittelfeld der Kickers bekam jetzt seinerseits mehr Zugriff auf die Erfurter Spielgestalter. In Folge wechselte Möhwald häufiger auf den linken Flügel – wahrscheinlich um dort mit Czichos und Drexler Überzahlsituationen herzustellen. Das gelang nur in Maßen, schwerer wog hingegen seine Abstinenz im zentralen offensiven Mittelfeld. Tunjic verlor in der zweiten Halbzeit völlig die Bindung zum Spiel. Zudem gelang es ihm nicht mehr, die Bälle, die er erhielt, kontrolliert zu verarbeiten.

Das Spiel fing an langweilig zu werden, was angesichts der Erfurter Führung zu verkraften gewesen wäre. Nicht mit mir dachte sich der bis dahin unauffällige Schiedsrichter Thomas Stein und sorgte nun seinerseits für die «Höhepunkte» des Spiels. Zunächst wurde Strangl im Offenbacher Strafraum zu Fall gebracht – der Pfiff blieb zu Recht aus. Selbiges hätte man sich allerdings ebenfalls für den Zweikampf Oumari vs. Vogler vorstellen können. Mag sein, dass die jeweiligen Offenbacher Kombattanten etwas geschickter in ihrem Zweikampfverhalten waren, trotzdem ist zu vermerken: hier wurden vom Unparteiischen zwei ähnliche Situationen ungleich bewertet.

Der Tag hätte dennoch mit einer rot-weißen Sause enden können. Erneut nach Vorarbeit Drexlers, hatte Ahrens den Siegtreffer auf dem Fuß. Wie er dabei den OFC-Verteidigern auf zehn Metern zwei abnahm, war sensationell. Was seine Schnelligkeit betrifft, ist der Junge ein Naturereignis. Verdammt Schade, dass es ihm beim Abschluss noch ein wenig an Kaltblütigkeit mangelt. Jedenfalls in dieser Szene.

Ach ja, dann flog – gerade eingewechselt – noch Bernd Rauw vom Platz. Mag sein, dass dies vereinbar mit den Regeln und Anweisungen des DFB war. Allein – dann sollte man über diese Regularien ernsthaft nachdenken. Hier bewegt sich seit Jahren etwas grundsätzlich in die falsche Richtung. Eingepeitscht von Kommentatoren wie Marcel Reif – für den es in jedem zweiten Spiel ein Dutzend Roter Karten geben könnte („Bis sie es endlich begreifen.“) – verringern die Verbände sukzessive die Hemmschwelle für Schiedsrichter, einen Spieler des Feldes zu verweisen. Und verkennen dabei, dass diese Bestrafung eine Ultima Ratio sein sollte, weil sie die Wettbewerbsgleichheit eines Spiels maximal aus der Balance bringt.

In anderen Sportarten wird dies anders, meines Erachtens nach, besser geregelt. Sowohl beim Eishockey als auch beim Handball oder Feldhockey gibt es zeitlich begrenzte Strafen. Darüber sollte man für den Fußball dringend nachdenken. Zwar können Spieler auch von der Fortsetzung eines Spiels ausgeschlossen werden (z.B. bei grober Unsportlichkeit oder wiederholtem Foulspiel), jedoch ist es nach einer gewissen Zeiteinheit möglich, die nominelle Mannschaftsstärke wieder herzustellen. So bleiben Chancengleichheit (für die Beteiligten) und Spannung (für die Zuschauer) erhalten.

Es gäbe noch einen weiteren Vorteil, an dem nicht zuletzt Schiedsrichtern und Fußballverbänden gelegen sein sollte: Die Folgen von Fehlentscheidungen bei Roten Karten ließen sich drastisch begrenzen. Übrigens: der Kicker bewertete die Leistung von Herrn Stein mit einer glatten 5. Ist eben ein honoriges Fachmagazin.

1. FC Saarbrücken vs. RWE 0:2 / Der verdiente erste Auswärtssieg

Möhwald erzielte seinen ersten Drittligatreffer © www.fototifosi.de

Der Ludwigspark kündet eindrucksvoll von den großen Zeiten des 1. FC Saarbrücken. Und daran, dass diese bereits einige Zeit zurückliegen. Als Anhänger des RWE kommt einem das vertraut vor. Vertraut war einem auch die Aufstellung die Alois Schwartz ins Duell der beiden Traditionsvereine schickte. Wie bereits vermutet, änderte er Preußers Formation nur da wo er musste, und brachte Tunjic für den verletzten Morabit.

Die Spiele gegen Aachen und den BVB hatten der Mannschaft Sicherheit und Struktur gegeben. Das war von der ersten Minute an zu spüren. Wenn Saarbrücken das Spiel aus der Abwehr heraus aufbaute, versuchten Tunjic und Möhwald die Passwege ins Zentrum zu blockieren. Mit einigem Erfolg – der FCS war so gezwungen lange, hohe Bälle zu spielen oder verlegte seine Angriffsbemühungen viel zu früh auf eine der Außenbahnen. Beides war relativ einfach zu verteidigen. Möckel und Oumari machten ihren Job tadellos. Können sie diese Form konservieren, werden es Bertram und Rauw schwer haben ihre Stammplätze zurück zu erobern. Vor allem Möckel überzeugte mich dieses Mal nicht nur als Abwehrorganisator, sondern wusste sogar mit einigen gescheiten und genauen Bällen zur Spieleröffnung beizutragen. Bei eigenen Ballverlusten in der Hälfte von Saarbrücken wurde versucht – nicht selten mit Erfolg -, über Gegenpressing den Ball möglichst umgehend wieder in Besitz zu nehmen. Hier verdiente sich besonders der unglaublich agile und laufstarke Strangl Bestnoten, dem kein Weg zu weit und kein Zweikampf zu viel war. Im Grunde gilt dies ebenso für Drexler. Bei der Bewertung seiner Leistungen wird aufs Neue der Fehler wiederholt, der in der letzten Saison zu einem überkritischen Umgang mit Gaetano Manno führte. Beides sind von Haus aus Stürmer, müssen aber, wenn sie auf den Außenbahnen spielen, viel Energie aufwenden, um ihren defensiven Aufgaben nachzukommen. Exemplarisch erinnere man sich an die Defensivanfälligkeit der Bayern, sobald Robben und Ribéry ihre diesbezüglichen Pflichten vernachlässigen. Die Note 4 für Drexler in der heutigen TA ist eine Frechheit. Wer allein Tore zum Kriterium der Bewertung eines Spielers erhebt, versteht von der komplexen Aufgabenverteilung im modernen Fußball in etwa soviel wie Ottfried Fischer vom Vegetarismus.

Mijo Tunjic. Hier muss ich Abbitte leisten, denn eigentlich hatte ich nach dem Pokalspiel in Heiligenstadt alle Hoffnungen fahren lassen, dass es mit ihm und dem RWE noch jemals etwas werden könnte. Und jetzt das: Honeymoon – Kate und William vergleichsweise altes Ehepaar! Ganz abgesehen vom Tor – er nahm zum ersten Mal nennenswert am Spiel der Mannschaft teil, ließ sich tiefer fallen als zuletzt und erhielt so deutlich mehr Zugriff auf das Geschehen. Er leistete sich auch am Samstag das ein oder andere vermeidbare Fehlabspiel, glänzte aber andererseits mit einigen vertikalen, längeren Zuspielen. Und schoss – nach Freistoß von Pfingsten-Reddig – ein schönes, ungemein wichtiges Tor zur Führung des RWE. Wenn es ihm gelingt, diese Leistung zu verstetigen, werden wir noch viel Freude an ihm haben.

Meine einzige, klitzekleine Kritik am Coaching von Alois Schwartz: Ich hätte Tobias Ahrens schon zehn Minuten früher eingewechselt. Es sei an das Spiel der Erfurter in Wiesbaden in der letzten Saison erinnert. Bereits damals irrwischte Ahrens durch die Innenverteidigung und erzielte fast ein Tor. Diesmal hatte er (innerhalb von nur 4 verbleibenden Spielminuten) gleich zwei Großchancen, eine davon endete am Pfosten. Sobald nach einer Führung des RWE Konterräume vorhanden sind, ist Ahrens eine erstklassige Option. Mit seiner Schnelligkeit stellt er eine Heimsuchung für alle Verteidiger dar – noch dazu, wenn sie bereits 80 Minuten Spielzeit in den ausgelaugten Knochen haben.

Am nächsten Samstag kommt es im Steigerwaldstadion zum Spitzenspiel. Der Erste und Zweite der ewigen Drittligatabelle treffen aufeinander; gewinnt der RWE schubsen wir den OFC wieder vom Thron. Ein zweifelhaftes Vergnügen, ich weiß. Aber auch so ist das Wort vom Spitzenspiel nicht völlig absurd (sondern nur ein bisschen). Zwar ringen beide Mannschaften nach einem grandios verkorksten Ligastart vorerst um Anschluss ans Mittelfeld, allerdings befinden sich alle zwei Teams momentan in sehr guter Verfassung. Offenbach hat von den letzten 5 Ligaspielen drei gewonnen und keines verloren. Dazwischen fiel der so deutliche wie verdiente DFB-Pokalsieg gegen den Erstbundesligisten Greuther Fürth (2:0). Man muss kein Loddar Matthäus sein, um sicher davon ausgehen zu können, dass der OFC stärker sein wird als zuletzt Aachen, der BVB-Nachwuchs und Saarbrücken.

Ihr wisst schon: Prüfstein, harter Brocken und so.

Rot-Weiß Erfurt vs. RW Oberhausen: Wenn selbst Siege Trauer tragen

Fokussiert: Dominick Drexler  / © www.fototifosi.de

Irgendwann Mitte der ersten Halbzeit vergab Marcel Reichwein seine zweite und – wie sich zeigen sollte – letzte Torchance in diesem Spiel, in diesem Stadion, für diesen Verein. Einer der Dauerkarteninhaber um mich herum, noch nie ein großer Reichwein-Freund, jaulte auf und schimpfte: «Mein Gott, den muss er doch machen.» Eine zugegeben vergleichsweise harmlose Bemerkung, die ich normalerweise ignorieren würde. Nicht so am Samstag. Ich konnte nicht anders und wies ihn darauf hin, dass selbst die ganz Großen dieses Sport mitnichten all ihre Torchancen zu nutzen wissen und es mir überdies rätselhaft sei, wieso man dieser Tatsache nicht einmal im letzten Spiel von Marcel Reichwein Rechnung tragen kann. Sowie der Tatsache von 29 Toren und 16 Torvorlagen in zwei Drittligaspielzeiten. Wir haben dann in der Halbzeit ein Bier zusammen getrunken und uns wieder vertragen. Er war – wie ich, wie viele – einfach nur sauer, dass es wieder nichts wird mit dem Aufstieg (oder wenigstens der Relegation) und aus alter Gewohnheit bot sich unser Mittelstürmer als Zielscheibe an. Eine Enttäuschung die ich, wie gesagt, völlig nachvollziehen kann, da ich sie selbst empfinde. Nur weiß ich auch, dass Defätismus, Resignation und Schuldzuweisungen die denkbar ungeeignetsten Reaktionen auf erlittene Niederlagen darstellen.

Für Oberhausen nur noch ein Freundschaftsspiel

Aus offensichtlichen Gründen muss man zum Spiel selbst nicht allzu viele Worte verlieren. Oberhausen war abgestiegen und spielte auch so. Dadurch hatte das Geschehen auf dem Rasen, spätestens nach dem 2:0, Freundschaftsspielcharakter. Der RWE musste gewinnen – und spielte auch so. Die Mannschaft, der von einigen bereits eine Söldnermentalität attestiert wurde, gewann die letzten drei Spiele der Saison. Muster ohne Wert, leider. Auch unentwegtes Aktualisieren des Wischtelefons in Tateinheit mit irrationalem Anflehen höherer Mächte half nichts: Der Liveticker des SV Sandhausen meldete um 15.17 Uhr die Niederlage. Ihre, vor allem aber unsere. Nie war ein Sieg so sinnlos. So meine Gemütslage, als ich – passenderweise nass wie ein begossener Pudel – wieder auf dem Heimweg war.

Größere Enttäuschung als letztes Jahr

Meine Enttäuschung über die abgelaufene Saison ist dramatisch größer als im letzten Jahr. In der letzten Spielzeit rechnete ich über lange Phasen nicht damit, dass der RWE irgendetwas mit dem Aufstieg zu tun haben würde. Und, ganz entscheidend, ich traute es der Mannschaft vor allem fußballerisch nicht zu. Dann kam der Sieg in Dresden und plötzlich schien alles möglich. Daraufhin wurde in Wiesbaden gewonnen und plötzlich war alles möglich. Schließlich stürzte das ganze Kartenhaus gegen Regensburg und Ahlen wieder zusammen. Das alles spielte sich zeitlich sehr gedrängt ab. Wie in einem schlechten Film: Der Held sieht seine seit Jahren vermisste Geliebte plötzlich auf der anderen Straßenseite. Er lächelt, sie lächelt. Er rennt mit ausgebreiteten Armen auf sie zu. Dann überrollt ihn der Bus. THE END.

Ganz anders in diesem Jahr. Um das Bild ein letztes Mal zu gebrauchen: In dieser Spielzeit hat uns der Bus gleich mehrmals überfahren. Soweit die Emotionen. Nun zu den Fakten.

Die Zugänge waren Verstärkungen

Vor der Saison war die sportliche Leitung (im Wesentlichen also Stefan Emmerling) genötigt zahlreiche Abgänge durch neue Spieler zu ersetzen. Das gelang wie bereits im Jahr zuvor bemerkenswert gut: Morabit, Rickert, Rauw, Oumari, Manno und Ofosu-Ayeh gehörten über die ganze Saison hinweg zu den 16 bis 17 Spielern der Kernmannschaft. Morabits Verpflichtung war sogar ein kleiner Geniestreich. Der Franzose wurde vom saarländischen Oberligisten SF Köllerbach verpflichtet und schon im Vorbereitungsspiel gegen Werden Bremen war seine spielerische Klasse nicht zu übersehen. In der Innenverteidigung wurde Routine (Rauw) und Perspektive (Oumari) verpflichtet. Beides Verteidiger, die fußballerisch besser sind als Möckel, Hillebrandt und Pohl. Wer das nicht wahrhaben will, erinnere sich an das zuweilen atemberaubend dilettantische Gekicke vor dem eigenen Tor in den letzten Jahren. Etwas, das man in dieser Saison kaum zu ertragen hatte. Natürlich auch dank eines immer wertvoller werdenden Tom Betram. Mit Ofosu-Ayeh wurde ein 19 Jahre alter Nachwuchsspieler aus Wilhelmshaven geholt, dessen Saison Licht und Schatten aufwies, der aber eindeutig ebenfalls auf der Habenseite von Emmerlings Verpflichtungen zu verorten ist. Für alles, was er auf dem Platz geleistet hat, trifft das gleichermaßen auf Gaetano Manno zu. Von Hause aus ein Stürmer hat er im offensiven Mittelfeld mehrheitlich gute, engagierte Spiele geboten. Das ist keineswegs selbstverständlich, da er hier deutlich mehr Defensivarbeit leisten muss, wozu er klaglos bereit und in der Lage war.

Während der Winterpause konnte sich der Verein zudem mit Marco Engelhardt auf einen langfristigen Vertrag einigen. Und, obwohl er quasi ein Jahr keinen Fußball mehr gespielt hatte, gelang ihm bereits in Bremen der Sprung in die Stammelf. Angesichts dieser Verstärkungen ist Emmerlings Aussage, dass die Mannschaft spielerisch besser sei als jene der letzten Saison völlig nachvollziehbar. Wir halten fest: mehr spielerische Qualität bei kleinerem Etat. Schon rechnerisch war das nur möglich, weil der RWE mit 23 Spielern den numerisch kleinsten Kader aller Drittligamannschaften aufwies (Quelle: transfermarkt.de).

Viele Spiele wurden von Kleinigkeiten entschieden

Warum hat es dann trotzdem wieder nur zu Platz 5 gereicht? Nun, ich glaube nicht, dass es hierfür eine monokausale, alles erfassende, quasi mohrensche Antwort gibt. Jedenfalls keine plausible. Eine Ursache liegt meines Erachtens in der immensen sportlichen Ausgeglichenheit der Liga. Es gab eine Unmenge enge Spiele. Spiele in denen Kleinigkeiten und Zufälle den Ausschlag gaben. In einigen dieser Spiele hatte die Mannschaft schlichtweg Pech, in anderen vergab sie Führungen durch mentale und taktische Leichtfertigen, wobei Ersteres meist Letzterem vorausging. Natürlich wurden taktische Fehler gemacht, nicht alle vom Trainer erdachten Spielpläne gingen auf und manchmal, ja manchmal, verlor man gegen eine an diesem Tag schlichtweg bessere Mannschaft. Was aber vergleichsweise selten vorkam.

In einer separaten Saisonanalyse werde ich darauf noch detaillierter zu sprechen kommen. Wie ausgeglichen der gesamte Wettbewerb 3.Liga war, sollen hier schon mal einige Zahlen verdeutlichen.

Extrem hohe Leistungsdichte

Die längste Siegesserie aller Mannschaften (8 Siege in Folge) bescherte dem VfR Aalen (bei ansonsten durchschnittlicher Bilanz) den direkten Aufstieg. Eine ähnliche Sequenz der Chemnitzer nach der Winterpause katapultierte die Sachsen zwischenzeitlich von sehr weit unten auf den Relegationsplatz. Gerade mal 22 Punkte liegen zwischen dem Tabellenführer (Sandhausen, 66) und dem ersten Nichtabstiegsplatz (Babelsberg, 44). In den bisherigen Spielzeiten war der Abstand (meist deutlich) größer: 08/09 – 38 Punkte, 09/10 – 23, 10/11 – 49. Der Tabellenvierzehnte Darmstadt verlor nur drei Spiele mehr als Primus Sandhausen. Burghausen, Tabellensechster, verlor sogar drei Partien weniger (7) als der Spitzenreiter (10). Die 18 Unentschieden der Oberbayern (zwei davon gegen den RWE) werden wohl ein Rekord für die Drittligaewigkeit bleiben.

Es fühlt sich nicht so an, aber es war eine gute Saison

Nüchtern betrachtet hat die Mannschaft des FC Rot-Weiß Erfurt unter ihrem Trainer Stefan Emmerling erneut eine gute Drittligasaison gespielt. Der fünfte Platz lässt wenig Raum für andere Interpretation. Im Grunde wurde die Mannschaft ein Opfer der durch sie selbst entfachten Erwartungen. Die frustrierende Erfahrung scheinbar leichtfertig vertaner Aufstiegschancen teilen wir allerdings mit den Anhängern anderer Vereine: siehe Chemnitz, siehe Burghausen, siehe Heidenheim, siehe die Offenbacher Kickers. Auch die wurden das ein oder andere Mal vom Bus der eigenen Illusionen überrollt, auch die hatten beständig (Burghausen, Offenbach, Heidenheim) oder zum Ende (Chemnitz) die Aufstiegsplätze vor der Nase. Das wird in Erfurt niemanden trösten, sollte aber Anlass genug sein, über die vermeintliche Singularität hiesigen Elends hinwegzukommen.

Das Wichtigste zum Ende dieses Postings: Wie die meisten bereits wissen, hat sich unser U18-Nationalspieler Johannes Bergmann am Sonntag beim Spiel gegen den VfL Osnabrück schwer verletzt. Ihm wünschen wir alles erdenklich Gute, vor allem jedoch baldige und vollständige Genesung. Kopf hoch, Johannes!

Chemnitzer FC vs. Rot-Weiß Erfurt 0:2 / Eine Ahnung von Größe

Sie schossen die Tore: Reichwein und Drexler  / © www.fototifosi.de

Auf die Details kommt es an. Im Fußball wie im Leben, das man gerne auch das richtige nennt. RWE Co-Trainer Henri Fuchs erklärte in der Halbzeit im mdr, dass man die Spieler genau instruiert habe, wie sie den CFC-Rechtsverteidiger Fabian Stenzel anlaufen sollen. Nämlich so, dass er den Ball möglichst nur in die Mitte des Spielfeldes weiterpassen kann und nicht auf die rechte Seite zu Ronny Garbuschewski.

Chemnitz minus Garbuschewski / Kein Problem für den RWE

Stefan Emmerling verwendete also viel gedankliche Mühe darauf, den Spielmacher der Chemnitzer zu isolieren und scheute nicht davor zurück, seine Defensive aufwendig umzubauen. Das gelang glänzend. Wenn Garbuschewski dann doch mal am Ball war, kümmerte sich Joan Oumari um ihn, eine Dienstleistung, auf die der Chemnitzer Regisseur gewiss gerne verzichtet hätte. Die Erfurter Viererkette mit Rauw, Zedi, Bertram und Oumari war eine Novität, spielte aber, als hätte sie in dieser Konstellation schon manche Schlacht geschlagen. Die Aufstellung Oumaris hinten links hatte einen weiteren Vorteil. Damit war Caillas für das linke Mittelfeld frei und mittels seiner Spielstärke gelang es, Stenzel in der Abwehr zu binden. Ein weiterer Mosaikstein, um Garbuschewskis taktische Quarantäne im Angriff zu perfektionieren. Auch ansonsten gab es an diesem wunderbaren Nachmittag im Stadion an der Gellertstraße keinen Ausfall im Trikot des RWE. Im Gegenteil: Drexler und Reichwein waren pures Nitroglyzerin für die Verteidigung der Chemnitzer. Nach 28 Minuten – mit der Roten Karte gegen Bankert – hatten die beiden dann auch sämtliche Aufstiegsträume des CFC pulverisiert. Mission accomplished.

Die Rote Karte war berechtigt

Im oben schon erwähnten Halbzeitinterview des mdr bewies Henri Fuchs diplomatisches Geschick. Er wollte wohl nicht noch Öl ins Feuer gießen und befand, dass man „die Rote Karte nicht hätte geben müssen.“ Nun ja, was muss man schon geben? Festzuhalten bleibt, dass sich die Entscheidung von Schiedsrichter Stegemann völlig mit der korrespondierenden Regel des Deutschen Fußballbundes im Einklang befand. Diese lautet nämlich: „Ein Spieler … erhält die Rote Karte und wird des Feldes verwiesen, wenn er eines der folgendes Vergehen begeht: (u.a.) Vereiteln einer offensichtlichen Torchance für einen auf sein Tor zulaufenden Gegenspieler durch ein Vergehen, das mit Freistoß oder Strafstoß zu ahnden ist.“ Man kann sich die Szene wegen mir jetzt noch hundertmal anschauen, Stoff für Verschwörungstheorien sieht anders aus. Bankert tat durch sein Foul genau das: Er verhinderte eine offensichtliche Torchance. Amen. Und wenn ein mdr-Sportreporter noch einmal irgendeinen Blödsinn im Sinne von: Er war doch gar nicht letzter Mann erzählt, storniere ich den Dauerauftrag für die GEZ. Denn ob jemand „letzter Mann“ war, ist in etwa so relevant wie das Wahlergebnis von Dr. Gerd-Bezahlt-Euer-Stadion-Doch-Selber-Stübner für die Erfurter Kommunalpolitik: nämlich null.

Wäre das Spiel ohne diese Rote Karte anders verlaufen? Nun, darauf deutet wenig bis nichts hin. Der RWE war davor und danach die dominierende Mannschaft und es stand bereits 0:2, als der Chemnitzer Innenverteidiger vom Feld musste.

Im Hinspiel hatte ich einen taktischen Punktsieg Gerd Schädlichs über seinen Erfurter Kollegen konstatiert (RWE – CFC 0:0 / Emmerling vs. Schädlich 0:1). Emmerling hat sich am Samstag eindrucksvoll gerächt rehabilitiert. Nicht zum ersten Mal stellte sich dabei die Polyvalenz einiger RWE-Spieler als großes Plus heraus. Drexler spielte grandios in der Spitze, Caillas weiß auf jeder Position links der Spielmitte zu gefallen und Joan Oumari mag die tiefen Teller nicht erfunden haben, aber auf dem Platz ist er eigentlich immer ein Gewinn für die Stabilität des Rot-Weißen Defensivspiels.

Hoffentlich nicht wieder ein großer personeller Umbruch

Ich konnte nicht umhin, mich am Spiel des RWE in Chemnitz hochgradig zu erfreuen. Dabei war es keineswegs berauschend, spielerisch hatte die Mannschaft in dieser Saison schon Effektvolleres geboten. Doch vielleicht lag genau an diesem Punkt der Unterschied zu anderen, nicht siegreich beendeten Spielen: Nach der Führung wurde getan, was notwendig war, um zu gewinnen, und nicht das, woran man Spaß hat. Kein Glänzen wollen, keine Hackenpässe, kein Nachlassen im Gefühl einer vermeintlichen Überlegenheit. Einfach nur: konzentrierter Ergebnisfußball. Es beschlich mich – nicht zum ersten Mal – eine Ahnung davon, was mit dieser Mannschaft möglich gewesen wäre.

Meine Vorfreude auf das letzte Saisonspiel gegen Oberhausen ist ohnehin mit reichlich Wehmut vermischt. Wieder verlassen mit Olivier Caillas (sicher) und Marcel Reichwein (so gut wie sicher) zwei Spieler den RWE, die ich gerne länger in Erfurt spielen gesehen hätte. Dass die so Welt ist, muss mir jetzt niemand erklären. Das weiß ich. Es ändert nur nichts an der Leerstelle, die diese Fußballer hinterlassen werden und auf deren adäquaten Ersatz man vorerst nur hoffen darf. Umso wichtiger wäre, dass die auslaufenden Verträge mit anderen Leistungsträgern dieser Spielzeit, wie Pfingsten-Reddig und Weidlich, verlängert werden. Klar, auch diese beiden haben sich schwächere Spiele gestattet, und vor allem Weidlich ist derzeit nicht gerade in einer Überform. Nichtsdestotrotz handelt es sich um zwei Stammspieler, die – nimmt man alles in allem – ihre Drittligatauglichkeit in zwei Spielzeiten verlässlich demonstriert haben. Werden sie weiterhin an den Verein gebunden, könnte man sich bei der Personalsuche für die neue Saison auf die beiden defensiven Außenbahnen konzentrieren, hier herrscht absehbar der größte Handlungsbedarf.

OFC vs. RWE 2:0 / Vom Bieberer Berg gefallen

Sie gaben alles – die Mannschaft auch? / © www.fototifosi.de

Um dieses Mal nicht auf ein paar Minuten Spielbericht des mdr angewiesen zu sein, hatte ich mich zum sonntäglichen Groundhopping nach Offenbach entschlossen. Außerdem hoffte ich natürlich einen Sieg des RWE erleben zu können, der – nach dem Chemnitzer Remis am Vortag – gleichbedeutend mit einer Renaissance der Hoffnungen auf den Relegationsplatz gewesen wäre. Ich armer Irrer.

Naja, jedenfalls mal wieder auf dem Bieberer Berg gewesen. Und – obwohl es sich quasi um ein neues Stadion handelt – durchaus nicht fremd gefühlt. Es mag im Detail viele Kritikpunkte an der modern gewandeten Spielstätte des OFC geben, doch allein diese imposante Stehplatztribüne, die sich über die komplette Gegengerade erstreckt, bewahrt ein schönes Stück Fußballtradition. Gar nicht so einfach. Auch die mächtige, nun fast fertige Südosttribüne sieht wie ein renoviertes Abbild der alten aus.

Hohes taktisches Risiko

Wie ein Abbild der letzten Auswärtsauftritte präsentierte sich leider auch der RWE. Obwohl es Emmerling mit einer (bei den Spielen des RWE) selten zu sehenden taktischen Variante versuchte. Die Abwehrkette (rekrutiert aus Ofosu, Rauw, Engelhardt und Caillas) hatte offensichtlich die Anweisung sehr hoch, sprich weit entfernt vom eigenen Tor, zu agieren. Wie jeder weiß, ein weitverbreitetes Mittel aus dem Arsenal moderner Fußballtaktiken. Wenn Jens Lehmann ein Spiel bei Sky co-kommentiert, lobt er jede Mannschaft, die so verteidigt. Man verspricht sich davon die Verdichtung der Räume im zentralen Mittelfeld, gegnerische Kombinationen sollen bereits dort unterbunden werden. Der größte Vorteil liegt jedoch im Umkehrspiel. Werden Bälle bereits im Mittelfeld erobert (und diese Wahrscheinlichkeit steigt, wenn Abwehr- und Mittelfeldkette hoch stehen), ist die zu überbrückende Distanz zum Tor des Gegners geringer. Es ist mithin eine aggressive, offensiv orientierte Art des Spiels. Nach den letzten, mutlosen Auswärtsspielen sicherlich auch ein Zeichen an die Mannschaft: Jungs, hört die Signale! Aber es will beherrscht sein, denn es birgt enorme Risiken. Gelingt der angreifenden Mannschaft kontrollierter Ballbesitz und wird der ballführende Spieler nicht unter Druck gesetzt, sind Bälle in die Schnittstellen der Viererkette oder hinter die Abwehr, ein ungemein effektives Mittel um eine hoch stehende Verteidigung sehr alt aussehen zu lassen. Günter Grass, nichts dagegen.

Deshalb ist ein funktionierendes Pressing die Grundvoraussetzung für aufgerückte Abwehrformationen. Wenn ich mir nicht sicher bin, dass mein Pressing funktioniert, sollte ich es lieber bleiben lassen. Sonst verliere ich das Spiel. Doch grau ist alle Theorie. Schmerzhaft konkret wird es dann, wenn man sich den Offenbacher Führungstreffer anschaut, der genau dieses Dilemma vor Augen führt: kein Pressing, ein gut in den Rücken der Abwehr geschlagener Ball. Andreas Sponsel kann nur verlieren: Bleibt er stehen hat er ein Problem, geht er raus und bekommt den Ball nicht, hat er ein noch viel größeres Problem.

Eine hässliche alte Bekannte ist wieder da: die Auswärtsschwäche

Gegen eng am Mann stehende Offenbacher konnten sich die Erfurter Aufbau- und Offensivspieler selten bis nie am Ball behaupten. Kombinationen über mehr als zwei oder drei Stationen fanden kaum statt. Eklatante technische Unfertigkeiten (Weidlich, Zedi), hektische Aktionen (Ofosu-Ayeh), oder eben gute Abwehrarbeit des OFC (Pfingsten, Reichwein, Morabit) verhinderten Angriffe bereits in ihrer Entstehung. Allein auf der linken Seite gelang es Drexler und Caillas zweimal, sich zur Offenbacher Grundlinie vorzuarbeiten. Die Flanken nach innen fanden jedoch keinen Abnehmer.

Die Aufstellung von Emmerling war – nach Bertrams Ausfall – kurzfristig improvisiert. Ein zusätzliches Manko. Natürlich war ich ob Engelhardts erneuter Positionierung in der Zentrale der Viererkette überrascht. Mit Oumari stand ja noch ein ein gelernter Innenverteidiger zur Verfügung. Unser Trainer hatte sicherlich seine Gründe für diese Entscheidung. Das Problem bestand auch eher darin, dass Engelhardt im Mittelfeld als zusätzliche Relaisstation fehlte. Pfingsten-Reddig wurde aggressiv bearbeitet (überdies spielte er nicht gut) und Zedi hatte für seine technischen Möglichkeiten schlichtweg zu wenig Raum. Die von Emmerling während der zweiten Halbzeit vorgenommenen Wechsel und Positionsverschiebungen – bis hin zur Auflösung der Viererkette – änderten an den Grundübeln des Erfurter Spiels nichts Substanzielles: Hektik, mangelhafte Ballmitnahme, hohe Fehlpassquote. Der RWE hatte zwar mehr Spielanteile, was allerdings in erster Linie der nun auf Konter ausgerichteten Spielanlage des OFC geschuldet war.

Was sich in den drei vorhergehenden Spielen auf fremdem Platz bereits abzeichnete, muss man nun als Tatsache akzeptieren: zur Unzeit ist die altbekannte RWE-Auswärtsschwäche auferstanden. Ein gnadenloser Zombie. Mit dieser Niederlage sind wohl endgültig alle höheren Ziele – einschließlich des zum DFB-Pokal berechtigenden vierten Platzes – unerreichbar. Das ist, zurückhaltend und jugendfrei formuliert, ernüchternd. Jetzt kann es nur noch darum gehen, die Saison vernünftig zu Ende zu spielen. Vor allem in den beiden verbliebenen Heimspielen kann die Mannschaft unter Beweis stellen, dass sie besseren Fußball zu spielen versteht, als sie dies in Offenbach zeigen konnte.

RWE – SV Sandhausen 4:2 / Ein geiles Spektakel

Marcel Reichwein erzielt das 1:0 / © www.fototifosi.de

„Den Erfurtern gelang diesmal fast alles. Der gravierende Eindruck: Der Spitzenreiter war einer deklassierenden Niederlage nahe! Die Ursache? Eine nicht funktionierende, offene Deckung, für die gegenseitige Absicherung ein Fremdwort zu sein schien.“ So die FuWo im Juni 1973, anlässlich des sensationellen 4:2 Heimsiegs (Halbzeit 3:0) des designierten Absteigers Rot-Weiß Erfurt über den designierten (und in Folge tatsächlichen) Meister Dynamo Dresden. Das Spiel war so etwas wie die letzte Chance des RWE. Sie wurde wahrgenommen, der Oberliga-Verbleib konnte am letzten Spieltag mit einem Sieg in Frankfurt/Oder gesichert werden.

Großartige Offensivleistung auf Basis defensiven Teamworks

Um so etwas wie die letzte Chance ging es am Samstag ebenfalls. Nur, dass es für den RWE diesmal die finale Möglichkeit war, Anschluss an den Relegationsplatz zu halten. Das gelang furios und daran hatte die gesamte Mannschaft Anteil. Und nicht nur Marcel Reichwein, wie in vielen Presseberichten ärgerlicherweise zu lesen ist. Den Gästen gelangen aus dem Spiel heraus kaum nennenswerte Offensivaktionen. Das war ein Verdienst aller Mannschaftsteile des RWE. Hier hat sich die Mannschaft definitiv verbessert. Es beginnt beim aggressiven Pressing der Stürmer gegen den Spielaufbau des Gegners, geht weiter über das geschickte Zustellen möglicher Passwege durch das Mittelfeld und endet beim konzentrierten Entsorgen aller Anspiele, die dennoch in die Nähe des RWE-Strafraums gelangen. Letzteres fällt den Verteidigern umso leichter, je mehr der Gegner gezwungen ist, lange, relativ leicht zu verteidigende Bälle zu spielen. Noch im ersten Spiel der Rückrunde (in Jena) hatte das Pressing überhaupt nicht funktioniert, da der Abstand zwischen den einzelnen Mannschaftsteilen viel zu groß war. Durch die Aufstellung von Engelhardt im zentralen Mittelfeld und Caillas auf der linken Seite der Viererkette verfügt das Team von Emmerling jetzt zudem über mehr Optionen im Umkehrspiel. Das entlastet Pfingsten-Reddig und erschwert die Ausrechenbarkeit für den Gegner.

Ein kleines Loblied auf Olivier Caillas

Der Deutsch-Franzose hat uns in dieser Saison viele Nerven gekostet. Undiszipliniertheiten und eine zuweilen arrogante Lässigkeit machen es den Anhängern des RWE nicht immer leicht, ihn bzw. sein Spiel zu mögen. Die Promotion zum Mannschaftskapitän hat ihm jedoch offensichtlich gut getan. Läuferische Defizite auf der linken Abwehrposition weiß er durch Cleverness und glänzendes Stellungsspiel mehr als auszugleichen. Doch besonders wertvoll sind seine Fähigkeiten bei der Spieleröffnung. Ein Grund warum wir dringend aufsteigen müssen ist die mangelhafte statistische Erfassung von Drittligaspielen. Demzufolge kann ich die Behauptung nicht belegen, dass Caillas derjenige RWE-Spieler ist, der bei vertikalen (spieleröffnenden) Zuspielen die geringste Fehlpassquote aufweist. Sieht er eine Chance auf Raumgewinn spielt er den Ball schnell und präzise nach vorn, besteht diese Möglichkeit nicht, entscheidet er sich für die bessere Option einer Spielverlagerung. Alibizuspiele in die Spitze (mit a priori geringen Erfolgs-Aussichten) sieht man bei ihm ebenso selten wie ungenaue Pässe. Zudem haben seine Standards in den letzten Spielen an Qualität zugelegt.

Einzige derzeitige Schwäche: gegnerische Standards

Stichwort Standards: Wir haben in den letzten zwei Begegnungen vier Gegentore nach Standards kassiert. Man will ja nach so einem Heimsieg über den Spitzenreiter nicht kleinkariert erscheinen, aber wie der alte Cato im römischen Senat, kann ich an dieser Stelle auf ein ceterum censeo nicht verzichten: Im Übrigen bin ich der Meinung, dass das Verhalten der Mannschaft bei gegnerischen Standards dringend verbessert werden muss. Ohne große Übertreibungen lässt sich für die letzten drei Spiele folgende Statistik behaupten:

  • 0 Gegentore der Gegner aus dem laufenden Spiel heraus
  • 0 Torchancen der Gegner aus dem laufenden Spiel heraus
  • 4 Gegentore nach Standards

Lassen wir es mit der Kritik am Spiel dabei bewenden.

Reichweins Scorerkoeffizient: besser als der von Bunjaku

Eine aufschlussreiche Statistik zu Marcel Reichwein: In der dritten Liga lief er bisher insgesamt 65 Mal für den RWE auf und kam dabei auf 40 Scorerpunkte (25 Tore, 15 Vorlagen). Das entspricht einem Koeffizienten von 0,62 Torbeteiligungen pro Ligaspiel. Damit liegt er jetzt knapp vor Albert Bunjaku, der in 74 Ligaspielen 45 Torbeteiligungen für sich verbuchte (0,61). Zahlen lügen nicht: auf die Knie, ihr Reichwein-Basher!

Sorgen um den Kader und leichte Verbesserung bei der Zuschauerresonanz

Leider, leider hat die glänzende Form einiger RWE-Spieler unabweisbare Konsequenzen. Für folgende Akteure sehe ich die akute Gefahr, dass sie den Verein in Richtung 2.Liga (oder anderer gut dotierter Optionen) verlassen, wenn der Aufstieg nicht erreicht werden sollte: Morabit, Oumari, Weidlich, Reichwein, Pfingsten-Reddig. Bei den drei letztgenannten laufen die Verträge aus. Trotzdem: Bei ihnen sehe ich am ehesten eine realistische Chance, sie auch bei einem Verbleib in der dritten Liga halten zu können. Bei Morabit und Oumari wird es ohnehin eng, selbst wenn der RWE aufsteigt. Es würde mich sehr überraschen, sollten sich für diese beiden nicht finanzstarke Vereine interessieren, die durchaus in der Lage wären, sie aus einem laufenden Vertrag herauszukaufen.

Knapp 6.500 Zuschauer sahen dieses Spitzenspiel der 3.Liga. Immherhin 1.500 mehr als am Samstag zuvor. Am klangvollen Namen der SV Sandhausen wird es nicht gelegen haben. Sollte doch die etwas konstruiert daherkommende Wette zwischen der Thüringer Allgemeinen und dem Verein dafür gesorgt haben? Wie auch immer, die Zuschauer die da waren, haben einer Werbung für den Fußball beigewohnt. Oder, wie es ein Gelegenheitsbesucher in der Reihe vor mir auszudrücken beliebte: „Geiles Spektakel, kann man sich öfter angucken!“ Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Amen.

VfL Osnabrück – Rot-Weiß Erfurt 2:3 / Der Trend is our Friend

Alles schien wie immer zu sein, wenn der RWE in Osnabrück zu Gast ist: Die (Bremer) Brücke sehen … und sterben. Emmerlings Aufstellung hatte ich so nicht erwartet, denn immerhin ließ er mit Oumari einen der begabtesten Innenverteidiger der Liga auf der Bank. Never change a winning team, ich weiß – und denke dann stets: es sei denn, du kannst es verstärken. Zu Beginn und auch mit dem 1:0 schien der Kritikaster in mir Recht zu behalten, denn viele Osnabrücker Angriffe liefen über unsere rechte Abwehrseite – auf der Ofosu-Ayeh von Wollitz und mir als Schwachstelle ausgemacht worden war. Jedoch, ich kann auf Grund des spärlichen Bildmaterials nicht seriös behaupten, dass unser Rechtsverteidiger die Hauptschuld am Führungstor der Osnabrücker trägt. Fakt ist, es wurde über seine Abwehrseite vorbereitet. Das 2:0 war dann eines dieser Tore, die geeignet sind, dem Faktor Zufall im Fußball die Referenz zu erweisen. Niemand trägt daran wirklich schuld und lernen kann man aus so etwas ebenfalls rein gar nichts. Shit happens. Trotzdem – zur Halbzeit schienen alle Messen gesungen.

Zweite Halbzeit, zweite Überraschung: Emmerling wechselte nicht. Noch in Unterhaching hatte er mit der Hereinnahme Mannos und einer deutlich offensiveren Taktik die Wende erzwungen. Der Unterschied: in Unterhaching war die Leistung der Mannschaft in Halbzeit eins desolat, in Osnabrück war sie dem Gegner zumindest spielerisch ebenbürtig. Was fehlte war die Konsequenz vor dem Tor, dem eigenen und dem des Gegners. Kein Grund gleich alles zu riskieren fand unser Trainer und vertraute darauf, dass die Mannschaft in der Lage sein würde dieses Spiel zumindest noch zu egalisieren. Das sind sehr einsame Entscheidungen eines Coaches. Denn wäre das Spiel verloren gegangen, jeder (einschließlich mir) hätte ihm Passivität vorgeworfen. Aber er tat das Richtige, vertraute seinen Spielern und die enttäuschten ihn nicht. Zwei wunderbar herauskombinierten Toren zum Ausgleich, folgte fünf Minuten vor dem Ende ein Elfmeterpfiff, von dem man sagen muss: wäre er ausgeblieben, es hätte sich niemand wirklich beschwert. Nils Pfingsten-Reddig hat als Fußballer (und sicher auch sonst) viele gute Eigenschaften. Eine davon heißt Verlässlichkeit. Sie sorgt dafür, dass man als Leser des Live-Tickers eines RWE-Spiels recht entspannt auf die nächste Nachricht warten kann, wenn die aktuelle lautet: Elfmeter für Erfurt! Auch dieses Mal ließ er dem Keeper keine Chance. Der Rest war Routine.

In druckreifen Worten beschrieb schließlich der Ticker des VfL die Bilanz der Begegnung: Erfurt wirkte über weite Strecken spritziger und eingespielter, vor allem technisch besser und sicherer in den Bewegungsabläufen, was Ballan- und mitnahme mit Tempo angeht. Chapeau nach Osnabrück – für soviel redliche Objektivität nach einer bitteren Niederlage der eigenen Mannschaft.

So denn gespielt werden kann, empfangen wir am Samstag zum – hoho – Spitzenspiel den VfR Aalen. Die Mannschaft von Ralph Hasenhüttl hatte vor der Saison niemand auf der Rechnung, jedenfalls nicht was den Aufstieg in die zweite Liga anging. Nach fünf Siegen in Folge und dem Erreichen der Tabellenführung hat sich das mittlerweile grundlegend geändert. Dennoch bin ich optimistisch (was auch sonst): Aalen hat eine sehr starke Mannschaft, aber nicht die Klasse und Dominanz von Eintracht Braunschweig im letzen Jahr (gegen die der RWE zu Hause trotzdem gewann). Außerdem wird der VfR im Steigerwaldstadion mitspielen (sprich: gewinnen) wollen und diese taktische Konstellation kommt uns sehr viel mehr entgegen als ein tief stehender Gegner, der seinen Erfolg ausschließlich über Konter sucht.

Jeder ist in der Lage die Tabelle zu lesen: gewinnt der RWE sind wir bis auf vier Punkte an Aalen heran und es bestünde zudem die Möglichkeit den Spieltag auf Platz 3 zu beenden. In einer Spielzeit, die man schon ein paar Mal in die Tonne zu treten geneigt war, wäre das nicht die erste Auferstehung aller rot-weißen Hoffnungen. Wegen mir kann Ostern kommen.

Bildquelle: ©getty

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