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RWE – SV Sandhausen 4:2 / Ein geiles Spektakel

Marcel Reichwein erzielt das 1:0 / © www.fototifosi.de

„Den Erfurtern gelang diesmal fast alles. Der gravierende Eindruck: Der Spitzenreiter war einer deklassierenden Niederlage nahe! Die Ursache? Eine nicht funktionierende, offene Deckung, für die gegenseitige Absicherung ein Fremdwort zu sein schien.“ So die FuWo im Juni 1973, anlässlich des sensationellen 4:2 Heimsiegs (Halbzeit 3:0) des designierten Absteigers Rot-Weiß Erfurt über den designierten (und in Folge tatsächlichen) Meister Dynamo Dresden. Das Spiel war so etwas wie die letzte Chance des RWE. Sie wurde wahrgenommen, der Oberliga-Verbleib konnte am letzten Spieltag mit einem Sieg in Frankfurt/Oder gesichert werden.

Großartige Offensivleistung auf Basis defensiven Teamworks

Um so etwas wie die letzte Chance ging es am Samstag ebenfalls. Nur, dass es für den RWE diesmal die finale Möglichkeit war, Anschluss an den Relegationsplatz zu halten. Das gelang furios und daran hatte die gesamte Mannschaft Anteil. Und nicht nur Marcel Reichwein, wie in vielen Presseberichten ärgerlicherweise zu lesen ist. Den Gästen gelangen aus dem Spiel heraus kaum nennenswerte Offensivaktionen. Das war ein Verdienst aller Mannschaftsteile des RWE. Hier hat sich die Mannschaft definitiv verbessert. Es beginnt beim aggressiven Pressing der Stürmer gegen den Spielaufbau des Gegners, geht weiter über das geschickte Zustellen möglicher Passwege durch das Mittelfeld und endet beim konzentrierten Entsorgen aller Anspiele, die dennoch in die Nähe des RWE-Strafraums gelangen. Letzteres fällt den Verteidigern umso leichter, je mehr der Gegner gezwungen ist, lange, relativ leicht zu verteidigende Bälle zu spielen. Noch im ersten Spiel der Rückrunde (in Jena) hatte das Pressing überhaupt nicht funktioniert, da der Abstand zwischen den einzelnen Mannschaftsteilen viel zu groß war. Durch die Aufstellung von Engelhardt im zentralen Mittelfeld und Caillas auf der linken Seite der Viererkette verfügt das Team von Emmerling jetzt zudem über mehr Optionen im Umkehrspiel. Das entlastet Pfingsten-Reddig und erschwert die Ausrechenbarkeit für den Gegner.

Ein kleines Loblied auf Olivier Caillas

Der Deutsch-Franzose hat uns in dieser Saison viele Nerven gekostet. Undiszipliniertheiten und eine zuweilen arrogante Lässigkeit machen es den Anhängern des RWE nicht immer leicht, ihn bzw. sein Spiel zu mögen. Die Promotion zum Mannschaftskapitän hat ihm jedoch offensichtlich gut getan. Läuferische Defizite auf der linken Abwehrposition weiß er durch Cleverness und glänzendes Stellungsspiel mehr als auszugleichen. Doch besonders wertvoll sind seine Fähigkeiten bei der Spieleröffnung. Ein Grund warum wir dringend aufsteigen müssen ist die mangelhafte statistische Erfassung von Drittligaspielen. Demzufolge kann ich die Behauptung nicht belegen, dass Caillas derjenige RWE-Spieler ist, der bei vertikalen (spieleröffnenden) Zuspielen die geringste Fehlpassquote aufweist. Sieht er eine Chance auf Raumgewinn spielt er den Ball schnell und präzise nach vorn, besteht diese Möglichkeit nicht, entscheidet er sich für die bessere Option einer Spielverlagerung. Alibizuspiele in die Spitze (mit a priori geringen Erfolgs-Aussichten) sieht man bei ihm ebenso selten wie ungenaue Pässe. Zudem haben seine Standards in den letzten Spielen an Qualität zugelegt.

Einzige derzeitige Schwäche: gegnerische Standards

Stichwort Standards: Wir haben in den letzten zwei Begegnungen vier Gegentore nach Standards kassiert. Man will ja nach so einem Heimsieg über den Spitzenreiter nicht kleinkariert erscheinen, aber wie der alte Cato im römischen Senat, kann ich an dieser Stelle auf ein ceterum censeo nicht verzichten: Im Übrigen bin ich der Meinung, dass das Verhalten der Mannschaft bei gegnerischen Standards dringend verbessert werden muss. Ohne große Übertreibungen lässt sich für die letzten drei Spiele folgende Statistik behaupten:

  • 0 Gegentore der Gegner aus dem laufenden Spiel heraus
  • 0 Torchancen der Gegner aus dem laufenden Spiel heraus
  • 4 Gegentore nach Standards

Lassen wir es mit der Kritik am Spiel dabei bewenden.

Reichweins Scorerkoeffizient: besser als der von Bunjaku

Eine aufschlussreiche Statistik zu Marcel Reichwein: In der dritten Liga lief er bisher insgesamt 65 Mal für den RWE auf und kam dabei auf 40 Scorerpunkte (25 Tore, 15 Vorlagen). Das entspricht einem Koeffizienten von 0,62 Torbeteiligungen pro Ligaspiel. Damit liegt er jetzt knapp vor Albert Bunjaku, der in 74 Ligaspielen 45 Torbeteiligungen für sich verbuchte (0,61). Zahlen lügen nicht: auf die Knie, ihr Reichwein-Basher!

Sorgen um den Kader und leichte Verbesserung bei der Zuschauerresonanz

Leider, leider hat die glänzende Form einiger RWE-Spieler unabweisbare Konsequenzen. Für folgende Akteure sehe ich die akute Gefahr, dass sie den Verein in Richtung 2.Liga (oder anderer gut dotierter Optionen) verlassen, wenn der Aufstieg nicht erreicht werden sollte: Morabit, Oumari, Weidlich, Reichwein, Pfingsten-Reddig. Bei den drei letztgenannten laufen die Verträge aus. Trotzdem: Bei ihnen sehe ich am ehesten eine realistische Chance, sie auch bei einem Verbleib in der dritten Liga halten zu können. Bei Morabit und Oumari wird es ohnehin eng, selbst wenn der RWE aufsteigt. Es würde mich sehr überraschen, sollten sich für diese beiden nicht finanzstarke Vereine interessieren, die durchaus in der Lage wären, sie aus einem laufenden Vertrag herauszukaufen.

Knapp 6.500 Zuschauer sahen dieses Spitzenspiel der 3.Liga. Immherhin 1.500 mehr als am Samstag zuvor. Am klangvollen Namen der SV Sandhausen wird es nicht gelegen haben. Sollte doch die etwas konstruiert daherkommende Wette zwischen der Thüringer Allgemeinen und dem Verein dafür gesorgt haben? Wie auch immer, die Zuschauer die da waren, haben einer Werbung für den Fußball beigewohnt. Oder, wie es ein Gelegenheitsbesucher in der Reihe vor mir auszudrücken beliebte: „Geiles Spektakel, kann man sich öfter angucken!“ Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Amen.

Geringes Zuschauerinteresse – It’s the Liga, stupid

Aus gegebenem Anlass, eine kurze Betrachtung der Zuschauerzahlen des RWE für die letzten elf Spielzeiten und die bisherigen Heimspiele dieser Saison.

1. Keine grundstürzend neue Erkenntnis, aber offensichtlich spielt die Ligazugehörigkeit des RWE für die Anzahl der Zuschauer bei Heimspielen die alles überragende Rolle. Im Grunde wurde der Publikumszuspruch in der Zweitligasaison 04/05 im Vergleich zur Vorsaison fast verdreifacht. Der für die RL-Süd relative hohe Wert der Aufstiegssaison 03/04 verdankt sich ausschließlich den beiden letzten Heimspielen, als der Aufstieg schon fast greifbar war bzw. (im Spiel gegen Saarbrücken) perfekt gemacht werden konnte. Ansonsten gab es in jedem der vorherigen Heimspiele des Aufstiegsjahres eine (meist deutlich) kleinere Zuschauerzahl als die so vehement beklagten 4.968 gegen Regensburg vom letzten Samstag.

2. In weit geringerem Ausmaß (aber dennoch deutlich erkennbar) entscheidet über die Zuschauerzahlen die Leistung der Mannschaft innerhalb derselben Spielklasse. In der letzten RL-Nord Saison (2007/2008) spielte der Verein fast durchweg um den Aufstieg mit. Den geringsten Zuschauerzuspruch gab es dabei am ersten Spieltag (gegen LR Ahlen), was darauf hindeutet, dass es nicht die Erwartungshaltung der RWE-Fans vor der Saison war, die für den anormal guten Zuschauerschnitt sorgte, sondern die spektakuläre und erfolgreiche Spielweise einer Mannschaft, die mit Kohlmann, Brückner, Rockenbach, Bunjaku und Kumbela (nur erste Halbserie) erstklassig besetzt war. Die durchschnittlich 7.390 Zuschauer dieser Saison stellen für mich so etwas wie die obere Grenze dessen dar, was in Erfurt mit Drittligafußball (unter den gegebenen Umständen: sprich altes Stadion) erreicht werden kann.

3. Des Weiteren ist auffällig, dass sich die Zahlen in den letzten Jahren um die 6000er Marke herum eingependelt haben. Damit liegen sie deutlich über den Zahlen der RL-Süd-Zeit, und zwar um immerhin ca. 2.000 Zuschauer. Selbst wenn man den Sondereffekt herausrechnet, dass die Gegner in der RL-Süd nominell äußerst unattraktiv waren (außer Jena keine ostdeutschen Traditionsvereine), bleibt ein deutlich größerer Zuschauerschnitt innerhalb der gleichen Spielklasse zu konstatieren.

4. Klar ist zudem: Gegner wie Wehen, Aalen, Sandhausen, Heidenheim, etc. waren und sind Kassengift. Sie bringen kaum eigene Fans mit und haben auf potenzielle Besucher in etwa die Anziehungskraft einer Darmspiegelung. Da nützt es wenig, wenn sie attraktiven und erfolgreichen Fußball spielen. Mit den Teams aus Regensburg, Offenbach, Münster, Darmstadt, Oberhausen ist es nur Nuancen besser. Auch die westdeutschen Traditionsvereine haben eine eher überschaubare Sogwirkung auf hiesige Fußballfans. Aber wenigstens wirkt sich ihre mitgereiste Anhängerschaft positiv in der Bilanz aus. Allein ostdeutsche Traditionsklubs wie Dresden, Rostock, Aue, Chemnitz scheinen eine ungebrochen magnetische Anziehungskraft zu entwickeln. Gegen diese Vereine liegt die Zuschauerzahl immer signifikant über dem Durchschnitt einer Saison. Man mag über Ostalgie (und was sie bedeutet) unterschiedlicher Meinung sein, für den Kontostand des Vereins ist sie ein Segen.

5. Nach Jahren in denen der Aufstieg in die zweite Liga über längere Zeit (am besten bis nahe ans Ende einer Spielzeit) möglich war, folgten Jahre mit geringerem Publikums-Interesse. Nennen wir es mal: post-saisonale Frustration. Belege dafür sind die Spielzeiten 01/02 (5. Platz, 4.362 Zuschauer) vs. 02/03 (9., 3.493), 07/08 (7., 7.390) vs. 08/09 (10., 6.142). Ein Teil der Anhänger verliert schlichtweg den Glauben daran, dass der RWE es jemals wieder schaffen wird aufzusteigen und verweigert die persönliche Teilhabe an diesem Drama. Dieser Glaube allein ist es jedoch, der in der Erfurter Dritt-Liga-Realität für deutlich mehr als 6.000 Zuschauer durchschnittlich sorgen kann. Dieses Phänomen droht auch in diesem Jahr und ist nur zu verhindern, wenn die Mannschaft gegen Ende der Saison auf dem Relegationsplatz steht, oder diesen glaubhaft noch erringen kann. Dann allerdings wird sich das altersmüde Steigerwaldstadion vor euphorischen Erfolgsfans wieder mal nicht retten können. Wie im Aufstiegsjahr 2004, als sich die Zuschauerzahlen bei den letzten beiden Heimspielen jeweils verdoppelten. Sei’s drum, sie wären uns alle willkommen. Auch wenn die Chancen auf eine Wiederholung dieses kleinen Fußballwunders seit dem gestrigen Sieg der Regensburger drastisch gesunken sind.