Tag Archiv für Stolze

Dortmund II vs. Rot-Weiß Erfurt 0:3 / Göbel&Co rocken den BVB

RWE - YoungstersDer Ballspielverein Borussia Dortmund e.V. eignet eine ruhmreiche Vergangenheit, durchlebt eine in jeder Hinsicht erfolgreiche Gegenwart und darf – nach allem was man weiß – einer ebensolchen Zukunft entgegen sehen. Über was er allerdings nicht verfügt, ist ein vernünftiger Rasen für die Austragung der Heimspiele seiner Drittligamannschaft. Aber wir wollen die Erregung darüber gar nicht allzu hoch dimmen, denn vermutlich hat von diesen miserablen Platzverhältnissen der samstägliche Gegner des BVB, der FC Rot-Weiß Erfurt, durchaus profitiert. Eine Art höhere Fußball-Ironie. Quittieren wir gerne und mit einem milden Lächeln.

Der BVB begann stark, wurde dem Ruf der Zweitvertretungen gerecht, spielte technisch beschlagenen Fußball, spielte über die Flügel, kam zu einigen Halbchancen und dachte wohl, dies genüge zunächst als Arbeitsnachweis. Errare humanum est, würden die alten Römer und Wilfried Mohren sagen. Nach etwa zehn gespielten Minuten übernahm Erfurt die Hoheit und gab die Spielkonsole bis zum Abpfiff nicht mehr her. Am Ende stand ein ungefährdeter, kühl, kontrolliert und zu Teilen sogar ansehnlich herausgespielter Erfolg für die rot-weißen Farben. Punkt. (Oder richtiger: drei davon.) Ja, Marvin Ducksch war nicht dabei, seines Zeichens der teuerste Spieler der 3. Liga. Er sollte mit den Profis in Wolfsburg siegen, was – wie man inzwischen weiß – auch so ein BVB-Plan war, der in dieser Woche nicht wirklich aufging.

Dortmund versuchte es fortan fast nur noch mit hohen Zuspielen auf den Sturmhirten Balint Bajner, der jedoch bei Laurito und Engelhardt in besten Händen war und deshalb gar nichts ausrichten konnte. Nach der Führung durch Wiegel (Assist: Pfingsten-Reddig) gewann Erfurt Selbstvertrauen und Sicherheit und verwaltete den Vorsprung, ohne dass der geneigte Zuschauer oder -hörer jede Minute einen kleinen Herzkasper erlitt, wie das noch eine Woche zuvor gegen Chemnitz der Fall war, als RWE-Verteidiger vier Mal auf der Linie klären mussten. Dann kam Patrick Göbel und machte den Sack zu. Er schoss das zweite Tor selbst und spielte einen wunderbaren Pass in die Schnittstelle der Dortmunder Abwehrkette, den Nietfeld quer legte und damit Mijo Tunjic ein Angebot unterbreitete, das dieser nicht ablehnen konnte.

Es gibt Stimmen, die behaupten, dass Marco Engelhardt, als Innenverteidiger für den gesperrten Kleineheismann aufgeboten, sein bestes Spiel für RWE machte, seitdem er wieder am Steigerwald die Töppen schnürt. Ob das zutrifft, kann ich nicht beurteilen. Was ich glaube beurteilen zu können, ist der Umstand, dass spielerisch sehr starke Innenverteidiger dem Aufbauspiel jeder Fußballmannschaft gut tun, natürlich auch dem von RWE. Womit ich keinesfalls sagen möchte, dass Kleineheismann Schwächen in dieser Disziplin hat – eher ist das Gegenteil der Fall. Aber Engelhardt ist in dieser Hinsicht natürlich noch mal eine andere Nummer. Mit Pfingsten-Reddig und Möhwald im zentralen Mittelfeld hat Erfurt alle drei Spiele gewonnen, eine durchaus bemerkenswerte Statistik. Das ist jetzt kein Plädoyer, diese Konstellation gegen Dortmund in jedem weiteren Spiel aufs Neue zu erproben. Es soll nur zeigen, dass Kogler eine Situation zu nutzen weiß, die er selbst mitgeschaffen hat: Obwohl Kleineheismann, Czichos und Möckel nicht aufgeboten werden können (mithin drei der vier Spieler die bisher in der IV standen), ist er in der Lage mit Engelhardt einen weiteren Akteur in die Startelf zu stellen, der ohne jeden Substanzverlust diese Position zu spielen weiß. Und auf dessen eigentlicher Planstelle im zentralen Mittelfeld agiert dann mit Pfingsten und Möhwald ein äußerst spielstarkes Duo. Diese Variabilität ist über das Resultat vom Samstag hinaus eine äußerst erfreuliche Botschaft für jeden Anhänger der Rot-Weißen.

Patrick Göbel. Ich muss gestehen, ich hatte meine Zweifel, ob sich der kleine offensive Mittelfeldspieler mit dem sensationellen rechten Fuß bei den Profis würde durchsetzen können. Aber gerade bei ihm macht sich eine weitere Personalentscheidung der sportlichen Leitung peu à peu bezahlt. Es ist sicherlich für die jungen Spieler von großem Wert, dass mit Christian Preußer ein Ko-Trainer installiert wurde, der sie seit Jahren kennt und der sich im Umgang mit ihnen stets für Vertrauen und Geduld ausspricht. Das zahlen Klewin, Möhwald, Nietfeld, Göbel, Baumgarten und Stolze jetzt mit harter Währung in Form von guten Leistungen zurück.

Man kann überhaupt nicht genug würdigen, wie großartig das ist.

Rot-Weiß Erfurt vs. VfL Osnabrück 3:1

Pfingsten19-15-14-13-9-20. Das sind nicht die Lottozahlen von gestern. Es ist die chronologische Abfolge der Punktestände des FC Rot-Weiß Erfurt nach jeweils 11 absolvierten Drittliga-Spieltagen. So viele Punkte wie heuer (ein Austriazismus zu Ehren unseres Cheftrainers!) hatte der Verein zu diesem Zeitpunkt der Saison noch nie. Und das nach einer in fast jeder Hinsicht verkorksten Saison. Und das, nachdem erneut wichtige Spieler den Verein verlassen haben und der Etat chronisch schwindsüchtig ist. Walter Kogler genießt Vertrauen am Steigerwald. Das merkte man gestern sehr deutlich, als zur Überraschung aller, Nils Pfingsten-Reddig neben Mijo Tunjic am Anstoßkreis stand und somit die Frage geklärt war, wer neben dem Holländer im Sturm spielen würde. Im weiteren Spielverlauf empfanden die meisten Zuschauer diese Lösung als nur bedingt zukunftsfähig. Bei Emmerling und Schwartz hätte sich der Unmut darüber schnell lautstarken Ausdruck verschafft, nicht so gestern. Es wurde viel getuschelt und mit dem Kopf geschüttelt, aber dabei blieb es. Kogler hat in der anschließenden Pressekonferenz seine Motivation hinsichtlich dieser Entscheidung begründet. Doch dazu später noch einige Bemerkungen.

Osnabrück ist eine bemerkenswert gut organisierte Mannschaft

Auf die Frage, worin der Unterschied zwischen 1. und 2. Bundesliga liege, hat Jürgen – the face – Klopp einmal sinngemäß geantwortet: Die Differenz liege ausschließlich in der fußballerischen Qualität der Spieler. Alles was man trainieren könne, sei gleich. Trainieren kann man Kondition, taktisches Verhalten, systemische Grundordnung, Verhalten bei Standards, Laufwege, etc. Maik Walpurgis, der Trainer des VfL, hat mit den Sportfreunden Lotte im letzten Jahr die wahrscheinlich qualitativ beste Regionalliga-Staffel gewonnen und dem mutmaßlichen Champions-League-Sieger des Jahres 2023 in der Relegation, bis in die Verlängerung hinein, einen großen Fight geliefert. Maik Walpurgis ist ein großes Trainertalent. Sein neuer Verein, der VfL Osnabrück, ist individuell gut aber nicht überragend besetzt. Die Stärke der Mannschaft speist sich in erster Linie aus ihrer glänzenden Organisation, und die ist das Ergebnis guten, effizienten, modernen Trainings.

Fortuna war an diesem Nachmittag eine Rot-Weiße

In den ersten 15 Minuten des Spieles ereignete sich relativ wenig. Den Respekt, den beide Teams voreinander hatten, war quasi mit Händen zu greifen. Doch schon in dieser Phase war der VfL das gefälligere Team. Danach begann die stärkste Phase der Osnabrücker. Ich denke, dass es ein Resultat der Videoanalyse war, dass der VfL die meisten seiner Angriffe über die linke Erfurter Abwehrseite vortrug. Davon versprach man sich zwei Dinge: Zum einen sollten die offensivstarken Öztürk und Czichos in der Defensive permanent beschäftigt werden, zum anderen hatte man bei Öztürk wohl Defizite im Defensivverhalten ausgemacht, die zu nutzen der VfL beabsichtigte. Beide Intentionen gingen zunächst auf. Immer wieder waren Engelhardt und Möhwald genötigt, auf dieser Seite auszuhelfen und auch Kleineheismann rückte permanent aus der Mitte heraus, um die Überzahl des VfL auf diesem Flügel zu neutralisieren.

Doch der RWE reagierte und kam ebenfalls zu ersten vorzeigbaren Angriffen. Jetzt würfelte Fortuna und oben lag eine rot-weiße Seite. Grimaldi traf nur den Innenpfosten, während Laurito drei Minuten später die Erfurter Führung erzielte. Tunjic hätte dann das Spiel bereits vorentscheiden können, doch er scheiterte am glänzend reagierenden TAG Heuer Fernandes. Leider reagierte Tunjic kurz vor der Pause nicht ebenso gedankenschnell und haderte mit dem Schiedsrichter, statt die schnelle Ausführung des Freistoßes zu unterbinden, der dem Ausgleich durch Grimaldi vorausging.

Kogler reagierte mit einer taktischen Änderung

Nicht direkt nach der Halbzeit, aber so etwa nach 50 absolvierten Minuten wechselten Wiegel und Öztürk die Seiten. Während Wiegel permanent die linke Außenbahn hielt, hatte Öztürk nun jegliche Freiheiten: er spielte nominell auf der rechten Seite, rückte aber situativ oft ins Sturmzentrum, oder überlud (nicht selten gemeinsam mit Pfingsten) den linken Flügel. Mit dieser taktischen Änderung hatten die Osnabrücker nun ihrerseits Probleme. Zudem fehlte ihnen, nach zwei in jeder Hinsicht intensiven Spielen gegen RB und Union, die körperliche Frische um nach dem erneuten Rückstand wieder ins Spiel zu finden. So gewann der RWE letztlich verdient dieses enge, schwierige und komplizierte Spiel.

Pfingsten als Stürmer war weder eine Fehlbesetzung noch ist es eine Dauerlösung

Koglers lieferte auf der Pressekonferenz nach dem Spiel eine – jedenfalls für mich – völlig nachvollziehbare Begründung, warum er Nils Pfingsten-Reddig neben Tunjc aufbot. Er versprach sich von seinem Kapitän in erster Linie Ballsicherung und -verteilung in vorderster Linie. Ich glaube, dass die Entscheidung wer als zweiter Stürmer neben Tunjic spielt (solange Brandstetter verletzt ist), von Spiel zu Spiel neu getroffen wird und dabei werden vor allem taktische Überlegungen maßgeblich sein. Das sah man gestern schon daran, dass sofort, nachdem das 2:1 fiel, Pfingsten ausgewechselt wurde. Die Annahme lag nahe, dass es jetzt mehr Räume für den konterstarken Stolze geben würde und Kogler zögerte keine Sekunde, solcherart auf diese neue taktische Spielsituation zu reagieren. Gut vorstellbar, dass Stolze im nächsten Spiel in Unterhaching von Anfang spielt, eben weil der RWE dort vermutlich aus einer eher abwartenden Haltung heraus agieren will. Im Übrigen sollte man bei der Bewertung von Pfingstens Leistung nicht völlig vernachlässigen, dass dies ganz gewiss nicht seine Lieblingsposition ist, er sie zum ersten Mal innehatte und man dem Duo Tunjic & Pfingsten wohl auch eine gewisse Eingewöhnungszeit zubilligen muss.

Und am Ende wurde unser Kapitän mit viel Beifall verabschiedet, weil alle froh waren, dass er mal wieder einen entscheidenden Elfmeter verwandelte. Der Beifall wäre wohl noch einen Tick stärker ausgefallen, wenn man auch nur 25 Minuten in die Zukunft hätte schauen können, um durch Engelhardts Fehlversuch daran erinnert zu werden, dass dies alles andere als eine Selbstverständlichkeit ist.

Rot-Weiß Erfurt vs. MSV Duisburg 1:3

Zwei Spiele, zwei Niederlagen. Da bereits enden die Gemeinsamkeiten zwischen dem unglücklich verlorenen Spiel in Leipzig und der gestrigen Heimpleite gegen den MSV Duisburg. Es war zu erwarten, dass es Rückschläge in der Entwicklung der Mannschaft geben würde. Was verstörte, war die Art und Weise wie die Rot-Weißen über weite Strecken der Partie agierten bzw. eben nicht agierten: konzept- und zunehmend auch mutlos fügte man sich der Überlegenheit des Gegners, der selbst in Unterzahl stets das deutlich bessere Team war. Das Gebotene erinnerte fatal an die Serie der Heimspielniederlagen, die der Entlassung Stefan Emmerlings vorausgingen. Die sportliche Leitung und die Mannschaft sind gefordert, dass sich diese Abwärtstendenz nicht verstetigt. Dafür bietet sich gegen die bisher herausragende Mannschaft der Liga, den SV Wehen Wiesbaden, bereits am Dienstag eine ambitionierte Gelegenheit.

Der MSV war perfekt eingestellt und individuell überlegen

Als Karsten Baumann in Erfurt war, hielt sich meine Begeisterung für seine Arbeit in engen Grenzen. Es war allerdings seine erste Station als Übungsleiter und seitdem hat er offensichtliche Fortschritte gemacht. Jedenfalls hatte er die Spielweise des RWE sehr gut analysiert und seine Mannschaft demgemäß justiert. Es ist ein Grundproblem des von Kogler derzeit präferierten 4-4-2, dass der Weg des Balles zu den beiden Spitzen sehr beschwerlich werden kann, wenn der Spielaufbau über das zentrale Mittelfeld konsequent unterbunden wird, weil schon eine numerische Unterzahl an Mittelfeldspielern existiert. Mit geschicktem, gut abgestimmtem, meist passivem Pressing gelang Baumanns Offensivreihe genau das: Pfingsten-Reddig und Engelhardt als Aufbauspieler komplett aus dem Spiel zu nehmen. Die Folge waren viele lange Bälle auf die Erfurter Stürmer. Einige davon kamen an, die meisten wurden Beute der Meidericher Abwehrspieler. Wenn die Bälle aus der Erfurter Abwehr einen der Zielspieler Brandtstetter, Nielsen oder Öztürk fanden, dann waren sofort mindestens zwei Verteidiger des MSV zur Stelle. Bei Nielsen bedeutete dies in der Regel den sofortigen Ballverlust. Brandstetter und Öztürk versuchten – was in den Spielen zuvor zuweilen Erfolg zeitigte – sich im Eins-gegen-Eins durchzusetzen. Bis auf eine Ausnahme (die zur Roten Karte gegen Bollmann führte) blieben meist die Duisburger Sieger. Mehr noch, Ballverluste in der RWE-Offensive nutzte der MSV zu ungemein zielstrebigen, konzentrierten Kontern. Das Angriffsspiel des RWE erwies sich an diesem Samstag als One-trick-Pony: die individuellen Stärken der Angreifer wurden neutralisiert; ein kollektives, kombinatorisch angelegtes, fluides Offensivspiel war inexistent. Hinzu kamen individuelle Aussetzer in allen Mannschaftsteilen, an denen viele Spieler beteiligt waren, Möckel leistete sich nur die folgeschwersten.

Wobei man an dieser Stelle ruhig mal darauf hinweisen sollte, dass der MSV Duisburg mitnichten mit einer planlos zusammengestellten Resterampe in diese Drittligasaison gestartet ist. Zwar entkam der Traditionsverein nur knapp dem Absturz in die Regionalliga, doch das sportliche Mastermind der Duisburger, Ivica Grlic, gelang es trotzdem, einen fußballerisch mehr als wettbewerbsfähigen Kader zusammenzustellen. Das sah man gestern im Steigerwaldstadion auf dem Platz und das lässt sich ebenfalls dem durchschnittlichen Marktwert aller Spieler der jeweiligen Startaufstellung entnehmen: 210.000 Euro beim RWE, 340.000 Euro beim MSV.

Das 0:2 zur Halbzeit war nur das folgerichtige Ergebnis dessen, was auf dem Platz zu sehen war.

Bessere, aber nach wie vor ungenügende 2. Halbzeit des RWE

Kogler reagierte ebenso folgerichtig wie erstaunlich. Zum einen erstaunte es, dass er nach der Pause noch 13 Minuten benötigte, um festzustellen, dass Morten Nielsen in diesem Spiel nichts mehr bewirken würde. Für ihn kam Stolze, der zumindest eine Tormöglichkeit hatte, aber an Lenz scheiterte. Weniger Geduld brachte Kogler gegenüber seinem Kapitän Pfingsten-Reddig auf, den ersetzte er im zentralen Mittelfeld bereits zu Pause durch Möhwald, dessen Position auf der rechten Seite vom eingewechselten Strangl übernommen wurde. Möhwald hatte gemeinsam mit Engelhardt in Leipzig zentral sehr gut gespielt. In der 1. Halbzeit gegen Duisburg war er auf der rechten Seite völlig isoliert, weil er so gut wie keine brauchbaren Zuspiele bekam. Von diesem Wechsel in der Mittelfeldzentrale versprach sich Kogler schlichtweg mehr Durchsetzungsvermögen in dieser Zone des Spielfeldes. Diese Hoffnung wurde nur bedingt eingelöst. Der MSV verteidigte nun deutlich tiefer, überließ dem RWE einfach die Hoheit im Mittelfeld und lauerte auf Kontermöglichkeiten. Erfurt versuchte jetzt mit geduldigem Passspiel die Abwehr des MSV auseinander zu ziehen, aber dafür fehlte es meist an Präzision und an der nötigen Geschwindigkeit. Anders ausgedrückt: sobald Geschwindigkeit in die Aktionen kam, fehlte es diesen an Genauigkeit. Apropos Geschwindigkeit. Es kam, wie es kommen musste: Nach einem Hochgeschwindigkeitskonter des MSV erzielte der überragende Onuegbu das dritte Tor für sein Team. Dabei sah Engelhardt beim Antritt des eingewechselten Zoundi bemitleidenswerterweise aus wie ein Bobby Car gegen einen 911er Porsche.

Der nie aufsteckende Brandstetter sorgte noch für eine Ergebniskosmetik und in einem mdr-Interview wohl auch für akuten Gesprächsbedarf innerhalb der Mannschaft, indem er die Einstellung seiner Kollegen kritisierte. Das alles sollten sie umgehend klären, denn viel Zeit bleibt nicht, bis am Dienstag der SV Wehen Wiesbaden hier aufschlägt. Ich möchte nicht schon wieder erleben, dass mir Philipp Klewin richtiggehend leidtut. Er hielt, was es zu halten gab und war ansonsten die ärmste Sau auf dem Platz.

Rot-Weiß Erfurt vs. Burghausen 1:1 / Ich. Bin. Nicht. Enttäuscht.

Die Erwartungshaltung um den wichtigsten Fußballklub der Thüringer Landeshauptstadt treibt zuweilen bizarre Blüten. Da schreibt einer bei Facebook (abgedruckt in der TA): «Landeshauptstadt gegen Dorf, es ist eine Schande.» Das würde als singulärer Blödsinn hier unerwähnt bleiben, wenn es nicht (zumindest teilweise) den Tenor der Meinungsbildung nach dem Spiel am Samstag wiedergeben würde. Der große FC Rot-Weiß Erfurt, Tabellendritter, ist nicht in der Lage, das kleine Wacker Burghausen, Tabellenletzter, aus dem Steigerwaldstadion zu schießen. Nun, die Wirklichkeit sieht etwas anders aus. Burghausen war in den letzten beiden Spielzeiten Sechster und Achter der Abschlusstabelle und ist mithin eine etablierte Größe in der dritten deutschen Profiliga. Beide Teams mussten vor der Saison Leistungsträger abgeben und ihren Etat deutlich reduzieren. Der RWE kam deutlich besser aus dem Saison-Startblock, da aber gerade einmal zehn Prozent der Spiele absolviert sind, handelt es sich nicht um einen Sprint, sondern um ein Langstreckenrennen, bei dem die Platzierung nach 400 Metern ja auch nicht mehr als einen Fingerzeig auf das finale Resultat liefert. Zudem hatte sich Burghausen in den ersten drei Saisonspielen schrittweise gesteigert, gegen Leipzig verlor man nur recht unglücklich in der Nachspielzeit. Es gibt keinen Grund dieses Unentschieden gleich wieder als Riesen-Enttäuschung rhetorisch in Szene zu setzen. Nach der Wolke 7 des Saisonstarts herrscht jetzt Liga-Alltag. So what?

Tunjic fehlte an allen Ecken und Enden

Walter Kogler gab Morten Nielsen eine Chance in der Startelf. Er ersetzte den rot-gesperrten Mijo Tunjic und konnte in dieser Rolle nicht überzeugen. Ich kann nicht wirklich beurteilen, ob Nielsen mit dieser Leistung bereits sein Potenzial erschöpft hat, denke aber, dass dies nicht der Fall ist. Zu seinen Gunsten sollte berücksichtigt werden, dass das sein erster Startelf-Einsatz seit Monaten war und er von Verletzungen immer wieder an einem stringenten Formaufbau gehindert wurde. Es wäre übertrieben zu behaupten, dass sich die beiden Buddys Brandstetter und Tunjic inzwischen blind verstehen, aber ihr Spiel wirkte schon ziemlich passabel aufeinander abgestimmt. Das konnte man vom Sturmduo Nielsen-Brandstetter kaum erwarten und dementsprechend sah das dann auch aus. Jedoch bot Brandstetter alles andere als eine schlechte Partie und auch Öztürk zeigt sich in der ersten Halbzeit gewohnt quirlig und für seine Gegenspieler schlecht ausrechenbar. Beide tendierten jedoch dazu, den Ball zu lange zu halten, was einige im Ansatz Erfolg versprechende Angriffe des RWE jäh und unnötig beendete. Aber, neben seiner offensiven Durchschlagskraft gingen dem Spiel der Rot-Weißen auch Tunjics Fleiß und Geschick beim Stören gegnerischer Angriffe ab. Bei einer 4-4-2-Formation ist eine unerlässliche Grundbedingung, dass die beiden Angreifer in der Lage sind, die zahlenmäßige Unterlegenheit des eigenen Mittelfelds gegen ein 4-2-3-1 des Gegners zu neutralisieren. Das gelang mit zunehmender Spieldauer immer weniger und sorgte dafür, dass die überdies ballsicheren Burghäuser in der entscheidenden Zone des Platzes die Hoheit über das Geschehen errangen. Nur gut, dass sie nicht in der Lage waren, diese Mittelfelddominanz mit besseren Zuspielen in die Spitze noch gefährlicher für die Abwehr des RWE werden zu lassen, als dies ohnehin schon der Fall war.

Das war kein gutes Spiel des FC Rot-Weiß Erfurt, jeder weiß das, weil jeder es sehen konnte. Es war ein völlig normales Spiel einer Liga, in der sich die Qualität der eingesetzten Spieler nur vergleichsweise wenig unterscheidet und es somit von Kleinigkeiten abhängig ist, ob ich ein Spiel gewinne oder verliere. Und der Gott der kleinen Dinge entschied sich an diesem Samstag eben für ein völlig leistungsgerechtes Unentschieden.

RB Leipzig ist keine Übermannschaft

Unser nächster Gegner ist – wie der RWE – nach vier Spielen noch ohne Niederlage, hat aber – anders als der RWE – zu Hause noch nicht gewonnen, was doch so ein bisschen die Stimmung eintrübt. Diese statistische Gemengelage entspricht im Großen und Ganzen dem Eindruck, den ich vom Spiel des Aufsteigers habe: Taktisch sehr diszipliniert, mithin schwer zu besiegen. Fußballerisch aber erstaunlich selten in der Lage Druck auf gut abgestimmt verteidigende und körperlich robuste Gegner auszuüben. Was manchmal nicht so ins Gewicht fällt, da sie mit Daniel Frahn einen Stürmer besitzen, der Spiele über brillante Einzelaktionen entscheiden kann. Auffällig ist, dass relativ häufig lange Bälle auf die Angreifer gespielt werden. Und, dass im Mittelfeld viele sogenannte «zweite Bälle» gewonnen werden. Das verleiht dem Spiel von RB Konstanz sieht aber selten gefällig aus. Ein großes Manko von RB ist die Anfälligkeit bei gegnerischen Standards. Dazu muss man aber a.) erst mal welche in Tornähe bekommen und b.) selbst eine gewisse Überlegenheit in dieser Disziplin vorweisen.

Mit Öztürk, Brandstetter und Tunjic fehlen dem RWE in Leipzig seine drei gefährlichsten Offensivakteure. Das ist unerfreulich. Wir sollten trotzdem guten Mutes nach Leipzig fahren. Gestern hat Duisburg bewiesen, dass dort nicht exklusiv für Spitzenteams wie Münster etwas zu holen ist. In Anbetracht des Komplettausfalls unseres Sturms wird es gravierende Änderungen in der RWE-Formation geben müssen. Es könnte sein, dass wir zum ersten Mal in dieser Saison ein System mit nur einem nominellen Stürmer sehen werden. Ich denke, dass Strangl und Göbel recht gute Chancen für die Startelf haben, mir persönlich würde allerdings auch die Variante Engelhardt und Baumgarten auf den Sechserpositionen und Pfingsten zentral im offensiven Mittelfeld davor plausibel erscheinen. Wer der (möglicherweise) einzige Stürmer sein wird, ist derzeit völlig offen. Was mich für Stolze einnimmt, ist seine Schnelligkeit und seine Aggressivität beim Anlaufen des ballführenden Aufbauspielers der gegnerischen Mannschaft.

Münster vs. Rot-Weiß Erfurt 3:3 / Kein Preußen-Monster

Es herrschte Enttäuschung im Lager der Rot-Weißen, nach einem Punktgewinn bei einer der spielstärksten Mannschaften der 3. Liga. Muss man mehr über den Verlauf dieses Spiels und der bisherigen Saison sagen? Man muss nicht, aber man kann.

Die Abwehr funktioniert

Die Innenverteidiger Laurito und Kleineheismann erfüllen alle Hoffnungen, die der Verein bei ihrer Verpflichtung in sie setzte. Bis auf den Stellungsfehler Lauritos vor dem 1:1 blieben sie erneut fehlerlos. Die Ruhe seiner Vorderleute wirkt sich offensichtlich positiv auf Philipp Klewin aus, es ist nichts mehr zu spüren von der rätselhaften Unruhe, die seinen Aktionen bei dem ein oder anderen Vorbereitungsspiel innewohnte. Außenverteidiger haben es schwer, wenn der Gegner Preußen Münster heißt. Wie vielleicht kein anderes Team der Liga versteht es Dotchevs Elf, enge Spielsituationen im Mittelfeldzentrum durch Spielverlagerungen auf die Flügel aufzulösen. Piossek und Grote sind schnell, technisch stark und halten permanent die Außenpositionen. Im Angesicht dieser großen Stärke der Münsteraner haben Czichos und Odak keinen schlechten Job gemacht, zumal sie nicht durchweg optimal von den beiden offensiven Außenbahnspielern unterstützt wurden, was Czichos einmal auch sehr lautstark in Richtung Öztürk kundtat.

Kuriose Tore & ein merkwürdiger Spielverlauf

Brandstetter eröffnete das Spektakel mit einer äußerst dynamischen Aktion. Bunjaku und (an guten Tagen) Semmer hießen die letzten Stürmer des RWE, die in der Lage waren so ein Tor zu erzielen. Unmittelbar danach offenbarte der Portugiese Amaury Bischoff warum man ihn zu den besten Spielern der 3. Liga zählt. Er steht jetzt bei 27 Torbeteiligungen in 37 Ligaspielen für Münster. Ein sagenhafter Wert für einen zentralen Mittelfeldspieler. Nach dem Ausgleich drängte Preußen auf die Führung, konnte sich auch eine deutliche Feldüberlegenheit erspielen, kam jedoch nur zu einigen Halbchancen, die sie entweder leichtfertig vergaben oder die von Klewin routiniert abgewehrt wurden.  Das lag vor allem daran, dass Taylor überhaupt nicht ins Spiel fand und Kara kollektiv gut abgeschirmt wurde. Damit war eine wichtige Achse des Münsteraner Spiels neutralisiert.

Nach der Pause gestaltete sich das Spiel wieder offener, der RWE stand nicht mehr so tief wie zu Ende der 1. Halbzeit. Und endlich wurde Tunjics Unermüdlichkeit beim Anlaufen des gegnerischen Torhüters einmal belohnt. Von diesem Tor wird Masuch seinen Enkeln bestimmt kein Wort erzählen.

Was danach folgte, war die stärkste Phase einer Erfurter Mannschaft seit dem grandiosen 3:1-Auswärtssieg in Dresden (Rückserie der Saison 10/11). Münster verfiel in eine Art nudistischer Schockstarre, entblößte die Abwehr und erlaubte dem RWE, Möglichkeit um Möglichkeit zu vergeigen. Daran änderte sich seltsamerweise auch nach dem Feldverweis für Tunjic rein gar nichts. Bis Sebastian Stolze eingewechselt wurde und tat, war er bei den A- und B-Junioren serienweise getan hatte: Großchancen in Zählbares zu veredeln.

Nun schien alles gelaufen. Niemandem drängte sich der Eindruck auf, dass Münster in der Lage sei, noch zwei Tore zu erzielen. Bis Gaetano Manno, der größte Vertragsdesperado der jüngeren deutschen Fußballgeschichte, einen dieser genialischen Manno-Momente hatte und den Ball ebenso überraschend wie unhaltbar in den Winkel zauberte. Zum Elfmeter, der für den Ausgleich sorgte, kann ich nichts sagen. Je öfter ich mir die Szene ansehe, desto weniger vermag ich zu erkennen, ob es ein Foul war und ob die Szene in oder außerhalb des Strafraums stattfand.

Anders verhält es sich bei dem bösartigen Tritt von Grote an den Kopf des am Boden liegenden Möhwald. Das war – ebenso wie die Aktion von Tunjic – eine klare Rote Karte.*

Livestream des WDR technisch wie journalistisch wohltuend

Wegen mir könnte der Westdeutsche Rundfunk alle Spiele des RWE übertragen. Zum einen sah man einen deutlichen Unterschied bei der Bildqualität. Kam einem glatt wie HD vor im Vergleich zu den verpixelten, manchmal an Atari-Spiele gemahnenden und immer mal wieder stockenden Streams des mdr. Zum anderen, und eigentlich noch wichtiger, war der WDR-Kommentator wohltuend objektiv und gut informiert. Völlig undenkbar beispielsweise, dass ein mdr-Reporter umstandslos die (eindrucksvolle) Scorerbilanz von Sebastian Stolze aus der letzter A-Jugendsaison bei dessen Einwechslung parat hätte. Dazu müsste man sich ja auf ein Spiel vorbereiten.

Die Liga – erste Konturen zeichnen sich ab

Einige Mannschaften, von denen man das erwarten konnte, stehen im oberen Drittel der Tabelle, oder werden bald dort stehen: Hier sind ganz eindeutig Heidenheim, Leipzig und Münster zu nennen – die allesamt als Aufstiegskandidaten gehandelt wurden und auf dem Weg sind, dieser Rolle gerecht zu werden. Die größte positive Überraschung bietet derzeit der VfL Osnabrück. Nach einem gewaltigen Umbruch in der Mannschaft durfte man damit nicht wirklich rechnen. Hier wurde wohl der Faktor Trainer bei der Prognose etwas vernachlässigt. Aber wer, wie Maik Walpurgis, mit den Sportfreunden Lotte die Regionalliga West gewinnt und RB Leipzig in der Relegation einen großen Tanz liefert, der muss als Trainer einfach richtig was auf dem Kasten haben. Auch Karsten Baumanns Arbeit in Duisburg ist die Anerkennung nicht zu verweigern. Quasi ohne Vorbereitung in eine Saison zu gehen und dann nach 3 Spielen 6 Punkte auf dem Konto zu haben: alle Achtung. In Halle und Chemnitz sollte man jetzt nicht gleich durchdrehen, dazu besteht keinerlei Anlass. Die bisherigen Leistungen war nicht so schlecht wie es die derzeitige Tabellensituation suggeriert.

Der FC Rot-Weiß Erfurt empfängt am Samstag die bisher punktlosen Burghäuser im Steigerwaldstadion. Als Tabellendritter. Traditionell betrachtet liegen dem RWE derartige Konstellationen nicht sonderlich. Allzu oft hat man in der Vergangenheit bei ähnlichen tabellarischen Voraussetzungen Spiele verloren. Einerseits. Andererseits sind derartige Rückgriffe statistischer Humbug mit schlichtweg null Einfluss auf das bevorstehende Spiel. Es gibt in dieser Liga keine leichten Gegner, jedenfalls nicht für den RWE. Aber es gibt auch keinen ersichtlichen Grund, warum die Mannschaft mit einer ebenso konzentrierten Leistung wie in Münster dieses Spiel nicht gewinnen können sollte.

*Nachtrag: Diese Grote-Möhwald-Situation ließ mir keine Ruhe, auch weil dazu im !com-Forum angeregt diskutiert wurde. Ich bin nach wie vor der Auffassung, dass Grote Möhwald absichtlich tritt, muss aber zugeben, dass diese (meine) Perspektive natürlich nicht die des Schiedsrichters ist (sein kann). Deshalb habe ich mich entschlossen, den Fall der kompetentesten Instanz vorzutragen, die mir einfiel – und das sind ganz eindeutig Collinas Erben. Alex Feuerherdt und Klaas Reese bieten unter diesem Namen einen brillanten Schiedsrichter-Podcast an, stehen aber auch via Twitter Rede und Antwort. Hier ihre Einschätzung des Falls auf Grundlage des mdr-Berichts:

Sehr schwer zu beurteilen. Für einen Platzverweis muss das Gespann sich absolut sicher sein, dass hier Absicht vorlag und nicht nur Ungeschicklichkeit (wobei die Spieler immer geschickter darin werden, solche Aktionen wie eine Ungeschicklichkeit aussehen zu lassen). Und natürlich gilt: In dubio pro reo. Ich betrachte das, wohlgemerkt, aus der Perspektive des Schiedsrichters (bzw. des Assistenten). Und da lässt sich eine Absicht kaum zweifelsfrei feststellen. Die Zeitlupe legt sie nahe, aber einen echten Beweis erbringt auch sie nicht.

Walter Kogler äußert sich zum Spielsystem

In einem Interview auf kicker.de (durchgeführt vom TA-Mitarbeiter Marco Alles) äußert sich Walter Kogler zum ersten Mal ausdrücklich zum zukünftigen Spielsystem des RWE: «Als Basis dient das 4-4-2-System, was sich aber auch als 4-2-3-1 interpretieren lässt. Wichtig ist mir aber, dass sich die beiden Sechser immer wieder mit in die Offensive einschalten und nicht nur als reine Abräumer fungieren.» Bei dieser Vorgabe ihres Chefs werden Pfingsten und Engelhardt kein Bauchweh bekommen, beides sind Spieler, die in der Offensive große Potenziale haben, auch wenn Engelhardt dies, seit er wieder für den RWE kickt, nur sporadisch offenbaren konnte. Was aber oft genug taktische Ursachen hatte.

Mit dem Interview des RWE-Cheftrainers hat sich meine bislang vertretene These (die hauptsächlich auf Koglers einst in Österreich favorisierten Systemen beruhte), und von einer 4-1-4-1-Formation ausging, erledigt. Ich denke jetzt, dass wir ein Hybridsystem zu erwarten haben, das defensiv ein 4-4-2 und offensiv ein 4-2-3-1 sein wird. Da man im Fußball während des Spiels nicht permanent aus- und einwechseln kann, impliziert diese Annahme ebenfalls, dass ich nicht von zwei nominellen Stürmern in der Anfangsformation ausgehe. Oder genauer: dass ich zwei Stürmer für unwahrscheinlich halte.

Das 4-4-2 ist die Mutter aller zeitgemäßen Spielsysteme, erfunden Ende der 80er Jahre von Arrigo Sacchi während seiner großen Jahre beim AC Mailand. Die Hauptvorteile des 4-4-2 aus meiner Sicht:

  • Einfaches, quasi organisches Verschieben der Mannschaftsteile hin zum Ball
  • Hohe Kompaktheit; alle möglichen Gegnerpositionen können gut gedoppelt werden
  • Mannschaften, die schnell viele neue Spieler integrieren müssen, ist dieses System methodisch am einfachsten zu vermitteln
  • Alle gängigen taktischen Stilmittel, wie aktives und passives Pressing, Gegenpressing nach Ballverlust, schnelles Umkehrspiel, etc. sind mit einem 4-4-2 abbildbar

Ein beispielhaftes 4-4-2-System des RWE in der defensiven Grundordnung:

Das sieht doch wohlgeordnet aus, so auf dem Papier.

Wie erfolgreich und ansehnlich ein 4-4-2 funktionieren kann, hat der SC Freiburg unter Christian Streich in der letzten Saison eindrucksvoll vorgeführt. Die potenziellen Nachteile dieser Formation liegen in der Gefahr der Unverbundenheit der einzelnen Linien, den Lücken, die sich zwangsläufig ergeben, wenn der Abstand der beiden Viererketten zu groß gerät, sowie dem nominellen Fehlen eines zentralen offensiven Spielers/Ballverteilers – was oft dazu führt, dass die Stürmer keine (verwertbaren) Bälle bekommen. Um das zu umgehen, mutiert die 4-4-2-Defensivordnung fast immer zu einem 4-2-3-1-Angriffsystem, wir sprechen dann von einem Hybriden. Man operiert bei eigenem Ballbesitz mit einem Mittelstürmer und kann (und muss) ansonsten ein variables Offensivspiel aufziehen, wobei alle Spieler eine hohe Laufbereitschaft, gutes Passspiel und kluges taktisches Verhalten gleichermaßen auf sich vereinigen sollten. Auch der einzige Stürmer darf nicht einfach auf Zuspiele oder Flanken seiner Teamkollegen hoffen, sondern hat sich permanent zu bewegen, muss im Zweikampf robust auftreten und gleichfalls eine hohe Passqualität eignen. Als Beispiele seien Lewandowski, Mandzukic und Klose genannt. Ein Gegenbeispiel wurde unlängst in die Toskana transferiert.

Wer könnte beim RWE diese Positionen ausfüllen? Tunjic stand in den letzten Spielen immer in der Startelf, deshalb sehe ich ihn Koglers Gunst derzeit vor Brandstetter – auch wenn dieser, meiner Auffassung nach, die Anforderungen an einen modernen Mittelstürmer besser erfüllt. Als zentraler Offensivspieler böte sich Derici an, er ist jedoch offensichtlich nicht fit genug für 90 Minuten Profifußball. Aus diesem Grund glaube ich, dass zunächst Möhwald diese Stelle in Koglers Startelf besetzen wird. Auf der rechten offensiven Außenbahn könnte tatsächlich Patrick Göbel eine Chance gegen die Stuttgarter Kickers erhalten. Indizien: er  stand in den Spielen gegen Brentford und Ingolstadt in der Anfangsformation und erhielt jeweils viele Einsatzminuten. Die offensive Dreierreihe muss sich durch eine hohe Fluidität auszeichnen, ständig die Positionen wechseln, mit den nachrückenden Sechsern und Außenverteidigern Passdreiecke schaffen, um Überzahlsituationen am Ball erzeugen zu können.

Hier die von mir momentan erwartete Startelf gegen die Stuttgarter Kickers (4-2-3-1)

Womöglich aber überrascht uns das Trainerteam ja noch mit einer ganz anderen Variante. Christian Preußer hatte in der letzten A-Jugend-Saison aus der Not eine Tugend gemacht. Er verfügte über zwei sehr gute Mittelstürmer (Nietfeld und Stolze), aber keinen herausragenden Zehner. Deshalb ließ er beide Mittelstürmer spielen, man konnte hier völlig zu Recht von einem 4-4-2 auch in der Offensive sprechen. Beide bewegten sich sehr variabel, nahmen wechselweise die zentrale Sturmposition ein oder ließen sich in die Halbräume fallen. In den besten Spielen der Saison (vor der Winterpause) war zudem Felix Robrecht in bestechender Form. Er spielte als zentraler Mittelfeldspieler (mehr Achter als Sechser) grandiose, öffnende Pässe auf die beiden Stürmer. Nun, ich glaube nicht, dass Robrecht (der wohl zudem verletzt ist) und Stolze in der Startelf des 1. Spieltages stehen werden, aber ein derartiges System würde ich zum jetzigem Zeitpunkt nicht (mehr) kategorisch ausschließen. Dann aber besetzt mit Brandstetter und Nietfeld.

Es bleibt spannend. Mal sehen, was uns das Spiel gegen den FCM an weiteren Erkenntnissen beschert.

In the Heat of the Dorf: Erfolgreiches Wochenende für den RWE

Eine vergleichende Überlegung: Die beiden Bundesligisten Wolfsburg und Stuttgart gewinnen bei Sechstligisten jeweils mit 5:0. Der RWE gewinnt bei einem Siebtligisten 8:0. Da kann man nicht meckern. Tunjic und Göbel erzielten ihre ersten Pflichtspieltore im Trikot der Profimannschaft. Für beide ist das von Wert. Tunjic weiß um den Druck, unter dem er steht, da helfen auch Tore gegen eine Mannschaft der Landesklasse. Im Interview mit der TA von heute erklärt er, angesprochen auf die schlechten Auftritte in der Liga: «Insgesamt war jeder zu sehr mit sich selbst beschäftigt, hat meist für sich gespielt. Dabei geht es nur gemeinsam.» Das mit dem «für sich gespielt» stimmt, das konnte jeder der wollte sehen. Allerdings frage ich mich, warum sich diese Besserung gelobende Schlußfolgerung erst nach fünf mehr oder weniger unzureichenden Darbietungen durchsetzt. Die meisten Spieler des RWE betreiben diesen Sport seit vielen Jahren auf einem hohen, professionellen Niveau. Die Erkenntnis, dass man mit Egoismen im Mannschaftssport Fußball nichts erreichen kann (auch nicht für sich selbst), sollte ihnen eigentlich unverrückbar präsent sein. Wollen wir hoffen, dass den Worten unseres Mittelstürmers kollektive Taten folgen.

Wie das den beiden oberen Nachwuchsmannschaften des RWE gelang. Die U17 gewann gegen Oldenburg mit 3:1. Mit demselben Resultat besiegte die U19 eine starke Rostocker Mannschaft (die eine Woche zuvor mit einem Sieg gegen Werder Bremen in die Liga gestartet war). Es wäre ein schieres Wunder, wenn die personellen Verwerfungen zum Saisonwechsel spurlos am Preußer-Team vorbei gegangen wären. An der fußballerischen Brillanz, die die Auftritte der letzten Saison des Öfteren zu einem Fußballvergnügen machten, muss (und wird) das Trainerteam um Christian Preußer weiter arbeiten. So benötigte man ein klein wenig Dusel, um die Drangphasen der Hanseaten zu überstehen. Die Mannschaft verteidigte im Kollektiv durchaus geschickt und nutzte – im Gegensatz zu Hansa – die sich bietenden Chancen konsequent. Auffällig gut spielte in der Innenverteidigung Kapitän Niklas Wittmann. Auch Sebastian Stolze scheint der Wechsel in die A-Jugendbundesliga keine Probleme zu bereiten. Das ist umso wichtiger, als die Mannschaft ihre bisherigen Torgaranten Ahrens und Göbel an die Profis abgegeben hat. Bemerkenswert: das hohe Tempo beider Mannschaften über 90 Minuten, trotz tropischer Temperaturen.