Tag Archiv für Tyrala

Rot-Weiß Erfurt oder Ah ah ah ah, stayin‘ alive!

Stefan-Kraemer-rwe_posterDabei mag ich die Bee Gees nicht mal. Trotzdem ist es die titelgebende Liedzeile, die mir am Samstag nach unserem Sieg gegen Aalen in den Sinn kam und diesen winzigen Ort seitdem nicht verlässt. Es war eine Saison, seien wir ehrlich, die über lange Zeit das Abgründigste was einem Drittligaverein zustoßen kann, mehr als nur befürchten ließ. Den Abstieg in die Hölle. Auch bekannt unter dem Namen Regionalliga. Wenn der Verein, unser Verein, das finanziell überhaupt in seiner bisherigen Form überlebt hätte. Wer zählt die Vereine, nennt die Namen, die ungastlich dort zusammenkamen? (Sorry, Friedrich!) Und seit Jahren vergeblich versuchen, der sportlichen Randständigkeit zu fliehen. In manchen Minuten war mir, während ich auf der Tribüne oder vor dem Fernsehen saß, der Abstieg schon Gewissheit. Da dachte es in mir (Sorry, Günter!): Das ist so jämmerlich, unmöglich, dass sie dies noch korrigiert bekommen.

Dass es anders kam, wird – und zwar isoliert davon, ob wir den verdammten Thüringenpokal gewinnen – immer mit dem Namen und der Person Stefan Krämers verbunden bleiben. Es ist ja nicht so, dass er nur einen schlafenden Riesen wach küssen musste. Eine Mannschaft, die für jeden offensichtlich weit unter ihrem Potenzial spielte. So gut wie alle waren sich vor der Saison einig, dass es vermutlich sehr schwierig werden würde. Diese berechtigte Sorge gründete sich auf dem Weggang von Leistungsträgern wie Möhwald, Czichos und Wiegel. Sowie auf mehrheitlich desolaten Leistungen der Mannschaft in der zweiten Hälfte der letzten Saison. Eine Niederlagenserie, die auch Christian Preußer zunächst nicht zu stoppen wusste, bildete die Basis einer tief wirkenden Skepsis, die sich bis in die neue Saison hinein konservierte.

Aus der Skepsis wurde alsbald Gewissheit. Auch wenn wir nur bis zum 5. Spieltag auf einem Abstiegsplatz standen, gelang es Preußer nicht, die Mannschaft fußballerisch zu stabilisieren. Der Kontakt zur Abstiegszone riss nie ab, einhergehend mit einer Dauerpanik, die allen aufs Gemüt drückte. Eine erneute Niederlagenserie vor der Winterpause besiegelte Christian Preußers Aus.

Was seit der Berufung Stefan Krämers zum Cheftrainer des FC Rot-Weiß Erfurt geschah, ist erstaunlich. Vor allem, weil er es vermochte, viele Dinge gleichzeitig zu verbessern. Nimmt man nur den Kader und die taktische Grundformation, wird man feststellen, dass sich bei beiden so viel nicht geändert hat. Krämer vertraute im Wesentlichen auf die Spieler, die schon unter Preußer zum Einsatz kamen, und auch Krämer ließ (mehrheitlich) ein 4-2-3-1-System spielen. Klar, mit Brückner und Benamar kamen zwei wichtige Offensivspieler hinzu und zuweilen variiert er mit einem 4-1-4-1-System. Das allein erklärt aber nicht, warum einige Spieler plötzlich sehr viel besser spielen als vorher – unter Preußer und teilweise sogar unter Kogler. Aydin, Menz, Tyrala. Selbst Odak gehört für mich in diese Kategorie.

Ich denke, dass es sich bei Krämer lohnt, sehr genau zuzuhören, wenn er sich öffentlich äußert. Er betonte am Anfang seiner Tätigkeit nachdrücklich, es sei für ihn von entscheidender Bedeutung, dass die Mannschaft kollektiv angreift und verteidigt. Wer bei ihm nicht defensiv arbeite, habe keine Chance. Okay, das klingt zunächst nach einer Plattitüde, wie sie Trainer oft und gern benutzen. So wie die Mannschaft sich nach und nach entwickelte, zeigte allerdings, wie ernst es ihm damit war.

Im modernen Fußballkauderwelsch existiert dafür ein Begriff: Kompaktheit. Kein schönes Wort und ich würde gern ein anderes verwenden, mir fällt nur kein passenderer Begriff ein. Selbst Zuschauern, die während eines Spiels nicht ständig auf die Positionen der Spieler achten, fällt am Spiel der Rot-Weißen auf, was damit gemeint ist: Wenn der Gegner angreift, dann muss er sich (oft) gegen eine scheinbar nicht enden wollende Kaskade Erfurter Spieler behaupten, die ihm für seine Angriffsbemühungen weder Raum noch Zeit zu geben die Absicht haben. Weswegen die Angriffe oft wirkungslos bleiben. Das liest sich jetzt ebenfalls relativ banal, ist aber, taktisch (und physisch) betrachtet, großes Kino. Nur so war es möglich, dass wir, gerade in den letzten Spielen, man denke nur an den durchgängig famosen Auftritt in Stuttgart, über weite Teile des Spiels das dominante Team waren. Dies ist keinesfalls selbstverständlich, und es ist, wie vieles im Fußball, anfällig für Störungen jeder Art. Man kann mit einem forcierten Pressingfußball auch grandios scheitern, wie es das Beispiel Zorniger in Stuttgart belegt. Die Feinjustierung innerhalb der Mannschaft muss schon sehr gut passen, sonst hat der Gegner immer die Möglichkeit, freie Räume zu bespielen. Bei Preußer war zum Beispiel das Pressing im Mittelfeld des Öfteren mangelhaft. Die gegnerischen Mittelfeldspieler hatten zu häufig die entscheidenden 2-3 Sekunden Zeit, den Ball anzunehmen, sich zu orientieren und abzuspielen.

Diese Zeit lässt ihnen die Mannschaft unter Krämers Anleitung nicht mehr. Oder präziser: viel seltener. Das erreicht man nur mit einem höheren Laufaufwand und einem variableren Positionsspiel. Damit der Druck auf den angreifenden Gegner überall in den relevanten Zonen des Spielfeldes aufrecht erhalten werden kann, müssen Spieler – situativ – ihre Positionen verlassen, um die Räume (und damit die Ballbesitzzeiten des Gegners) klein zu halten. Das wiederum beeinflusst die Positionen der noch hinter dem Ball befindlichen Abwehrspieler, sie müssen diese Räume dann besetzen. Ich sagte ja, es klingt nur banal.

Ich kann nicht beurteilen, ob Krämer mit den oben erwähnten Spielern individuell viel gearbeitet hat. Einen Grund für ihre offensichtliche Verbesserung sehe ich darin, dass sich Spieler wohler fühlen, wenn ihr Spiel Teil eines Konzeptes ist, dass ihnen schlüssig erscheint und mit dem sie erfolgreich sind. Das trifft sicher auf alle Spieler einer Mannschaft zu, bei einigen scheint es aber Potenziale freizulegen, die man ihnen gar nicht mehr zugetraut hätte.

Abschließend möchte ich noch zwei Spieler hervorheben, denen in Krämers System eine maßgebliche Rolle zukommt. Carsten Kammlott ist nicht nur deshalb so wichtig, weil er entscheidende Tore schießt und vorbereitet. Er ist ebenfalls eine grandiose Ein-Mann-Angriffs-Pressing-Maschine und in dieser Eigenschaft vermutlich ohne Gleichen in der Liga. Seine Dynamik und Aggressivität sorgen nicht selten dafür, dass die Verteidiger (oder auch der Torwart) sich lieber dafür entscheiden, lange (weniger kontrollierte) Bälle zu spielen, die natürlich leichter zu verteidigen sind. Mit anderen Worten: sie haben die Buxe voll, wenn Kammlott wie ein Berserker auf sie zu stürmt.

Last but least: Jens Möckel. Bereits nach seiner letzten langen Verletzung war ich verblüfft, wie schnell er wieder auf hohem Niveau zu spielen in der Lage war. Diesmal, nach einer noch längeren, noch schwereren Verletzung, bin ich das nicht minder. Weiter oben habe ich versucht zu erläutern, wie wichtig es ist, dass die Spieler situativ ihre Positionen verlassen, um die mannschaftliche Kompaktheit (und damit den Gegnerdruck) aufrecht zu erhalten. Genau hier liegt eine von Jens Möckels größten Stärken. Wirklich beeindruckend, wie er mitunter – nicht frei von Risiko – seine Position in der Innenverteidigung verlässt, um Spieler zu attackieren, die sich in den Räumen zwischen den Linien anbieten. Dabei gelingen ihm zuweilen äußerst spektakuläre Ballgewinne, die er, nächstes großes Lob, dann auch häufig direkt in die Einleitung von Gegenangriffen umwandeln kann.

Oh, das ist mir jetzt relativ ausführlich geraten. Dabei bin auf verschiedene andere, nicht weniger wichtige Aspekte gar nicht zu sprechen gekommen. Als da wären: die Standards und die Fokussierung bzw. Überladung bestimmter Zonen des Spielfeldes bei eigenen Angriffen.

Das wird in den nächsten Wochen nachgeholt; denen wir auf wunderbare Weise, plötzlich aber alles andere als zufällig, sehr gelassen entgegen sehen können. Habt Euch wohl, Ihr Lieben.

Rot-Weiß Erfurt: Nachrichten vom Abstiegskampf

kammlott Ich kann mich noch lebhaft an den Abend des 16. April 2013 erinnern. Wir hatten soeben den insolvenzbedrohten Traditionsverein Alemannia Aachen locker mit 3:1 bezwungen. Das Ergebnis wurde den Kräfteverhältnissen auf den Platz nicht mal ansatzweise gerecht. Es waren 32 Spieltage absolviert. Eine Saison, in der wir vom ersten Spieltag an unten festklebten, würde ein versöhnliches Ende nehmen, das war die erfreuliche Essenz dieses Abends. Hurra, wir hatten 38 Punkte!

Die haben wir jetzt nach 32 Spieltagen auch. Und trotzdem laufen alle Anhänger des FC Rot-Weiß Erfurt mit angeknabberten Nägeln durch die Welt. Damals hatten wir sieben Punkte Vorsprung auf den ersten Abstiegsplatz, während es diesmal nur drei sind. Zudem ein Restprogramm, das uns fast ausschließlich auf Gegner treffen lässt, die keinen Deut weniger als wir entschlossen sein werden, den Abstieg in die Hölle der Regionalliga zu vermeiden.

Ich bin kein übermäßig großer Freund davon, die Realität durch «positives Denken» in ein virtuelles Lila-Laune-Land zu überführen. Trotzdem gibt es Anlass zu Optimismus. Stefan Krämers Mannschaft hat in Köln, nicht zum ersten Mal, nachgewiesen, dass sie mit Konzentration, Spielvermögen und taktischem Geschick, diesen beinharten sportlichen Überlebenskampf anzunehmen weiß. Ob das am Ende reicht, ist nicht ausgemacht, aber erfreulich vieles deutet darauf hin.

Die Mannschaft hat bei der Fortuna quasi von der ersten Sekunde an, einen verunsicherten Gegner noch weiter verunsichert, indem sie sofort und in allen Zonen des Spielfelds aggressiv presste. Dann, als dieser Druck etwas nachzulassen schien, nagelte Menz endlich den x-ten (und ersten gefährlichen) Standard unter die Latte. Zu Kammlotts Tor muss man nicht viel sagen. Außer, dass es schlichtweg großartig war, wie unser Stürmer, der – von einem Infekt geplagt – morgens kaum aus dem Bett kam, diesen Abwehrfehler nutzte.

Als nach dem Anschlusstor viele dachten, nun gehe es dahin, brachte Krämer (für den völlig fertigen Kammlott) Sebastian Szimayer und lag damit, nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal an diesem Nachmittag, völlig richtig. Das entscheidende dritte Tor wurde von diesem in Folge richtiggehend erzwungen. Mit seiner physischen Stärke und Präsenz kamen die (ohnehin schwachen) Innenverteidiger der Kölner bis zum Ende überhaupt nicht zurecht. Auch die etwas überraschende Einwechselung Uzans für den verletzten Tyrala erwies sich als gut durchdacht. Die Fortuna wollte dieses Spiel mit spielerischen Mitteln bestreiten und gewinnen. Dies durchkreuzte Krämer, indem er in kritischen Phasen mehr Physis ins Spiel brachte, erst Szimayer und dann den Mittelstürmer Uzan im zentralen Mittelfeld.

Fraglos, die ganze Mannschaft hat ein sehr gutes Spiel gemacht. Trotzdem möchte ich noch auf die Leistung von Theodor Bergmann zu sprechen kommen. Niemandem war sonderlich wohl, als Brückner nach 40 Minuten humpelnd das Feld verlassen musste. Wie der für ihn kommende Bergmann aber in der 2. Halbzeit spielte, fand ich sehr überzeugend. Er ist ganz sicher kein Zehner und agierte dann auch eher auf einer Achterposition vor/neben Tyrala und Judt, während Benamar und Aydin öfter in die Mitte einrückten. Vom Typ her erinnert mich Bergmann ein bisschen an Julian Weigl vom BVB. Etwas schlaksig daherkommend verfügt er trotz seiner Jugend über ein sehr gutes Raumgefühl und trifft meist die richtigen Entscheidungen bei der Spielfortsetzung. Wann immer möglich, versucht er einen vertikalen Pass zu spielen, das war in den letzten Jahren nicht unbedingt eine Stärke der bei RWE eingesetzten zentralen Mittelfeldspieler. Mit einem Wort: Der Junge sollte öfters spielen. (Und bitte, bitte, bitte Torsten Traub: Ich möchte Theodor Bergmann in zwei Jahren nicht im Trikot von Zwickau oder Nordhausen sehen, nachdem man erneut an einem jungen Spieler das Interesse verloren hatte.)

Bergmann, Szimayer, Uzan. In Anbetracht von Sperren (Benamar) und Verletzungen (Tyrala, Brückner) ist es von hohem Wert, dass auf unserer Bank Spieler sitzen, die man auch in engen und hitzigen Spielen, also in allen noch vor uns liegenden, mit gutem Gewissen einwechseln kann.

Osnabrück kann kommen.

Überlegungen zur Trainerfrage

Ich habe im Oktober 2012 ein langes Interview mit Christian Preußer geführt. Damals war er Trainer der U19 und Chef unseres Nachwuchs-Leistungszentrums. Mir fiel die Akribie auf, mit der er sich allen Dingen seines Aufgabenbereichs offensichtlich widmete. (Und ja, sie gefiel mir diese Akribie, weil sie im Gegensatz zu der sonstigen Wurschtigkeit stand und steht, mit der in diesem Verein sonst so vieles betrieben wird.) Es saß mir ein junger, sympathischer, intelligenter Trainer gegenüber und ich hatte keinen Zweifel, dass er eines Tages seinen Weg im Profifußball gehen wird. An dieser Einschätzung halte ich bis heute fest.

Natürlich weiß ich, dass es gute Argumente gibt, die in der gegenwärtigen, zweifellos sehr schwierigen, Situation gegen ihn sprechen. Es ist auch keineswegs so, dass ich mit allen Äußerungen und Entscheidungen Christian Preußers als Trainer unserer Profimannschaft einverstanden bin, bzw. genauer formuliert, dass ich diese verstehe.

Die Mannschaft spielt überwiegend schlechten Fußball. Auf diesen kurzen Satz können sich wohl alle Anhänger des FC Rot-Weiß Erfurt schnell einigen. Aber er ist, meiner Meinung nach, nur halb richtig. Korrekter müsste er lauten: Die Mannschaft spielt überwiegend schlechten Offensivfußball. Hingegen sind das Abwehrverhalten und die Defensivleistung in vielen Spielphasen in Ordnung. Mir ist klar, dass dies für den Klassenerhalt zu wenig sein könnte, nichtsdestotrotz muss es erwähnt werden, will man zu einer halbwegs soliden Einschätzung der Situation gelangen.

Im Grunde spiegelt dieser Offensiv-Defensiv-Kontrast nur wider, in welcher Qualität es gelungen ist, die personellen Abgänge am Ende der Saison zu ersetzen. Und da ist zu konstatieren, dass fast alle verpflichtenden Defensivspieler gute bis sehr gute Leistungen zeigen, während der Nachweis stabiler Drittligareife bei den Transfers im Offensivbereich aussteht. Besonders weh tut das bei der Spätverpflichtung Marc Höcher, der außer einigen Standards bisher alles vermissen lässt, was man sich von ihm versprochen hatte.

Christian Preußer ist nach wie vor von der Qualität all seiner Neuverpflichtungen überzeugt. Ich kann ihm nicht grundsätzlich widersprechen, da mir die Trainings-Eindrücke fehlen. Aber ich habe Zweifel. Außer den bisher wenig überzeugenden Leistungen der neuen Offensivspieler ist es natürlich verheerend, dass Spieler bei denen man davon ausgehen durfte, dass sie über gutes Drittliganiveau verfügen, dieses nur sehr eingeschränkt abzurufen in der Lage sind. Die Leistungen von Menz und Tyrala sind bestenfalls als schwankend zu charakterisieren. Sie werden im zentralen Mittelfeld aufgeboten, der Do-or-Die-Zone des Fußballs. Ist man hier dem Gegner unterlegen, verliert man Fußballspiele. Es wird von essenzieller Bedeutung sein, und zwar für jeden Trainer dieser Mannschaft, diese beiden Schlüsselspieler wieder in eine Form zu trainieren, die sie nicht zur Belastung, sondern zu Leistungsträgern des Teams werden lässt. Andererseits muss man Preußer zugute halten, dass er mit Nikolaou eine sehr kreative Lösung aus dem Hut zauberte, dem man gewisse strategische Fähigkeiten auf dem Platz nicht absprechen kann. Er verfügt über ein gutes Zweikampfverhalten (ein großer Mangel bei Menz und Tyrala), hat aber auch eine passable Grundtechnik und (das ist auf der Position sein größtes Plus) er spielt fast durchweg die richtigen Pässe, kann enge Situation durch Spielverlagerung auflösen. Er wäre mit einem Sebastian Tyrala in guter Verfassung ein absolut wettbewerbsfähiges Duo im zentralen Mittelfeld.

Was mich irritiert ist das überlange Festhalten an Dingen, die offenkundig nicht erfolgreich sind. Hier wäre das 4-4-2-System zu nennen, welches gegen Stuttgart II zwar prima klappte. Aber nur, weil die Innenverteidiger des VfB die Kopfballablagen von Szimayer nicht verteidigen konnten und die Stuttgarter ganz generell einen schlechten Tag in der Defensive erwischt hatten. In quasi allen Spielen danach (bis man es gegen Osnabrück wieder mit nur einem Stürmer versuchte) wurde diese Taktik der langen Bälle wieder und wieder neu erprobt. Auch gegen Gegner bei denen a priori klar war, dass es nicht funktionieren würde, eben weil die Qualität der Innenverteidiger viel zu gut für diese doch recht simple Form des Fußballs ist. Es gab auch Spiele, in denen man diese Taktik zur Halbzeit hätte revidieren können und müssen. Wenn die Stürmer keine verwertbaren Bälle erhalten, weil das Passspiel im Mittelfeld im Grunde nicht vorhanden ist, macht es keinerlei Sinn einen gelernten Mittelstürmer durch einen anderen zu ersetzen. Ich denke, dass es von großer Bedeutung ist, die Passqualität im Angriffsdrittel drastisch zu erhöhen. Aus diesem Grund würde ich derzeit eher ein System bevorzugen, in dem nur ein nomineller («gelernter») Mittelstürmer aufgeboten wird. Ob man das dann als 4-4-2 oder 4-2-3-1 typisiert ist völlig nachrangig, wichtig ist, das die Anzahl der Passdreiecke (vulgo Anspielstationen) erhöht wird, um die Anzahl der Fehlabspiele zu verringern.

Sachen wie diese habe ich allerdings bereits kritisiert als Stefan Emmerling oder Alois Schwartz hier Trainer waren. Nicht wenige habe die jetzige Situation (Abstiegskampf) bereits vor der Saison prognostiziert. Und bei fast jedem Saisonspiel – selbst nach gewonnenen – wurde deutlicher, dass die Prognose nicht ausschließlich der chronischen Schwarzmalerei am Steigerwald geschuldet war. Nun ist also eingetreten, was zu befürchten war. Wir stehen – wenigstens gefühlt – auf einem Abstiegsplatz. Trotzdem rate ich dem Verein, sich dem schnellen Impuls einer Trainerentlassung zu verweigern. Sollten die Verantwortlichen der Auffassung sein, dass Christian Preußer fachlich gute Arbeit leistet, und sollte sein Verhältnis zur Mannschaft intakt sein, liegen keine Gründe vor, ihn zum jetzigen Zeitpunkt zu entlassen. Die Tabellensituation ist fraglos kritisch und gefährlich, noch aber hat die Mannschaft locker alle Möglichkeiten, ausreichend Punkte für den Verbleib in der Liga zu holen. Es ist jedoch völlig klar, dass sich die Frage nach der Qualität des behandelnden Arztes so lange stellt, wie der Patient auf der Intensivstation liegt. Insofern ist meine Meinung in dieser Frage durchaus abhängig von den Resultaten der nächsten Spiele (falls es die mit Preußer noch geben sollte), mehr aber noch von den dabei gezeigten Leistungen. Auch aus diesem Grund halte ich Ultimaten an den Trainer (sollte es sie denn wirklich geben) für kompletten Blödsinn.

Rot-Weiß Erfurt vs. Werder Bremen II 2:1 / Die Bipolaren

rwe vs. svw 3Gravierende Leistungsunterschiede innerhalb eines Spiels sind im Fußball eher die Regel als die Ausnahme. Selten sind so krass wie beim 4:4 der deutschen Fußballnationalmannschaft gegen Schweden im Oktober 2012. Derart spektakulär sind die Jekyll & Hyde-Kicks des FC Rot-Weiß Erfurt in dieser Drittligasaison (noch) nicht. Dafür «beglückt» Christian Preußers Team seine Fangemeinde in großer Regelmäßigkeit mit solchen Auftritten.

Aktuellstes Beispiel ist der 2:1-Sieg gegen die Zweite Mannschaft des SV Werder. Die ersten 60 Minuten waren, je nach Temperament, zum Heulen, Wegsehen, Ausrasten, Verzweifeln, etc. Es ist müßig, alles aufzählen zu wollen, was da fußballerisch fehl ging. (Überdies neige ich nicht zum Masochismus.) Wie öfter in vergleichbaren Spielphasen zerfiel die Mannschaft beim eigenen Spielaufbau in zwei Gruppen. Hinten die Verteidigungsreihe und die beiden Sechser, vorne beide Mittelstürmer sowie die offensiven Außen. Dazwischen: Nichts! Entweder ging der Ball im defensiv-zentralen Mittelfeld verloren (Tyrala) oder wurde lang gespielt und eine sichere Beute der Bremer Verteidigung. Allein die Bremer Unfähigkeit aus der eigenen Überlegenheit mehr Torchancen zu kreieren, hielt das Spiel offen. Ein Umstand, der gegen bessere Gegner mit einiger Wahrscheinlichkeit obsolet wäre.

Dann passierte Marc Höcher. Und plötzlich vollzog sich unter den Augen von 4.000 begeisterten Erfurter Fans eine kaum noch für möglich gehaltene Wendung des Spiels. Gut, Bremen machte den Kardinalfehler in dieser Situation, wurde passiv und ließ sich in Folge dieser Passivität immer weiter in Richtung eigenes Tor drängen. Aber das ist natürlich stets eine Frage von Wirkung und Gegenwirkung. Wie auch immer, plötzlich gab es so etwas wie Spielverlagerungen, die Ballzirkulation war nicht bereits nach anderthalb Pässen zu Ende. Werder konnte die Breite des Spielfeldes nicht mehr verteidigen und so ergaben sich Räume auf den Außen- und Halbpositionen, die immer häufiger in Torgelegenheiten mündeten. Der Treffer zum Sieg fiel dann mit einer gewissen Zwangsläufigkeit. Und war verdient, weil die Rot-Weißen in der entscheidenden Phase des Spieles klar überlegen waren. Ungeachtet der Tatsache, dass Werder über 60 Minuten die bessere Mannschaft stellte. Im Detail fiel mir in dieser Phase auf, dass der bis dahin erbarmungswürdig schlechte Tyrala aufblühte wie eine Hanfpflanze unter der Höhensonne. Als Pass- und Taktgeber im zentralen offensiven Mittelfeld, vulgo auf der Zehnerposition. Das ist vielleicht keine dauerhafte Position für ihn, aber in bestimmten taktischen Konstellationen (wie der am Samstag) haben wir keinen Akteur in der Mannschaft, der den Raum hinter den Spitzen besser bespielt als er.

Rot-Weiß Erfurt vs. VfB Stuttgart II 3:0 / Hoch und weit und erfolgreich

taktik 1Bereits nach drei Minuten wurde deutlich, wie Christian Preußer den ersten Saisonsieg zu erringen gedachte. Auf dem (durch und durch exemplarischen) Foto ist zu sehen, dass es so etwas wie einen Spielaufbau über die zentralen Mittelfeldspieler nicht geben würde, weshalb auch keiner von ihnen im Bildausschnitt zu sehen ist. Die Außenverteidiger stehen unglaublich tief – normalerweise sind sie mindestens an der Mittellinie, meist aber noch höher – positioniert. Auch sie werden an der Überbrückung des Mittelfeldes nicht beteiligt sein. In der Szene wird gleich ein langer Ball folgen, vermutlich geschlagen von Mario Erb, auf den sechs Erfurter Spieler im Angriffsdrittel des VfB-Nachwuchses lauern.

Ich will ehrlich sein, das ist nicht unbedingt der Fußball, den ich schätze. Und hätten wir das Spiel verloren, würde das hier noch sehr viel nachdrücklicher ein Thema sein. Mit dieser taktischen Vorgabe aber gelang dem FC Rot-Weiß Erfurt der dringend benötigte erste Sieg in dieser Saison. Der VfB machte über die gesamte Spieldauer hinweg den Fehler, dass unsere Verteidiger diese Bälle in aller Ruhe nach vorn schlagen konnten, was vor allem bei Mario Erb mit einer erstaunlichen Präzision einherging. Adressat der Bälle war nicht selten Sebastian Szimayer, der via Körpergröße, physischer Präsenz und Zweikampfgeschick eine Reihe dieser Bälle unter Kontrolle bzw. zum Mitspieler bringen konnte. Die Raumaufteilung unserer Offensivspieler war glänzend abgestimmt, sodass viele unklare, abprallende Bälle eine Beute der beiden zentralen Mittelfeldspieler wurden. Man könnte dafür den Begriff Raumdominanz verwenden. Das alles führte selten direkt zu klaren Torgelegenheiten, jedoch gelang es den Erfurtern, permanent Bälle in die Red-Zone zwischen Fünfmeterraum und Sechzehnmeterlinie zu transportieren. Der VfB fand dagegen kein Mittel, Tore waren eine Frage der Zeit. Nur in der Viertelstunde nach der Pause war zu sehen, dass im Team des Stuttgarter Nachwuchses eine Reihe begabter Techniker aufgeboten waren. Drei hochkarätige, gekonnt erspielte Chancen, gab es zu verzeichnen. Dem bereitete Carsten Ich-weiß-wo-das-Tor-steht Kammlott ein jähes Ende. Danach hätte der souveräne Manuel Gräfe abpfeifen können. Das Ding war durch.

Ein Wort zur Diskussion um Sebastian Tyrala. Zunächst denke ich, dass die Taktik vom Samstag nicht in jedem Fall, soll heißen: bei jedem Gegner, zum Erfolg führen wird. Wir werden auf Mannschaften treffen, deren Innenverteidiger geschickter sind, mehr Zweikämpfe gewinnen, es besser als der VfB verstehen, zweite Bälle zu sichern und zu behaupten. Wir werden Sebastian Tyralas Spielintelligenz mithin weiterhin dringend benötigen. Egal, mit welcher Taktik Preußer agieren lässt, unser Spiel wird in dieser Saison von hoher physischer Intensität geprägt sein. Will man Spiele gegen fußballerisch bessere Mannschaften gewinnen, werden gerade die Spieler im zentralen Mittelfeld mehr als der Gegner laufen und viele Zweikämpfe bestreiten müssen. Der körperliche und mentale Verschleiß wird entsprechend hoch sein. Es ist somit unzweifelhaft ein Vorteil, möglicherweise sogar eine Voraussetzung für Erfolg, im zentralen Mittelfeld personelle Optionen im Kader zu haben.

Apropos Optionen im Kader: Gestern wurde Marc Höcher von Roda Kerkrade verpflichtet. Bin mir noch nicht sicher, ob er so ein typisch holländischer Flügelstürmer oder doch eher ein offensiver Mittelfeldspieler ist. Bemerkenswert, dass er über die Jahre eine konstant hohe Zahl von Torvorlagen zu verzeichnen hat. Das werden Kammlott und Szimayer erwartungsvoll zur Kenntnis nehmen. Er hat bei mir schon jetzt einen Bonus, weil er sich lieber auf das Wagnis einer für ihn völlig neuen Liga einlässt, statt seinen Vertrag in der obersten Klasse des Nachbarlandes (immerhin!) auf der Bank abzusitzen.

Aus gegebenem Anlass: Eine kleine Hommage an Juri Judt

Mit Kurt Jara, Bernard Dietz, Dir und Deinem Bruder Thomas, mit Reuter, Eckstein, Dorfner oder dem Jahrhundertfußballer Griechenlands Giorgos Koudas habe ich Spieler von absoluter Klasse trainiert. Aber wie Fußballer gerne reden, hätte man dem einen das Kopfballspiel vom anderen gewünscht und dem anderen die Zweikampfstärke oder Schnelligkeit vom Ersten, um den perfekten Spieler zu haben. 1998, bei meiner Arbeit für Greuther Fürth, hat mir der liebe Gott diesen perfekten Spieler mit dem 12-jährigen Juri Judt über den Weg laufen lassen.

Heinz Höher an Klaus Allofs (Aus: «Spieltage» von Ronald Reng)

Heinz Höher, Protagonist eines der großartigsten Bücher, das jemals über Fußball geschrieben wurde, hat seinem Zögling mit diesen Worten eine schwere Hypothek auferlegt. Zunächst verlief die Karriere des Juri Judt wie Juri_Judt_2009von seinem Mentor geplant: Er setzte sich bei Greuther Fürth im Männerbereich durch, bekam einen guten Vertrag beim fränkischen Rivalen in Nürnberg, spielte anfangs auch dort regelmäßig. Dann eine langwierige Verletzung und seitdem befand sich die Karriere im Sturzflug. In Leipzig als Stammspieler aussortiert, folgte ein hektischer Wechsel zum damals chaotisch-panischen 1. FC Saarbrücken. Selbst dort kam er nur auf fünf Einsätze. Dann – in dieser Saison – der Transfer an den Steigerwald. Hier schien es zunächst ähnlich – schlecht – zu laufen wie bei seinen vorherigen Stationen. Zunächst stellte ihn Kogler als Rechtsverteidiger in die Startelf, es folgten einige weniger glückliche Spiele und es kam, wie es kommen musste: Der genesene Luka Odak verdrängte ihn auf die Bank. Dann beorderte Kogler ihn am 20. Spieltag (gegen BVB II) ins zentrale Mittelfeld. Einigermaßen überraschend, aber dann auch wieder nicht, weil Judt dereinst in Fürth auf eben dieser Position seine vielleicht überzeugendsten Spiele bestritt. Das war lange her, aber er absolvierte in Dortmund sein bis dahin bestes Spiel für die Rot-Weißen. Das nutze ihm zunächst wenig, das Tandem Menz und Tyrala war bis zur Winterpause gesetzt. Nach ebendieser musste Menz gegen Cottbus gesperrt passen und wieder griff Kogler auf Judt zurück. Erneut machte er ein starkes Spiel: äußerst laufstark, geschickt im Zweikampf, so gut wie keine Ballverluste im Spielaufbau, kluge Spieleröffnungen. So sieht das Anforderungsprofil eines defensiven zentralen Mittelfeldspielers aus. Und er verstetigte diese Leistung, einschließlich des gestrigen Spiels gegen Osnabrück. In dem gab es mehrere Schlüsselszenen, hinreichend oft benannt wurden der großartige Ballklau Klewins gegen den freien Menga, die Abwehr auf der Torlinie von Aydin und die Rote Karte gegen Thomik. Zwischen den beiden letzten Szenen liegt allerdings ein, unter hohem Gegnerdruck gespielter, langer und präziser Ball von Juri Judt auf Kammlott, der dann zur Notbremse des Osnabrücker Verteidigers führte. Dafür hält der Neusprech der modernen Spielanalyse den Begriff Keypass parat.

Seit er sich in der Startelf festgespielt hat, gab es immer wieder Szenen (u.a. sensationell gute Balleroberungen), die mehr als erahnen lassen, warum Heinz Höher in seinem Brief an Klaus Allofs den ganz hohen Ton anschlug. Hoffen wir alle, dass das fußballerische Comeback des Juri Judt fortdauert, zum Wohle des FC Rot-Weiß Erfurt. Der, da bin ich sicher, in Heinz Höher einen neuen Fan gefunden hat.

FC Rot-Weiß Erfurt vs. Holstein Kiel 3:2

Nach dem Spiel konnte niemand sagen, wann der FC Rot-Weiß Erfurt zuletzt drei Tore nach Standards erzielt hatte. Abgesehen von Pfingsten-Reddigs Elfmetern war das lange Zeit eine vernachlässigte Toreinnahme-Quelle. Es blieb Walter Kogler vorbehalten, die Gründe dafür zu nennen: Mehr gute Standardschützen (in diesem Fall: Tyrala, Aydin und Möhwald) und eine größere Anzahl potenzieller Abnehmer. Daraus resultierend: weniger Ausrechenbarkeit für den Gegner.

Soweit zu den ausschließlich positiven Aspekten des Spiels. Auf der anderen Seite ist zu vermerken, dass RWE die Standards so dringend benötigte wie die FDP Zweitstimmen, weil aus dem Spiel heraus wenig Konstruktives gelang. Das lag in erster Linie an einer bockstarken defensiven Vorstellung der Kieler. Carsten Neitzel und sein Trainerteam hatten definitiv ihre Hausaufgaben erledigt. Nichts war es mit einem gepflegten, vertikal orientierten Spielaufbau aus einer Dreierkette heraus. Quasi alle Aufbauspieler wurden früh und aggressiv gestört, sodass oft nur der Rückpass zu Klewin blieb. Dessen einzige wirkliche Schwäche, mangelnde Präzision bei langen Bällen, war ebenfalls nicht dazu angetan, das Offensivspiel von RWE zu befördern.

Kiel brachte zwar zunächst in direkter gegnerischer Tornähe auch nicht viel zustande, erwies sich aber als erstaunlich ballsicher und entzog sich so immer wieder dem Pressing der Erfurter. Beide Tore fielen dann wie aus dem Nichts. Zuerst hatte Judt einen Aussetzer und foulte Heider völlig unnötig, wenig später bilderbuchte Brandstetter die Ecke von Tyrala zum Ausgleich ins Kieler Tor.

Nach dem Wechsel brachte Kogler Aydin für den erneut wenig überzeugenden Bukva. Zunächst änderte sich dadurch wenig. Mit der folgenden Einwechslung von Kammlott (für Tyrala) wurde auf ein 4-4-2 umgestellt hatte. Aydin fand nach zehn Minuten besser ins Spiel, bzw. wurde von seinen Mitspielern in Selbiges eingebunden. Auch Wiegel, am anderen Flügel, wurde stärker. Es ergaben sich Chancen, doch erneut benötigte es einen Standard zur Führung. Danach «rächte» sicht die numerische Unterzahl im Mittelfeld, Holstein reagierte druckvoll und mit gutem Fußball auf den Rückstand, fast folgerichtig fiel der Ausgleich. Das Spiel wurde ein völlig offenes, aber der Fußballgott hatte an diesem Samstag ein Faible für Kevin Möhwald und ließ dessen Freistoß durch Freund und Feind passieren. Jetzt reagiert Kogler praktisch sofort, revidierte das 4-4-2 und wechselte Baumgarten für Brandstetter ein. Kiel mühte sich zwar noch um den Ausgleich, konnte aber die zwischenzeitliche Dominanz im Mittelfeld bis zum Ende nicht mehr erreichen.

Die drei Punkte lassen Rot-Weiß den Anschluss nach oben nicht verlieren, damit dies aber weiterhin gilt, sollte in Wiesbaden natürlich nicht verloren werden. Aber wenn ich mich recht entsinne, haben wir da eigentlich immer ganz gut ausgesehen und gepunktet. Wird trotzdem schwer, da der SVWW jetzt drei Mal in Folge verloren hat und sicher nicht scharf darauf ist, diese Serie fortzusetzen.

Rot-Weiß Erfurt vs. Dynamo Dresden 2:0

Das war ein formidabler Fußballnachmittag im Erfurter Steigerwaldstadion. Eine ansehnliche Zahl Erfurter Zuschauer, die im Verlauf des Spiels zunehmend euphorischer ihre Mannschaft feierten, eine eindrucksvolle Dresdner Fangemeinde, die ihre Mannschaft – nicht minder imponierend – unabhängig vom Spielstand lautstark unterstützte und, natürlich als Ursache Nummer eins, eine sehr gut eingestellte und spielende Mannschaft von Rot-Weiß Erfurt.

Vor dem Spiel war ich mir nicht sicher, ob Kogler Brandstetter als einzige Spitze würde auflaufen lassen, um derart im Mittelfeld genügend Akteure für eine anzustrebende fußballerische Dominanz aufbieten zu können. Oder ob er Falk als zweite Spitze in die Startelf stellt, um mit langen Bällen (und über Kopfballablagen) gegen die zwangsweise neu formierte Dresdner Innenverteidigung den Erfolg anzustreben. Ich sollte nicht zu kleinmütig von unserem Cheftrainer denken, der Plan A (mit Brandstetter als einzigem Stürmer) ging voll und ganz auf.

Es wird zunehmend schwieriger – und das ist eine überaus erfreuliche Entwicklung – das Spiel der Erfurter Mannschaft in eine der üblichen Systemnotationen zu fassen. Mit etwas Phlegma könnte man es als 4-2-3-1 bezeichnen. Obwohl es im Spiel gegen den Ball eher wie ein 4-4-1-1 aussah, weil immer ein Spieler (zuerst meist Möhwald, im weiteren Spielverlauf Tyrala) den in vorderster Front pressenden Brandstetter unterstützte und dabei aus der Kette rückte. Im Spielaufbau hingegen war es meist eine lupenreine Dreierkette mit Menz als zentralem Aufbauspieler und weit ins Mittelfeld geschobenen Außenverteidigern. Auffallend war die starke Asymmetrie auf den Außenbahnen. Links orientierte sich Bukva sehr oft ins Zentrum und überließ dem sehr weit nach vorn rückenden Czichos die gesamte Außenbahn. Rechts hielt der sensationell starke Wiegel meist länger die Außenposition und zog erst mit Ball am Fuß in Richtung offensives Zentrum oder Außenlinie. Während Juri Judt (der von Spiel zu Spiel besser wird) meist absichernd agierte und sich situativ auch mal wieder als Anspielstation in Richtung der Dreierkette fallen ließ.

Kogler weigerte sich nach dem Sieg einen Spieler besonders hervorzuheben, da ich aber keinerlei Ambitionen in Richtung Diplomatischen Dienst hege, will ich es hier trotzdem tun. Christoph Mercedes-Menz hat erneut mit äußerst effektivem Spiel geglänzt. Seine Spieleröffnung war beeindruckend. Er vermied große Risiken und fand trotzdem immer wieder raumgewinnende Anspielstationen. Eine Voraussetzung dafür ist natürlich eine entsprechende Präsenz eigener Spieler im Mittelfeld. Dafür boten sich vor allem die ballsichersten Erfurter Spieler Tyrala, Möhwald und Bukva an. Wenn diese Anspielstationen nicht mit ausreichend großer Sicherheit erreichbar waren, wurde geduldig abgewartet oder auch mal ein halblanger Ball auf die offensiven Außen riskiert. (Auf der Gegenseite wurde Kirsten öfter ins Aufbauspiel der Dresdner eingebunden, was nur eine mäßig gute Idee war, da Brandstetter ihn immer wieder mit großem Tempo anlief und den Torwart der SGD zwang, lange, unkontrollierte Bälle zu spielen.) Defensiv agierte Menz ebenfalls gewohnt besonnen und zweikampfstark, wobei auch hier betont werden muss, dass sich alle Spieler aktiv und aggressiv an der Defensivarbeit beteiligten und so oft Überzahlsituationen in Ballnähe entstanden, die nicht selten in Ballgewinne umgewandelt werden konnten.

Exemplarisch für das Abwehrverhalten der Mannschaft über lange Strecken der Partie steht der Ballgewinn von Möhwald vor dem zweiten Tor, das ich mir gar nicht oft genug anschauen kann. Ab dem Zeitpunkt als Möhwald den Ball unter Kontrolle bringt und sofort zu Wiegel passt, ist dieser Treffer für Dynamo nicht mehr zu verteidigen. Jedenfalls nicht, wenn man es so perfekt zu Ende spielt, wie der RWE es in dieser Situation getan hat. Zwischen Balleroberung und Torabschluss liegen sechs Sekunden. In denen alles stimmt: Laufwege, Passpräzision und -tempo, Handlungsschnelligkeit und (sehr wichtig!) die uneigennützige Auswahl der richtigen finalen Option durch Wiegel. Ein tolles Tor von der Sorte, die mir viel lieber ist, als ein Volley aus 30 Metern in den Winkel. Auch toll und trotzdem ein reines Zufallsprodukt.

Ein Wort zum Gegner. Zu meiner Überraschung attestierte Michael Windisch, neuerdings eine Art Allzweckwaffe des mdr für den Thüringer Fußball und hauptberuflich Reporter der BILD-Zeitung, der SG Dynamo Dresden, dass sie «erschreckend schwach» gespielt hätte. Diese Einschätzung trifft, wenn überhaupt, nur auf die ersten 20 Minuten des Spiels zu. Danach war es eine ausgeglichene Partie mit Chancen auf beiden Seiten. Zu jedem Zeitpunkt des Spiels war zu erkennen, dass Minge und Böger eine Mannschaft zusammengestellt haben, die über ein großes fußballerisches Potenzial verfügt und das auch abzurufen weiß. Sie traf an diesem Nachmittag nur eben auf eine – in diesem Spiel – etwas bessere Mannschaft.

Es ist einigermaßen banal, darauf zu verweisen, dass der Verein jetzt zwei extrem schwere Auswärtsspiele vor der Brust hat. Vor allem auch deswegen, weil es im Grunde in der Liga überhaupt keine anderen Spiele gibt, schon gar nicht auswärts. Münster wird, nach dem Derbysieg in Osnabrück, mit großem Selbstvertrauen aufspielen. Aber – und das ist die gute Nachricht – sie werden auf eine Erfurter Mannschaft treffen, für die das in ebensolchem Umfang zutrifft. Hoffe ich doch.

Der Saisonstart des FC Rot-Weiß Erfurt

Es ist das Wochenende der ersten DFB-Pokalrunde. Oder wie wir es in Erfurt nennen: Zeit der Schmerzen. Als am Freitag der Chemnitzer FC in einem denkwürdigen Spiel den Bundesligisten Mainz 05 aus dem Wettbewerb schoss, kamen die Gedanken an den 10. August 2008 wieder hoch, als es fünf späterer Weltmeister bedurfte, damit der FC Bayern München die Rot-Weißen mit 4:3 besiegte. Es war das letzte Mal, dass ein Spiel im Steigerwaldstadion im Blickpunkt einer landesweiten Öffentlichkeit stand. Das ist 6 Jahre her. Seitdem leben wir im fußballerischen Konjunktiv – immer in der Hoffnung auf eine neue Verheißung. Die aktuell ausgegebene Parole hört auf den Namen Mission 2016. Für das nämliche Jahr hat sich der Verein den Aufstieg in die 2. Bundesliga vorgenommen. Niemand hier hätte etwas dagegen. Allein, es sind Zweifel am Wirklichkeitssinn dieses Ziels angebracht. In den letzten beiden Jahren mussten sich die Anhänger eher um den Verbleib in der 3. Liga sorgen. Wohin deuten die Instrumente in dieser Saison? Nun, wir haben 4 Spieltage absolviert, mehr als eine erste, provisorische Bilanz lässt sich derzeit seriös nicht wagen. Hier ist sie:

Der letzte Auftritt in Cottbus mutete exemplarisch für die bisherigen Saisonspiele an. Die Mannschaft stand defensiv halbwegs stabil. Aus dem laufenden Spiel gab es kaum Chancen für die Lausitzer. Allerdings muss sich noch erweisen, ob sich diese Defensivstärke auch gegen spiel- und offensivstärkere Mannschaften als solche herausstellt. Gemessen an den Erfahrungen aus dem Spiel gegen den BVB-Nachwuchs ist es nicht übelwollend, skeptisch zu bleiben. Die offensiven Leistungen waren in Cottbus überschaubar. Diesmal reichte ein guter Angriff in Halbzeit eins (die Chance von Brandstetter) nicht zur Führung. Erst als Energie am Ende des Spiels für das hohe Tempo bezahlte, kam Rot-Weiß zu einigen Halbchancen. Ansonsten: viele Abspielfehler und in Folge davon kaum Gefahr für das Tor des Gegners.

Natürlich gibt es entlastende Gründe für die momentan durchwachsenen Leistungen: in Cottbus standen sechs neu verpflichtete Spieler auf dem Feld. Es wurde also zum Beginn der Saison wieder einmal die halbe Mannschaft ausgetauscht. Menz und Tyrala bilden im zentralen Mittelfeld das neue fußballerische Herz des Teams. Andererseits ist eine Mannschaft wie Dynamo Dresden in noch größerem Umfang umgebaut worden und präsentiert sich (bislang) ungeachtet dessen eindeutig homogener. Noch schwerer wiegt wohl das chronische Verletzungspech von Koglers Team. Mit Kammlott, Möhwald und Laurito fehlten ungemein wichtige Spieler ganz oder teilweise. Während der grandiose Möckel (nach langer, schwerer Verletzung) den Verlust von Laurito sehr passabel auffangen konnte, sind Möhwald und – natürlich – vor allem Kammlott nicht adäquat zu ersetzen. Vor allem, weil Spieler wie Bukva, Tyrala, Falk und Brandstetter einfach noch Spielpraxis benötigen, um ihr Potenzial voll auszuschöpfen. Alle haben sportlich schwierige Zeiten hinter sich und es wäre unredlich, ihnen die nötige Geduld zu verweigern.

Auf der Habenseite der bisherigen Spiele steht eine deutlich höhere taktische Variabilität der Mannschaft. Kogler hält nicht mehr unter allen Umständen und Spielsituationen am 4-4-2 der letzten Saison fest. Als er gegen Stuttgart der Meinung war, neben Falk keinen adäquaten Stürmer für 90 Minuten zu haben, beorderte er Möhwald als hängende Spitze (oder falschen Zehner) in den Sturm. Selbiges wiederholte er (nach der Auswechslung Brandstetters) mit Tyrala in der letzten halben Stunde in Cottbus. Sah beide Male äußerst passabel aus. Der Clou in taktischer Hinsicht war jedoch die Dreierabwehrkette im (gewonnenen) Spiel gegen Stuttgart, bestehend aus Czichos, Kleineheismann und Menz. Da wurde zentral defensiv kaum etwas zugelassen; im grundierenden Spielaufbau gab es jedoch noch Luft nach oben. Trotzdem vermute ich, dass Kogler, sobald Kammlott und Brandtstetter richtig fit sind, auf das 4-4-2-System zurückkommen wird.

Das Spiel gegen Dynamo Dresden wird so eine Art L’Alpe d’Huez für den FC Rot-Weiß Erfurt. Ein Scharfrichter. Danach werden wir besser einzuschätzen wissen, wo sich der Verein derzeit sportlich einsortiert. Viel ist möglich – in jeglicher Hinsicht. Und jetzt gebe ich mich wieder dem Weltschmerz hin und schaue DFB-Pokal.

Hansa Rostock vs. Rot-Weiß Erfurt 1:1

Der erste Punkt der neuen Saison ist auf der Habenseite verbucht. Nichts was man ausgelassen bejubeln müsste, aber ein Unentschieden in Rostock ist auch nicht Nichts.

Zunächst schien es, als ob Rostock an die erste Halbzeit gegen Münster anknüpfen wollte, doch als diese ersten zehn Minuten hanseatischen Sturm und Drangs überstanden waren, passierte bis zu Brandstetters Tor nicht viel. Rot-Weiß verteidigte geschickt, das heißt kompakt und vermied zudem größere Risiken in der Vorwärtsbewegung. Gegen eine solcherart agierende Erfurter Mannschaft fiel Hansa wenig ein. Die Zuschauer sahen ein schwaches Drittligaspiel, das seinen fußballerischen Höhepunkt in der 78. Minute hatte, als der eingewechselte Brandstetter eine glänzende Kombination über Möhwald und Wiegel zur Erfurter Führung einköpfte.

In der Logik dieses chancenarmen Spiels hätte es gelegen, dass dieser einsame fußballerische Gipfel für einen Dreier genügt. Leider stand dem die zwingendere Logik einer obskuren Erfurter Fußballtradition entgegen: Unaufmerksamkeit nach eigenen Toren. Bereits nach dem direkten Wiederanstoß schlief Judt den berühmt-berüchtigten Juri-Schlaf. Leider kennt man diese Konzentrationsschwächen von ihm zur Genüge, hauptverantwortlich dafür, dass seine bisherige Karriere weit unter seinen fußballerischen Fähigkeiten verläuft. Das ging zunächst noch einmal gut, er wurde – Fußball ist oft ein ironischer Sport – von Kleineheismann zusammengefaltet. Ein paar Minuten später traf unser Innenverteidiger ins eigene Netz. Es gibt Eigentore, bei denen man dem Verursacher nicht wirklich einen Vorwurf machen kann. Der Ausgleich gestern zählt nicht dazu.

Wiewohl Kleineheismann natürlich wieder mal nur am Ende einer Fehlerkette stand. Los geht es eigentlich schon bei Tyrala, der bei der Hereingabe von der rechten Rostocker Seite viel zu weit wegsteht von seinem Gegenspieler; dann gewinnt Judt einen Zweikampf, aber Möckel kann den Ball nicht klären und am Ende kickt eben Kleineheismann eine eigentlich harmlose Hereingabe ins eigene Tor. Manchmal denke ich: Sic transit gloria mundi (so vergeht der Ruhm der Welt) ist das eigentliche Motto des Erfurter Fußballs. Natürlich ist das Unentschieden gerecht, schon allein, weil eigentlich keiner der beiden Mannschaften gestern drei Punkte verdient gehabt hätte. Aber seien wir ehrlich, gestern hätten wir gut mit dieser im universalen Maßstab vergleichsweise kleinen Gerechtigkeitslücke leben können.

Gesicherte Angaben zum Spielsystem liegen Stand jetzt noch nicht vor. Wieder mal herausragend verwirrend die Grafik des mdr-Spielberichtes, mit einer taktischen Formation, die man in Leipzig vermutlich vom kleinen Bruder des Praktikanten hat zusammenwürfeln lassen. Wenn man schon keine Ahnung hat, steht einem ja offen, das Spielsystem bei den Verantwortlichen zu erfragen – man nennt es Journalismus.

Nach allen was mir an Informationen und Bildern vorliegt, würde ich mal mit einiger Sicherheit von einem 4-1-4-1 ausgehen. Mit Menz auf der zentralen defensiven Position im Mittelfeld, davor die beiden Achter Tyrala und Möhwald, Bukva und Eichmeier auf den beiden Außenpositionen und Falk als einziger Spitze. Werden wir – je nachdem wie Kogler den Fitnesszustand von Brandstetter einschätzt – möglicherweise am Dienstag gegen den VfB noch einmal zu sehen bekommen. Wie es in dieser Systemfrage (ein oder zwei Mittelstürmer) weitergeht, wird interessant zu verfolgen sein. Ich habe da keine besondere Präferenz, für mich ist es wichtiger, dass die Passgenauigkeit und die darauf aufbauende Variabilität des Offensivspiels peu à peu besser wird.

Letzten Samstag hat nicht viel zu einem Punkt gefehlt, gestern trennten uns nur drei Minuten vom ersten Sieg. Die Hoffnung auf drei Punkte am Dienstag ist also nicht völlig abwegig. Das wird schwer genug gegen die bereits jetzt unter Druck stehenden Talente des VfB Stuttgart. Gelingt es, kann man aber mit einiger Berechtigung von einem halbwegs gelungenen Start in die neue Saison sprechen. Von einem, auf dem sich aufbauen lässt.

Last but not least bleibt zu hoffen, dass sich unser Kapitän nicht so schwer verletzt hat, wie es die ersten Bilder und Nachrichten vermuten ließen. Gute Besserung, André Laurito!