Archiv für Fedor Freytag

DDR-Olympiasieg im Fußball 1976: Der vergessene Triumph

1976. Welch ein Jahr! Mao starb, das Politbüro der SED feuerte Wolf Biermann und in einem kalifornischen Kaff namens Los Altos gründeten drei Nerds eine Garagenfirma mit dem kapriziösen Namen Apple. Sollte alles noch seine Bedeutung haben. Vorerst eher weniger. Mein Soundtrack des Jahres: „Bohemian Rhapsody“. Immer wenn Freddie Mercury sang, war ich von mir selbst ergriffen: I’m just a poor boy and nobody loves me. Mit anderen Worten: Ich pubertierte, dass es nur so krachte. An einem Abend Ende Juni verwies mich Vater – meiner notorischen Streitsucht wegen – der heimischen Stube. Was mir gleichgültig gewesen wäre, wenn nicht gerade auf dem einzigen Fernseher die 2. Halbzeit des EM-Halbfinals zwischen Deutschland und Jugoslawien begonnen hätte. Und nein, Livestreams waren vorerst keine Alternative. So verpasste ich Dieter Müllers sensationellen Hattrick, der den nicht mehr für möglich gehaltenen Finaleinzug bedeutete. Jedoch auf tragische Weise sinnlos blieb, weil sich Ulrich Hoeneß im Finale gegen die Tschechoslowakei den Fehlschuss des Jahrhunderts leistete. Zumindest was den deutschen Fußball anbelangt. Apropos Jahrhundert. 1976 war – laut Wikipedia – einer von dreizehn (sic!) Jahrhundertsommern dieses Säkulums. 

Nun waren Große Ferien. Die Olympischen Spiele in Montreal dominierten Bildschirme und Schlagzeilen beiderseits des Eisernen Vorhangs. Meine Eltern waren sicher nicht böse, ihren nervenden Mini-Che-Guevara für einige Wochen los zu sein. Den größten Teil der Ferien verbrachte ich bei Großmutter. Die schlau genug war, mich mit Hingabe zu verwöhnen, ansonsten aber in Ruhe zu lassen. Ausschlafen, ins Schwimmbad gehen, bis in die Morgenstunden Olympia gucken. Jugend, unbeschwert, Ausgabe Ost. 

Der letzte Wettkampftag der Spiele begann mit einem der spektakulärsten Erfolge der DDR-Sportgeschichte. Ein Typ mit dem kuriosen Namen Waldemar Cierpinski lief – zur Überraschung aller – als Führender auf die Tartanbahn des Olympiastadions und gewann souverän den Marathonlauf. Der Höhepunkt des Tages – jedenfalls für mich – stand erst um 21.30 Uhr Montrealer Zeit an: das Finale des Fußballturniers. DDR gegen Polen. Also saß ich halb vier Uhr nachts erneut vor Omas Fernsehgerät. Ein Schwarzweiß-Röhrenmonster, Typ Stella, zusammengelötet im VEB Fernsehgeräte Staßfurt. In der Nachbarschaft war alles dunkel. Ich fühlte mich elitär.

Bei olympischen Fußballturnieren durften nur Amateure antreten. Deshalb galten – und gelten – diese Spiele nicht als offizielle Länderspiele der FIFA, sondern als Vergleiche von Olympiamannschaften. Der DFB ignoriert diese Sichtweise bis heute, indem er manche Spiele der DDR-Olympiamannschaft als Länderspiele wertet. Dem kann eine gewisse Berechtigung kaum abgesprochen werden. Zwar traten alle Teams der westlichen Länder ohne Profis und mithin ohne ihre besten Spieler an. Die Länder des Ostblocks durften jedoch ihre Elite-Mannschaften aufbieten[i], weil deren Spieler nominell als Amateure galten. Eine abenteuerliche Sichtweise. Leistungssportler im Osten waren Vollprofis und wurden vom Staat bezahlt. Allerdings wurde dies stets dementiert und bis ins geringste Detail raffiniert camoufliert. Fußballer in der DDR erhielten Scheinverträge von Betrieben oder staatlichen Institutionen, in die sie nur einen Fuß setzten, wenn sie ihre Gehaltsschecks abholten oder mit den „Kollegen“ einen saufen gingen. Im Resultat führte diese Regelung des IOC dazu, dass die westlichen Länder bei olympischen Fußballturnieren chancenlos blieben. Bei allen Sommerspielen zwischen 1952 und 1988, an denen sie teilnahmen, errangen Mannschaften aus dem Ostblock den Titel. Wenn man so will, handelte es sich um eine Mini-WM des Warschauer Pakts. FIFA und UEFA betrieben diese Entwertung des Olympiaturniers engagiert im Hintergrund. Sie wollten den Glanz ihrer Premiumprodukte – WM und EM – bewahren. Das ist noch heute so.

Wenn im öffentlichen Bewusstsein von diesem Turnier etwas haften blieb, dann dieses Endspiel. Oder vielmehr der Umstand, dass die DDR es gewann. Gegen die gleichen Polen, die zwei Jahre zuvor im Halbfinale der WM (ich nenne es hier mal so, obwohl es nur das entscheidende Gruppenspiel war) den späteren Weltmeister Deutschland an den Rand einer Niederlage brachten und WM-Dritter wurden. Die beste polnische Mannschaft aller Zeiten, Olympiasieger 1972, der Titelverteidiger. Sie traten mit ihrer stärksten Mannschaft an, nur ihr brillanter Libero Jerzy Gorgon verletzte sich beim Warmlaufen. Trotzdem rechnete ich mir einiges aus, denn die Mannschaft von Trainer Georg Buschner hatte sich im Laufe des Turniers gesteigert. Im ersten Spiel kamen die vom Jetlag geschwächten DDR-Kicker gegen die brasilianische Auswahl über ein torloses Remis nicht hinaus. Daraufhin wurden sie vom Präsidenten des Deutschen Turn- und Sportbundes (DTSB), Manfred Ewald, mit einer Wutrede traktiert. Napola[ii]-Zögling Ewald, jahrzehntelang der mächtigste Funktionär des DDR-Sports, war kein Freund des Fußballs. Zu viel Aufwand für zu wenig Erfolg. Die DDR gewann – und erdopte – bei diesen Spielen unglaubliche 90 Medaillen – davon 40 goldene. Selbst im günstigsten Fall konnten die Fußballer nur einen marginalen Beitrag leisten. 18 Mann und eine mögliche Medaille –  das war dem Effizienzdenken des sich im Goldrausch befindlichen NOK-Chefs zuwider. Das schwache Spiel gegen die Brasilianer (diesem Fußball-Entwicklungsland, wie Ewald wusste) bot einen willkommenen Anlass zur Triebabfuhr. Buschners Jungs ertrugen es gelassen. Sie kannten die Animositäten Ewalds und ließen die Tirade über sich ergehen, gewannen das nächste Gruppenspiel gegen Spanien und siegten im Viertelfinale gegen die Franzosen (für die der junge Platini auflief) 4:0. 

Das Minimalziel war erreicht. Mehr zu erwarten wäre vermessen gewesen. Jetzt wartete im Halbfinale die Sowjetunion. Neben den Polen der andere Turnierfavorit. Die UdSSR verstand sich darauf, die Vielvölkerigkeit ihres Reiches effektiv zu verwerten. Zumindest im Sport. Ihre Olympiamannschaft entsprach dem sowjetischen Nationalteam und das setzte sich überwiegend aus Spielern des ukrainischen Vereins Dynamo Kiew zusammen. Dynamo Kiew, dieser legendäre Fußballgolem, erlebte Mitte der siebziger Jahre seine erste internationale Blüte. 1975 gewannen die Ukrainer den UEFA-Pokal und schlugen Bayern München im Finale des Supercups. Den Bayern gelang in den zwei Finalspielen kein Tor (0:1, 0:2). Dass sie erfolgreich spielten, erklärt jedoch nur einen Teil des Dynamo-Kiew-Mythos. Der andere, heute wesentlichere, lag in der Art und Weise wie diese Mannschaft Fußball spielte. In vielem glich das System, dass der Trainer und Fußballkybernetiker Walerij Lobanowskyj spielen ließ, dem Totaalvoetbal[iii], als dessen Erfinder gemeinhin die Herren Rinus Michels und Johan Cruyff gelten. Wer sich da von wem was und ob überhaupt abgeschaut hat, darüber streiten Taktikfreaks bis heute. Von all dem wusste ich damals nichts. Demutsvoll, überrascht und erfreut nahm ich den verdienten 2:1-Erfolg der DDR im Halbfinale zur Kenntnis. 

So kam es, dass gegen 03:40 MEZ der uruguayische Schiedsrichter Barreto die Nationalmannschaften Polens und der DDR zum Fußballfinale aufs durchweichte Geläuf des Montrealer Olympiastadions führte. Die Platzverhältnisse waren schwierig, irregulär waren sie nicht. Im Gegensatz zur Frankfurter Wasserschlacht zwischen Polen und der Bundesrepublik bei der WM zwei Jahre zuvor rollte der Ball, ohne von quadratmetergroßen Binnenseen jäh gestoppt zu werden.  Die DDR startete furios mit einer Art Überrumpelungstaktik. Nach 14 Minuten stand es 2:0. Vor allem Schade und Häfner erkämpften, erliefen und erspielten im Mittelfeld die Hoheit über das Geschehen. Dem hatten die Polen über weite Strecken der ersten Hälfte nichts entgegenzusetzen. Ihre langen Bälle auf die Spitzen Lato und Szarmach wurden leichte Beute der aufmerksamen Verteidigung um Libero Hans-Jürgen „Dixie“ Dörner, der sich zudem um den initialen Spielaufbau bemühte. Mittelstürmer Riediger und Rechtsaußen Wolfram Löwe ließen sich wechselweise ins Mittelfeld fallen, wo sie für die Duracellhasen und Ballverteiler Schade und Häfner einfach anzuspielen waren. Diese wiederum schalteten sich auf der ganzen Breite des Platzes ins Angriffsspiel ein, was zu Überzahlsituationen auf den Flügeln und im Zentrum führte. Logische Folge: Hartmut Schade schoss das erste Tor, Reinhard Häfner bereitete das zweite mit einem unwiderstehlichen Sololauf über den halben Platz vor. Es sollte nicht seine letzte großartige Aktion an diesem Montrealer Abend bleiben.

Abschweifung zu Reinhard Häfner: Neben Peter Ducke ist er für mich der beste Fußballer, den die DDR hervorbrachte und der seine Karriere überwiegend (oder ausschließlich) dort bestritt. Wären die Zeiten andere gewesen, er hätte in jeder Mannschaft der Welt spielen können. Sieht man sich seine Spielweise an – gerade auch in diesem Finale – so ist er ein Prototyp dessen, was heute als moderner Sechser gilt. Defensiv wie offensiv gleich gut, laufstark, körperlich robust und extrem passsicher. Zudem war er ein eleganter Stilist, ein seltenes Attribut für zentrale Mittelfeldspieler. Als einziges Manko galt, dass er zu wenige Tore schoss.

Erzielt hatte das zweite Tor der große Unvollendete[iv] des DDR-Fußballs, der Magdeburger Linksaußen Martin Hoffmann. Häfners Vorlage vollendete er direkt mit einem lehrbuchmäßigen Außenristschuss, unhaltbar für Jan Tomaszewski. Das polnische Torhüteridol ließ sich in der 19. Minute auswechseln. Es darf spekuliert werden, ob tatsächlich die offizielle Begründung „Übelkeit“ ursächlich war, oder ob er nur vermeiden wollte, im Zentrum einer sich anbahnenden fußballerischen Katastrophe zu stehen. Denn zunächst änderte sich wenig. Die Polen hatten nun zwar größere Spielanteile, was sie nicht hatten waren: Torchancen. Dafür vergaben Riediger und Löwe zwei hundertprozentige Gelegenheiten. Die Statik des Spieles änderte sich erst gegen Ende der ersten Halbzeit. Kazimierz Deyna – the magic men – entzog sich zunehmend der von Buschner verordneten Manndeckung durch den Berliner Reinhard „Mäcki“ Lauck. Es schien, als ob der enorme Laufaufwand der DDR-Mannschaft frühzeitig Wirkung zeigte. Indizien dafür: Kmiecik und Deyna boten sich gute Möglichkeiten; seine Kontergelegenheiten spielte das DDR-Team nur noch mangelhaft aus. 

Dann war Halbzeit.

Ich wusste: Hier war noch nichts entschieden. Wie glänzend die Polen Fußball zu spielen verstanden, war mir seit der WM 1974 klar. Wären sie in Deutschland Weltmeister geworden, niemand hätte von Glück zu sprechen gewagt. Bange und hellwach zitterte ich – in the heat of the night – der zweiten Hälfte entgegen.

Das Zittern hätte ich mir sparen können. Wenn, ja wenn, Wolfram Löwe Sekunden nach Wiederanpfiff die mit Abstand größte Chance des Spiels genutzt hätte. Eigentlich machte er alles richtig, Verteidiger und Torwart waren ausgespielt, ich hatte den Torschrei bereits auf den adoleszenten Lippen, als ein heranschlitternder polnischer Abwehrspieler den Ball noch von der Linie schubste. Das wäre die Entscheidung gewesen. Ein Jammer, denn nun nahm das Spiel den erwartbaren Verlauf. Die Polen drückten. Angetrieben vom unermüdlichen Henryk Kasperczak rollte Angriff auf Angriff in Richtung Croys Tor. Den focht das nicht an. Der Zwickauer Stoiker bestritt in diesem Finale eines von sehr, sehr vielen tadellosen Spielen seiner Karriere. Buschners Mannschaft hielt mit allem was sie hatte dagegen. Fußballerisch wie kämpferisch. Der befürchtete konditionelle Kollaps fand nicht statt. Die Chancen der Polen wurden trotzdem hochwertiger. Powerplayska. Großchance Kmiecik, Croy währt zur Ecke ab. Deyna flankt den Ball nach innen, Grzegorz Lato – ungedeckt, am  kurzen Pfosten hochsteigend – köpfte zum Anschlusstreffer ins Tor. Ich sank in den großelterlichen Sessel, fluchte und erbat zugleich den Beistand höherer Mächte. Nicht sehr durchdacht von mir, zugegeben. Es blieb auch ungehört, die Polen drehten weiter auf und in der 65. Minute gab es einen dieser großartigen, magischen Fußballmomente. Die nur genießen kann, wer diesen Sport so respektiert, dass er die Könnerschaft des Gegners als solche akzeptiert. Deyna spielte  – in der Vorwärtsbewegung – mit einem Hackenpass Szarmach hoch(!) an, der den Ball via Seitfallzieher aufs Tor katapultierte. Ein ästhetisches Meisterwerk – Sixtinische Kapelle nichts dagegen -, das einen schlechteren Torwart als Jürgen Croy verdient gehabt hätte. Der parierte mit einem sensationellen Reflex zur Ecke. Von der dieses Mal keine weitere Gefahr ausging.

Abschweifung zu Kazimierz Deyna: Die Polen wählten ihn zum Fußballer des Jahrhunderts. Für den Kicker war er 1974 der Weltfußballer des Jahres. Eine bemerkenswerte Entscheidung des deutschen Fußballmagazins, nach einer WM im eigenen Lande bei der man den Titel errang und angesichts des Superstars Franz Beckenbauer. Heute ist Deynas Name nur noch wenigen ein Begriff. Was wohl in erster Linie dem Umstand geschuldet ist, dass er seine besten Jahre als Fußballer bei Legia Warschau verbrachte und nicht in Barcelona, München oder Mailand. Die Rekordsummen gezahlt hätten, um ihn zu verpflichten. Kazimierz Deyna war keinen Jota schlechter als Johan Cruyff. Er war begnadet. Ein offensiver Spielmacher, dessen Spielweise noch heute ungemein dynamisch wirkt. Eben nicht so elegisch wie die von Netzer, Overath oder Rivelino, ohne diesen an technischer Raffinesse nachzustehen. Er starb 1989 bei einem Verkehrsunfall in den USA. Seine Rückennummer 10 wird bei Legia Warschau nicht mehr vergeben.

Draußen war es Tag geworden. Die letzten 10 Minuten des Spiels begannen. Den Polen gelang nicht mehr viel. Sie waren platt. Auch Katholiken sind schließlich nur Menschen. Andererseits stand da eine Mannschaft auf dem Platz, die aus dem Nichts ein Tor erzielen konnte. Zur Entspannung bestand kein Anlass. Aber ich musste nicht bis zum Schlusspfiff zittern. Hartmut Schade lief in ein schlampiges Zuspiel der polnischen Abwehr, passte auf Häfner, der plötzlich nur noch den Keeper vor sich hatte, in den Strafraum eindrang und aus 12 Metern den Ball an Mowlik vorbei ins Tor schob. Abgebrüht und kalt wie eine Tasse Mitropa-Kaffee. In den verbleibenden Minuten passierte nichts Erwähnenswertes. Die Schlacht war geschlagen. Barreto pfiff ab. Platzsturm der DDR-Equipe, die ihren Sieg euphorisch feierte, dabei aber die olympische Contenance wahrte. Manfred Ewald befand sich nicht im Stadion. 

Es war der erste Titel einer DDR-Fußballnationalmannschaft und es wird für alle Zeit der einzige bleiben. Der Nachruhm für die Beteiligten hielt und hält sich in engen Grenzen. Da ist ungerecht. Dieser Olympiasieg wurde gegen erstklassige sportliche Konkurrenz[v] errungen, erkämpft und erspielt. Von einer großartigen Mannschaft, die technisch wie taktisch auf der Höhe ihrer Zeit und ihres Metiers agierte.

Inzwischen war es 5.45 Uhr. (Nein, es gibt hier jetzt keinen geschmacklosen historischen Kalauer.) Großmutter, eine notorische Frühaufsteherin, blickte mich ungläubig an, war aber zufrieden einen glücklichen, wenn auch übermüdeten Enkel vor sich zu haben und schickte mich zu Bett. Vor dem Einschlafen dachte ich bestimmt daran, dass die Hälfte der Ferien bereits vorüber war und womöglich, spürte ich diese leichte Leere, die sich bei mir bis heute nach großen Sportereignissen einstellt.

Endspiel Olympisches Fußballturnier 1976 

31. Juli , 21.30 Ortszeit

Olympiastadion, Montreal

71,617 Zuschauer

Schiedsrichter

Ramón Barreto ( Uruguay)

Tore

1:0 Schade (7.), 2:0 Hoffmann (14.), 2:1 Lato (59.), 3:1 Häfner (84.)

DDR

Jürgen Croy – Hans-Jürgen Dörner – Lothar Kurbjuweit , Konrad Weise, Gerd Kische, – Reinhard Häfner, Reinhard Lauck, Hartmut Schade – Wolfram Löwe (68. Wilfried Gröbner), Hans-Jürgen Riediger (86. Bernd Bransch), Martin Hoffmann

Trainer: Georg Buschner

Polen

Jan Tomaszewski (19. Piotr Mowlik) – Henryk Wieczorek – Antoni Szymanowski, Władysław Żmuda, Henryk Wawrowski – Zygmunt Maszczyk, Kazimierz Deyna, Henryk Kasperczak – Grzegorz Lato, Andrzej Szarmach, Kazimierz Kmiecik

Trainer: Kazimierz Górski


[i] Diese Spiele der DDR gegen andere Ostblockmannschaften zählt der DFB in seinen Statistiken zu den Länderspielen.

[ii] Nationalpolitische Lehranstalt – Eliteschulen der Nazis zur Heranbildung des nationalsozialistischen Führungsnachwuchses

[iii] Totaalvoetbal – Alles, was den heutigen Fußball ausmacht, findet man unter diesem Begriff versammelt: Raumdeckung, Raumverengung, Dominanz im Umkehrspiel, Ballbesitzfußball. Es ist unstrittig, dass Michels und Cruyff diese Spielweise Ajax Amsterdam, dem FC Barcelona und – mit Verzögerung – dem Weltfußball, als eine Art fußballerischer Magna Charta hinterlassen haben. Ebenso unstrittig ist, dass Dynamo Kiew – unter Walerij Lobanowskyj – einen sehr wesensgleichen Fußball spielte. 

[iv]  Martin Hoffmann war ein großartiges Talent und zum Zeitpunkt des Endspiels erst 21 Jahre alt. Leider wurde seine aktive Laufbahn immer wieder von schweren Verletzungen beeinträchtigt. Er bestritt 1981 gegen Kuba sein letztes Länderspiel.

[v] Schon die Qualifikation für das Turnier hielt mit der CSSR einen dicken Brocken parat. In zwei umkämpften Spielen trennte man sich jeweils Unentschieden, so dass am Ende das bessere Torverhältnis in der Qualifikationsgruppe für die DDR den Ausschlag gab. Die CSSR konnte sich völlig auf die im Juni stattfindende Europameisterschaft konzentrieren und tat das mit großem Erfolg: Sie wurde Europameister. Durch ein 5:3 (nach Elfmeterschießen) im Finale gegen die Bundesrepublik. Ihr wisst schon: Uli, Belgrad, Elfmeter, Abendhimmel.

FROHE WEIHNACHTEN & A HAPPY NEW YEAR

Ich wünsche allen Lesern dieses Blogs ein friedliches, gesegnetes und möglichst stressfreies Weihnachstfest sowie einen schwungvollen Start ins neue Jahr.

Bleibt mir gewogen.

Fedor Freytag

Heidenheim – RWE 0:1 / Sieg statt Albtraum

Mein Herz blieb stehen. In der 79. Minute hakte der RWE-Ticker. Für eine Weile stand da nur:

Eine Flanke von rechts ist eigentlich ungefährlich

Daraufhin ein atheistisches Stoßgebet: Bitte, lieber Fußballgott, mach‘ das der Ball vorbei geht! Nach einer gefühlten Ewigkeit die Entwarnung: … Rauw allerdings klärt zu überhastet direkt vor die Füße von Weil, dessen Schuss Sponsel gerade so parieren kann. 10 Minuten und es geht weiter mit Eckball für RWE auf der anderen Seite.

Danke, lieber Fußballgott.

Es blieb die einzige Anrufung höherer Mächte an diesem Nachmittag. Allzu viele prekäre Situationen mussten nicht mehr überstanden und der zweite Auswärtssieg in Folge für den RWE konnte bejubelt werden. Dabei war es sicher nicht von Nachteil, dass die Heidenheimer unter der Woche 120 Minuten im Pokal gefordert waren, um dann im Elfmeterschießen doch noch an der Gladbacher Borussia zu scheitern. Die Spannung hätte es ohnehin nicht gebraucht, denn vor allem in der ersten Halbzeit besaß der RWE ausreichend Chancen, um auf der Ostalb frühzeitig alles klar zu machen.

Ich war sehr angetan, dass Emmerling – mit Sebastian Hauck – dieses Mal von Anfang an auf einen jungen Spieler im Sturm setzte, auch wenn das sicherlich in erster Linie darauf zurückzuführen war, dass Manno und Reichwein nicht spielen konnten bzw. gesperrt waren und er sein 4-4-2 nicht aufgeben wollte. Hauck machte seine Sache prima, sehr viel mehr kann von einem Nachwuchsspieler nicht verlangen, der sein Debüt in der Startformation gibt. Ansonsten muss man wohl niemanden besonders hervor heben, es war eine solide Mannschaftsleistung des RWE, das reichte um die Heidenheimer Euphorie – zumindest vorerst – einzubremsen. Entgegen meiner Erwartung spielte Rauw (erneut auf der rechten Abwehrseite und erneut nicht überzeugend). Offenbar traut Emmerling den Alternativen (z.B. Ofosu-Ayeh) nicht wirklich mehr zu.

Ein Sieg also, mit dem nach der überschaubaren Leistung gegen Preußen Münster nicht unbedingt gerechnet werden konnte. Trotzdem würde ich nicht von einer Wundertüte RWE sprechen. Dazu müßten die Leistungen über Wochen krass schwanken. Das tun sie aber nicht.

Was schwankt ist die Ausbeute, die Ergebnisse. Nur hier ist keine Konstanz zu verzeichnen. Mit diesem Problem steht der RWE aber nicht allein da, auch die Offenbacher Kickers (unser nächster Gegner) und etliche andere Vereine der Liga haben damit zu kämpfen. Ich prophezeie mal: das wird über weite Strecken der Saison so bleiben. Kein einziges Team der 3.Liga erreicht derzeit einen Schnitt von zwei Punkten pro Spiel. Nicht mal Sandhausen, die mit immerhin 5 Punkten in Front liegen. Umso enger wird es dann hinter dem Spitzenreiter. Ganze 6 Punkte trennen den Zweiten (Regensburg) von Platz vierzehn (Chemnitz). Das läßt nur einen Schluß zu: Die Mannschaften agieren auf einem sehr ähnlichen Leistungsniveau. Dementsprechend sind viele Spiele sehr eng und bis zum Abpfiff umkämpft. Faktoren wie Schiedsrichterentscheidungen, individuelle Fehler und Zufälligkeiten spielen eine dominantere Rolle als in Ligen, in denen die Leistungsunterschiede größer sind. Solche kaum beeinflussbaren Faktoren sorgen wiederum dafür, dass lange Siegesserien vermutlich ausbleiben werden. Auch wenn ich im Fall des RWE nichts dagegen einzuwenden hätte.

Randnotiz I: Selbst für den mdr war das (Spielbericht Jena-Aalen, ab 08:30 min) eine bemerkenswerte sportjournalistische Entgleisung. Der erste Elfmeter für Jena ist offenkundig eine Fehlentscheidung. Der Aalener bekommt den abgewehrten Ball eines Mitspielers aus ca. einem Meter an die Hand. Es ist ein Rätsel, wie der Schiedsrichter hier auf absichtliches Handspiel entscheiden konnte. Aber gut, shit happens, er hat keine Wiederholung zur Verfügung. Unfassbar hingegen ist, dass der mdr-Reporter so tut, als habe er von dem Unterschied zwischen absichtlichem und unabsichtlichem Handspiel noch nie etwas gehört. Vielleicht hat er ja auch nicht. In jedem Fall ein weiteres Armutszeugnis des Senders: entweder einseitig berichtet oder völlig ahnungslos. Ich vermute: beides.

Randnotiz II: Nicht ganz so dramatisch stellt sich mir die sportliche Kompetenz bei der Thüringer Allgemeinen dar. Trotzdem bin ich auf die nächste RWE-Kolumne von Marco Alles gespannt. Der hatte ja – vor drei Wochen – den Abstiegskampf ausgerufen. Nicht nur für den FCC, sondern auch für den RWE. Das erschien mir sehr voreilig. Unduldsamkeit ist keine journalistische Tugend und zwischen einer Ergebnis- versus einer Leistungskrise wusste die TA schon mal besser zu unterscheiden.

In Jena schossen Villen Tore


Segen für Jena, Fluch für den RWE : Georg Buschner

Die Dissertation von Dr. Michael Kummer zum Thema „Die Fußballclubs Rot-Weiß Erfurt und Carl Zeiss Jena und ihre Vorgänger in der DDR“ umfasst beachtliche 500 Seiten. Ungefähr die Hälfte davon habe ich seit gestern, ja, regelrecht verschlungen. Insofern das bei einer PDF-Datei möglich ist.

Ich kann nur hoffen, dass Dr. Kummer für seine Arbeit eine sehr gute Note bekommen hat, von mir hätte er jedenfalls ein „summa cum laude“ erhalten, das steht jetzt schon fest. Für jeden an Fußballhistorie interessierten Anhänger beider Vereine (aber auch des DDR-Fußballs im Allgemeinen) liegt hier ein Dokument vor, dass im Detail äußerst aufschlussreiche Einblicke in die Binnenverhältnisse der Klubs liefert. Auch aus Rücksicht darauf, dass Dr. Kummer diese Dissertation noch als Basis für ein Buch (soll Herbst 2012 erscheinen) nutzen will, möchte ich hier nicht alles verraten, aber ein paar Überlegungen seien mir – in diesem rein privaten Blog – gestattet:

Die historischen Voraussetzungen beider Vereine waren in etwa gleich. In Erfurt und Jena gab es eine Vielzahl von Fußballclubs, von denen mindestens einer immer eine herausragende Rolle in der jeweiligen Gauliga spielte und diese teilweise für Jahre beherrschte. Diese Zeitspanne umfasst die Jahre von der Jahrhundertwende bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Bereits damals spielten die Zeiss-Werke in Jena eine wichtige Rolle als Sponsor des Fußballs. Nach dem Krieg sollte diese Bedeutung anwachsen.

Und genau an diesem Punkt lag das Erfurter Problem: Kummer arbeitet akribisch heraus, dass die Benennung des Reparaturwerkes Clara Zetkin als Trägerbetrieb des Erfurter Staats-Profifußballs (und um nichts anderes handelte es sich) ein großer Fehler war. Denn dieser Betrieb war, mit seinen knapp 2000 Beschäftigten, schlichtweg zu klein, also wirtschaftlich nicht potent genug, um den Verein attraktiv für gute Spieler zu machen. Es mangelte an allem: an Wohnungen, vernünftigen Trainingsmöglichkeiten und an beruflichen Perspektiven für die Spieler und ihre Angehörigen. Das änderte sich erst 1966, mit der Gründung des FC Rot-Weiß Erfurt, als die Optima (früher: Olympia-Werke) Trägerbetrieb des Klubs wurde. Allerdings zu spät und wohl auch nicht entschlossen genug.

Ganz anders in Jena. Hier übernahm 1958 ein Mann das Traineramt, den man (gerade nach der Lektüre der vorliegenden Doktorarbeit) als einen der interessantesten Protagonisten des DDR-Fußball begreifen muss. Und das ist keineswegs nur positiv gemeint. Für Jena jedoch war Georg Buschner ein Segen. Seine Trainingsmethodik war revolutionär, er arbeite quasi symbiotisch mit einem in Jena sitzenden sportwissenschaftlichen Institut zusammen, dessen Erkenntnisse unentwegt in die Trainingspläne eingearbeitet wurden. Schon am Anfang wechselten einige Erfurter Spieler (z.B. Erwin Seifert) nach Jena und erlebten nicht nur einen Kulturschock, das wäre zu verkraften gewesen, sondern waren geradezu entsetzt über das harte Training (bis zu dreimal am Tag, erbrechen nach dem Waldlauf inklusive). Dagegen empfanden sie das Training in ihrem alten Verein als regelrechtes Freizeitvergnügen. Doch das harte (heute weiß man: teilweise überzogene) Training war nur ein Grund des Jenaer Erfolgs. Der andere, mindestens genauso wichtige, war die unglaublich aggressive Abwerbung guter Spieler aus anderen Clubs.

Auch dahinter steckte Georg Buschner, dem allerdings bereitwilligst alle notwendigen Ressourcen des Zeiss-Werke zur Verfügung standen. Von Handgeldern bis zu 50.000 Mark ist hier die Rede. Aber Geld, wenn vielleicht auch nicht soviel, wurde überall reichlich bezahlt. Was daneben noch eine große Rolle spielte, war die Tatsache, dass sich viele Spieler – quasi auf einem speziellen Jenaer Bildungsweg – und teilweise ohne Abitur, en passant zum Diplom-Sportlehrer ausbilden lassen konnten. Das war einmalig und gleichzeitig sehr attraktiv. Gute Arbeitsstellen für die Ehefrauen, manchmal auch für die Eltern, hatte Zeiss ohnehin im Angebot.

Auf dem Gipfel, im Wortsinn, warteten die Villen. Sehr verdienten Spieler der Jenaer Mannschaft wurde aus dem Vermögen der Zeiss-Stiftung Villen in attraktivster Jenaer Lage zum Kauf angeboten. Wechselwilligen Spielern, von denen man sich überragendes versprach, wurde solche Häuser in Aussicht gestellt. So auch Lutz Lindemann, der in einem klapprigen Trabant aus Erfurt herüber kam. Zitat aus der Arbeit von Dr. Kummer: „Er hat uns hingestellt, uns kleine Leute, die aus einer Neubauwohnung kamen. Und dann hat er gesagt: ‚Wenn du fleißig spielst, wird dir in Kürze so ein Haus gehören.‘ Du hast dich geschüttelt und gesagt: ‚Okay – machen wir alles.‘ “

Er war Paul Dern, Ko-Trainer und Vertrauter Buschners. Das war noch ein, keineswegs unwichtiges, Element der Jenaer Abwerbestrategie: Entweder Dern, oft auch der Meister persönlich, umsorgten die Spieler, die sie verpflichten wollten. Das machte Eindruck und vermittelte Sicherheit, denn ein Vereinswechsel (oder auch nur die bekannt gewordene Absicht) war – auch in der DDR – mit nicht zu unterschätzenden Risiken verbunden.

So baute Buschner seine Meistermannschaften, so kam es, dass Jena und eben nicht Erfurt zu einem der Leistungszentren des ostdeutschen Fußballs wurde. Doch Jena, vor allem aber Buschner, übertrieb es. 1976 wurde Rüdiger Schnuphase nach Jena delegiert, 1977 folgte ihm Lutz Lindemann. Damals war Buschner zwar bereits Nationaltrainer, übte jedoch noch immer großen Einfluss auf die Jenaer Geschicke aus (über Vertraute wie Dern und seine Macht im Verband). Er entschied quasi im Alleingang den Transfer der beiden Erfurter Hoffnungsträger an die Kernberge. Das besiegelte endgültig die tiefe Abneigung der Erfurter Fußballanhänger gegen den Rivalen im Osten, die bis heute ungemindert fortbesteht.

RWE – Preußen Münster 1:1

Interessante Choreografie im Fanblock

Diese kleine asoziale Sau in mir, hätte Bernd Rauw nach zehn Minuten vom Feld geholt. Aber heutzutage heißen Trainer ja nicht von ungefähr Fußball-Lehrer. Emmerling ließ sich damit 69 Minuten mehr Zeit, wohl auch, weil sich die Leistung des Belgiers in der zweiten Halbzeit – auf niedrigem Niveau – stabilisierte. Schwer verständlich, dass die Abstimmung auf der rechten Abwehrseite des RWE in der ersten Halbzeit so desolat war. Schließlich hatte man in dieser Konstellation bereits letzte Woche in Saarbrücken gespielt und sicher auch unter der Woche daran gearbeitet. Rauw wollte zuviel. Er schaltete sich ständig in die Angriffe ein, ohne an diesem Tag die spielerische Sicherheit zu haben, die dafür notwendig gewesen wäre. Was bei den Kontern zu großen Lücken führte, die von den Innenverteidigern zugelaufen werden mussten. Das gelang nicht immer und barg zudem das Risiko, in der Mitte in Unterzahl zu geraten. Nach dem Wechsel war die Abstimmung deutlich besser – die spielerische Leistung von Bernd Rauw jedoch nicht.

Seit dem Spiel gegen Wehen Wiesbaden hat sich der erfahrene Abwehrspieler eine Formkrise genommen: er spielt unsicher, wirkt körperlich nicht auf der Höhe und auch seine Stärken in der Offensive verkehren sich bei unnötigen Ballverlusten ins Gegenteil. Mit anderen Worten: Ofosu-Ayeh hätte sich mal ’ne Chance verdient, wegen mir auch Jovanovic, von dem man allerdings seit Wochen beängstigend wenig hört. Bernd Rauw wird sich berappeln, bis das soweit ist, sollte Emmerling über genügend Alternativen verfügen.

Der Fairneß halber soll hier nicht unerwähnt bleiben, dass die zahlreichen Chancen für die Preußen in der ersten Halbzeit mitnichten nur auf das Konto von Bernd Rauw gingen. Rudi Zedi, der wohl während der Woche nicht voll trainieren konnte, bot eine seiner schlechtesten Leistungen, seitdem er ins Steigerwaldstadion zurückgekehrt ist. Zudem ließ Morabit den optimistischen Worten von der Pressekonferenz, nicht wirklich die dazu passenden Aktionen folgen. Gefahr vorm Tor ging exklusiv von Marcel Reichwein aus. Drexler bereitete unser Tor vor, trotzdem vermisste man die gescheiten Pässe von Olivier Caillas bitterlich.

Sagen wir es, wie es ist: Das war ein mieses Heimspiel des RWE. Trotzdem ist es mir – um es milde zu formulieren – unverständlich, wenn ich dann schon wieder die großen Abgesänge auf Mannschaft und Trainer in den Foren lese (nicht von allen, aber von vielen). Himmelhochjauzend (letzte Woche) – zu Tode betrübt (diese Woche). Wir scheinen nicht nur technologisch in einer binären Welt zu leben. Man muss sich schon über eines im Klaren sein: als Anhänger des FC Rot-Weiß Erfurt sollte man besser kein Erfolgsfan sein. Große Glücksmomente sind rar und es können schon mal Jahrzehnte zwischen ihnen liegen. Das ist schon so, seit ich zu den Spielen des RWE gehe und da kommen ein paar Tage zusammen. Ich hätte nicht das Mindeste dagegen, wenn sich dies – besser heute als morgen – ändert. Allein, die Realitäten sind nicht danach – nicht mal 5.000 Zuschauer waren am Samstag im SWS. Wir verfügen über einen Etat, der in den letzten Jahren schwindsüchtig – aber, Rolf Rombach sei Dank, immerhin solide finanziert – ist. Die Mannschaft verliert quasi jedes Jahr wichtige Leistungsträger, weil sie bei anderen Vereinen deutlich mehr verdienen. Ein Aufstieg in die zweite Liga ist trotzdem möglich, käme aber – wie schon 2004 – einem kleinen Wunder gleich.

Zurück zum Spiel gegen die Preußen. Es gibt auch Lichtblicke zu vermelden: Beide Innenverteidiger boten eine mehr als solide Leistung, dasselbe muss man Danso Weidlich zubilligen. Sponsel blieb fehlerfrei, Ströhl spielte passabel. Ach ja, Pfingsten-Reddig nicht zu vergessen, der „Liebling“ des RWE-Forums. Wenn in der zweiten Halbzeit überhaupt noch etwas konstruktives nach vorn ging (und ja, es war wenig genug), dann war Nils Pfingsten-Reddig daran beteiligt. Außerdem ist Fußball eine dialektische Angelegenheit (mindestens so dialektisch wie die Choreografie des Fanblocks): Zedi erwischte einen schwachen Tag, das machte es seinem direkten Partner auf dieser Position (NPR) nicht eben einfach, gut auszusehen.

Emmerling wechselte spät. Da bin auch kein Fan von, sieht man mal von den rein taktischen Wechseln ab, die Zeit von der Uhr nehmen sollen. Ich gehe einfach davon aus, dass ein Spieler einige Minuten benötigt, um ins Spiel zu finden. Und wenn dann nur 6 Minuten verbleiben, wie im Fall von Ahrens am Samstag, rechne ich nicht wirklich damit, dass der Spieler noch etwas ausrichten kann. Aber! Heute hat Jupp Heynckes, nicht ganz neu im Geschäft wie man weiß, ebenfalls erst in der 84. bzw. 87. Minute die beiden Stürmer Olic und Petersen gebracht. Im Unterschied zu Stefan Emmerling lag Heynckes sogar zurück. In beiden Spielen hat es nichts bewirkt: weder Ahrens, noch Petersen oder Olic waren noch an einer nennenswerten Offensivaktion beteiligt. Was wiederum für die Sichtweise all derer spricht, die späte Wechsel für einen Akt der Verzweiflung halten.

Mohrens Kolumne – der Unfug hat Methode!

Unser Pressesprecher hat einen neuen „Einwurf“ geschrieben. Und erneut frage ich mich, was sich das Präsidium (oder auch nur der Präsident) des RWE davon verspricht, dem ehemaligen MDR-Sportchef und jetzigem Pressesprecher des Clubs diese Form der Meinungsäußerung zu gestatten.

In Deutschlands drei ersten Fußball-Ligen spielen 56 Mannschaften. Keiner der anderen 53 Proficlubs (Stuttgart und Bremen haben 2 Mannschaften) leistet sich einen Pressesprecher, der eine eigene Kolumne hat und diese dafür nutzt, Spieler und Trainer, wohlgemerkt des eigenen Vereins, zu kritisieren, oder gar der Lächerlichkeit preiszugeben.

So auch diesmal wieder: Unmut, der täglich vernehmlicher wurde, fasste daraufhin viele Betrachter an. Mannschaft und Trainer wiesen aber lange Zeit viele Fragen von sich. Einige richteten ihrerseits sogar mit teilweise recht bemerkenswerten Tönen und Ansichten versehene Kritik nach außen. Schließlich zwang sie der Druck der Dinge jedoch dazu intern Remedur zu schaffen und sich verstärkt mit sich selbst zu beschäftigen. Geldstrafen und eine Spielsperre für einzelne Kicker für zu langes Verweilen an einem Ort, der ab einer bestimmten Uhrzeit für Profis tabu sein sollte, waren die öffentlich erkennbarste Folge dieses Prozesses. Und plötzlich war die Mannschaft erfolgreich.

Das soll wohl heißen: Endlich greift der Trainer einmal durch, schon spielt die Mannschaft besser. Habe ich (Mohren) doch immer gesagt, bzw. geschrieben.

Nun, das ist eine alte mohrensche Taktik, die er seit seinem ersten „Einwurf“ anwendet: Spielt die Mannschaft schlecht, oder (großer Unterschied!) stimmen die Ergebnisse nicht, dann werden selektiv Spieler angegriffen: In der vorletzten Kolumne waren das in erster Linie Reichwein (mit den bekannten Folgen) und Caillas. Aber immer wird auch Stefan Emmerling kritisiert, dafür muss er nicht mal namentlich attackiert werden, denn er stellt die Spieler auf und die Mannschaft ein. Sobald die Mannschaft gewinnt, versucht Mohren, dies seinem Konto gutzuschreiben: Die Kritik wäre wohl doch berechtigt gewesen, jetzt gehe es ja besser, man müsse sich nur mit sich selbst befassen und nicht ihm (Mohren) etwas vorwerfen, etc.

Es bleibt festzuhalten: Diese Kolumnen sind für nichts gut, außer dafür, Unruhe in den Verein zu tragen. Inzwischen haben wir die Situation, dass der Trainer kaum noch und  manche Spieler gar nicht mehr mit ihrem eigenen Pressesprecher reden. Mehr noch: Immer wieder aufs Neue macht sich der RWE (und leider nicht nur Herr Mohren, damit könnte man leben) mit dieser absurden Konstellation lächerlich.

Meiner Kenntnis nach, hat aber noch nie ein Pressesprecher irgend etwas im Fußball gewonnen. Spiele werden von Trainern und ihren Mannschaften gewonnen. Ihnen vertraut man, oder man lässt es bleiben; jedenfalls schwächt man ihre Position nicht ohne Not.

Bisher hielt ich die Ergüsse von Wilfried Mohren für die Marotte eines verhinderten Poeten. Zuweilen ärgerlich, etwas verpeilt, aber im Grunde harmlos. Leider habe ich inzwischen den Verdacht, dass das Präsidium des RWE diese Kolumnen nutzt, um Kritik am Trainer, an der Mannschaft, oder an einzelnen Spielern zu adressieren. Dies aber wäre nicht nur ganz schlechter Stil, es wäre ein Abgrund an Unprofessionalität. Das ist ein massiver Vorwurf, darüber bin ich mir im Klaren. Aber, nach den Ereignissen um Marcel Reichwein, den öffentlichen Vorwürfen Emmerlings an Mohren, der desaströsen Berichterstattung darüber und einer Null-Reaktion von Seiten des Präsidenten darauf, habe ich keine andere Erklärung mehr anzubieten. Leider.

Saarbrücken – RWE 0:2 / Sieg in der Galerie

Die Engel waren mit uns © Raffael

Wenn man schon nicht die Möglichkeit hat, ein Fußballspiel live zu sehen, oder im heimischen Wohnzimmer Radio zu hören, dann kann ich die Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister für diesen Zweck wärmstens empfehlen. Die Wahrnehmung sozialer Pflichten forderte diesmal mein Improvisationsvermögen, um das Spiel des RWE zu verfolgen. Aber im Dresdner Zwinger finden sich gute Voraussetzungen: bequem gepolsterte, sofaähnliche Bänke (immer mit Blick auf ein Meisterwerk der Champions-League, siehe oben) und erstklassiger 3G-Empfang erlaubten via Liveticker eine konzentrierte Teilnahme am Spielgeschehen im Ludwigspark. Mehr noch: gefühlte 100.000 russiche Kulturterroristen Kulturtouristen, in ihrem Auftreten nicht eben dezent, erfüllten die heiligen Hallen mit einem stadionähnlichen Geräuschpegel, der auch mir so manch situativ veranlasste Lautäußerung erlaubte, ohne im Geringsten aufzufallen.

Konzentriert war auch die Leistung des RWE. Das war womöglich der größte Unterschied zu den Spielen zuvor. Sieht man mal von Caillas dummer Reaktion nach der ersten Gelben Karte ab, leisteten sich die Spieler keine der individuellen Fehlleistungen, denen es in erster Linie geschuldet war, dass wir so viele Punkte in den letzten Spielen hergeschenkt hatten. Personell musste Emmerling umstellen, da einige Spieler dem Lockruf des Erfurter Nachtlebens (gibt’s also tatsächlich) gefolgt waren und Ströhl sich kurzfristig verletzte. Fast wie ein Mantra hatte Emmerling darauf verwiesen, dass der Kader dieser Saison in der Breite besser aufgestellt sei und seine Spieler besätigten (zumindest in Saarbrücken) ihren Cheftrainer. Die Redewendung von der „genutzten Chance“ ist so dürr wie das Punktekonto des FCC, aber Andreas Sponsel zeigte, dass sie in seinem Fall eine gewisse Berechtigung hat. Man gewann den Eindruck, dass die ganze Mannschaft sich über seinen Einsatz in der Startelf freute. Wie er dann seinen Kasten verteidigte, war zusätzlich angetan seine Mitspieler zu motivieren: sie taten alles, um mit dem Arsch nicht wieder einzureißen, was der gute Andi mit seinen Paraden aufgebaut hatte.

Ein Wort zu Pfingsten-Reddigs Elfmetern: Er hat in Saarbrücken den elften von zwölf Strafstößen verwandelt, seitdem er für den RWE spielt. Das ist eine Quote von 91,7 Prozent. Verglichen mit den üblichen 75 % Erfolgsquote ist das weit überdurchschnittlich. Und alles andere als Zufall. Nichts im modernen Fußball ist auch nur ansatzweise so akkurat untersucht worden, wie das Duell Schütze gegen Torwart beim Strafstoß. Man weiß zum Beispiel, dass Elfmeter die in die rechte Torwartecke geschossen werden und bei denen der Keeper die Ecke ahnt, also nach Rechts springt, nur zu 55 % zum Torerfolg führen. Das gleichen Szenario in der linken Ecke ergibt eine weitaus geringere Chance für den Torwart, hier treffen die Schützen zu 70 %. Vermutlich liegt das daran, dass auch die meisten Torhüter Rechtshänder sind. Der Papst der deutschen Fußballstatistik, Roland Loy, hat einen noch wesentlich besseren Tipp für die Schützen parat: Bei den von ihm untersuchten 500 Elfmetern wurde alle verwandelt, die oberhalb der Tormitte einschlugen. Schießt hoch, lautet daher sein Empfehlung. Aber nicht so hoch wie Uli Hoeneß in Belgrad, möchte man hinzufügen. Keine Ahnung, ob Pfingsten diese Analysen kennt. Sein Elfmeter in Saarbrücken jedenfalls war unhaltbar und theoriekonform: hoch in die linke Torwartecke.

Allein auf Grund der Fernsehbilder kann ich nicht wirklich beurteilen, ob die – zumindest nominell – defensivere Ausrichtung der Viererkette (mit dem Innenverteiger Rauw auf der rechten Seite) grundsätzlich mehr Sicherheit in die Defensive brachte. Auch Saarbrücken verbuchte eine Reihe von Chancen. Soll heißen: es hätte auch diesmal anders ausgehen können. Überhaupt scheint die Liga noch einmal ausgeglichener zu sein, als in den Jahren zuvor. Derzeit ist es nicht allzu wahrscheinlich, dass eine Mannschaft derart souverän aufspielt, wie es Braunschweig und Rostock in der letzten Saison, oder Union im ersten Jahr der 3. Liga taten. Keine Mannschaft kann, gegen welchen Gegner auch immer, davon ausgehen, en passant zu gewinnen. Die Etats der meisten Mannschaften (sieht man mal von Wehen Wiesbaden ab) sind sehr ähnlich, dementsprechend vergleichbar ist auch die Qualität der Spieler. Alle Vereine verfügen über professionelle Strukturen und erfahrene, gut ausgebildete Trainer. Wem es zuerst und mit einer gewissen Konstanz gelingt, so etwas wie eine Siegermentalität zu etablieren, wird aufsteigen. Mindestens ein Dutzend Mannschaften sehe ich dafür in der Verlosung. Und der RWE ist fraglos mit dabei.

Die wunderbare Welt des Andre Ockenfels

In der Rubrik „Auf ein Wort …“ interviewt ein namenloser Gesprächspartner heute den Marketingleiter des RWE, Andre Ockenfels. Herr Ockenfels ist seit zwei Jahren für den Verein tätig und war früher – wie er nicht müde wird zu erwähnen – im Automobilsektor beschäftigt. Offen bleibt, ob er dort den Hybridmotor erfand, oder Seelsorger auf einem Autofriedhof war. Egal, ich bin sicher, er war sehr erfolgreich.

Das macht es aber möglicherweise nicht einfacher, mit ihm, wie er sagt „auf Augenhöhe“ die Diskussion zu suchen. Wer kann da schon mithalten. Automobilsektor! Wow! Seit dem Beginn seiner Tätigkeit an der Arnstädter Straße wurden „Sponsoren in einer sechsstelligen Größenordnung“ hinzugewonnen. Okay, denkt sich der nicht wirklich auf Augenhöhe befindliche und zerebral unterbelichtete Anhänger, das ist der Grund warum man nichts mehr vom „Klub der Hundert“ hört. Es sind jetzt Hunderttausend, wenn nicht gar Sechshunderttausend, die den Sponsorenklub des RWE verstärken. Man kann dem Mann nur danken. Dazu muss man sich einmal vorstellen, dass ohne ihn vielleicht Kammlott, Rockenbach, Semmer, Orlishausen, Stenzel, Malura und Möckel den Verein verlassen hätten, um woanders mehr Geld zu verdienen. Undenkbar, das! Aber kein Wunder, der Herr Ockenfels kann es einfach. Ich sag nur: Automobilsektor.

Irritiert war ich dann doch. Den Satz aus einem Forum: Die Abteilung Ockenfels ist eine Blackbox als Kompliment zu nehmen, lässt einen Abgrund an krachendem Unverständnis für die Obliegenheiten eines Fußballvereins mehr als nur vermuten. Hinterher geschoben wurde dann noch das calmundesk-joviale: Der Mann hat Recht. Das ist, für den leitenden Angestellten eines Fußballvereins, schon sehr, sehr gönnerhaft daher schwadroniert. Auch ein, fast ausschließlich regional verwurzelter Klub, wie der FC Rot-Weiß Erfurt, ist ein Unternehmen. Sogar in erster Linie. Allerdings nicht ausschließlich. Jedes Unternehmen hat Betriebsgeheimnisse. Soll heißen: auch dem nicht ganz auf Augenhöhe befindlichen Anhänger dürfte klar sein, dass der Vertrag mit der IMG nicht wirklich etwas auf der Webseite zu suchen hat. Aber, Geheimniskrämerei als Management-Prinzip auszurufen, ist etwas völlig anderes. Der RWE ist nicht der MI6. Er ist ein Fußballverein, dessen Mitglieder mit ihren Beiträgen das Gehalt des Herrn Ockenfels mitfinanzieren. Und dessen Zuschauer, im diametralen Unterschied zu einem Unternehmen, es sich gefallen lassen, auch schlechte Ware zu bezahlen. Das tun sie, weil sie mit diesem Klub mehr verbindet, als eine Geschäftsbeziehung. Für manche ist er sogar ihr Leben. Das sollte einer wissen, zu dessen Aufgaben Außendarstellung und Kommunikation gehören. Allerdings würde er dann nicht solch einen Unfug labern.

In weiten Teilen liest sich das Interview wie eine Bewerbung für RB Leipzig. Dort sind Fans tatsächlich nur Kunden, Vereinsmitglieder unerwünscht. Das ist okay, das weiß man, wenn man sich darauf einläßt RB Leipzig toll zu finden. Allein, der RWE ist nicht RB Leipzig und wird es nicht werden. Denke ich, vermute ich & hoffe ich.

Im Übrigen, habe ich noch eine Anregung für Herrn Ockenfels: Wenn sich die Anzahl der Sponsoren dem siebenstelligen Bereich nähert, bleibt vielleicht Zeit sich mit der Webseite des Vereins zu befassen. Die ist so gruselig, dagegen ist „Nightmare on Elm Street“ ein Kinderfilm.

Man kann sich hier und hier anschauen, wie so etwas aussehen kann. Mit einem Drittliga-Etat. Soll’s auch schon im Automobilsektor geben, dieses Webgedöns.

SV Sandhausen – Rot-Weiß Erfurt 2:1

Die Tabelle lügt nicht! Oder doch? © kicker.de

Wieder eine Führung verspielt und keinen Punkt geholt. Bonjour tristesse, RWE! Wie kaum anders zu erwarten, denken in den Foren die ersten darüber nach, ob nicht ein Trainerwechsel das Mittel der Stunde wäre, um den tabellarischen Sinkflug zu stoppen. Emmerling erreiche die Mannschaft nicht mehr, es würde nicht nach dem Leistungsprinzip aufgestellt, weshalb auch Tom Bertram nicht spielen dürfe und als argumentative Krönung wird eine Rückkehr Julian Humberts in die Startelf gefordert. Julian Humbert! der bei seinen drei Einsätzen in der Oberliga niemandem sonderlich aufgefallen ist, soll für Pfingsten-Reddig ins defensive Mittelfeld rücken.

Nun, in Erfurt haben es defensive Mittelfeldspieler traditionell schwer, was die korrekte Einordnung ihrer Leistungen betrifft. Samil Cinaz wollte auch niemand eine Tränen nachweinen, obwohl er drei Jahre lang einer der überragenden Sechser in der Klasse war. Beim FSV ist er auf dieser Position gesetzt, wohlgemerkt in der 2. Bundesliga. Pfingsten-Reddig ist ein klassischer Box-to-Box-Midfielder, er spielt zwischen den Strafräumen, eröffnet das Spiel vertikal (mit kurzen Pässen), oder verlagert das Spiel auf die Außenpositionen. Und diesen Job erledigt er – meiner Auffassung nach – meistens sehr gut. Er ist der defensivere der beiden Sechser, schon allein weil Zedi sich sehr oft (und nicht selten erfolgreich) in die unmittelbaren Angriffsbemühungen einschaltet. Im Defensivspiel, vor allem bei Ballverlusten, nimmt Emmerling hier ein bewusstes Risiko in Kauf, das nicht eben geringer wird, wenn man bedenkt, dass Manno (nominell im rechten Mittelfeld aufgeboten) bei Angriffen als dritter Stürmer agiert. Wie gesagt, dass ist so gewollt, weil Emmerling die Durchschlagskraft im Angriff stärken will. Das wir, wie in Sandhausen, bei Gegenangriffen manchmal in Unterzahl sind, ist ein strukturelles Problem. Dies aber Nils Pfingsten-Reddig anzulasten ist, mit Verlaub, lächerlich. Emmerling kann dieses System jederzeit ändern, in dem sich zum Beispiel Zedi nicht mehr so weit nach vorn orientiert, oder die rechte Seite defensiver agiert, um auch zentral bei Kontern des Gegners aushelfen zu können (oder beides). Dann muss taktisch aber sichergestellt bleiben, dass die Offensivkraft des RWE erhalten bleibt und genau hier liegt das Problem: sowohl Zedis wuchtige Vorstöße, als auch Mannos Qualitäten als freier Radikaler des RWE-Angriffsspiel sind nicht wirklich verzichtbar. Das ist die Nuss, die Emmerling knacken muss, aber niemand auf dieser Welt weiß das besser als der Trainer des RWE.

Zum Fall Bertram: 28.04.2008, Flutlichtspiel der 2.Bundesliga, Freiburg gegen Fürth. Tom Bertram hat sich in die Anfangsformation der Greuther gespielt. Die Mannschaft von Labaddia hat – wie zumeist – noch alle Chancen in die Erste Bundesliga aufzusteigen. Es sind siebzig Minuten gespielt, Greuth führt 2:1, Bertram macht ein sehr gutes Spiel, als sich laut Kicker folgende Szene zuträgt: Bertram passte leichtsinnig nach hinten, wo sich Schlitte das Leder schnappte, dann mit Übersicht auf Pitroipa flankte, dabei den heranstürmenden Kirschstein überwand. Pitroipa bedankte sich artig und schob zum 2:2 ein. Fürth verlor das Spiel noch, und stieg bekanntlich nicht auf. Tom Bertram absolvierte noch ein Pflichtspiel für Fürth und wurde dann nach Paderborn verkauft. Gar keine Frage, Tom Bertram ist das größte Innenverteidigertalent des RWE seit Thomas Linke. Aber er ist nicht die Antwort auf alle unsere derzeitigen Defensivschwächen. Und er ist immer noch dafür gut, gleichzeitig ein prima Spiel und einen Leichtsinnsfehler zu machen. Ich denke, dass wir drei in etwa gleichwertige Innenverteidiger haben; alle drei werden in dieser Saison noch viele Einsätze bekommen. Es war sinnvoll, Oumari nach seiner Sperre wieder Spielpraxis zu geben, außerdem war dieser Wechsel keinesfalls ursächlich für die Niederlage in Sandhausen.

Die oben gezeigt Grafik sieht vor allem deshalb so jämmerlich aus, weil wir am ersten Spieltag hoch gegen die Westsachsen gewonnen haben. Aber inzwischen wissen wir, wie dieser Sieg (der auch noch klarer ausfiel, als es der Spielverlauf eigentlich hergab) einzuordnen ist: gegen die gewinnen fast alle. Was mich momentan nicht wirklich aufheitert. Im Übrigen sind die Leistungen des RWE eher konstant: zu wenig Tore (schlecht!) aus den vielen Chancen (gut!) gemacht. Und, viel zu viele Gegentore (schlecht!); teils der offensiven Gesamtausrichtung geschuldet, teils durch individuelle Fehler hervorgerufen. Es überwiegt also das Negative und deshalb stehen wir eben auch da wo wir stehen. Es bleibt viel Arbeit für Emmerling und sein Team, allerdings mache ich mir deswegen keine Sorgen. Er ist ein guter Trainer, Fleiß und Akribie sind seine Sache eher als die populistische Geste (wie z.B. ein öffentlich verkündetes Straftraining, oder ähnlicher Blödsinn). Für die Fütterung des Mobs haben wir ja noch den darin bewährten Wilfried Mohren.

Sorgen bereitet mir die Möglichkeit, dass die Resultate auch in den kommenden Spielen nicht stimmen. Oder genauer gesagt, besorgt mich vor allem die Resonanz darauf. Man benötigt nicht viel Phantasie, um sich die Reaktionen (wohl vor allem auf der Haupttribüne) vorstellen zu können, sollte beispielsweise gegen Münster (sprich im nächsten Heimspiel) verloren werden. Ich kann nur hoffen, dass unser gemeinhin so besonnener Präsident dann die Nerven behält. Sicher bin ich mir da nicht.

„Damned United“ von David Peace & der Mythos Brian Clough


Im Streitgespräch: Brian Clough und Don Revie am Tag von Cloughs Entlassung bei Leeds United

Vermutlich gibt es keinen Himmel. Wenn es aber einen gibt, dann wird Brian Clough derzeit stets einen Blick auf die Tabelle der zweiten englischen Liga haben. Fast alle Vereine für die er als Stürmer auflief (251 Tore in 274 Spielen, sic!), oder als Trainer arbeitete sind dort versammelt. Es wird ihm gefallen, dass sein Sohn Nigel als Trainer von Derby County momentan sogar auf einem Play-Off-Platz für die Premier League steht. Aber er wird ihm von da oben auch zurufen, warum zum Teufel er nur Dritter und nicht Erster ist.

Jetzt ist ein Buch in deutscher Übersetzung erschienen, das in England sagenhafte 500.000 Mal verkauft wurde und bei dem sich enthusiastische Zustimmung wie abgrundtiefe Ablehnung in etwa die öffentliche Waage hielten. Es handelt sich um David Peace Roman „Damned United“ (Übersetzung: Thomas Lötz).

Mit einer wertenden Beurteilung des Buches muss man sich nicht lange aufhalten: es ist brillant. Der unglaublichste Roman, der je über Fußball geschrieben wurde, befand der Independent. Vermutlich stimmt das, allerdings ist die Konkurrenz in diesem Wettbewerb überschaubar.

Damned United hat zwei parallele, alternierend angeordnete und jeweils chronologisch verlaufende Handlungen. Beide haben einen Protagonisten: Brian Howard Clough. Das erste Kapitel beginnt mit der Ankunft Brian Cloughs an der Elland Road, dieser legendären Heimstätte des Leeds United Football Club. Es ist der 31.Juli 1974, der erste Arbeitstag des neuen Managers. Leeds United, aktueller englischer Fußballmeister, der beste englische Fußballklub der letzten zehn Jahre. Die Mannschaft Don Revies, der nach verpasster WM-Qualifikation das englische Nationalteam übernommen hatte. Das Buch endet 44 Tage später, mit der Entlassung Brian Cloughs.

Die zweite Handlung setzt 15 Jahre zuvor ein und beschreibt den Weg der Brian Clough zur Elland Road geführt hat: die Jahre als überragender Stürmer der zweiten Liga, das frühe Karriereende als Folge eines brutalen Fouls. Die Zurücksetzungen: nur zweimal für England gespielt, kein Tor geschossen, nie für ein großes Turnier nominiert. Die Anfänge als Trainer von Hartlepool United, die überraschende Chance beim Traditionsverein Derby County. Der zähe Beginn dort, dann der rasante Aufstieg bis hin zum Gewinn der englischen Meisterschaft 1972 und dem Halbfinale des Cups der Landesmeister 1973. Die dauerhaft schwierige Beziehung zu seinem kongenialen Freund und Co-Trainer Peter Taylor. Die dauerhaft ungetrübte Beziehung zum Alkohol.

Das alles ist glänzend komponiert, ohne gekünstelt zu wirken. Peace, zu dessen Lieblingsautoren Heiner Müller und James Ellroy gehören, bedient sich in diesem Buch einer sehr moderaten Variante seines expressiven Stils. Das tut der Lesbarkeit gut und dem Leser wohl. Man kann sich darauf verlassen, dass alle Details, jedes Spielergebnis, jede Tabellenplatzierung, jede öffentliche Äußerung der handelnden Personen belegt sind. Aber es handelt sich um einen Roman, nicht um einen Wikipedia-Artikel. Allen Fakten fügt David Peace Fiktives hinzu. So wird es zu Literatur. Hier indes liegt auch das Risiko des Scheiterns. Nicht eine einzige der vielen Introspektionen die Peace Brian Clough in den Kopf legt, wird genauso gedacht worden sein. Jedoch – alles ist plausibel. So könnte es gewesen sein. All dies könnte Brian Clough tatsächlich gedacht haben. Mehr noch: auch wenn es gar keinen Brian Clough gegeben hätte, kein Leeds United und keine Elland Road, dann wäre dies ein glänzend geschriebener Roman, der eben von Fußball handelt.

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