In Jena schossen Villen Tore


Segen für Jena, Fluch für den RWE : Georg Buschner

Die Dissertation von Dr. Michael Kummer zum Thema „Die Fußballclubs Rot-Weiß Erfurt und Carl Zeiss Jena und ihre Vorgänger in der DDR“ umfasst beachtliche 500 Seiten. Ungefähr die Hälfte davon habe ich seit gestern, ja, regelrecht verschlungen. Insofern das bei einer PDF-Datei möglich ist.

Ich kann nur hoffen, dass Dr. Kummer für seine Arbeit eine sehr gute Note bekommen hat, von mir hätte er jedenfalls ein „summa cum laude“ erhalten, das steht jetzt schon fest. Für jeden an Fußballhistorie interessierten Anhänger beider Vereine (aber auch des DDR-Fußballs im Allgemeinen) liegt hier ein Dokument vor, dass im Detail äußerst aufschlussreiche Einblicke in die Binnenverhältnisse der Klubs liefert. Auch aus Rücksicht darauf, dass Dr. Kummer diese Dissertation noch als Basis für ein Buch (soll Herbst 2012 erscheinen) nutzen will, möchte ich hier nicht alles verraten, aber ein paar Überlegungen seien mir – in diesem rein privaten Blog – gestattet:

Die historischen Voraussetzungen beider Vereine waren in etwa gleich. In Erfurt und Jena gab es eine Vielzahl von Fußballclubs, von denen mindestens einer immer eine herausragende Rolle in der jeweiligen Gauliga spielte und diese teilweise für Jahre beherrschte. Diese Zeitspanne umfasst die Jahre von der Jahrhundertwende bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Bereits damals spielten die Zeiss-Werke in Jena eine wichtige Rolle als Sponsor des Fußballs. Nach dem Krieg sollte diese Bedeutung anwachsen.

Und genau an diesem Punkt lag das Erfurter Problem: Kummer arbeitet akribisch heraus, dass die Benennung des Reparaturwerkes Clara Zetkin als Trägerbetrieb des Erfurter Staats-Profifußballs (und um nichts anderes handelte es sich) ein großer Fehler war. Denn dieser Betrieb war, mit seinen knapp 2000 Beschäftigten, schlichtweg zu klein, also wirtschaftlich nicht potent genug, um den Verein attraktiv für gute Spieler zu machen. Es mangelte an allem: an Wohnungen, vernünftigen Trainingsmöglichkeiten und an beruflichen Perspektiven für die Spieler und ihre Angehörigen. Das änderte sich erst 1966, mit der Gründung des FC Rot-Weiß Erfurt, als die Optima (früher: Olympia-Werke) Trägerbetrieb des Klubs wurde. Allerdings zu spät und wohl auch nicht entschlossen genug.

Ganz anders in Jena. Hier übernahm 1958 ein Mann das Traineramt, den man (gerade nach der Lektüre der vorliegenden Doktorarbeit) als einen der interessantesten Protagonisten des DDR-Fußball begreifen muss. Und das ist keineswegs nur positiv gemeint. Für Jena jedoch war Georg Buschner ein Segen. Seine Trainingsmethodik war revolutionär, er arbeite quasi symbiotisch mit einem in Jena sitzenden sportwissenschaftlichen Institut zusammen, dessen Erkenntnisse unentwegt in die Trainingspläne eingearbeitet wurden. Schon am Anfang wechselten einige Erfurter Spieler (z.B. Erwin Seifert) nach Jena und erlebten nicht nur einen Kulturschock, das wäre zu verkraften gewesen, sondern waren geradezu entsetzt über das harte Training (bis zu dreimal am Tag, erbrechen nach dem Waldlauf inklusive). Dagegen empfanden sie das Training in ihrem alten Verein als regelrechtes Freizeitvergnügen. Doch das harte (heute weiß man: teilweise überzogene) Training war nur ein Grund des Jenaer Erfolgs. Der andere, mindestens genauso wichtige, war die unglaublich aggressive Abwerbung guter Spieler aus anderen Clubs.

Auch dahinter steckte Georg Buschner, dem allerdings bereitwilligst alle notwendigen Ressourcen des Zeiss-Werke zur Verfügung standen. Von Handgeldern bis zu 50.000 Mark ist hier die Rede. Aber Geld, wenn vielleicht auch nicht soviel, wurde überall reichlich bezahlt. Was daneben noch eine große Rolle spielte, war die Tatsache, dass sich viele Spieler – quasi auf einem speziellen Jenaer Bildungsweg – und teilweise ohne Abitur, en passant zum Diplom-Sportlehrer ausbilden lassen konnten. Das war einmalig und gleichzeitig sehr attraktiv. Gute Arbeitsstellen für die Ehefrauen, manchmal auch für die Eltern, hatte Zeiss ohnehin im Angebot.

Auf dem Gipfel, im Wortsinn, warteten die Villen. Sehr verdienten Spieler der Jenaer Mannschaft wurde aus dem Vermögen der Zeiss-Stiftung Villen in attraktivster Jenaer Lage zum Kauf angeboten. Wechselwilligen Spielern, von denen man sich überragendes versprach, wurde solche Häuser in Aussicht gestellt. So auch Lutz Lindemann, der in einem klapprigen Trabant aus Erfurt herüber kam. Zitat aus der Arbeit von Dr. Kummer: „Er hat uns hingestellt, uns kleine Leute, die aus einer Neubauwohnung kamen. Und dann hat er gesagt: ‚Wenn du fleißig spielst, wird dir in Kürze so ein Haus gehören.‘ Du hast dich geschüttelt und gesagt: ‚Okay – machen wir alles.‘ “

Er war Paul Dern, Ko-Trainer und Vertrauter Buschners. Das war noch ein, keineswegs unwichtiges, Element der Jenaer Abwerbestrategie: Entweder Dern, oft auch der Meister persönlich, umsorgten die Spieler, die sie verpflichten wollten. Das machte Eindruck und vermittelte Sicherheit, denn ein Vereinswechsel (oder auch nur die bekannt gewordene Absicht) war – auch in der DDR – mit nicht zu unterschätzenden Risiken verbunden.

So baute Buschner seine Meistermannschaften, so kam es, dass Jena und eben nicht Erfurt zu einem der Leistungszentren des ostdeutschen Fußballs wurde. Doch Jena, vor allem aber Buschner, übertrieb es. 1976 wurde Rüdiger Schnuphase nach Jena delegiert, 1977 folgte ihm Lutz Lindemann. Damals war Buschner zwar bereits Nationaltrainer, übte jedoch noch immer großen Einfluss auf die Jenaer Geschicke aus (über Vertraute wie Dern und seine Macht im Verband). Er entschied quasi im Alleingang den Transfer der beiden Erfurter Hoffnungsträger an die Kernberge. Das besiegelte endgültig die tiefe Abneigung der Erfurter Fußballanhänger gegen den Rivalen im Osten, die bis heute ungemindert fortbesteht.

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