RB Leipzig, der T-1000 des deutschen Fußballs: Nicht zu stoppen.

Nach einem Beitrag des verehrten Kollegen rotebrauseblogger, wurde in seinem Blog tagelang über eine Interview-Äußerung des Präsidenten von Union Berlin, Dirk Zingler, diskutiert.

Es kann vielleicht nicht schaden, meine Grundhaltung zu den beiden Klubs Union Berlin und RB Leipzig kurz zusammenzufassen: Für den Verein Union Berlin hege ich eine tiefe Sympathie, die mit der Entwicklung, die Union in den letzten Jahren genommen hat (unter der gedeihlichen Präsidentschaft von Dirk Zingler), eher noch zugenommen hat. Das Projekt RB Leipzig verfolge ich mit Interesse. Einem etwas klinischen Interesse, zugegeben.

Zunächst denke ich, dass Dirk Zingler mit seiner Analyse einfach nur Recht hat. Dietrich Mateschitz wird sich in Leipzig einen Verein nach seinem Gusto erschaffen. Eine Firma wie Red Bull, die auf dem Gebiet des Sportmarketing derart revolutionär agiert, kann sich das größte und aufregendste Karussell auf dem Rummelplatz nicht dauerhaft entgehen lassen. Und das ist nun mal der Fußball.

Im weiteren Fortgang der Dinge nutzte Dirk Zingler seine Analyse dafür, die eigenen Reihen geschlossen zu halten (siehe Anzeige). Außerdem hat der Union-Präsident etwas zu verkaufen und wie jeder Verkäufer glaubt er daran, dass Emotionen ein guter Katalysator für Kaufreize sind. Mit der Einführung der zerquetschten Red-Bull-Dose nimmt das alles eine neue, unangenehme Richtung. Ab hier riecht es nach Kriegsanleihe. Ein Feind wird benannt. Klar, Red Bull drängt sich als Public Enemy fast unwiderstehlich auf. Der Union-Präsident weiß auch, dass Worte das eine und Bilder noch einmal etwas völlig anderes sind. Die verwendete Ikonographie der zertretenen Red-Bull-Dose lässt allerdings ahnen, welche Richtung die Auseinandersetzungen in den nächsten Jahren nehmen werden. Irgendwann werden in diesem Konflikt keine Gefangenen mehr gemacht. Die zerquetschte Dose ist eine schlechte Idee. Besser wäre gewesen, was eigentlich immer besser ist: Ironie. Die wiederum ist nur sehr begrenzt emotionalisierbar. Deshalb glaube ich, dass man sich sehr bewusst gegen sie und für Emotionen entschieden hat – und halte das für ein Verhängnis.

Unabhängig von der gefühlsbedürftigen Verkaufskampagne der Unioner: Es ist zweifelhaft, ob Red Bull der richtige Adressat für den ganzen Unmut ist. Die Firma tut, was ihr im Rahmen der Verbandsregularien erlaubt ist. Das ist legitim. Im Gegenteil: Sie sucht sich einen fußballhistorischen Traditionsort wie Leipzig, mietet eine Arena – die sonst Gefahr gelaufen wäre zur Investruine zu verkommen, und bietet einer immer größeren Anzahl von Fans, was sie vermissen: guten Fußball, sowie die Aussicht auf noch besseren Fußball.

Das Dilemma: die faktisch unbegrenzt vorhandenen monetären Mittel von Red Bull, annullieren die Chancengleichheit des Wettbewerbs. Am deutlichsten wird das gerade jetzt und in näherer Zukunft, in der sich RB Leipzig gegen notorisch klamme Mitbewerber behaupten muss. Selbst für klug agierende Vereine wie Aue, Cottbus, Union und Rostock kann eine falsche Entscheidung, ein unpassender Trainer, ein paar unglückliche Transfers, ein unbedachter Vertrag, Abstieg, Absturz und sogar Ruin bedeuten. Nicht so für RB Leipzig. In dieser Hinsicht dem Terminator gleich, ist RB Leipzig in der Lage sich ständig neu zu materialisieren. Und wird das – auf dem Weg nach oben – wieder und wieder tun. Rückschläge, Fehleinkäufe und Managementfehler werden nicht ausbleiben, sie sind halt nur folgenlos. Über die Entschlossenheit des Dietrich Mateschitz mit RB Leipzig ganz nach oben zu kommen, sollte sich niemand Illusionen machen. Rückblickend wird das so aussehen, als ob Haile Gebrselassie einen Pulk keuchender Hobbyläufer stehen lässt.

Jetzt könnte man auf die Idee kommen und mit den Fingern beispielsweise auf Bayern München deuten: Die haben doch auch so viel mehr Kohle als allen anderen. Stimmt. Es ist aber ein Unterschied, ob sich Ungleichheiten sukzessive entwickelt haben, oder ob sie (wie bei RB Leipzig) praktisch der einzige Treibstoff auf dem Weg nach oben sind. Problematisch ist dennoch beides. Auch durch gute Arbeit redlich erworbene Vorteile, können langweilige Wettbewerbe zur Folge haben. Eine Lösung hierfür sehe ich nicht. Wegen offensichtlicher Undurchführbarkeit scheidet die komplexe, aber hochwirksame Methode des US-Profisports, das 1935 eingeführte Draft-System, aus. Über ein ähnliches Regelsystem zur Vermeidung dauerhafter sportlicher Ungleichheiten verfügt der Fußball nicht. Hat er noch nie. Geld schoss schon immer Tore, egal woher es kam.

Der DFB jedenfalls wird das Projekt RB Leipzig nicht stoppen. Das ist nämlich – ab einem gewissen Zeitpunkt – keine juristische Frage mehr. RB schafft Fakten. Die Zuschauerzahlen bewegen sich eindrucksvoll nach oben (zuweilen freikartenanimiert). Offensichtlich wird das Projekt RB Leipzig angenommen und hat mithin mehr erreicht als der DFB in den 20 Jahren zuvor. Da wurde endlos viel über das Fußballpotential der Stadt gelabert, in der sich der DFB vor 111 Jahren gründete. In erster Linie aber wurde geklagt, dass diese Potentiale – aus vielerlei Gründen – degeneriert danieder liegen. Wie von Red Bull geplant, hat die Gründung von RB Leipzig diese Situation grundlegend geändert. Sicher, niemals werden die Anhänger der Leipziger Traditionsvereine ihren Frieden mit diesem neureichen Beau machen. Verständlich. Allein: das spielt keine nennenswerte Rolle. Stadt und Umland sind groß genug, die WM-Arena stimmungsvoll zu befüllen. Einem Torschrei hört man eben nicht an, ob er aus der Kehle eines Traditions- oder Eventfans stammt. Mit welcher Legitimation will der DFB diesen Leipziger Honeymoon beenden? Es mag sein, dass Red Bull formale Zugeständnisse bei der Konstruktion des Clubs wird machen müssen. Allerdings ist dies reiner Theaterdonner.

Vermutlich in der nächsten Saison wird Rot-Weiß Erfurt in der 3.Liga auf RB Leipzig treffen. Vielleicht werden wir sie besiegen. Aufhalten werden wir sie nicht.

3 comments

  1. Ein sehr lesenswerter, unaufgeregter Text mit einem herausstechenden Satz:

    „Besser wäre gewesen, was eigentlich immer besser ist: Ironie.“

    Ich frag mich auch schon seit geraumer Zeit, was aus dem guten, alten Stilmittel der Ironie geworden ist. Die Ablehnung von RB und Red Bull müsste doch ein ewiger Quell kreativer Prozesse sein. Stattdessen klingt vieles eben nach „Kriegsanleihen“. Ich hatte bei mir drüben mal argumentiert, dass diese dumpfe Form der Ablehnung wohl eher zur Identitätsfindung der Anhänger bei RB beitragen wird. („Keiner mag uns, scheißegal.“) Wie man mit Ironie umgegangen wäre, wäre eine spannende Frage gewesen..

  2. mahe sagt:

    der chemnitzer fc hat doch gezeigt, wie man ironie an den mann oder die frau bringen kann. sinngemäß hieß es im heimspiel gegen rb leipzig:
    wir gratulieren dem aufsteiger zum klassenerhalt

  3. Franke sagt:

    Naja, beim Geld einsammeln ist der Säbel oft zweckmässiger als das Florett …

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