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RWE – OFC 0:0 / Anspruch trifft auf Realität

Es gab Zeiten, da war ich wesentlich öfter auf dem Bieberer Berg als im Steigerwaldstadion. Was in erster Linie daran lag, dass ich einige Jahre im Rhein-Main-Gebiet wohnte und die wirklich wertvollen Menschen dort, Anhänger der Offenbacher Kickers – und eben nicht der Frankfurter Eintracht – sind. Mithin kein Wunder, dass ich für den OFC eine andauernde Sympathie hege, die immer nur suspendiert ist, wenn die Kickers gegen uns antreten.

Beide Klubs haben eine wechselvolle Geschichte, die jeweils mehr Downs als Ups kennt. Und, obwohl beide in den letzten Jahren stabil in der Drittklassigkeit verharren (sie spielen um die Tabellenführerschaft in der ewigen Tabelle der 3.Liga), ist die Sehnsucht nach Aufstieg, Erfolg und Glanz ungebrochen. Das manifestiert sich auch äußerlich: in Offenbach ist das neue Stadion fast fertig, in Erfurt erwartet man den Baubeginn für nächstes Jahr.

In Erinnerung an bessere Tage, empfinden es die Anhänger beider Klubs als Zumutung gegen Vereine wie Heidenheim, Sandhausen, Wehen, Burghausen oder Aalen überhaupt antreten zu müssen. Nach dem gestrigen Spiel muss man sagen: es wäre leichtsinnig darauf zu wetten, dass sich dies schnell ändert. Dann könnte man auch in Griechenland-Anleihen investieren.

Aus Sicht des RWE war es wie gegen Münster. Nur umgekehrt. Auf eine enttäuschende erste Halbzeit folgte eine nicht eben berauschende, aber deutlich bessere zweite Hälfte. Arie van Lent hatte gut analysiert und sein Team defensiv eingestellt. Sich auf einen offenen Schlagabtausch mit dem RWE einzulassen, schien ihm nicht ratsam. Doch der OFC begann nervös und so boten sich den Erfurtern in den ersten zehn Minuten einige Möglichkeiten. Mit zunehmender Spieldauer stabilisierten sich die Offenbacher, ließen hinten nichts mehr zu und kamen selbst zu gefährlichen Angriffen. Chancenvorteile für den OFC in Halbzeit eins. Das Spiel: unansehnlich und langweilig.

Nach dem Wechsel unternahm der RWE einiges, um eine Fortsetzung der Remis-Serie im eigenen Stadion zu vermeiden. Es wurde mehr riskiert, das Geschehen spielte sich fortan recht einseitig in der Hälfte des OFC ab. Die größte Chance vergab Zedi, als er an Endres aus kurzer Distanz scheiterte. Trotzdem, dem OFC boten sich nun Kontermöglichkeiten, die jedoch ziemlich hibbelig vertan wurden. Bei der größten und kuriosesten, stürmten gleich sechs Offenbacher in Richtung Sponsel und nur dem verzweifelten Einsatz von Thomas Ströhl war es zu danken, dass diese Szene nicht mit einem Tor für den OFC endete. Kurios was die Szene deswegen, weil man eine Unterlegenheit von zwei gegen sechs Spielern im Profifußball nicht so häufig sieht. Emmerling war der Schreck darüber nach dem Spiel anzumerken, jedenfalls war es genau diese Situation, die er im MDR-Interview erinnerte.

Andreas Sponsel spielte fehlerfrei, nur ein Gegentor in vier Spielen, eine Bilanz die sich sehen lässt. Oumari entwickelt sich mehr und mehr zum Abwehrchef. Chef bedeutet in diesem Zusammenhang ausnahmsweise mal, dass da jemand sehr gute Arbeit leistet. Von Bertram konnte man dies nur eingeschränkt behaupten. Die beweglichen Offenbacher Stürmer ließen ihn zwei- bis dreimal nicht gut aussehen und das ist – bei einem Innenverteidiger – zwei- bis dreimal zu viel. Ströhl hatte seine beste Szene bei der oben bereits beschriebenen Überzahlattacke der Offenbacher. Ansonsten liegt seine größte Stärke im offensiven Flügelspiel. Sein größtes Manko war, dass diese Stärke enervierend selten genutzt wurde, was aber nötig gewesen wäre, um das Fehlen von Caillas aufzufangen. Bernd Rauw. Tja. Nach zehn Minuten dachte ich: okay, das sieht ja heute schon deutlich besser aus. Was seine individuelle, körperliche und spieltechnische Verfassung betrifft, würde ich zu dem Urteil – auch das gesamte Spiel einschließend – stehen.

Rätselhaft hingegen, war mir sein taktisches Verhalten, bzw. die taktische Aufgabe, die ihm Emmerling übertragen hatte. Das sich ein Außenverteidiger in die Offensivbemühungen einschaltet, gehört quasi zu seiner Jobbeschreibung. In der Regel tut er dies allerdings auf “seiner” Seite. Bernd Rauw orientierte sich hingegen wiederholt in die Mitte des Spielfeldes, als einer Art dritter Sechser. Das kann man so machen (warum auch immer), allerdings werden die Räume im Mittelfeld dadurch nicht größer, da sich die gegnerischen Abwehrspieler dann auch vermehrt in die Spielmitte orientieren. In jedem Fall muss dies aber gut abgesichert werden. Hier lag das eigentliche Dilemma. Exemplarisch dafür, war eine Szene kurz vor der Halbzeit, als Rauw – mehr im Dauerlauf als im Sprint – bei einem Angriff des OFC zu spät nach hinten kam. Oumari konnte klären, hatte dann aber das unmittelbare Bedürfnis, mit seinem Verteidigerkollegen einige Worte zu wechseln. Ich bin sicher: Bernd Rauw verfügt über die spielerischen Qualitäten im defensiven Mittelfeld eingesetzt zu werden, trotzdem (oder vielleicht gerade deswegen) wirkte das Ganze auf mich erschreckend unkoordiniert.

Ebenfalls nicht gefallen, hat mir die Defensivleistung der beiden zentralen Defensivspieler. Ihre Stärken im Spielaufbau (Pfingsten-Reddig) und als Ergänzungsstürmer (Zedi) sind unbestritten. Mit den quirligen Kickers-Angreifern hatten sie jedoch auffällige Probleme (vor allem in der ersten Halbzeit) und im eins gegen eins allzu oft das Nachsehen. Glück für uns, dass der OFC diese Vorteile meist nicht in direkte Torgefahr umformen konnte.

Marcel Reichwein bot eine Leistung, die manche (wenige) als unauffällig und andere (viele) als schwach charakterisieren würden. Ich denke, beides stimmt. Unauffällig war er deshalb, weil es den Kickers sehr gut gelang, Anspiele auf ihn möglichst zu unterbinden. Van Lent war offensichtlich klar, dass Reichwein die Schaltstation bei Erfurter Angriffen über die Mitte sein würde. Seine Spieler setzten die Vorgaben ihres Trainers mit großem läuferischen Aufwand und einigem taktischem Geschick um. Deshalb hatte er – für seine Verhältnisse – wenig Ballkontakte. Schwach war seine Leistung, weil er aus den Zuspielen die er bekam, wenig machte. Daher, dies allerdings gleichfalls untypisch für sein Spiel, die hohe Anzahl von Fehlabspielen. Es hatte keinen guten Tag, aber das soll vorkommen im Leben.

Allen negativen Einwänden zum Trotz: ein Sieg des RWE wäre nicht unverdient gewesen. Schon allein auf Grund der deutlichen Steigerung in der zweiten Halbzeit. Kämpferisch war der Mannschaft kein Vorwurf zu machen. Spielerisch blieb sie vieles schuldig. Es wäre aber fast schon überraschend gewesen, wenn der Ausfall von Caillas und Morabit in dieser Hinsicht folgenlos geblieben wäre.

So blieb, aus der Perspektive des RWE-Fans, das eigentliche Highlight dieses Fußballnachmittags ein Bericht des mdr, anlässlich des 20. Jahrestages unseres letzten Auftritts in einem internationalen Wettbewerb. Wir schieden damals in der zweiten Runde des UEFA-Cups, gegen den späteren Sieger Ajax Amsterdam aus. Der junge Trainer der Holländer hieß: Louis van Gaal. Sensationell, wie er seine – mit Stars reichlich bestückte – Mannschaft in der Halbzeitpause (der RWE führte 1:0) zusammenfaltete. Festgehalten wurde dieses schöne Stück Fußballgeschichte von Torsten Ehlert, dem langjährigen Physio des RWE. Großes Kino, Herr Ehlert!


 

Hase, Mäcki, Matze und die anderen

DDR-Fußball taugt heute nicht mal mehr als Antithese. Er ist im Orkus der Geschichte verschwunden. Spurlos. So zumindest scheint es.

Jetzt ist bei Delius Klasing ein Buch erschienen, das zumindest für den Moment die Erinnerungen zurückholt. Die Autoren Christian und Martin Henkel porträtieren 77 Protagonisten des ostdeutschen Fußballs, in der Mehrzahl Spieler, aber auch Trainer und Schiedsrichter. Die Stars des DDR-Fussballs lautet der so nüchterne, wie zutreffende Titel des Bandes.

Zu jedem Porträtierten gibt es einen vergleichsweise kurzen, aber gehaltvollen und spannenden Text, der die charakteristischen Merkmale der jeweiligen Karriere einzufangen sucht: von großen Siegen ist zu lesen, wie von deprimierenden Niederlagen. Auch Abgründe werden dem Leser nicht erspart, so in einem Porträt des hochbegabten Schiedsrichters Adolf Prokop (87 internationale Spiele), der als Mitarbeiter der Staatssicherheit etliche Spiele im Auftrag seines Arbeitgebers manipulierte und aus Angst vor Tumulten gesperrt werden musste.

Jeder Minibiografie ist ein Foto beigefügt – und diese Fotos machen die vielleicht größte Stärke des Buches aus. Sie sind in der Regel eher unspektakulär, korrespondieren aber vorzüglich mit den Texten. Diese gelungene Symbiose von Bild und Artikel kann man gar nicht genug loben.

Ein schönes Beispiel dafür, findet sich bei Rüdiger Schnuphase, der für Erfurt und Jena spielte und bis heute der einzige deutsche Spieler ist, dem es gelang, als Verteidiger Torschützenkönig der höchsten Spielklasse zu werden. Über ihn ist zu lesen: Seine Furchtlosigkeit wurde Schnuphase, der auf nahezu keinem Foto lächelt und dessen melancholischer Gesichtsausdruckhäufig an den eines Boxers mit Außenseiterchancen erinnerte, schließlich zum Verhängnis … (Anmerkung: Schnuphase verletzte sich bei einem Spiel gegen Sparta Rotterdam schwer, woraufhin er seinen Stammplatz in der Nationalmannschaft verlor.)

Wie treffend diese physiognomische Beschreibung ist, kann noch heute auf der Haupttribüne des Erfurter Stadions besichtigt werden, wo Rüdiger Schnuphase bei den Spielen des RWE des Öfteren zu Gast ist.

Das Buch ist in Kapitel unterteilt, die beispielsweise Strategen, Tormaschinen, Abwehrrecken, aber auch Wende-Stars und Staatsflüchtlinge heißen. Am Ende stehen die Besten 12 aus 40 Jahren. Wie quasi alles im Fußball ist diese Kategorisierung, sowie die Auswahl der Spieler, Trainer und Schiedsrichter diskutabel. Als Erfurter vermisst man den großartigen Torwart Horst Weigang, immerhin DDR-Fußballer des Jahres 1965 und Nationalspieler, oder seinen Nachfolger im RWE-Gehäuse, den grandiosen Exzentriker Wolfgang Benkert. Allerdings wird dies allen so gehen, die in der DDR Anhänger eines Oberliga-Vereins waren: Irgendeinen vermisst man immer.

Es ist den Autoren kein Vorwurf zu machen, dass viele Spieler des 1. FC Magdeburg, von Dynamo Dresden, Carl Zeiss Jena, oder des BFC im Buch vertreten sind. Das waren nun einmal die dominierenden Vereine des Ostens; bei ihnen spielte die Mehrzahl der besten Fußballer. Die Auswahl beschränkt sich allerdings keineswegs auf die 60iger bis 80iger Jahre. Es spricht für die Akribie der Verfasser, dass sie das mühselige Eintauchen in die Archive nicht scheuten. So finden sich im Buch ebenfalls die herausragenden Fußballer der Nachkriegszeit, die wie Helmut Nordhaus (in Erfurt) und Dieter Erler (in Chemnitz) ihre Vereine zu Meisterschaften und frühem Ruhm führten.

Der Band erzählt die Geschichten der Helden des DDR-Fußballs. Es ist die Reise in eine versunkene Welt. Durchaus nostalgisch, allerdings ohne Larmoyanz und völlig frei von Ostalgie. Die beiden Autoren überlassen es dem Leser, die 77 Kurzbiografien in ein Gesamtbild zu fügen.

Wir haben mit diesem schönen Buch, was es bisher nicht gab: eine Hall of Fame des Ostfußballs, die manche mit Wehmut, andere mit glänzenden Augen, aber alle mit Gewinn betrachten werden.

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