Archiv für Rot-Weiß Erfurt

RWE – Chemnitz 0:0 / Emmerling – Schädlich 0:1

So kopflos wie eine abgelegte Mütze: das Spiel des RWE

Am Ambiente lag es nicht. Freitagabend, Flutlicht, fast 10.000 Zuschauer. Großartige Stimmung im Steigerwaldstadion. Auch wenn die Choreo der Haupttribüne nicht völlig gelungen war und von den Ultras unseres geliebten mitteldeutschen Kuschelsenders die mediale Weiterverbreitung verweigert wurde. 1500 glänzend aufgelegte Chemnitzer Fans hatten ihren Anteil an einem atmosphärisch gelungenen Abend. Beide Fanlager traten überdies den Beweis an, dass ein Spiel zweier Traditionsmannschaften, die auf eine lange Fußballrivalität zurückblicken, nicht automatisch von Gewalt begleitet sein muss. Leider konnte das Geschehen auf dem Feld dem äußeren Rahmen nicht ansatzweise gerecht werden. Das lag in erster Linie am platzbauenden Verein, dem FC Rot-Weiß Erfurt.

Der Mann mit der Mütze (siehe oben), seit nunmehr 31 Jahren mein Begleiter bei den Heimspielen des RWE, bemerkte es als erster: Nils Pfingsten-Reddig nur auf den Bank. Ungläubiger Blickkontakt, begleitet von hochgezogenen Augenbrauen meinerseits. Never change a winning team, sagte der Mann mit der Mütze. Es sei denn du kannst es stärker machen, grummelte es in mir. Für drei Punkte hätte ich gerne darauf verzichtet, meine Skepsis durch den weiteren Fortgang der Dinge bestätigt zu finden.

Es begann schon anders als erwartet: Der RWE zögerlich, zaghaft, zaudernd. Angsthasenfußball. Nichts zu spüren vom Selbstbewusstsein, den ein herausragend erspielter Auswärtssieg eigentlich zur Folge haben sollte. Der CFC (mit den Ex-Erfurtern Sträßer und Stenzel) begriff schnell, das hier vielleicht mehr zu holen sein könnte, als ein mittels taktischer Disziplin ergurktes Unentschieden. Und hatte die ersten Möglichkeiten des Spiels. Über das gesamte Spiel hinweg, waren die Chemnitzer Torchancen von etwas höherer Qualität als die des RWE. Hundertprozentige, klar herauskombinierte Möglichkeiten gab es jedoch auf beiden Seiten nicht. Wenn es so was überhaupt gibt, dann haben wir am Freitagabend ein typisches Null-zu-Null-Spiel gesehen durchlitten.

Der einzige Erfurter Spieler der – für diese Abend – mit dem Hauptwort Tormöglichkeit in ein und demselben Satz vorkam, war Gaetano Manno. Der Deutsch-Italiener und freie Radikale des RWE-Angriffs rackerte wie ein Berserker und lief so unermüdlich wie ein Duracellhase. Allerdings bin ich sicher, dass das taktisch so nicht geplant war und Manno viel mehr seine Position auf der rechten Seite halten sollte. Er veränderte diese taktische Vorgabe wohl deshalb, weil ihm relativ schnell klar war, dass er dort keine verwertbaren Zuspiele erhalten würde. Und wollte auf diese Weise dem Schicksal Drexlers, auf der anderen Seite, entgehen. Was wiederum das Problem nach sich zog, dass der RWE mit drei Mittelstürmern agierte, damit allerdings das Mittelfeld den Chemnitzern überließ.

Es wäre vermessen, wenn ich jetzt behaupten würde, dass wir mit Nils Pfingsten-Reddig besser gespielt oder gar gewonnen hätten. Aber das Spiel in Unterhaching hat gezeigt, welche gravierenden Folgen taktische Änderungen haben können. Um eines vorweg zu sagen: Danso Weidlich war ganz klar einer des besseren Spieler des RWE an diesem Abend. Jedoch, meiner bescheidenen Meinung nach: er ist kein Sechser. Zu seinen Vorzügen zählen eine unglaublich starke Physis und die Fähigkeit auch mal zwei oder drei Spieler auf dem Weg nach vorn stehen zu lassen. In seiner Spielweise durchaus an Lúcio erinnernd. Jedoch liegt hier auch ein Problem. Auf den Außenbahnen, das hat Danso oft genug bewiesen, kann dies ein taktisches Mittel sein, eine Abwehr in Verlegenheit zu bringen. Im hochkritischen, verdichteten Mittelfeldzentrum hingegen, sind lange Sturmläufe mit dem Ball am Fuß ungeeignet zur Spieleröffnung. Zu hoch das Risiko eines Ballverlustes, zudem ist es leicht ausrechenbar und – im massiv besetzten zentralen Mittelfeld – gut zu unterbinden.

Spielertypen wie Pfingsten-Reddig sind im heutigen Fußball so einer Art Passroboter. Mit hoher Präzision sollen sie das Spiel aus der Abwehr eröffnen, am besten mit Raumgewinn, also vertikal oder diagonal nach vorn. Zweikämpfe sind eher zu vermeiden, denn die kann man leicht verlieren. Was – so nahe am eigenen Strafraum – fast zwangsläufig zu Tormöglichkeiten des Gegners führt. Bei der Bewertung von Weidlichs Leistung muss fairerweise berücksichtigt werden, dass er auf dieser Position über keine nennenswerte Erfahrung verfügt. 45 Minuten in einem Auswärtsspiel zählen da nicht wirklich.

Zu Beginn der Begegnung spielten sie es taktisch wie gehabt (nur halt ohne Pfingsten): Weidlich war der erste Adressat für die Innenverteidiger, Zedi agierte recht deutlich davor. Aber es funktionierte nicht. Weder gab es Zuspiele in die Mitte (auf Zedi, oder einen der Stürmer) noch konnten die Außen ins Spiel eingebunden werden. Dann versuchte sich Zedi, das Dilemma erkennend, für ein paar Minuten in der Spieleröffnung (ohnehin nicht seine Stärke) – und ebenfalls mit überschaubarem Erfolg. Anschließend passten sich die Verteidiger über weite Strecken der Partie den Ball gegenseitig zu, siebzig Meter vom Chemnitzer Tor entfernt. Ratlosigkeit machte sich breit, die bis zum Ende anhielt. Sicher, ein paar Mal schleppte Danso den Ball gefällig durch Mittelfeld, aber außer einer Ecke sprang dabei nicht viel heraus. Unmittelbare wie mittelbare Torgefahr – Fehlanzeige.

Ein Verdienst von Gerd Schädlich. Der Großmeister des ostsächsischen Catenaccio verzichtete auf offensives Pressing und nutzte die so gewonnen Ressourcen zur Doppelung der Außenpositionen und einem gut organisierten Zustellen der zentralen vertikalen Passwege. Diese simplen taktischen Mittel genügten, um dem RWE die Luft abzuwürgen. Läuferisch, kämpferisch und konditionell sind Mannschaften die von Gerd Schädlich trainiert werden sowieso stets vorn dabei. Allein mit kämpferischen Mitteln ist ihnen nicht beizukommen.

Im Gegensatz zum Sieg in Unterhaching fehlte unserem Trainer der Mut zu gravierenden Korrekturen. Um an der weitgehenden Agonie des Angriffspiels etwas zu ändern, wäre das dringend geboten gewesen. Die Wechsel die er vornahm blieben mir ein Rätsel. Das Lächeln der Mona Lisa nichts dagegen. Das Duell der Trainer ging an diesem Abend an den knurrig-sympathischen Sachsen Schädlich. Nun ja, zum Trost sei Stefan Emmerling zugerufen: man kann den Kollegen halt nicht immer so düpieren, wie das von einer Woche gegen Heiko Herrlich herrlich gelang. Trotzdem – man hätte es wenigstens versuchen können.

Bei aller Kritik: wir haben nicht verloren. Die Chemnitzer verteidigten gut, der RWE ebenfalls. Der CFC versuchte die spielerische Verunsicherung der Erfurter zu nutzen, das gelang zum Glück nur in Maßen. Zudem erwischte Tom Bertram einen prima Tag und war an diesem Abend bester Erfurter Spieler. Am Boden und in der Luft kaum zu überwinden. Das trifft – bis auf einen Fehler – ebenso auf Oumari zu. Nur zwei Gegentore in den letzen sechs Spielen sind beredtes Zeugnis einer Stabilisierung der Defensive auf hohem Niveau.

Der Mann mit der Mütze sagte nach dem Spiel dasselbe, was er bereits nach den letzten Unentschieden gesagt hatte: Was soll’s, dann werden wir halt auswärts gewinnen. Sollte das wieder eintreffen, werde ich ihn beim nächsten Heimspiel Nostradamus nennen.

Unterhaching – RWE 1:3 / Schöne Aussichten

Alles schien wie immer zu laufen, wenn der RWE im Münchner Vorort Unterhaching antritt. Nach dem schnellen Rückstand waren alle Vorgaben des Trainers die Kreide nicht mehr wert mit der sie die Taktiktafel zierten. Schier unbegreiflich, dass die Hachinger ein halbes Dutzend bester Möglichkeiten in Halbzeit eins nicht nutzten. Unbegreiflich, aber gut. Für uns. Das Spiel seiner Mannschaft in den ersten 45 Minuten anzusehen, muss ein Grauen für Stefan Emmerling gewesen sein. Denn eine mikrotaktische Änderung kann man die Einwechslung von Gaetano Manno, vor allem aber die damit verbundenen Konsequenzen, kaum nennen. Ich will nicht sagen, dass Emmerling Vabanque spielte; sehr, sehr riskant war es in jedem Fall. Am Ende stand ein überragender Sieg, erspielt innerhalb der besten 45 Minuten Fußball, die der RWE in dieser Saison ablieferte.

Die Aufstellung Baumgartens in der Startformation war durchaus eine kleine Überraschung. Doch vielleicht hatte die Vorstellung Rauws in Gotha, der beim Pokalspiel die freie Sechser-Position probeweise innehatte, Emmerling ebenso wenig überzeugt wie mich. Hinzu kam, dass auch Ofosu-Ayeh nicht wirklich überzeugen konnte, so dass es nicht ratsam schien die Baustelle auf der rechten Abwehrseite mit ihm zu verschlimmbessern. Hinten blieb – während des gesamten Spiels – alles wie gehabt (wenn niemand verletzt oder gesperrt ist): Sponsel im Tor, Oumari und Bertram in der Innenverteidigung, Rauw auf rechts und Caillas links. Ich sehe gerade bei kicker.de, dass alle Spieler unserer Viererkette die Note 3 für ihre Leistung bekommen haben. Das lass ich mal so stehen. Nein, das kann ich nicht so stehen lassen. Eingedenk der Tatsache, dass wir, wenn alles normal läuft, mit einem 0:3 (oder höher) in die Kabine gehen, können sie mit dieser Benotung des Fachmagazins zufrieden sein.

Im Mittelfeld ersetzte Baumgarten Pfingsten-Reddig, vielmehr: er hätte ihn ersetzen sollen. Das ist keine Schelte an unserem Nachwuchstalent. Der Konjunktiv begründet sich in erster Linie durch meine immens stabile Meinung, dass Nils Pfingsten-Reddig derzeit durch keinen anderen Spieler dieser Mannschaft adäquat zu ersetzen ist. Seine Spielintelligenz, seine Sicherheit bei der Spieleröffnung, sein Gespür für freie Räume sind unverzichtbar. Genauso wie die Entschlossenheit eines Rudi Zedi hinsichtlich der Unterstützung von Angriffsaktionen.

Mit Beginn der zweiten Halbzeit kam Manno für Baumgarten. Weidlich nahm dessen Position im defensiven Mittelfeld ein, Manno wiederum spielte auf rechts. Seinem Temperament, seiner Ausbildung und der Intention seines Trainers gemäß, agierte er deutlich offensiver als Weidlich, so dass der RWE bei eigenen Angriffen mit vier Stürmern die Hachinger Defensive bedrängte. Die zeigte sich dieser Aufgabe nicht gewachsen und wurde in den 20 Minuten nach der Pause in Grund und Boden gespielt. Bevor der Trainer der Hachinger (Heiko Herrlich) so recht fassen konnte was da geschah, stand es 3:1 für den RWE und die Messe war gelesen.

Wir führen an dieser Stelle – und für genau einen Spieltag – mal die Rubrik Mann des Tages ein. Vor allem deshalb, weil es mir die Gelegenheit gibt, ein paar nette Sachen über einige Protagonisten des RWE zu verlieren:

Kandidat 1: Andreas Sponsel. Wie schon in Saarbrücken (bei seinem Debüt) ein Garant des Erfolges. Allein die Parade gegen den heranstürmenden Avdic war gleichermaßen gekonnt wie überlebensnotwendig. Das zweite Tor für die Hachinger wäre – sehr wahrscheinlich – das Ende aller Hoffnungen gewesen. Allerdings hatte er Hilfe, durch:

Kandidat 2: Olivier Caillas. Der Deutsch-Franzose würde vermutlich auf Jahre hinaus jede Umfrage der dritten Liga nach dem unbeliebtesten Spieler gewinnen. Egal ob man Zuschauer, oder Spieler der anderen Mannschaften fragt. Ich finde ihn großartig. Unser Agent Provocateure lief Avdic zwar 20 Meter hinterher, als dieser allein auf Sponsel zusteuerte, gestikulierte aber wild und zeigte seinem Keeper an, in welche Ecke der Hachinger Angreifer schießen würde (nach rechts). Und lag völlig richtig damit. Das habe ich so auch noch nie gesehen. Sensationelle Szene.

Kandidat 3: Denis-Danso Weidlich. Bereits in der letzten Saison zählte Danso zu den Leistungsträgern der Mannschaft. Robuste Physis, gute Technik, vor allem aber seine Durchsetzungsfähigkeit im eins gegen eins gehören zu seinen Trümpfen. Sein taktisches Verständnis ließ bisweilen zu wünschen übrig. Daran haben Spieler und Trainer gearbeitet, jedenfalls bot Danso auf der anspruchsvollen zentralen Mittelfeldposition (in Halbzeit zwei) eine großartige Leistung.

Kandidat 4: Gaetano Manno. Ich bin sowieso ein Fan des Italieners. Zugegeben, nicht all seine Spiele für den RWE waren so beeindruckend wie jenes am Freitag. Dies mag aber auch daran liegen, dass es schwierig für ihn war (vielleicht noch ist), seine Rolle in der Mannschaft zu finden. Ständig zwischen Bank, Angriff, rechtem Mittelfeld und dem Hemingway changierend, hätte wohl jeder ein Problem ständig optimale Leistungen abzurufen. Eines konnte man ihm allerdings nie absprechen: Einsatzwillen und Laufbereitschaft. Emmerling hat mit ihm den Sieg eingewechselt.

Kandidat 5: Marcel Reichwein. Der viel gescholtene Stürmer klausfischerte mit einem Traumtreffer die Führung. Mehr muss man nicht sagen. Just enjoy it.

Kandidat 6: Dominick Drechsler. Hat diese Saison bereits das ein oder andere gute Spiel gezeigt. Es fehlte die Konstanz. Für einen 21jährigen ist das eher normal. Was für fast alle offensiven Spieler des RWE zutrifft, gilt ganz besonders für ihn: Arbeitet viel nach hinten, hat große Stärken im offensiven eins gegen eins und spielt äußerst mannschaftsdienlich; meistens mit dem Blick für den besser positionierten Mitspieler. Wenn es bei ihm so läuft wie am Freitag, ist er ein Albtraum für jede Verteidigung.

So, jetzt habe ich bereits die halbe Mannschaft aufgelistet und bin doch noch nicht am Ende. Einer fehlt noch, nämlich:

Kandidat 7: Stefan Emmerling. Hat alles gewagt und gewonnen. Wer diesen Blog halbwegs regelmäßig liest, dem wird nicht entgangen sein, dass ich große Stücke auf unseren Trainer halte. Deshalb gönne ich ihm von ganzem Herzen den Triumph, mit seinem Willen zum Risiko den entscheidenden Akzent zum Sieg gesetzt zu haben. Wohl wissend, dass dies am kommenden Freitag schon (fast) niemand mehr weiß, sollten wir gegen Chemnitz nicht gewinnen.

Das Benennen so vieler Kandidaten für den Mann des Tages macht deutlich: ein Sieg hat zumeist viele Väter, was in diesem Fall überhaupt nicht ironisch gemeint ist. Eine völlig unvermutete und deshalb umso eindrucksvollere Steigerung der gesamten Mannschaft war letztendlich ausschlaggebend für diese enorm wichtigen drei Punkte. In den letzten sechs Spielen wurde exakt der „Aufstiegsdurchschnitt“ von 2 Punkten pro Spiel erreicht. Nach drei Auswärtssiegen in Folge hätte niemand etwas dagegen, das arithmetische Mittel gegen formschwache Chemnitzer weiter anzuheben. Jeder weiß jedoch: angeschlagene Boxer sind am gefährlichsten.

Wacker Gotha – RWE 1:3 / Gezittert nur der Kälte wegen

Habichhorst macht den Zidane. Nur schlimmer. / Foto: © mdr

Rudi Zedi hat sich am Samstag um meine körperliche Unversehrtheit verdient gemacht. Sein Tor in der 86. Minute bewahrte meine Füße vor der Amputation und den RWE vor einer Verlängerung. Während meine Schuhwahl leichtsinnig war, konnte man dies von Auf- und Einstellung des RWE nicht behaupten.

Dennoch galt im Gothaer Volksparkstadion der Satz Johann Cruyffs: Die können gegen uns nicht gewinnen, aber wir können gegen sie verlieren. Deshalb mied Stefan Emmerling jedes Risiko und bot seine erste Elf auf (mit Ausnahme Zedis, der sich unter der Woche einer Zahn-OP unterziehen musste und zunächst auf der Bank saß). Das gab Emmerling die Chance für ein personelles Experiment: Rauw spielte an der Seite von Pfingsten-Reddig im defensiven Mittelfeld, dafür kam Ofosu-Ayeh auf der rechten Seite der Viererkette zum Einsatz. So könnte es auch in Unterhaching aussehen, nur dass dort Pfingsten-Reddig fehlen wird. Ich will mich nicht des unentwegten Rauw-Bashings schuldig machen, aber soviel sei erlaubt: er konnte Zedi nicht adäquat ersetzen. Ich habe meine Zweifel, ob der Belgier für diese Position schnell genug ist, seine Formkurve in den letzten Wochen zeigt ebenfalls nach Süden. Nachdem was ich in Gotha gesehen habe, wäre ich eher für einen Einsatz von Humbert. Oder – allerdings sehr unwahrscheinlich – Maik Baumgarten bekommt eine Chance. Selbstvertrauen sollte er nach den letzten Erfolgen der A-Junioren ausreichend haben. Und seien wir ehrlich: viel verlieren können wir in Unterhaching nicht.

Noch größere Sorgen bereitet mir die rechte Abwehrseite. Man kann nicht mal behaupten, dass Ofosu-Ayeh schlecht gespielt hat. Er hat keinen großen Fehler gemacht, was allerdings gegen die harmlosen Wacker-Amateure kein besonderes Verdienst war. Sein Hauptproblem heißt: Hektik. In die verfällt er allzu häufig, wenn es eng und schnell wird. Im Gegensatz zum Samstag, sind derartige Spielsituationen in der 3.Liga aber die Regel. Derzeit nur bedingt drittligareif.

Es mag jetzt überraschen, aber abgesehen von diesen Beobachtungen, hatte ich am Auftritt des RWE nicht so viel auszusetzen. Die Konstellation ist ja geläufig: ein bis in die Haarverlängerungen hinein motivierter Außenseiter, trifft auf ein höherklassiges Team, das wenig gewinnen, jedoch alles verlieren kann. So sah das dann auch aus, wobei ich nicht eine Sekunde lang zweifelte, wer den Platz als Sieger verlassen wird. Gezittert habe ich nur wegen der Kälte. Der RWE war in allen Belangen überlegen: technisch, taktisch, läuferisch. Woran es mangelte war die letzte Entschlossenheit und Konzentration, um aus dieser Überlegenheit Zählbares zu machen. Bis dann Rudi Zedi, Mister Entschlossenheit himself, seinen Mitspielern in dieser Königsdisziplin des Fußballs eine Lektion erteilte. Wobei es zweifellos kein Nachteil war, dass Wacker zu diesem Zeitpunkt nur noch mit neun Spielern auf dem Platz stand.

Dabei könnte man es belassen, wäre da nicht diese unglaubliche Szene, in der der Gothaer Spieler Michael Habichhorst dem Schiedsrichter in Martial-Arts-Manier seinen Kopf gegen den Brustkorb rammt. Im höherklassigen deutschen Fußball (Definition von höherklassig: das Spiel wurde im Fernsehen gezeigt) ist mir eine ähnliche Szene nicht geläufig. Der Thüringer Fußballverband steht jetzt vor der Aufgabe, dafür eine angemessene Bestrafung auszusprechen. Ich kenne Michael Habichhorst nicht persönlich, und nehme jetzt einfach mal zu seinem Gunsten an, dass er in seinem bisherigen Leben als Fußballer ein tadelloser Sportsmann war. Trotzdem: wie man hier und hier und hier nachlesen kann, nehmen körperliche Angriffe auf Schiedsrichter inzwischen dramatische Ausmaße an. Das rührt an die Grundlagen des Spiels und dies wissen auch die Offiziellen des Verbandes. Michael Habichhorst wird wohl vergebens auf ein gnädiges Urteil hoffen. Für die Bewertung dieser Tätlichkeit spielt es keine Rolle, deshalb sei es nur der Vollständigkeit halber erwähnt: der Schiedsrichter lag bei allen Entscheidungen richtig.

Im RWE-Forum hat jemand Stefan Emmerling aufgefordert, die Mannschaft nach der gestrigen Leistung einem Straftraining zu unterziehen. Ich möchte gar nicht wissen, was derjenige gefordert hätte, wenn das Spiel verloren gegangen wäre. Wie gut, dass unser Trainer – in dem das Auftreten seiner Mannschaft gewiss keinen Endorphinschub auslöste – derartigem populistischen Blödsinn nicht zuneigt.

Am nächsten Wochenende geht es nach Unterhaching und ich hätte nichts dagegen, wenn ich – gegen jede statistische Wahrscheinlichkeit – mal über einen Sieg bei den Oberbayern schreiben könnte.

RWE – OFC 0:0 / Anspruch trifft auf Realität

Es gab Zeiten, da war ich wesentlich öfter auf dem Bieberer Berg als im Steigerwaldstadion. Was in erster Linie daran lag, dass ich einige Jahre im Rhein-Main-Gebiet wohnte und die wirklich wertvollen Menschen dort, Anhänger der Offenbacher Kickers – und eben nicht der Frankfurter Eintracht – sind. Mithin kein Wunder, dass ich für den OFC eine andauernde Sympathie hege, die immer nur suspendiert ist, wenn die Kickers gegen uns antreten.

Beide Klubs haben eine wechselvolle Geschichte, die jeweils mehr Downs als Ups kennt. Und, obwohl beide in den letzten Jahren stabil in der Drittklassigkeit verharren (sie spielen um die Tabellenführerschaft in der ewigen Tabelle der 3.Liga), ist die Sehnsucht nach Aufstieg, Erfolg und Glanz ungebrochen. Das manifestiert sich auch äußerlich: in Offenbach ist das neue Stadion fast fertig, in Erfurt erwartet man den Baubeginn für nächstes Jahr.

In Erinnerung an bessere Tage, empfinden es die Anhänger beider Klubs als Zumutung gegen Vereine wie Heidenheim, Sandhausen, Wehen, Burghausen oder Aalen überhaupt antreten zu müssen. Nach dem gestrigen Spiel muss man sagen: es wäre leichtsinnig darauf zu wetten, dass sich dies schnell ändert. Dann könnte man auch in Griechenland-Anleihen investieren.

Aus Sicht des RWE war es wie gegen Münster. Nur umgekehrt. Auf eine enttäuschende erste Halbzeit folgte eine nicht eben berauschende, aber deutlich bessere zweite Hälfte. Arie van Lent hatte gut analysiert und sein Team defensiv eingestellt. Sich auf einen offenen Schlagabtausch mit dem RWE einzulassen, schien ihm nicht ratsam. Doch der OFC begann nervös und so boten sich den Erfurtern in den ersten zehn Minuten einige Möglichkeiten. Mit zunehmender Spieldauer stabilisierten sich die Offenbacher, ließen hinten nichts mehr zu und kamen selbst zu gefährlichen Angriffen. Chancenvorteile für den OFC in Halbzeit eins. Das Spiel: unansehnlich und langweilig.

Nach dem Wechsel unternahm der RWE einiges, um eine Fortsetzung der Remis-Serie im eigenen Stadion zu vermeiden. Es wurde mehr riskiert, das Geschehen spielte sich fortan recht einseitig in der Hälfte des OFC ab. Die größte Chance vergab Zedi, als er an Endres aus kurzer Distanz scheiterte. Trotzdem, dem OFC boten sich nun Kontermöglichkeiten, die jedoch ziemlich hibbelig vertan wurden. Bei der größten und kuriosesten, stürmten gleich sechs Offenbacher in Richtung Sponsel und nur dem verzweifelten Einsatz von Thomas Ströhl war es zu danken, dass diese Szene nicht mit einem Tor für den OFC endete. Kurios was die Szene deswegen, weil man eine Unterlegenheit von zwei gegen sechs Spielern im Profifußball nicht so häufig sieht. Emmerling war der Schreck darüber nach dem Spiel anzumerken, jedenfalls war es genau diese Situation, die er im MDR-Interview erinnerte.

Andreas Sponsel spielte fehlerfrei, nur ein Gegentor in vier Spielen, eine Bilanz die sich sehen lässt. Oumari entwickelt sich mehr und mehr zum Abwehrchef. Chef bedeutet in diesem Zusammenhang ausnahmsweise mal, dass da jemand sehr gute Arbeit leistet. Von Bertram konnte man dies nur eingeschränkt behaupten. Die beweglichen Offenbacher Stürmer ließen ihn zwei- bis dreimal nicht gut aussehen und das ist – bei einem Innenverteidiger – zwei- bis dreimal zu viel. Ströhl hatte seine beste Szene bei der oben bereits beschriebenen Überzahlattacke der Offenbacher. Ansonsten liegt seine größte Stärke im offensiven Flügelspiel. Sein größtes Manko war, dass diese Stärke enervierend selten genutzt wurde, was aber nötig gewesen wäre, um das Fehlen von Caillas aufzufangen. Bernd Rauw. Tja. Nach zehn Minuten dachte ich: okay, das sieht ja heute schon deutlich besser aus. Was seine individuelle, körperliche und spieltechnische Verfassung betrifft, würde ich zu dem Urteil – auch das gesamte Spiel einschließend – stehen.

Rätselhaft hingegen, war mir sein taktisches Verhalten, bzw. die taktische Aufgabe, die ihm Emmerling übertragen hatte. Das sich ein Außenverteidiger in die Offensivbemühungen einschaltet, gehört quasi zu seiner Jobbeschreibung. In der Regel tut er dies allerdings auf “seiner” Seite. Bernd Rauw orientierte sich hingegen wiederholt in die Mitte des Spielfeldes, als einer Art dritter Sechser. Das kann man so machen (warum auch immer), allerdings werden die Räume im Mittelfeld dadurch nicht größer, da sich die gegnerischen Abwehrspieler dann auch vermehrt in die Spielmitte orientieren. In jedem Fall muss dies aber gut abgesichert werden. Hier lag das eigentliche Dilemma. Exemplarisch dafür, war eine Szene kurz vor der Halbzeit, als Rauw – mehr im Dauerlauf als im Sprint – bei einem Angriff des OFC zu spät nach hinten kam. Oumari konnte klären, hatte dann aber das unmittelbare Bedürfnis, mit seinem Verteidigerkollegen einige Worte zu wechseln. Ich bin sicher: Bernd Rauw verfügt über die spielerischen Qualitäten im defensiven Mittelfeld eingesetzt zu werden, trotzdem (oder vielleicht gerade deswegen) wirkte das Ganze auf mich erschreckend unkoordiniert.

Ebenfalls nicht gefallen, hat mir die Defensivleistung der beiden zentralen Defensivspieler. Ihre Stärken im Spielaufbau (Pfingsten-Reddig) und als Ergänzungsstürmer (Zedi) sind unbestritten. Mit den quirligen Kickers-Angreifern hatten sie jedoch auffällige Probleme (vor allem in der ersten Halbzeit) und im eins gegen eins allzu oft das Nachsehen. Glück für uns, dass der OFC diese Vorteile meist nicht in direkte Torgefahr umformen konnte.

Marcel Reichwein bot eine Leistung, die manche (wenige) als unauffällig und andere (viele) als schwach charakterisieren würden. Ich denke, beides stimmt. Unauffällig war er deshalb, weil es den Kickers sehr gut gelang, Anspiele auf ihn möglichst zu unterbinden. Van Lent war offensichtlich klar, dass Reichwein die Schaltstation bei Erfurter Angriffen über die Mitte sein würde. Seine Spieler setzten die Vorgaben ihres Trainers mit großem läuferischen Aufwand und einigem taktischem Geschick um. Deshalb hatte er – für seine Verhältnisse – wenig Ballkontakte. Schwach war seine Leistung, weil er aus den Zuspielen die er bekam, wenig machte. Daher, dies allerdings gleichfalls untypisch für sein Spiel, die hohe Anzahl von Fehlabspielen. Es hatte keinen guten Tag, aber das soll vorkommen im Leben.

Allen negativen Einwänden zum Trotz: ein Sieg des RWE wäre nicht unverdient gewesen. Schon allein auf Grund der deutlichen Steigerung in der zweiten Halbzeit. Kämpferisch war der Mannschaft kein Vorwurf zu machen. Spielerisch blieb sie vieles schuldig. Es wäre aber fast schon überraschend gewesen, wenn der Ausfall von Caillas und Morabit in dieser Hinsicht folgenlos geblieben wäre.

So blieb, aus der Perspektive des RWE-Fans, das eigentliche Highlight dieses Fußballnachmittags ein Bericht des mdr, anlässlich des 20. Jahrestages unseres letzten Auftritts in einem internationalen Wettbewerb. Wir schieden damals in der zweiten Runde des UEFA-Cups, gegen den späteren Sieger Ajax Amsterdam aus. Der junge Trainer der Holländer hieß: Louis van Gaal. Sensationell, wie er seine – mit Stars reichlich bestückte – Mannschaft in der Halbzeitpause (der RWE führte 1:0) zusammenfaltete. Festgehalten wurde dieses schöne Stück Fußballgeschichte von Torsten Ehlert, dem langjährigen Physio des RWE. Großes Kino, Herr Ehlert!


 

Heidenheim – RWE 0:1 / Sieg statt Albtraum

Mein Herz blieb stehen. In der 79. Minute hakte der RWE-Ticker. Für eine Weile stand da nur:

Eine Flanke von rechts ist eigentlich ungefährlich

Daraufhin ein atheistisches Stoßgebet: Bitte, lieber Fußballgott, mach‘ das der Ball vorbei geht! Nach einer gefühlten Ewigkeit die Entwarnung: … Rauw allerdings klärt zu überhastet direkt vor die Füße von Weil, dessen Schuss Sponsel gerade so parieren kann. 10 Minuten und es geht weiter mit Eckball für RWE auf der anderen Seite.

Danke, lieber Fußballgott.

Es blieb die einzige Anrufung höherer Mächte an diesem Nachmittag. Allzu viele prekäre Situationen mussten nicht mehr überstanden und der zweite Auswärtssieg in Folge für den RWE konnte bejubelt werden. Dabei war es sicher nicht von Nachteil, dass die Heidenheimer unter der Woche 120 Minuten im Pokal gefordert waren, um dann im Elfmeterschießen doch noch an der Gladbacher Borussia zu scheitern. Die Spannung hätte es ohnehin nicht gebraucht, denn vor allem in der ersten Halbzeit besaß der RWE ausreichend Chancen, um auf der Ostalb frühzeitig alles klar zu machen.

Ich war sehr angetan, dass Emmerling – mit Sebastian Hauck – dieses Mal von Anfang an auf einen jungen Spieler im Sturm setzte, auch wenn das sicherlich in erster Linie darauf zurückzuführen war, dass Manno und Reichwein nicht spielen konnten bzw. gesperrt waren und er sein 4-4-2 nicht aufgeben wollte. Hauck machte seine Sache prima, sehr viel mehr kann von einem Nachwuchsspieler nicht verlangen, der sein Debüt in der Startformation gibt. Ansonsten muss man wohl niemanden besonders hervor heben, es war eine solide Mannschaftsleistung des RWE, das reichte um die Heidenheimer Euphorie – zumindest vorerst – einzubremsen. Entgegen meiner Erwartung spielte Rauw (erneut auf der rechten Abwehrseite und erneut nicht überzeugend). Offenbar traut Emmerling den Alternativen (z.B. Ofosu-Ayeh) nicht wirklich mehr zu.

Ein Sieg also, mit dem nach der überschaubaren Leistung gegen Preußen Münster nicht unbedingt gerechnet werden konnte. Trotzdem würde ich nicht von einer Wundertüte RWE sprechen. Dazu müßten die Leistungen über Wochen krass schwanken. Das tun sie aber nicht.

Was schwankt ist die Ausbeute, die Ergebnisse. Nur hier ist keine Konstanz zu verzeichnen. Mit diesem Problem steht der RWE aber nicht allein da, auch die Offenbacher Kickers (unser nächster Gegner) und etliche andere Vereine der Liga haben damit zu kämpfen. Ich prophezeie mal: das wird über weite Strecken der Saison so bleiben. Kein einziges Team der 3.Liga erreicht derzeit einen Schnitt von zwei Punkten pro Spiel. Nicht mal Sandhausen, die mit immerhin 5 Punkten in Front liegen. Umso enger wird es dann hinter dem Spitzenreiter. Ganze 6 Punkte trennen den Zweiten (Regensburg) von Platz vierzehn (Chemnitz). Das läßt nur einen Schluß zu: Die Mannschaften agieren auf einem sehr ähnlichen Leistungsniveau. Dementsprechend sind viele Spiele sehr eng und bis zum Abpfiff umkämpft. Faktoren wie Schiedsrichterentscheidungen, individuelle Fehler und Zufälligkeiten spielen eine dominantere Rolle als in Ligen, in denen die Leistungsunterschiede größer sind. Solche kaum beeinflussbaren Faktoren sorgen wiederum dafür, dass lange Siegesserien vermutlich ausbleiben werden. Auch wenn ich im Fall des RWE nichts dagegen einzuwenden hätte.

Randnotiz I: Selbst für den mdr war das (Spielbericht Jena-Aalen, ab 08:30 min) eine bemerkenswerte sportjournalistische Entgleisung. Der erste Elfmeter für Jena ist offenkundig eine Fehlentscheidung. Der Aalener bekommt den abgewehrten Ball eines Mitspielers aus ca. einem Meter an die Hand. Es ist ein Rätsel, wie der Schiedsrichter hier auf absichtliches Handspiel entscheiden konnte. Aber gut, shit happens, er hat keine Wiederholung zur Verfügung. Unfassbar hingegen ist, dass der mdr-Reporter so tut, als habe er von dem Unterschied zwischen absichtlichem und unabsichtlichem Handspiel noch nie etwas gehört. Vielleicht hat er ja auch nicht. In jedem Fall ein weiteres Armutszeugnis des Senders: entweder einseitig berichtet oder völlig ahnungslos. Ich vermute: beides.

Randnotiz II: Nicht ganz so dramatisch stellt sich mir die sportliche Kompetenz bei der Thüringer Allgemeinen dar. Trotzdem bin ich auf die nächste RWE-Kolumne von Marco Alles gespannt. Der hatte ja – vor drei Wochen – den Abstiegskampf ausgerufen. Nicht nur für den FCC, sondern auch für den RWE. Das erschien mir sehr voreilig. Unduldsamkeit ist keine journalistische Tugend und zwischen einer Ergebnis- versus einer Leistungskrise wusste die TA schon mal besser zu unterscheiden.

In Jena schossen Villen Tore


Segen für Jena, Fluch für den RWE : Georg Buschner

Die Dissertation von Dr. Michael Kummer zum Thema „Die Fußballclubs Rot-Weiß Erfurt und Carl Zeiss Jena und ihre Vorgänger in der DDR“ umfasst beachtliche 500 Seiten. Ungefähr die Hälfte davon habe ich seit gestern, ja, regelrecht verschlungen. Insofern das bei einer PDF-Datei möglich ist.

Ich kann nur hoffen, dass Dr. Kummer für seine Arbeit eine sehr gute Note bekommen hat, von mir hätte er jedenfalls ein „summa cum laude“ erhalten, das steht jetzt schon fest. Für jeden an Fußballhistorie interessierten Anhänger beider Vereine (aber auch des DDR-Fußballs im Allgemeinen) liegt hier ein Dokument vor, dass im Detail äußerst aufschlussreiche Einblicke in die Binnenverhältnisse der Klubs liefert. Auch aus Rücksicht darauf, dass Dr. Kummer diese Dissertation noch als Basis für ein Buch (soll Herbst 2012 erscheinen) nutzen will, möchte ich hier nicht alles verraten, aber ein paar Überlegungen seien mir – in diesem rein privaten Blog – gestattet:

Die historischen Voraussetzungen beider Vereine waren in etwa gleich. In Erfurt und Jena gab es eine Vielzahl von Fußballclubs, von denen mindestens einer immer eine herausragende Rolle in der jeweiligen Gauliga spielte und diese teilweise für Jahre beherrschte. Diese Zeitspanne umfasst die Jahre von der Jahrhundertwende bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Bereits damals spielten die Zeiss-Werke in Jena eine wichtige Rolle als Sponsor des Fußballs. Nach dem Krieg sollte diese Bedeutung anwachsen.

Und genau an diesem Punkt lag das Erfurter Problem: Kummer arbeitet akribisch heraus, dass die Benennung des Reparaturwerkes Clara Zetkin als Trägerbetrieb des Erfurter Staats-Profifußballs (und um nichts anderes handelte es sich) ein großer Fehler war. Denn dieser Betrieb war, mit seinen knapp 2000 Beschäftigten, schlichtweg zu klein, also wirtschaftlich nicht potent genug, um den Verein attraktiv für gute Spieler zu machen. Es mangelte an allem: an Wohnungen, vernünftigen Trainingsmöglichkeiten und an beruflichen Perspektiven für die Spieler und ihre Angehörigen. Das änderte sich erst 1966, mit der Gründung des FC Rot-Weiß Erfurt, als die Optima (früher: Olympia-Werke) Trägerbetrieb des Klubs wurde. Allerdings zu spät und wohl auch nicht entschlossen genug.

Ganz anders in Jena. Hier übernahm 1958 ein Mann das Traineramt, den man (gerade nach der Lektüre der vorliegenden Doktorarbeit) als einen der interessantesten Protagonisten des DDR-Fußball begreifen muss. Und das ist keineswegs nur positiv gemeint. Für Jena jedoch war Georg Buschner ein Segen. Seine Trainingsmethodik war revolutionär, er arbeite quasi symbiotisch mit einem in Jena sitzenden sportwissenschaftlichen Institut zusammen, dessen Erkenntnisse unentwegt in die Trainingspläne eingearbeitet wurden. Schon am Anfang wechselten einige Erfurter Spieler (z.B. Erwin Seifert) nach Jena und erlebten nicht nur einen Kulturschock, das wäre zu verkraften gewesen, sondern waren geradezu entsetzt über das harte Training (bis zu dreimal am Tag, erbrechen nach dem Waldlauf inklusive). Dagegen empfanden sie das Training in ihrem alten Verein als regelrechtes Freizeitvergnügen. Doch das harte (heute weiß man: teilweise überzogene) Training war nur ein Grund des Jenaer Erfolgs. Der andere, mindestens genauso wichtige, war die unglaublich aggressive Abwerbung guter Spieler aus anderen Clubs.

Auch dahinter steckte Georg Buschner, dem allerdings bereitwilligst alle notwendigen Ressourcen des Zeiss-Werke zur Verfügung standen. Von Handgeldern bis zu 50.000 Mark ist hier die Rede. Aber Geld, wenn vielleicht auch nicht soviel, wurde überall reichlich bezahlt. Was daneben noch eine große Rolle spielte, war die Tatsache, dass sich viele Spieler – quasi auf einem speziellen Jenaer Bildungsweg – und teilweise ohne Abitur, en passant zum Diplom-Sportlehrer ausbilden lassen konnten. Das war einmalig und gleichzeitig sehr attraktiv. Gute Arbeitsstellen für die Ehefrauen, manchmal auch für die Eltern, hatte Zeiss ohnehin im Angebot.

Auf dem Gipfel, im Wortsinn, warteten die Villen. Sehr verdienten Spieler der Jenaer Mannschaft wurde aus dem Vermögen der Zeiss-Stiftung Villen in attraktivster Jenaer Lage zum Kauf angeboten. Wechselwilligen Spielern, von denen man sich überragendes versprach, wurde solche Häuser in Aussicht gestellt. So auch Lutz Lindemann, der in einem klapprigen Trabant aus Erfurt herüber kam. Zitat aus der Arbeit von Dr. Kummer: „Er hat uns hingestellt, uns kleine Leute, die aus einer Neubauwohnung kamen. Und dann hat er gesagt: ‚Wenn du fleißig spielst, wird dir in Kürze so ein Haus gehören.‘ Du hast dich geschüttelt und gesagt: ‚Okay – machen wir alles.‘ “

Er war Paul Dern, Ko-Trainer und Vertrauter Buschners. Das war noch ein, keineswegs unwichtiges, Element der Jenaer Abwerbestrategie: Entweder Dern, oft auch der Meister persönlich, umsorgten die Spieler, die sie verpflichten wollten. Das machte Eindruck und vermittelte Sicherheit, denn ein Vereinswechsel (oder auch nur die bekannt gewordene Absicht) war – auch in der DDR – mit nicht zu unterschätzenden Risiken verbunden.

So baute Buschner seine Meistermannschaften, so kam es, dass Jena und eben nicht Erfurt zu einem der Leistungszentren des ostdeutschen Fußballs wurde. Doch Jena, vor allem aber Buschner, übertrieb es. 1976 wurde Rüdiger Schnuphase nach Jena delegiert, 1977 folgte ihm Lutz Lindemann. Damals war Buschner zwar bereits Nationaltrainer, übte jedoch noch immer großen Einfluss auf die Jenaer Geschicke aus (über Vertraute wie Dern und seine Macht im Verband). Er entschied quasi im Alleingang den Transfer der beiden Erfurter Hoffnungsträger an die Kernberge. Das besiegelte endgültig die tiefe Abneigung der Erfurter Fußballanhänger gegen den Rivalen im Osten, die bis heute ungemindert fortbesteht.

RWE – Preußen Münster 1:1

Interessante Choreografie im Fanblock

Diese kleine asoziale Sau in mir, hätte Bernd Rauw nach zehn Minuten vom Feld geholt. Aber heutzutage heißen Trainer ja nicht von ungefähr Fußball-Lehrer. Emmerling ließ sich damit 69 Minuten mehr Zeit, wohl auch, weil sich die Leistung des Belgiers in der zweiten Halbzeit – auf niedrigem Niveau – stabilisierte. Schwer verständlich, dass die Abstimmung auf der rechten Abwehrseite des RWE in der ersten Halbzeit so desolat war. Schließlich hatte man in dieser Konstellation bereits letzte Woche in Saarbrücken gespielt und sicher auch unter der Woche daran gearbeitet. Rauw wollte zuviel. Er schaltete sich ständig in die Angriffe ein, ohne an diesem Tag die spielerische Sicherheit zu haben, die dafür notwendig gewesen wäre. Was bei den Kontern zu großen Lücken führte, die von den Innenverteidigern zugelaufen werden mussten. Das gelang nicht immer und barg zudem das Risiko, in der Mitte in Unterzahl zu geraten. Nach dem Wechsel war die Abstimmung deutlich besser – die spielerische Leistung von Bernd Rauw jedoch nicht.

Seit dem Spiel gegen Wehen Wiesbaden hat sich der erfahrene Abwehrspieler eine Formkrise genommen: er spielt unsicher, wirkt körperlich nicht auf der Höhe und auch seine Stärken in der Offensive verkehren sich bei unnötigen Ballverlusten ins Gegenteil. Mit anderen Worten: Ofosu-Ayeh hätte sich mal ’ne Chance verdient, wegen mir auch Jovanovic, von dem man allerdings seit Wochen beängstigend wenig hört. Bernd Rauw wird sich berappeln, bis das soweit ist, sollte Emmerling über genügend Alternativen verfügen.

Der Fairneß halber soll hier nicht unerwähnt bleiben, dass die zahlreichen Chancen für die Preußen in der ersten Halbzeit mitnichten nur auf das Konto von Bernd Rauw gingen. Rudi Zedi, der wohl während der Woche nicht voll trainieren konnte, bot eine seiner schlechtesten Leistungen, seitdem er ins Steigerwaldstadion zurückgekehrt ist. Zudem ließ Morabit den optimistischen Worten von der Pressekonferenz, nicht wirklich die dazu passenden Aktionen folgen. Gefahr vorm Tor ging exklusiv von Marcel Reichwein aus. Drexler bereitete unser Tor vor, trotzdem vermisste man die gescheiten Pässe von Olivier Caillas bitterlich.

Sagen wir es, wie es ist: Das war ein mieses Heimspiel des RWE. Trotzdem ist es mir – um es milde zu formulieren – unverständlich, wenn ich dann schon wieder die großen Abgesänge auf Mannschaft und Trainer in den Foren lese (nicht von allen, aber von vielen). Himmelhochjauzend (letzte Woche) – zu Tode betrübt (diese Woche). Wir scheinen nicht nur technologisch in einer binären Welt zu leben. Man muss sich schon über eines im Klaren sein: als Anhänger des FC Rot-Weiß Erfurt sollte man besser kein Erfolgsfan sein. Große Glücksmomente sind rar und es können schon mal Jahrzehnte zwischen ihnen liegen. Das ist schon so, seit ich zu den Spielen des RWE gehe und da kommen ein paar Tage zusammen. Ich hätte nicht das Mindeste dagegen, wenn sich dies – besser heute als morgen – ändert. Allein, die Realitäten sind nicht danach – nicht mal 5.000 Zuschauer waren am Samstag im SWS. Wir verfügen über einen Etat, der in den letzten Jahren schwindsüchtig – aber, Rolf Rombach sei Dank, immerhin solide finanziert – ist. Die Mannschaft verliert quasi jedes Jahr wichtige Leistungsträger, weil sie bei anderen Vereinen deutlich mehr verdienen. Ein Aufstieg in die zweite Liga ist trotzdem möglich, käme aber – wie schon 2004 – einem kleinen Wunder gleich.

Zurück zum Spiel gegen die Preußen. Es gibt auch Lichtblicke zu vermelden: Beide Innenverteidiger boten eine mehr als solide Leistung, dasselbe muss man Danso Weidlich zubilligen. Sponsel blieb fehlerfrei, Ströhl spielte passabel. Ach ja, Pfingsten-Reddig nicht zu vergessen, der „Liebling“ des RWE-Forums. Wenn in der zweiten Halbzeit überhaupt noch etwas konstruktives nach vorn ging (und ja, es war wenig genug), dann war Nils Pfingsten-Reddig daran beteiligt. Außerdem ist Fußball eine dialektische Angelegenheit (mindestens so dialektisch wie die Choreografie des Fanblocks): Zedi erwischte einen schwachen Tag, das machte es seinem direkten Partner auf dieser Position (NPR) nicht eben einfach, gut auszusehen.

Emmerling wechselte spät. Da bin auch kein Fan von, sieht man mal von den rein taktischen Wechseln ab, die Zeit von der Uhr nehmen sollen. Ich gehe einfach davon aus, dass ein Spieler einige Minuten benötigt, um ins Spiel zu finden. Und wenn dann nur 6 Minuten verbleiben, wie im Fall von Ahrens am Samstag, rechne ich nicht wirklich damit, dass der Spieler noch etwas ausrichten kann. Aber! Heute hat Jupp Heynckes, nicht ganz neu im Geschäft wie man weiß, ebenfalls erst in der 84. bzw. 87. Minute die beiden Stürmer Olic und Petersen gebracht. Im Unterschied zu Stefan Emmerling lag Heynckes sogar zurück. In beiden Spielen hat es nichts bewirkt: weder Ahrens, noch Petersen oder Olic waren noch an einer nennenswerten Offensivaktion beteiligt. Was wiederum für die Sichtweise all derer spricht, die späte Wechsel für einen Akt der Verzweiflung halten.

Saarbrücken – RWE 0:2 / Sieg in der Galerie

Die Engel waren mit uns © Raffael

Wenn man schon nicht die Möglichkeit hat, ein Fußballspiel live zu sehen, oder im heimischen Wohnzimmer Radio zu hören, dann kann ich die Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister für diesen Zweck wärmstens empfehlen. Die Wahrnehmung sozialer Pflichten forderte diesmal mein Improvisationsvermögen, um das Spiel des RWE zu verfolgen. Aber im Dresdner Zwinger finden sich gute Voraussetzungen: bequem gepolsterte, sofaähnliche Bänke (immer mit Blick auf ein Meisterwerk der Champions-League, siehe oben) und erstklassiger 3G-Empfang erlaubten via Liveticker eine konzentrierte Teilnahme am Spielgeschehen im Ludwigspark. Mehr noch: gefühlte 100.000 russiche Kulturterroristen Kulturtouristen, in ihrem Auftreten nicht eben dezent, erfüllten die heiligen Hallen mit einem stadionähnlichen Geräuschpegel, der auch mir so manch situativ veranlasste Lautäußerung erlaubte, ohne im Geringsten aufzufallen.

Konzentriert war auch die Leistung des RWE. Das war womöglich der größte Unterschied zu den Spielen zuvor. Sieht man mal von Caillas dummer Reaktion nach der ersten Gelben Karte ab, leisteten sich die Spieler keine der individuellen Fehlleistungen, denen es in erster Linie geschuldet war, dass wir so viele Punkte in den letzten Spielen hergeschenkt hatten. Personell musste Emmerling umstellen, da einige Spieler dem Lockruf des Erfurter Nachtlebens (gibt’s also tatsächlich) gefolgt waren und Ströhl sich kurzfristig verletzte. Fast wie ein Mantra hatte Emmerling darauf verwiesen, dass der Kader dieser Saison in der Breite besser aufgestellt sei und seine Spieler besätigten (zumindest in Saarbrücken) ihren Cheftrainer. Die Redewendung von der „genutzten Chance“ ist so dürr wie das Punktekonto des FCC, aber Andreas Sponsel zeigte, dass sie in seinem Fall eine gewisse Berechtigung hat. Man gewann den Eindruck, dass die ganze Mannschaft sich über seinen Einsatz in der Startelf freute. Wie er dann seinen Kasten verteidigte, war zusätzlich angetan seine Mitspieler zu motivieren: sie taten alles, um mit dem Arsch nicht wieder einzureißen, was der gute Andi mit seinen Paraden aufgebaut hatte.

Ein Wort zu Pfingsten-Reddigs Elfmetern: Er hat in Saarbrücken den elften von zwölf Strafstößen verwandelt, seitdem er für den RWE spielt. Das ist eine Quote von 91,7 Prozent. Verglichen mit den üblichen 75 % Erfolgsquote ist das weit überdurchschnittlich. Und alles andere als Zufall. Nichts im modernen Fußball ist auch nur ansatzweise so akkurat untersucht worden, wie das Duell Schütze gegen Torwart beim Strafstoß. Man weiß zum Beispiel, dass Elfmeter die in die rechte Torwartecke geschossen werden und bei denen der Keeper die Ecke ahnt, also nach Rechts springt, nur zu 55 % zum Torerfolg führen. Das gleichen Szenario in der linken Ecke ergibt eine weitaus geringere Chance für den Torwart, hier treffen die Schützen zu 70 %. Vermutlich liegt das daran, dass auch die meisten Torhüter Rechtshänder sind. Der Papst der deutschen Fußballstatistik, Roland Loy, hat einen noch wesentlich besseren Tipp für die Schützen parat: Bei den von ihm untersuchten 500 Elfmetern wurde alle verwandelt, die oberhalb der Tormitte einschlugen. Schießt hoch, lautet daher sein Empfehlung. Aber nicht so hoch wie Uli Hoeneß in Belgrad, möchte man hinzufügen. Keine Ahnung, ob Pfingsten diese Analysen kennt. Sein Elfmeter in Saarbrücken jedenfalls war unhaltbar und theoriekonform: hoch in die linke Torwartecke.

Allein auf Grund der Fernsehbilder kann ich nicht wirklich beurteilen, ob die – zumindest nominell – defensivere Ausrichtung der Viererkette (mit dem Innenverteiger Rauw auf der rechten Seite) grundsätzlich mehr Sicherheit in die Defensive brachte. Auch Saarbrücken verbuchte eine Reihe von Chancen. Soll heißen: es hätte auch diesmal anders ausgehen können. Überhaupt scheint die Liga noch einmal ausgeglichener zu sein, als in den Jahren zuvor. Derzeit ist es nicht allzu wahrscheinlich, dass eine Mannschaft derart souverän aufspielt, wie es Braunschweig und Rostock in der letzten Saison, oder Union im ersten Jahr der 3. Liga taten. Keine Mannschaft kann, gegen welchen Gegner auch immer, davon ausgehen, en passant zu gewinnen. Die Etats der meisten Mannschaften (sieht man mal von Wehen Wiesbaden ab) sind sehr ähnlich, dementsprechend vergleichbar ist auch die Qualität der Spieler. Alle Vereine verfügen über professionelle Strukturen und erfahrene, gut ausgebildete Trainer. Wem es zuerst und mit einer gewissen Konstanz gelingt, so etwas wie eine Siegermentalität zu etablieren, wird aufsteigen. Mindestens ein Dutzend Mannschaften sehe ich dafür in der Verlosung. Und der RWE ist fraglos mit dabei.

Die wunderbare Welt des Andre Ockenfels

In der Rubrik „Auf ein Wort …“ interviewt ein namenloser Gesprächspartner heute den Marketingleiter des RWE, Andre Ockenfels. Herr Ockenfels ist seit zwei Jahren für den Verein tätig und war früher – wie er nicht müde wird zu erwähnen – im Automobilsektor beschäftigt. Offen bleibt, ob er dort den Hybridmotor erfand, oder Seelsorger auf einem Autofriedhof war. Egal, ich bin sicher, er war sehr erfolgreich.

Das macht es aber möglicherweise nicht einfacher, mit ihm, wie er sagt „auf Augenhöhe“ die Diskussion zu suchen. Wer kann da schon mithalten. Automobilsektor! Wow! Seit dem Beginn seiner Tätigkeit an der Arnstädter Straße wurden „Sponsoren in einer sechsstelligen Größenordnung“ hinzugewonnen. Okay, denkt sich der nicht wirklich auf Augenhöhe befindliche und zerebral unterbelichtete Anhänger, das ist der Grund warum man nichts mehr vom „Klub der Hundert“ hört. Es sind jetzt Hunderttausend, wenn nicht gar Sechshunderttausend, die den Sponsorenklub des RWE verstärken. Man kann dem Mann nur danken. Dazu muss man sich einmal vorstellen, dass ohne ihn vielleicht Kammlott, Rockenbach, Semmer, Orlishausen, Stenzel, Malura und Möckel den Verein verlassen hätten, um woanders mehr Geld zu verdienen. Undenkbar, das! Aber kein Wunder, der Herr Ockenfels kann es einfach. Ich sag nur: Automobilsektor.

Irritiert war ich dann doch. Den Satz aus einem Forum: Die Abteilung Ockenfels ist eine Blackbox als Kompliment zu nehmen, lässt einen Abgrund an krachendem Unverständnis für die Obliegenheiten eines Fußballvereins mehr als nur vermuten. Hinterher geschoben wurde dann noch das calmundesk-joviale: Der Mann hat Recht. Das ist, für den leitenden Angestellten eines Fußballvereins, schon sehr, sehr gönnerhaft daher schwadroniert. Auch ein, fast ausschließlich regional verwurzelter Klub, wie der FC Rot-Weiß Erfurt, ist ein Unternehmen. Sogar in erster Linie. Allerdings nicht ausschließlich. Jedes Unternehmen hat Betriebsgeheimnisse. Soll heißen: auch dem nicht ganz auf Augenhöhe befindlichen Anhänger dürfte klar sein, dass der Vertrag mit der IMG nicht wirklich etwas auf der Webseite zu suchen hat. Aber, Geheimniskrämerei als Management-Prinzip auszurufen, ist etwas völlig anderes. Der RWE ist nicht der MI6. Er ist ein Fußballverein, dessen Mitglieder mit ihren Beiträgen das Gehalt des Herrn Ockenfels mitfinanzieren. Und dessen Zuschauer, im diametralen Unterschied zu einem Unternehmen, es sich gefallen lassen, auch schlechte Ware zu bezahlen. Das tun sie, weil sie mit diesem Klub mehr verbindet, als eine Geschäftsbeziehung. Für manche ist er sogar ihr Leben. Das sollte einer wissen, zu dessen Aufgaben Außendarstellung und Kommunikation gehören. Allerdings würde er dann nicht solch einen Unfug labern.

In weiten Teilen liest sich das Interview wie eine Bewerbung für RB Leipzig. Dort sind Fans tatsächlich nur Kunden, Vereinsmitglieder unerwünscht. Das ist okay, das weiß man, wenn man sich darauf einläßt RB Leipzig toll zu finden. Allein, der RWE ist nicht RB Leipzig und wird es nicht werden. Denke ich, vermute ich & hoffe ich.

Im Übrigen, habe ich noch eine Anregung für Herrn Ockenfels: Wenn sich die Anzahl der Sponsoren dem siebenstelligen Bereich nähert, bleibt vielleicht Zeit sich mit der Webseite des Vereins zu befassen. Die ist so gruselig, dagegen ist „Nightmare on Elm Street“ ein Kinderfilm.

Man kann sich hier und hier anschauen, wie so etwas aussehen kann. Mit einem Drittliga-Etat. Soll’s auch schon im Automobilsektor geben, dieses Webgedöns.

SV Sandhausen – Rot-Weiß Erfurt 2:1

Die Tabelle lügt nicht! Oder doch? © kicker.de

Wieder eine Führung verspielt und keinen Punkt geholt. Bonjour tristesse, RWE! Wie kaum anders zu erwarten, denken in den Foren die ersten darüber nach, ob nicht ein Trainerwechsel das Mittel der Stunde wäre, um den tabellarischen Sinkflug zu stoppen. Emmerling erreiche die Mannschaft nicht mehr, es würde nicht nach dem Leistungsprinzip aufgestellt, weshalb auch Tom Bertram nicht spielen dürfe und als argumentative Krönung wird eine Rückkehr Julian Humberts in die Startelf gefordert. Julian Humbert! der bei seinen drei Einsätzen in der Oberliga niemandem sonderlich aufgefallen ist, soll für Pfingsten-Reddig ins defensive Mittelfeld rücken.

Nun, in Erfurt haben es defensive Mittelfeldspieler traditionell schwer, was die korrekte Einordnung ihrer Leistungen betrifft. Samil Cinaz wollte auch niemand eine Tränen nachweinen, obwohl er drei Jahre lang einer der überragenden Sechser in der Klasse war. Beim FSV ist er auf dieser Position gesetzt, wohlgemerkt in der 2. Bundesliga. Pfingsten-Reddig ist ein klassischer Box-to-Box-Midfielder, er spielt zwischen den Strafräumen, eröffnet das Spiel vertikal (mit kurzen Pässen), oder verlagert das Spiel auf die Außenpositionen. Und diesen Job erledigt er – meiner Auffassung nach – meistens sehr gut. Er ist der defensivere der beiden Sechser, schon allein weil Zedi sich sehr oft (und nicht selten erfolgreich) in die unmittelbaren Angriffsbemühungen einschaltet. Im Defensivspiel, vor allem bei Ballverlusten, nimmt Emmerling hier ein bewusstes Risiko in Kauf, das nicht eben geringer wird, wenn man bedenkt, dass Manno (nominell im rechten Mittelfeld aufgeboten) bei Angriffen als dritter Stürmer agiert. Wie gesagt, dass ist so gewollt, weil Emmerling die Durchschlagskraft im Angriff stärken will. Das wir, wie in Sandhausen, bei Gegenangriffen manchmal in Unterzahl sind, ist ein strukturelles Problem. Dies aber Nils Pfingsten-Reddig anzulasten ist, mit Verlaub, lächerlich. Emmerling kann dieses System jederzeit ändern, in dem sich zum Beispiel Zedi nicht mehr so weit nach vorn orientiert, oder die rechte Seite defensiver agiert, um auch zentral bei Kontern des Gegners aushelfen zu können (oder beides). Dann muss taktisch aber sichergestellt bleiben, dass die Offensivkraft des RWE erhalten bleibt und genau hier liegt das Problem: sowohl Zedis wuchtige Vorstöße, als auch Mannos Qualitäten als freier Radikaler des RWE-Angriffsspiel sind nicht wirklich verzichtbar. Das ist die Nuss, die Emmerling knacken muss, aber niemand auf dieser Welt weiß das besser als der Trainer des RWE.

Zum Fall Bertram: 28.04.2008, Flutlichtspiel der 2.Bundesliga, Freiburg gegen Fürth. Tom Bertram hat sich in die Anfangsformation der Greuther gespielt. Die Mannschaft von Labaddia hat – wie zumeist – noch alle Chancen in die Erste Bundesliga aufzusteigen. Es sind siebzig Minuten gespielt, Greuth führt 2:1, Bertram macht ein sehr gutes Spiel, als sich laut Kicker folgende Szene zuträgt: Bertram passte leichtsinnig nach hinten, wo sich Schlitte das Leder schnappte, dann mit Übersicht auf Pitroipa flankte, dabei den heranstürmenden Kirschstein überwand. Pitroipa bedankte sich artig und schob zum 2:2 ein. Fürth verlor das Spiel noch, und stieg bekanntlich nicht auf. Tom Bertram absolvierte noch ein Pflichtspiel für Fürth und wurde dann nach Paderborn verkauft. Gar keine Frage, Tom Bertram ist das größte Innenverteidigertalent des RWE seit Thomas Linke. Aber er ist nicht die Antwort auf alle unsere derzeitigen Defensivschwächen. Und er ist immer noch dafür gut, gleichzeitig ein prima Spiel und einen Leichtsinnsfehler zu machen. Ich denke, dass wir drei in etwa gleichwertige Innenverteidiger haben; alle drei werden in dieser Saison noch viele Einsätze bekommen. Es war sinnvoll, Oumari nach seiner Sperre wieder Spielpraxis zu geben, außerdem war dieser Wechsel keinesfalls ursächlich für die Niederlage in Sandhausen.

Die oben gezeigt Grafik sieht vor allem deshalb so jämmerlich aus, weil wir am ersten Spieltag hoch gegen die Westsachsen gewonnen haben. Aber inzwischen wissen wir, wie dieser Sieg (der auch noch klarer ausfiel, als es der Spielverlauf eigentlich hergab) einzuordnen ist: gegen die gewinnen fast alle. Was mich momentan nicht wirklich aufheitert. Im Übrigen sind die Leistungen des RWE eher konstant: zu wenig Tore (schlecht!) aus den vielen Chancen (gut!) gemacht. Und, viel zu viele Gegentore (schlecht!); teils der offensiven Gesamtausrichtung geschuldet, teils durch individuelle Fehler hervorgerufen. Es überwiegt also das Negative und deshalb stehen wir eben auch da wo wir stehen. Es bleibt viel Arbeit für Emmerling und sein Team, allerdings mache ich mir deswegen keine Sorgen. Er ist ein guter Trainer, Fleiß und Akribie sind seine Sache eher als die populistische Geste (wie z.B. ein öffentlich verkündetes Straftraining, oder ähnlicher Blödsinn). Für die Fütterung des Mobs haben wir ja noch den darin bewährten Wilfried Mohren.

Sorgen bereitet mir die Möglichkeit, dass die Resultate auch in den kommenden Spielen nicht stimmen. Oder genauer gesagt, besorgt mich vor allem die Resonanz darauf. Man benötigt nicht viel Phantasie, um sich die Reaktionen (wohl vor allem auf der Haupttribüne) vorstellen zu können, sollte beispielsweise gegen Münster (sprich im nächsten Heimspiel) verloren werden. Ich kann nur hoffen, dass unser gemeinhin so besonnener Präsident dann die Nerven behält. Sicher bin ich mir da nicht.

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