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Heimkehr der verlorenen Söhne?

Der Tag begann mit einem Interview Carsten Kammlotts in der Thüringer Allgemeinen. Genauer gesagt, war es eine Initiativ-Bewerbung des in Leipzig fremdelnden Stürmers bei seinem alten Arbeitgeber, dem Fussballklub Rot-Weiß Erfurt. Das umgehend via LVZ online lancierte Dementi des RB-Sportdirektor Wolfgang Loos sollte niemanden ernsthaft irritieren; wir wissen alle, dass solche Aussagen während der Transferperiode die Solidität eines griechischen Sparprogramms allenfalls marginal übertreffen. Möglicherweise kann es jetzt schnell gehen, für den RWE hat Wilfried Mohren das Interesse an Kammlott bereits bestätigt. Mit der ihm eigenen Zurückhaltung und den Worten: «Das ist ein Junge von uns …». Wie auch immer. Gelingt es RB-Trainer Peter Pacult seinen Wunschstürmer Roman Wallner zu verpflichten, wäre wohl zumindest sportlich der Weg für eine Ausleihe frei. Ob der Verein finanziell dazu in der Lage ist – denn für Gotteslohn wird Kammlott nicht spielen – kann exklusiv das Präsidium des RWE beurteilen. Wenden wir uns jetzt der allein entscheidenden Frage zu: Würde er uns sportlich helfen? Sagen wir so: In der Form in der er (für sehr viel Geld) den RWE in Richtung Leipzig verlassen hat, auf jeden Fall. In meinen Augen ist er mit der Erwartungshaltung in Leipzig nicht zurecht gekommen und – eine Floskel, trotzdem wahr – mangelndes Selbstvertrauen ist der größte Feind des Stürmers. Dennoch: das er Tore schießen kann, hat er in seiner ersten Profisaison eindrucksvoll nachgewiesen. Er ist schnell und technisch begabt. Ein Knipser dem es an Nestwärme fehlt. Soll er haben. Wenn irgend möglich – her mit ihm. Subito!

Dann kam der Abend und aus Weißensee wurde Überraschendes vermeldet: Marco Engelhardt stand beim Testspiel gegen Halle in der Anfangsformation des RWE. Nach den dezidiert abschlägigen Äußerungen der letzten Woche seine Verpflichtung betreffend, kommt das einer kleinen Sensation gleich. Es ist löblich, einem arbeitslosen Spieler die Möglichkeit einzuräumen am Training teilzunehmen, um ihm so die Chance zu bieten sich fit für seinen Beruf zu halten. Eine völlig andere Qualität nimmt das Ganze an, wenn dieser Spieler in einem nicht unwichtigen Testspiel über die volle Spieldauer zum Einsatz kommt. Alles hier ist Spekulation. Doch scheint es so, dass die Verantwortlichen des RWE, allen voran Stefan Emmerling, im Fall Engelhardt umgedacht haben. Sonst würde der Einsatz des Ex-Nationalspieler überhaupt keinen Sinn ergeben. Woher der Meinungsumschwung rührt ist schwer zu beurteilen, möglicherweise hat er im Training schlichtweg einen überragenden Eindruck hinterlassen. Kann Marco Engelhardt uns helfen? Oh ja, er kann! Allein seine Qualitäten bei Freistößen und Ecken wären ein Gewinn für die Mannschaft. Er ist auf dem Platz ein Stratege und mit seinen 31 Jahren noch immer im besten Fußballeralter. Ich rechne nicht damit, dass er nach einem halben Jahr Spielpause bereits in der Lage ist 90 Minuten Drittligatempo durchzuhalten, aber dieses Defizit sollte sich schnell wegtrainieren lassen. Er kann auf der linken Außenbahn und im defensiven Mittelfeld flexibel eingesetzt werden und wäre – für Mannschaft und Anhänger des RWE – Führungsspieler und Integrationsfigur in einem.

Der Ball zieht den Jahrhundertweg

Möchte man wissen wie es war, als Männer zum ersten Mal Fußball spielten, gebe man einer Horde von Kindern einen Ball und lasse sie losstürmen. Ist man zudem etwas besinnlich gestimmt, fällt einem dazu vielleicht Goethes Paradoxon ein: Das Jahrhundert ist vorgerückt, jeder Einzelne aber fängt doch von vorne an.

Jonathan Wilson, englischer Sport-Journalist und Buchautor, hat ein großartiges Buch geschrieben. Darin zeichnet er den Jahrhundertweg der Fußballtaktik nach. Von den stürmischen, ungestümen Anfängen, wilder, aber edelmütiger Raufbolde, die nach Herzenslust einen Ball malträtierten, bis hin zu den wissenschaftlich getrimmten und systemisch scheinbar letztbegründeten Abläufen, die das Fußballspiel unserer Tage charakterisieren.

Wilson Werk liegt unter dem etwas sperrigen Namen „Revolutionen auf dem Rasen“ seit Mitte letzten Jahres auch in deutscher Sprache vor. Der Untertitel des Buches „Eine Geschichte der Fussballtaktik“ verrät schon eher, worum es in dem 450 Seiten dicken Wälzer geht. Von den Anfängen des modernen Fußballs (um 1850) bis zum Triumph des 4-2-3-1 Systems bei der WM 2010 – jede bedeutende taktische Mutation des Weltfußballs wird von Wilson ausführlich beschrieben und bewertet. Zu den großen Stärken des Buches zählt, auf viele kontrovers diskutierte Themen eine eindeutige Antwort zu verweigern. Der Leser (dem Konzentration bei der Lektüre abverlangt wird) kann sich selbst eine Meinung bilden. Wilson referiert die Fakten, lässt seine Meinung durchaus anklingen, tut dies aber zurückhaltend und bei penibler Berücksichtigung von Gegenargumenten. Eine weitere, außerordentlich positive Eigenschaft dieser Publikation liegt in der Relativierung singulärer Genialität. Im Fußball ist nichts vom Himmel gefallen. Auch für die ganz großen Protagonisten der Fußballtaktik gilt: sie fügten vorhandene Erkenntnisse zu etwas Neuem zusammen, reagierten (manchmal unter großem Druck) auf Entwicklungen oder führten die Ideen ihrer Vordenker konsequent zu Ende. Zudem macht Wilson deutlich, dass Fußball schon immer ein globaler Sport war. Wenn der Informations- und Erkenntnisaustausch vor 100 Jahren auch unvergleichlich langsamer war als heute, er fand statt und befeuerte den Siegeszug des Fußballs zur unangefochtenen Nummer 1 des Weltsports.

Ästhetisch oder ergebnisorientiert spielen?

Diese Frage ist so alt wie der Fußball selbst. Nun, es handelt sich beim Fußball um einen Wettbewerbssport, deshalb wäre es mithin idiotisch ihn als eine Art Holiday on Ice völlig abgekoppelt von seinem fraglos vorhandenen Erfolgszwang zu bewerten. Die Frage muss natürlich lauten: Kann man mit schönem Fußball erfolgreich sein? Hier fällt die Antwort, basierend auf Wilson Buch, leicht: natürlich kann man das. Siehe Brasiliens Futebol de Arte von Cesar Luis Menotti1970, dem Triumph des – laut Menottis Selbstzuschreibung – «linken» argentinischen Fußballs bei der WM 1978 im eigenen Land (errungen während einer faschistischen Militärdiktatur), oder Arrigo Sacchis AC Mailand der späten 80iger Jahre. Der WM-Sieg Brasiliens 1970 ist allerdings ein ambivalentes Exempel, weil er – wie Wilson schreibt – einen Endpunkt darstellt. Der taktischen Formation der Mannschaft von Trainer Mario Zagallo kann nur sehr unzureichend in einer eindeutigen Notation fixiert werden. War es ein 4-4-2, ein 4-5-1 oder gar schon ein 4-2-3-1? Es war wohl ein bisschen von allem, aber das spielte keine Rolle. Es war der letzte Triumph der reinen Fußballkunst über die Instrumente des modernen Fußballs. In der dünnen Höhenluft und unerträglichen Hitze Mexikos waren Pressing und andere – bereits bekannte und bewährte – Mittel der Raumverengung nicht in der Weise anwendbar wie es nötig gewesen wäre um Pele, Gerson und Rivellino zu stoppen. Zum letzten Mal siegte die naive Schönheit des Spiels über die (wie einige meinen: finsteren) Mächte des Systemfußballs.

Sind taktische Systeme Kinder ihrer Zeit und ihrer Gesellschaft?

Hier lautet die klare Antwort: Jein. Wilson stellt beispielsweise eine evidente Verbindung zwischen der libertären Wiener Kaffeehauskultur der zwanziger Jahre und dem „Scheiberln“, dem Kombinationsfußball der in der ehemaligen Donaumonarchie so wunderbar gespielt wurde, her. Auch für den südamerikanischen Fußball fallen derartige Parallelen leicht: Brasiliens Samba-Unbeschwertheit und Argentiniens Tango-Melancholie, letztere noch heute sichtbar in der traurigen Anmut von Juan Román Riquelme, dem vielleicht Letzten (Spielmacher) seiner Art. Hier spiegelt der Fußball in der Tat aufs Trefflichste das Selbstbild einer Gesellschaft.

Aber tat er das auch im Holland der frühen siebziger Jahre? Klar, Amsterdam entwickelte sich zur Hippie-Hauptstadt der Welt, währenddessen Rinus Michels und Johan Cruyff den Totaalvoetbal bei Ajax zur ersten Blüte brachten. Doch dann wechselten beide nach Barcelona, ins Spanien des Diktators Franco: gleicher Fußball, völlig andere Gesellschaft. Wilson lässt auch einigermaßen bizarre Theorien nicht unerwähnt: Neben dem hippiesken Halligalli in Amsterdam soll nämlich auch die spezielle Geographie unseres Nachbarlandes für den Totaalvoetbal ursächlich sein. Die Holländer seien es seit Generationen gewohnt ihr kleines Land gegen das Meer zu verteidigen und deswegen falle es ihnen leichter als anderen Nationen, ausgeklügelte Systeme zur Gewinnung von Räumen zu ersinnen. Das klingt gut, irgendwie nach Lacan, Strukturalismus, Postmoderne und so, aber leider erklärt es nicht im mindesten, wie 2000 km von Amsterdam entfernt, im seit 50 Jahren kommunistisch regierten Kiew, das zudem fernab jeder Küstenlinie liegt, ein Mann namens Walerij Lobanowskyj ein durch und durch vergleichbares Spielsystem entwarf. Walerij Lobanowskyj: Fußballer, Trainer und diplomierter Kybernetiker. Ihm setzt Wilson ein kleines und völlig verdientes Denkmal. Wahrscheinlich gibt es bis heute keine einzelne Person, die sich derart intensiv analytisch mit Grundlagen und Konzepten des Spiels Fußball beschäftigt hat und die gewonnenen Erkenntnisse zugleich am lebenden Objekt (Dynamo Kiew) äußerst erfolgreich umzusetzen in der Lage war.

Die Antithese zu Lobanowskyj hieß Arrigo Sacchi. Dabei sah das Spiel ihrer Mannschaften sehr ähnlich aus und folgte denselben Prinzipien: Verengung der Räume für den Gegner durch Verschieben der Mannschaftsteile, aggressives Pressing, schnelles Umschalten, Dominanz durch Ballbesitz. Aber Lobanowskyj war ein Wissenschaftler im Trainingsanzug, während Sacchi ein Fußballphilosoph mit Künstlerseele war und ist. Als Spieler bestenfalls ein mittelmäßiger Amateurkicker (Wilson schreibt, dass selbst sein Chef beim AC Mailand, ein Typ mit dem Namen Silvio Berlusconi, ein besserer Fußballer war) trat er an, dem italienischen Fußball seine Destruktivität auszutreiben. Und das gelang, wenn auch nur für begrenzte Zeit und exklusiv mit dem AC Mailand. Drei Sommer tanzten die Rossoneri den Sacchi, gewannen die italienische Meisterschaft und je zweimal den Cup der Landesmeister sowie den Weltpokal. Bei jeder Umfrage unter Sportjournalisten nach den besten Klubmannschaften aller Zeiten, würde der AC Mailand jener Tage einen der drei ersten Plätze belegen. In einer der eindrucksvollsten Szenen des Buches lässt Wilson den beinahe schon künstlerischen Aspekt von Sacchis Methoden bildhaft werden: das Schattenspiel. Dabei handelt es sich um eine Trainingsform, bei der die Mannschaft sich in der Grundformation (4-4-2) aufstellte. Dann deutete Sacchi auf eine Stelle des Feldes wo sich der Ball befindet und die Spieler mussten ihre Formation entsprechend verschieben, dann eine andere Position des Balles, wieder verschieben, usw. usf. Alle ohne Ball und ohne Gegner. Tai-Chi in Norditalien. Dabei kam es ihm darauf an, dass ein Raum auf dem Spielfeld ideal genutzt wurde, welche Spieler welchen Raum abdeckten, wurde durch die konkrete Situation bestimmt und nicht durch die formale Aufstellung. Dies unterscheidet Sacchis Verständnis von Raumdeckung noch immer dramatisch von der heute bei den meisten Profiklubs üblichen. Es heißt aber auch, dass Sacchis Fußball wache, selbstständige und intelligente Spieler benötigt. Vielleicht ein Grund dafür, dass er seine Erfolge beim AC Mailand nie wiederholen konnte. Weit despektierlicher könnte man jedoch gleichfalls vermuten, dass es eben doch nicht an seinem einzigartigen taktischen Verständnis der Spiel-Räume lag, sondern doch eher an den überragenden Fußballern seiner Mannschaft: Gullit, van Basten, Rijkaard, Baresi und Donadoni.

Im Gegensatz zu Sacchi hasste Lobanowskyj mitdenkende Spieler. Vor allem, wenn sie sich bemüßigt fühlten ihm die Resultate ihrer Reflektionen mitzuteilen. Für den Kybernetiker Lobanowskyj waren Fußballer die unvollkommensten Elemente des energetischen Subsystems Mannschaft. Er hätte sie wohl gerne durch Roboter ausgetauscht. Insofern waren Sacchi und Lobanowskyj nicht nur sehr verschiedene Charaktere, sondern eindeutig Kinder ihrer Zeit und Gesellschaft.

Deutsche Beiträge zur taktischen Entwicklung des Fußballs

Es gibt keine. Keine nennenswerten jedenfalls. Gut, Beckenbauer hat als erster den Libero anders, sprich offensiver interpretiert. Er kreuzte quasi zwei Merkmale des Catennacio-Gesamtkunstwerkes Inter Mailand zu seinem eigenen Stil: Fachettis Offensivdrang als linker Verteidiger und den freien zentralen Mann hinter der Abwehr. Das erfährt man bereits auf der ersten Seite von Christoph Biermanns Vorwort. Danach: 449 Seiten Fehlanzeige. Sicher, Wilson erweist den herausragenden deutschen Mannschaften beiläufig seine Referenz: dem Schalker Kreisel, den Teams der Bayern und der Mönchengladbacher Borussia der siebziger Jahre, der EM-Mannschaft von 1972. Sie alle spielten großartigen, erfolgreichen Fußball, boten aber keine taktischen Innovationen. Muss ja auch nicht sein möchte man meinen, hat ja trotzdem zu jeweils drei Welt- und Europameisterschaften gelangt. Stimmt schon, gleichwohl ist es peinlich, dass das fußballbegeisterte Land der Dichter und Denker so erbärmlich wenig zum Fortschritt dieses großartigen Sports zu leisten im Stande war.

Dieser Mangel an taktischen Eigenleistungen ist das eine, weit verhängnisvoller war die fahrlässige Ignoranz mit der fußballerische Entwicklungen schlichtweg verpennt wurden. So etwas wie ballorientierte Raumdeckung galt vielen lange Zeit als akademische Spinnerei von aufgeblasenen Wichtigtuern a la Ralf Rangnick. Die hämischen medialen Reaktionen auf seinen aufklärerischen Auftritt im ZDF-Sportstudio 1998 (ist gar nicht so lange her) gehören zu den schwärzesten Stunden des deutschen Sport-Journalismus. Es bedurfte erst fataler Blamagen bei großen Turnieren in Reihe (WM 98, EM 2000, EM 2004), damit auch die letzten Hardcore-Traditionalisten gewahr wurden, dass allein mit deutschen Tugenden kein Blumentopf mehr zu gewinnen war.

Diese Lektion hat der deutsche Fußball inzwischen gelernt. Vielleicht bekommen Jogis Jungs ja bei der nächsten Auflage von Jonathan Wilsons Buch ein eigenes Kapitel.

Jonathan Wilson, Revolutionen auf dem Rasen, 464 Seiten, Verlag Die Werkstatt GmbH; 19,90 EUR

Sponsel gegen Jena / FCC – RWE 1:0

Der Siegtreffer für Jena fiel in der 90. Minute. Verloren (im Wortsinn) hat der RWE das Spiel bereits in der ersten Halbzeit. Die ersten zehn Minuten sahen passabel aus. Jena war gefordert das Spiel zu gestalten, was Erfurt in die komfortable Situation versetzte durch schnelles Umkehrspiel die sich bietenden Räume zu nutzen. Das klappte ansatzweise ganz gut, vor allem über den agilen Morabit, allerdings misslang stets der finale Pass zum einschussbereiten Mitspieler. Danach akkumulierten sich zunächst individuelle Fehlleistungen: Rauws schlampiger Fehlpass¹, ein schlimmes Fehlabspiel von Oumari², Morabits Egotrip³ – der ihm eine Verbalattacke Mannos einbrachte-, um hier nur einige zu nennen. Zudem erwies sich eine taktische Maßnahme Emmerlings als kontraproduktiv.

Gemeint ist das sehr aggressive Pressing, an dem sich der RWE in der ersten Halbzeit phasenweise versuchte. Daran nahmen sowohl die beiden Angreifer, als auch die Mittelfeldspieler teil. Attackiert wurden die jeweils ballführenden Jenaer Defensivspieler, wodurch sich dieses Pressing relativ weit in der Jenaer Hälfte abspielte. Das Problem bestand darin, dass die hintere Viererkette viel zu tief stand, was zu großen offenen Räumen zwischen beiden Reihen führte (siehe Bild). Mit zunehmender Spieldauer nutzen der FCC diese Räume immer konsequenter. Entweder gelang es, die Pressing-Reihe aus der Abwehr heraus zu überspielen, oder einer der Jenaer Angreifer ließ sich in diesen Raum zurückfallen um mit einem langen Pass angespielt werden zu können und seinerseits den Ball auf einen der nachrückenden Außenspieler zu verteilen. Im nebenstehenden Bild zerfällt der RWE  in zwei voneinander isolierte Mannschaftsteile, mit einem Abstand von mindestens 20 Metern zwischen dem hintersten Mittelfeldspieler und dem ersten Verteidiger (als optimal gelten zehn Meter). Man muss keinen A-Schein der Kölner Trainerakademie besitzen, um zu begreifen, dass dies eine deutlich zu große Lücke darstellt.

Diese Gemengelage aus individuellen Fehlern und falscher Raumaufteilung führte zur Dominanz des FCC. Allein Andreas Sponsel war es zu verdanken, dass sich dies nicht schon in Halbzeit eins in einer klaren Führung der Saalestädter manifestierte. Ein offensives und hohes Pressing ist zweifellos ein probates taktisches Mittel. Aber es birgt Risiken und sollte – wie beinahe alles im modernen Fußball – gut organisiert umgesetzt werden. Das war ersichtlich nicht der Fall. Zudem frage ich mich, warum Stefan Emmerling es in diesem konkreten Spiel überhaupt für notwendig hielt. Jena ist eine Mannschaft die große Probleme hat zwei tief gestaffelte Abwehrreihen mit überraschenden Offensivaktionen in Verlegenheit zu bringen. Gelingt es Simak zu isolieren, bleibt nicht viel wovor man Angst haben müsste. Eines der Risiken aggressiven Pressings ist auch, dass man (gerade auf tiefem Boden – wie in Jena) viel Kraft dafür benötigt. Kraft die verschwendet ist und im weiteren Verlauf des Spiels fehlt, wenn das zu erreichende Ziel (die Unterbindung des gegnerischen Spielaufbaus) so gravierend verfehlt wird wie am Samstag geschehen.

Nimmt man alles in allem, dann haben wir die schlechteste Vorstellung des RWE in dieser Saison gesehen. An dieser Einschätzung ändern die beiden klaren Möglichkeiten durch Oumari und Reichwein wenig. Nur eine davon, die unseres Mittelstürmers, war herausgespielt, wenn auch durch eine Einzelaktion von Gaetano Manno. Der Rest war eine einzige Orgie von Fehlpässen und sinnwidrigen Einzelaktionen gegen eine meist gut doppelnde FCC-Abwehr. Es war schlimm anzusehen was die Mannschaft bot. Solche Tage gibt es im Fußball, im Drittliga-Fußball sind sie ohnehin deutlich häufiger als beispielsweise in der Premier League. Trotzdem schade, dass Emmerlings Mannschaft eine durchaus verheißungsvolle erste Saisonhälfte so enden lassen musste. Da will sich der für die bevorstehenden grauen Wintertage benötigte Optimismus nicht wirklich einstellen. Eher das Gegenteil davon.

Daran ändert auch die Charity-Veranstaltung am 15. Januar nichts. Um nicht falsch verstanden zu werden: Es ist gut, dass die Bayern kommen, gut vor allem für die notorisch klammen Finanzen unseres Klubs. Der sportliche Wert des Spiels hingegen ist nahe null. Viel wichtiger wird sein – eine Woche später – den Schaden des leichtfertigen Derby-Verlustes auf Platz 11 des Weserstadions vor 500 Zuschauer durch einen Sieg in Grenzen zu halten. Darauf sollte sich die Mannschaft konzentrieren, nicht auf Robbery, Schweinsteiger und Gomez. Denn – ich bin erstaunt, dass ich das einen Tag nach diesem Debakel schon wieder schreiben kann – alles ist möglich. Drei Punkte auf den Relegationsplatz sind bei 17 ausstehenden Spielen völlig zu vernachlässigen. Regensburg und Sandhausen werden gleichfalls nicht derart souverän die Spitzenposition behaupten wie Braunschweig und Hansa in der letzten Saison. Es fällt schwer das nach so einem schwachen Spiel zu belegen, aber der RWE zählt zu den Mannschaften die davon profitieren könnten.

Eigentlich wollte ich zum Thema «Pyrotechnik» einen separaten Artikel schreiben. Das werde ich nicht tun. Es ist schlichtweg sinnlos. Sinnlos vor allem deshalb, weil jede – noch so unbedeutende – öffentliche Äußerung weitere Aufmerksamkeit verschafft. Die diese Pyromanen nicht verdienen. Wer diesen Sport liebt und wessen Herz dem RWE gehört, der kann ob der Vorfälle am Samstag nur verzweifeln. Wir alle sind ratlos, jedenfalls lassen viele Äußerungen darauf schließen, da bilden die Einlassungen des Präsidenten zum Thema keine Ausnahme. Eines wird immer deutlicher: die eine, irgendwie «saubere» Lösung wird es nicht geben. Weder kann die Polizei allein dafür sorgen, noch der Verein oder die 99 Prozent der Fans die an diesem kriminellen Schwachsinn unbeteiligt sind. Es kann nur eine gemeinsame Lösung geben und das Präsidium wäre gut beraten sich nicht in starken (aber zahnlosen) Statements zu verschleißen, sondern Vertreter der verschiedenen Fangruppen und der Polizei schnellstmöglich an einen Tisch zu bekommen, um in einer ergebnisoffenen Diskussion einen Weg aus der fremdbestimmten Pyro-Hölle zu finden.

Es ist ein sensibles Thema, deshalb sei mir noch eine Anmerkung gestattet: Mit Pyromanen meine ich expressis verbis all diejenigen, die – wie am Samstag – gegen die derzeit geltenden Verbote in den Stadien verstoßen und auf diese Weise dem Fußball vor allem aber «ihren» Vereinen irreparablen Schaden zufügen. Ausgenommen sind all diejenigen, die auf legale Weise eine Zulassung von Bengalos erreichen wollen. Ich halte das zwar für illusorisch, aber es ist zweifelsfrei legitim dafür einzutreten.

Fußnoten – Beziehen sich alle auf dieses Link (Livestream 1. Halbzeit FCC-RWE):

  • Rauw – ab 09:00¹
  • Oumari – ab 24:00²
  • Morabit – ab 27:00 (Morabit setzt sich auf halbrechts schön durch, zieht dann aber eigensinnig in die Mitte, statt den freien Manno zu bedienen.³

Thüringenderby – Ein paar Erinnerungen

In den Augen einen sechsjährigen Jungen sah der Mann auf dem Foto etwas einschüchternd aus. Er trug ein dunkles Trikot und mein Vater sagte, dies sei der Torhüter des FC Rot-Weiß Erfurt. Mein Vater las mir auch die Überschrift des Artikels neben dem Bild vor. Sie lautete: Weigang gegen Jena. Er seufzte und prognostizierte den weiteren Verlauf der Oberliga-Saison mit den Worten: Die werden wohl wieder Meister und wir spielen gegen den Abstieg. Nun, so schlimm kam es nicht. Jena wurde Vizemeister und der RWE immerhin Achter der Abschlusstabelle der Saison 1968/69. In diesem Spiel aber, hatte uns Horst Weigang vor einem Debakel bewahrt. Es endete nur 1:0 für den FCC.

In dieser fernen Zeit waren die Machtverhältnisse im Thüringer Fußball eindeutig geklärt. Jena war die dominierende Mannschaft des DDR-Fußball der sechziger und frühen siebziger Jahre. Der RWE pendelte zwischen Oberliga und Zweitklassigkeit. Über die Gründe dafür habe ich an anderer Stelle bereits geschrieben. Das änderte sich erst, nachdem es beinahe zur Eskalation gekommen war. Auf Betreiben Georg Buschners wurden in kurzer Zeit die beiden besten Erfurter Spieler Rüdiger Schnuphase und Lutz Lindemann nach Jena «delegiert». Das geschah keineswegs gegen den Willen der Spieler, hatte aber – neben sportlichen Gründen – seine Ursache in der höchst unterschiedlichen finanziellen Ausstattung die man Top-Spielern zu bieten in der Lage war. In Erfurt ging es Profifußballern gut, in Jena öffnete sich ihnen das Paradies (jedenfalls für damalige Verhältnisse). All das kann man nachlesen in einer ebenso lesenwerten wie faktenreichen Dissertation von Dr. Michael Kummer. Dort steht ebenfalls, dass einige Arbeiter der Optima Werke (des RWE-Trägerbetriebes) so wütend ob des Weggangs ihrer Lieblinge waren, dass sie mit Arbeitsniederlegung drohten. Ein ungeheuerlicher Vorgang für DDR-Verhältnisse. Seitdem und bis zum Ende der DDR kam es zu keinem nennenswerten Aderlass des Erfurter Fußballs mehr.

Das hatte Folgen: Nach dem Wiederaufstieg 1972 etablierte sich der RWE fest in der Oberliga. Jena war immer noch ein Spitzenteam, verlor aber die einstige Dominanz. Seitdem ging es knapp zu bei den Derbys, obwohl Jena noch immer die Mehrzahl der Spiele gewann. An das Spiel der Spiele – das Pokalfinale 1980 – erinnere ich mich noch lebhaft. Wir kamen etwas zu spät im Stadion der Weltjugend an, wahrscheinlich weil wir Provinzeier die Größe Berlins (wenn auch nur der halben Stadt) unterschätzt hatten. Rot-Weiß spielte großartig und hatte in der zweiten Halbzeit mehrere Konterchancen um das vermutlich entscheidende zweite Tor zu erzielen. Die «neutralen» Berliner Zuschauer schlugen sich auf die Seite der Erfurter Außenseiter.

Anerkennendes Berlinern um uns herum. Doch Jena ließ nicht nach, machte kurz vor Schluss den Ausgleich und hatte in der Verlängerung schlichtweg die bessere Kondition. Auch neben dem Platz spielte sich Spektakuläres ab, allerdings ahnte davon niemand etwas: «In ähnlicher Form griff Biermann direkt in die Gestaltung der Spielprämien auch beim FDGB-Pokalfinale im Mai 1980 ein. Der FC Rot-Weiß führte hier lange mit 1:0 gegen den FC Carl Zeiss, ehe es nach einem 1:1-Unentschieden in die Verlängerung ging. Wolfgang Biermann saß auf der Ehrentribüne und ließ die ausgelobte Siegprämie innerhalb des noch andauernden Spiels zweimal verdoppeln. Es oblag dem damaligen Clubvorsitzenden Ernst Schmidt, die Botschaft über diese jeweiligen Erhöhungen dem Trainer Hans Meyer zu übermitteln.» Das findet sich auf Seite 242 der Doktorarbeit von Michael Kummer und beruht auf einem Tonbandprotokoll des Jenaer Spielers Lutz Lindemann. An anderer Stelle wird dessen Aussage von Jürgen Heun bestätigt. Die Prämie betrug ursprünglich 2.000 Mark pro Jenaer Spieler und wurde während der Halbzeit und vor der Verlängerung auf 8.000 Mark erhöht, verkündet durch Hans Meyer. Kein Wunder, dass sie sich die Seele aus dem Leib rannten. Der Chef der Zeiss-Werke Wolfgang Biermann nutzte den schier unerschöpflichen Reichtum seines Imperiums wie ein Sultan, damit es seinen geliebten Kickern an nichts fehlte. Allerdings nur wenn sie gewannen. Wenn nicht, wütete er wie ein alttestamentarischer Rachegott. Abramowitsch nichts dagegen. Der Vollständigkeit halber sei noch hinzugefügt, dass nichts davon mit den Gesetzen der DDR in Einklang stand. Aber weder der DTSB, noch der Fußballverband der DDR konnten und wollten dagegen vorgehen, weil Biermann ein alter Duzfreund Erich Honeckers war. Er war mithin unberührbar.

Wenn man das liest ist man ja fast schon froh, dass heute beide Vereine arm wie eine Kirchenmaus sind. Es lebe die Chancengleichheit!

RWE – Babelsberg 2:3 / Wie im falschen Film

50 Jahre beim RWE – Verdienter Tribut für Sakko Schröder

Was wird Olivier Caillas gedacht haben, als nach einem katastrophalen Fehlpass seines Vertreters Ströhl das erste Tor der Babelsberger fiel? In Oberhausen war die Mannschaft noch in der Lage seine dumme Rote Karte zu kompensieren. Gegen Babelsberg gelang das nicht.

Doch der Reihe nach. Nach dem Anpfiff war ich verwirrt. Die Aufstellung bot keine Sensationen, auch wenn ich mir Morabit in der Startelf gewünscht hätte. Dann jedoch vernebelte mir alte Gewohnheit die Sinne und es dauerte fünf Minuten bis ich begriff, dass ich doch nicht im falschen Film war und sich da unten ganz real Ungeheuerliches zutrug: Unser Trainer hatte sein taktisches System verändert. Trappatoni – Catenaccio, Rehagel – Kick & Rush und eben Emmerling: 4-4-2. Das waren fest verdrahtete Gewissheiten in meinem Kopf. Angesichts des Ratlos-Fußballs den es zuletzt im Steigerwaldstadion zu erdulden gab, war ich zunächst positiv gestimmt ob der taktischen Revolution unseres Coaches. Das 4-1-4-1 erschien mir zudem durchaus geeignet das Grundproblem der letzten Heimspiele zu überwinden: die personelle sowie spielerische Unterlegenheit im zentralen und offensiven Mittelfeld. Leider kam es anders. Trotz der Führung, die Sicherheit hätte geben können, irrten unser Mittelfeldspieler besorgniserregend orientierungslos über die Spielfläche. Was – meiner Meinung nach – auch, wenn nicht sogar in erster Linie, daran lag, dass sie innerhalb der neuen Grundordnung nicht optimal platziert waren. Pfingsten-Reddig entfaltet seine Stärken vor allem dann, wenn er das Spiel vor sich hat und mit seinem Instinkt für Spielsituationen und seinen exakten Spielverlagerungen das Offensivspiel eröffnen kann. Zedi wiederum hat seine Stärken im Vorwärtsgang eher in der Ballbehauptung am und im gegnerischen Strafraum. Mit anderen Worten – es wäre besser gewesen, wenn die beiden ihre taktische Rolle genau anders herum gespielt hätten.

Wie auch immer, mit Beginn der zweiten Halbzeit beendete Emmerling das Experiment und kehrte zum eingespielten 4-4-2 zurück. Zudem kam Morabit für den wenig überzeugenden Drexler. Sein Einstand hätte besser nicht sein können. Nach einem Lehrbuch-Konter, gedankenschnell von Emmerling jenseits der Seitenlinie eingeleitet, über Mannos Einwurf, wurden die Babelsberger von ihm und Reichwein brillant ausgespielt. Die folgenden Minuten sahen gut aus und zu diesem Zeitpunkt war ich davon überzeugt, dass der RWE dieses Spiel gewinnen würde.

Das es nicht so kam hatte sowohl mit individuellen Fehlern zu tun, als auch mit dem Umstand, dass die Erfurter Abwehr am Samstag kollektiv einen gebrauchten Tag erwischte. Die Elfmeterentscheidung gegen Manno habe ich mir gefühlte hundert Mal angesehen und kann trotzdem nicht wirklich sagen, ob er zuerst den Ball oder den Babelsberger erwischt. Was aber auch bedeutet – den kann man geben. Wer so im Strafraum und von hinten den Gegner attackiert muss mit dieser Konsequenz rechnen. Einverstanden bin ich mit Mannos Einschätzung, dass die Szene «spielentscheidend» war. Wie weggeblasen war danach das gerade erst gewonnene Selbstbewusstsein des RWE. Über die Berechtigung des zweiten Strafstoßes für Babelsberg muss nicht weiter diskutiert werden. Darüber, dass Bertram und Rauw in dieser Situation höchst unglücklich aussahen ebenfalls nicht. Und auf einmal lagen die Erfurter zu Hause im Rückstand. Nicht alle werden sich daran erinnern wann dies das letzte Mal der Fall war.

Jegliche Vorwürfe an die Mannschaft, ihr hätte es in den verbleibenden 15 Minuten an Einsatz und Willen gefehlt gehen ins Leere. Eher kann man diesen Vorwurf an die Erfurter Zuschauer richten. Auf der Haupttribüne jedenfalls herrschte danach eine Ruhe, die man gemeinhin für Opernaufführungen als erstrebenswert erachtet. Trotz dieser mangelhaften Unterstützung unternahm die Mannschaft alles um zumindest den gewohnten Heimpunkt zu sichern. Das dies am Ende nicht gelang, hat nun doch mit Schiedsrichter Christian Dietz zu tun. Er begann die Begegnung mit einer (weitgehend folgenlos) gebliebenen Fehleinschätzung bei einem vermeintlichen Handspiel Sponsels und er beendete sie, mit der umso folgenreicheren Versagung eines Elfmeters nach einem tatsächlichen Handspiel. Ich weiß, dass es schwierig ist dies zu akzeptieren. Allerdings hat auch der RWE schon Spiele gewonnen, weil der Schiedsrichter falsch entschied. Hier sei nur an unseren letzten Sieg in Jena erinnert, als das Gespann um Babak Rafati – zu unserem Vorteil – einen rabenschwarzen Tag erwischte. Soll heißen: ich glaube, dass sich Fehlentscheidungen von Unparteiischen zumindest langfristig ausgleichen. Das spendet keinen Trost angesichts der ebenso bitteren wie unverdienten Niederlage gegen biedere Babelsberger. Allerdings sollten – bei allem Unmut – nicht alle verbalen Dämme brechen. Ich jedenfalls möchte kein Schiedsrichter sein, nicht bei den Profis und schon gar nicht in der Kreisliga B. So denken inzwischen viele und das bedroht die Grundlagen des großartigen Sports Fußball. Spiele leiten sich nun mal nicht von allein.

Mediale Randnotiz: Meine Sympathien für unseren heimatlichen Kuschelsender sind überschaubar, aber am Bericht des mdr über das Spiel fand ich wenig zu beanstanden. Alle relevanten Szenen sind enthalten und werden überdies korrekt eingeschätzt. Umso ärgerlicher fand ich dann diesen Spielbericht der in Erfurt erscheinenden Thüringer Allgemeinen. Hier wird munter von einem «schmeichelhaften Handelfmeter» gefaselt der den RWE in Führung brachte. Das klare Handspiel eines Babelsbergers im Strafraum kurz vor Spielende, wird einer Erwähnung erst gar nicht für wert befunden. Wer so eine Qualitätspresse vor Ort hat, der braucht keine BILD-Zeitung mehr.

RWO vs. RWE 0:1 / Mal wieder: Marcel Reichwein

Nicht nur ein Spiel verloren: Basler mobbt seinen Vorgänger Theo Schneider

Für den Bruchteil einer Sekunde hoffte ich die Jungs vom Ticker hätten nur die falsche Taste erwischt. Eine Rote Karte nach 5 Minuten – das kann nicht sein. Dann realisierte ich den dazugehörigen Namen: Olivier Caillas, okay, kann doch sein. Wenn man sich die Fernsehbilder anschaut, muss man dem Schiedsrichter leider Recht geben. Allerdings hätte Terranova für die vorausgehende Provokation Gelb sehen müssen. Caillas hatte an diesem Nachmittag seinen Meister gefunden. Dumm und unentschuldbar sind die Adjektive die mir dazu am ehesten einfallen. Doch wie auch immer die Strafen von Mannschaft, Verein und DFB ausfallen werden, eines steht fest: Ändern werden sie den 34jährigen Deutsch-Franzosen nicht mehr.

Kurioserweise hatte die folgende Unterzahl des RWE nicht den erwartbaren negativen Effekt. Im Gegenteil, die Mannschaft agierte in der Defensive hoch konzentriert und spielte sich gute Chancen heraus. Ich halte das von Stefan Emmerling favorisierte 4-4-2 für, na ja, taktisch etwas in die Jahre gekommen, muss aber zugeben, dass es bei derartigen Situationen seine Vorteile hat. Man verzichtet einfach auf einen der beiden Stürmer, der Rest der Formation bleibt taktisch unverändert. Bemerkenswert ist auch, dass Emmerling nach der Herausstellung von Caillas nicht wechseln musste. Eigentlich wollte ich zur letzten Kolumne unseres Pressesprechers einfach mal schweigen. Und bleibe bei diesem Vorsatz, bis auf die notwendige Feststellung, dass die von ihm kritisierte Aufstellung von Spielern auf Positionen die sie eigentlich nicht «gelernt» haben, aus meiner Sicht einen großen Vorteil und nicht das von Wilfried Mohren beklagte Gegenteil darstellt. Weidlich wurde auf die rechte Seite der Viererkette beordert, Rauw wechselte nach links und Manno agierte vor Weidlich im rechten Mittelfeld. Das erinnerte an das Heimspiel gegen Burghausen, jedenfalls was die Konstellation auf Rechts betrifft. Damals hatte sich der RWE viele gute Chancen herausgearbeitet, drei Tore geschossen und nur durch individuelle Fehlleistungen die drei Punkte her geschenkt. Über diese taktische Grundaufstellung sollte weiter nachgedacht werden. Mannos Platz im Sturm könnte von Morabit eingenommen werden. Zugegeben, das ist sehr offensiv, könnte aber im Steigerwaldstadion die Blockade im Offensivspiel brechen. Zudem erwarte ich von Babelsberg nicht, dass sie am kommenden Samstag ein Offensivfeuerwerk abzubrennen beabsichtigen. Das wird wohl eher auf märkischen Catenaccio hinauslaufen. Wir werden erneut auf eine sehr defensiv agierende Mannschaft treffen, da sollte jede taktische Option in die Überlegungen einbezogen werden. Und ich werde auch nicht der einzige sein, dem ein 3:3 lieber wäre, als ein weiteres torloses Remis.

Eine Einzelkritik will ich mir heute sparen. Die Mannschaft hat – unter schwierigen Voraussetzungen – als Team hervorragend funktioniert. Das war gegen fußballerisch limitierte, aber kämpferisch robust auftretende Mannschaften nie eine Stärke des RWE und ist deshalb umso bemerkenswerter.

Ob man deshalb, wie Gerald Müller in der heutigen Ausgabe der Thüringer Allgemeinen, sofort den Aufstiegskampf ausrufen muss, steht auf einem ganz anderen Blatt. Den Dritten (Saarbrücken) und den Tabellenfünfzehnten (Wiesbaden) trennen nur fünf Punkte. Es ist eng und vermutlich wird es das bis zum Schluss bleiben. Klar, niemand hätte etwas dagegen, wenn der RWE den in den letzten acht Spielen erreichten Zwei-Punkte-Schnitt dauerhaft beibehält um sich solcherart vom Mittelfeld abzusetzen. Zu erwarten ist das nicht, dazu sind die Spiele zu eng (wie z.B. das Torverhältnis vor Augen führt) und mithin die Resultate in einem nicht zu unterschätzenden Maße von Zufälligkeiten abhängig.

Über die Feiertage werde ich einen separaten Post zur Eskalation um den Einsatz von Pyrotechnik schreiben. Zu den konkreten Vorkommnissen am Samstag nur so viel: Jedem ist bewusst, dass der RWE über eine solide, aber notorisch klamme finanzielle Ausstattung verfügt. Die Strafen des DFB kennt ebenfalls jeder. Deshalb sind Aktionen wie die am Sonnabend vorsätzlich herbeigeführte Schädigungen der Wettbewerbsfähigkeit des FC Rot-Weiß Erfurt. Punkt. Ich verzichte hier jetzt auf den von einem positiven Menschenbild ausgehenden Zusatz: Das sollen sich bitteschön all jene überlegen, die den Einsatz von Bengalos am Samstag in Oberhausen zu verantworten haben. Denn – die haben sich das bereits überlegt und sich offensichtlich dafür entschieden genau das zu tun, was sie getan haben.

Caillas soll, nach Angaben Mario Baslers in der Pressekonferenz, den Oberhausener Trainer mehrfach als «Assi» bezeichnet haben. Nun, wenn das stimmt, dann kann ich dem Heißsporn im RWE-Trikot nur zustimmen. Was sich Basler unter der Woche geleistet hat, verdient keine andere Bezeichnung. Das ist ein neuer Tiefpunkt im Umgang von Trainern miteinander. Sicher, es gab schon immer die ein oder andere Nörgelei am Zustand einer übernommenen Mannschaft. Einem Kollegen allerdings die Fähigkeit abzusprechen seinen Beruf auszuüben ist an Bösartigkeit kaum zu überbieten. Das Problem mit derartigen Äußerungen ist generell, dass sie völlig ohne Beweise für die vorgetragene Behauptung auskommen. Es sind leicht durchschaubare Aussagen, die auf Kosten eines anderen Zeit verschaffen sollen. Man nennt es Mobbing: aggressiv, destruktiv und eben asozial.

RWE – Chemnitz 0:0 / Emmerling – Schädlich 0:1

So kopflos wie eine abgelegte Mütze: das Spiel des RWE

Am Ambiente lag es nicht. Freitagabend, Flutlicht, fast 10.000 Zuschauer. Großartige Stimmung im Steigerwaldstadion. Auch wenn die Choreo der Haupttribüne nicht völlig gelungen war und von den Ultras unseres geliebten mitteldeutschen Kuschelsenders die mediale Weiterverbreitung verweigert wurde. 1500 glänzend aufgelegte Chemnitzer Fans hatten ihren Anteil an einem atmosphärisch gelungenen Abend. Beide Fanlager traten überdies den Beweis an, dass ein Spiel zweier Traditionsmannschaften, die auf eine lange Fußballrivalität zurückblicken, nicht automatisch von Gewalt begleitet sein muss. Leider konnte das Geschehen auf dem Feld dem äußeren Rahmen nicht ansatzweise gerecht werden. Das lag in erster Linie am platzbauenden Verein, dem FC Rot-Weiß Erfurt.

Der Mann mit der Mütze (siehe oben), seit nunmehr 31 Jahren mein Begleiter bei den Heimspielen des RWE, bemerkte es als erster: Nils Pfingsten-Reddig nur auf den Bank. Ungläubiger Blickkontakt, begleitet von hochgezogenen Augenbrauen meinerseits. Never change a winning team, sagte der Mann mit der Mütze. Es sei denn du kannst es stärker machen, grummelte es in mir. Für drei Punkte hätte ich gerne darauf verzichtet, meine Skepsis durch den weiteren Fortgang der Dinge bestätigt zu finden.

Es begann schon anders als erwartet: Der RWE zögerlich, zaghaft, zaudernd. Angsthasenfußball. Nichts zu spüren vom Selbstbewusstsein, den ein herausragend erspielter Auswärtssieg eigentlich zur Folge haben sollte. Der CFC (mit den Ex-Erfurtern Sträßer und Stenzel) begriff schnell, das hier vielleicht mehr zu holen sein könnte, als ein mittels taktischer Disziplin ergurktes Unentschieden. Und hatte die ersten Möglichkeiten des Spiels. Über das gesamte Spiel hinweg, waren die Chemnitzer Torchancen von etwas höherer Qualität als die des RWE. Hundertprozentige, klar herauskombinierte Möglichkeiten gab es jedoch auf beiden Seiten nicht. Wenn es so was überhaupt gibt, dann haben wir am Freitagabend ein typisches Null-zu-Null-Spiel gesehen durchlitten.

Der einzige Erfurter Spieler der – für diese Abend – mit dem Hauptwort Tormöglichkeit in ein und demselben Satz vorkam, war Gaetano Manno. Der Deutsch-Italiener und freie Radikale des RWE-Angriffs rackerte wie ein Berserker und lief so unermüdlich wie ein Duracellhase. Allerdings bin ich sicher, dass das taktisch so nicht geplant war und Manno viel mehr seine Position auf der rechten Seite halten sollte. Er veränderte diese taktische Vorgabe wohl deshalb, weil ihm relativ schnell klar war, dass er dort keine verwertbaren Zuspiele erhalten würde. Und wollte auf diese Weise dem Schicksal Drexlers, auf der anderen Seite, entgehen. Was wiederum das Problem nach sich zog, dass der RWE mit drei Mittelstürmern agierte, damit allerdings das Mittelfeld den Chemnitzern überließ.

Es wäre vermessen, wenn ich jetzt behaupten würde, dass wir mit Nils Pfingsten-Reddig besser gespielt oder gar gewonnen hätten. Aber das Spiel in Unterhaching hat gezeigt, welche gravierenden Folgen taktische Änderungen haben können. Um eines vorweg zu sagen: Danso Weidlich war ganz klar einer des besseren Spieler des RWE an diesem Abend. Jedoch, meiner bescheidenen Meinung nach: er ist kein Sechser. Zu seinen Vorzügen zählen eine unglaublich starke Physis und die Fähigkeit auch mal zwei oder drei Spieler auf dem Weg nach vorn stehen zu lassen. In seiner Spielweise durchaus an Lúcio erinnernd. Jedoch liegt hier auch ein Problem. Auf den Außenbahnen, das hat Danso oft genug bewiesen, kann dies ein taktisches Mittel sein, eine Abwehr in Verlegenheit zu bringen. Im hochkritischen, verdichteten Mittelfeldzentrum hingegen, sind lange Sturmläufe mit dem Ball am Fuß ungeeignet zur Spieleröffnung. Zu hoch das Risiko eines Ballverlustes, zudem ist es leicht ausrechenbar und – im massiv besetzten zentralen Mittelfeld – gut zu unterbinden.

Spielertypen wie Pfingsten-Reddig sind im heutigen Fußball so einer Art Passroboter. Mit hoher Präzision sollen sie das Spiel aus der Abwehr eröffnen, am besten mit Raumgewinn, also vertikal oder diagonal nach vorn. Zweikämpfe sind eher zu vermeiden, denn die kann man leicht verlieren. Was – so nahe am eigenen Strafraum – fast zwangsläufig zu Tormöglichkeiten des Gegners führt. Bei der Bewertung von Weidlichs Leistung muss fairerweise berücksichtigt werden, dass er auf dieser Position über keine nennenswerte Erfahrung verfügt. 45 Minuten in einem Auswärtsspiel zählen da nicht wirklich.

Zu Beginn der Begegnung spielten sie es taktisch wie gehabt (nur halt ohne Pfingsten): Weidlich war der erste Adressat für die Innenverteidiger, Zedi agierte recht deutlich davor. Aber es funktionierte nicht. Weder gab es Zuspiele in die Mitte (auf Zedi, oder einen der Stürmer) noch konnten die Außen ins Spiel eingebunden werden. Dann versuchte sich Zedi, das Dilemma erkennend, für ein paar Minuten in der Spieleröffnung (ohnehin nicht seine Stärke) – und ebenfalls mit überschaubarem Erfolg. Anschließend passten sich die Verteidiger über weite Strecken der Partie den Ball gegenseitig zu, siebzig Meter vom Chemnitzer Tor entfernt. Ratlosigkeit machte sich breit, die bis zum Ende anhielt. Sicher, ein paar Mal schleppte Danso den Ball gefällig durch Mittelfeld, aber außer einer Ecke sprang dabei nicht viel heraus. Unmittelbare wie mittelbare Torgefahr – Fehlanzeige.

Ein Verdienst von Gerd Schädlich. Der Großmeister des ostsächsischen Catenaccio verzichtete auf offensives Pressing und nutzte die so gewonnen Ressourcen zur Doppelung der Außenpositionen und einem gut organisierten Zustellen der zentralen vertikalen Passwege. Diese simplen taktischen Mittel genügten, um dem RWE die Luft abzuwürgen. Läuferisch, kämpferisch und konditionell sind Mannschaften die von Gerd Schädlich trainiert werden sowieso stets vorn dabei. Allein mit kämpferischen Mitteln ist ihnen nicht beizukommen.

Im Gegensatz zum Sieg in Unterhaching fehlte unserem Trainer der Mut zu gravierenden Korrekturen. Um an der weitgehenden Agonie des Angriffspiels etwas zu ändern, wäre das dringend geboten gewesen. Die Wechsel die er vornahm blieben mir ein Rätsel. Das Lächeln der Mona Lisa nichts dagegen. Das Duell der Trainer ging an diesem Abend an den knurrig-sympathischen Sachsen Schädlich. Nun ja, zum Trost sei Stefan Emmerling zugerufen: man kann den Kollegen halt nicht immer so düpieren, wie das von einer Woche gegen Heiko Herrlich herrlich gelang. Trotzdem – man hätte es wenigstens versuchen können.

Bei aller Kritik: wir haben nicht verloren. Die Chemnitzer verteidigten gut, der RWE ebenfalls. Der CFC versuchte die spielerische Verunsicherung der Erfurter zu nutzen, das gelang zum Glück nur in Maßen. Zudem erwischte Tom Bertram einen prima Tag und war an diesem Abend bester Erfurter Spieler. Am Boden und in der Luft kaum zu überwinden. Das trifft – bis auf einen Fehler – ebenso auf Oumari zu. Nur zwei Gegentore in den letzen sechs Spielen sind beredtes Zeugnis einer Stabilisierung der Defensive auf hohem Niveau.

Der Mann mit der Mütze sagte nach dem Spiel dasselbe, was er bereits nach den letzten Unentschieden gesagt hatte: Was soll’s, dann werden wir halt auswärts gewinnen. Sollte das wieder eintreffen, werde ich ihn beim nächsten Heimspiel Nostradamus nennen.

Unterhaching – RWE 1:3 / Schöne Aussichten

Alles schien wie immer zu laufen, wenn der RWE im Münchner Vorort Unterhaching antritt. Nach dem schnellen Rückstand waren alle Vorgaben des Trainers die Kreide nicht mehr wert mit der sie die Taktiktafel zierten. Schier unbegreiflich, dass die Hachinger ein halbes Dutzend bester Möglichkeiten in Halbzeit eins nicht nutzten. Unbegreiflich, aber gut. Für uns. Das Spiel seiner Mannschaft in den ersten 45 Minuten anzusehen, muss ein Grauen für Stefan Emmerling gewesen sein. Denn eine mikrotaktische Änderung kann man die Einwechslung von Gaetano Manno, vor allem aber die damit verbundenen Konsequenzen, kaum nennen. Ich will nicht sagen, dass Emmerling Vabanque spielte; sehr, sehr riskant war es in jedem Fall. Am Ende stand ein überragender Sieg, erspielt innerhalb der besten 45 Minuten Fußball, die der RWE in dieser Saison ablieferte.

Die Aufstellung Baumgartens in der Startformation war durchaus eine kleine Überraschung. Doch vielleicht hatte die Vorstellung Rauws in Gotha, der beim Pokalspiel die freie Sechser-Position probeweise innehatte, Emmerling ebenso wenig überzeugt wie mich. Hinzu kam, dass auch Ofosu-Ayeh nicht wirklich überzeugen konnte, so dass es nicht ratsam schien die Baustelle auf der rechten Abwehrseite mit ihm zu verschlimmbessern. Hinten blieb – während des gesamten Spiels – alles wie gehabt (wenn niemand verletzt oder gesperrt ist): Sponsel im Tor, Oumari und Bertram in der Innenverteidigung, Rauw auf rechts und Caillas links. Ich sehe gerade bei kicker.de, dass alle Spieler unserer Viererkette die Note 3 für ihre Leistung bekommen haben. Das lass ich mal so stehen. Nein, das kann ich nicht so stehen lassen. Eingedenk der Tatsache, dass wir, wenn alles normal läuft, mit einem 0:3 (oder höher) in die Kabine gehen, können sie mit dieser Benotung des Fachmagazins zufrieden sein.

Im Mittelfeld ersetzte Baumgarten Pfingsten-Reddig, vielmehr: er hätte ihn ersetzen sollen. Das ist keine Schelte an unserem Nachwuchstalent. Der Konjunktiv begründet sich in erster Linie durch meine immens stabile Meinung, dass Nils Pfingsten-Reddig derzeit durch keinen anderen Spieler dieser Mannschaft adäquat zu ersetzen ist. Seine Spielintelligenz, seine Sicherheit bei der Spieleröffnung, sein Gespür für freie Räume sind unverzichtbar. Genauso wie die Entschlossenheit eines Rudi Zedi hinsichtlich der Unterstützung von Angriffsaktionen.

Mit Beginn der zweiten Halbzeit kam Manno für Baumgarten. Weidlich nahm dessen Position im defensiven Mittelfeld ein, Manno wiederum spielte auf rechts. Seinem Temperament, seiner Ausbildung und der Intention seines Trainers gemäß, agierte er deutlich offensiver als Weidlich, so dass der RWE bei eigenen Angriffen mit vier Stürmern die Hachinger Defensive bedrängte. Die zeigte sich dieser Aufgabe nicht gewachsen und wurde in den 20 Minuten nach der Pause in Grund und Boden gespielt. Bevor der Trainer der Hachinger (Heiko Herrlich) so recht fassen konnte was da geschah, stand es 3:1 für den RWE und die Messe war gelesen.

Wir führen an dieser Stelle – und für genau einen Spieltag – mal die Rubrik Mann des Tages ein. Vor allem deshalb, weil es mir die Gelegenheit gibt, ein paar nette Sachen über einige Protagonisten des RWE zu verlieren:

Kandidat 1: Andreas Sponsel. Wie schon in Saarbrücken (bei seinem Debüt) ein Garant des Erfolges. Allein die Parade gegen den heranstürmenden Avdic war gleichermaßen gekonnt wie überlebensnotwendig. Das zweite Tor für die Hachinger wäre – sehr wahrscheinlich – das Ende aller Hoffnungen gewesen. Allerdings hatte er Hilfe, durch:

Kandidat 2: Olivier Caillas. Der Deutsch-Franzose würde vermutlich auf Jahre hinaus jede Umfrage der dritten Liga nach dem unbeliebtesten Spieler gewinnen. Egal ob man Zuschauer, oder Spieler der anderen Mannschaften fragt. Ich finde ihn großartig. Unser Agent Provocateure lief Avdic zwar 20 Meter hinterher, als dieser allein auf Sponsel zusteuerte, gestikulierte aber wild und zeigte seinem Keeper an, in welche Ecke der Hachinger Angreifer schießen würde (nach rechts). Und lag völlig richtig damit. Das habe ich so auch noch nie gesehen. Sensationelle Szene.

Kandidat 3: Denis-Danso Weidlich. Bereits in der letzten Saison zählte Danso zu den Leistungsträgern der Mannschaft. Robuste Physis, gute Technik, vor allem aber seine Durchsetzungsfähigkeit im eins gegen eins gehören zu seinen Trümpfen. Sein taktisches Verständnis ließ bisweilen zu wünschen übrig. Daran haben Spieler und Trainer gearbeitet, jedenfalls bot Danso auf der anspruchsvollen zentralen Mittelfeldposition (in Halbzeit zwei) eine großartige Leistung.

Kandidat 4: Gaetano Manno. Ich bin sowieso ein Fan des Italieners. Zugegeben, nicht all seine Spiele für den RWE waren so beeindruckend wie jenes am Freitag. Dies mag aber auch daran liegen, dass es schwierig für ihn war (vielleicht noch ist), seine Rolle in der Mannschaft zu finden. Ständig zwischen Bank, Angriff, rechtem Mittelfeld und dem Hemingway changierend, hätte wohl jeder ein Problem ständig optimale Leistungen abzurufen. Eines konnte man ihm allerdings nie absprechen: Einsatzwillen und Laufbereitschaft. Emmerling hat mit ihm den Sieg eingewechselt.

Kandidat 5: Marcel Reichwein. Der viel gescholtene Stürmer klausfischerte mit einem Traumtreffer die Führung. Mehr muss man nicht sagen. Just enjoy it.

Kandidat 6: Dominick Drechsler. Hat diese Saison bereits das ein oder andere gute Spiel gezeigt. Es fehlte die Konstanz. Für einen 21jährigen ist das eher normal. Was für fast alle offensiven Spieler des RWE zutrifft, gilt ganz besonders für ihn: Arbeitet viel nach hinten, hat große Stärken im offensiven eins gegen eins und spielt äußerst mannschaftsdienlich; meistens mit dem Blick für den besser positionierten Mitspieler. Wenn es bei ihm so läuft wie am Freitag, ist er ein Albtraum für jede Verteidigung.

So, jetzt habe ich bereits die halbe Mannschaft aufgelistet und bin doch noch nicht am Ende. Einer fehlt noch, nämlich:

Kandidat 7: Stefan Emmerling. Hat alles gewagt und gewonnen. Wer diesen Blog halbwegs regelmäßig liest, dem wird nicht entgangen sein, dass ich große Stücke auf unseren Trainer halte. Deshalb gönne ich ihm von ganzem Herzen den Triumph, mit seinem Willen zum Risiko den entscheidenden Akzent zum Sieg gesetzt zu haben. Wohl wissend, dass dies am kommenden Freitag schon (fast) niemand mehr weiß, sollten wir gegen Chemnitz nicht gewinnen.

Das Benennen so vieler Kandidaten für den Mann des Tages macht deutlich: ein Sieg hat zumeist viele Väter, was in diesem Fall überhaupt nicht ironisch gemeint ist. Eine völlig unvermutete und deshalb umso eindrucksvollere Steigerung der gesamten Mannschaft war letztendlich ausschlaggebend für diese enorm wichtigen drei Punkte. In den letzten sechs Spielen wurde exakt der „Aufstiegsdurchschnitt“ von 2 Punkten pro Spiel erreicht. Nach drei Auswärtssiegen in Folge hätte niemand etwas dagegen, das arithmetische Mittel gegen formschwache Chemnitzer weiter anzuheben. Jeder weiß jedoch: angeschlagene Boxer sind am gefährlichsten.

RB Leipzig, der T-1000 des deutschen Fußballs: Nicht zu stoppen.

Nach einem Beitrag des verehrten Kollegen rotebrauseblogger, wurde in seinem Blog tagelang über eine Interview-Äußerung des Präsidenten von Union Berlin, Dirk Zingler, diskutiert.

Es kann vielleicht nicht schaden, meine Grundhaltung zu den beiden Klubs Union Berlin und RB Leipzig kurz zusammenzufassen: Für den Verein Union Berlin hege ich eine tiefe Sympathie, die mit der Entwicklung, die Union in den letzten Jahren genommen hat (unter der gedeihlichen Präsidentschaft von Dirk Zingler), eher noch zugenommen hat. Das Projekt RB Leipzig verfolge ich mit Interesse. Einem etwas klinischen Interesse, zugegeben.

Zunächst denke ich, dass Dirk Zingler mit seiner Analyse einfach nur Recht hat. Dietrich Mateschitz wird sich in Leipzig einen Verein nach seinem Gusto erschaffen. Eine Firma wie Red Bull, die auf dem Gebiet des Sportmarketing derart revolutionär agiert, kann sich das größte und aufregendste Karussell auf dem Rummelplatz nicht dauerhaft entgehen lassen. Und das ist nun mal der Fußball.

Im weiteren Fortgang der Dinge nutzte Dirk Zingler seine Analyse dafür, die eigenen Reihen geschlossen zu halten (siehe Anzeige). Außerdem hat der Union-Präsident etwas zu verkaufen und wie jeder Verkäufer glaubt er daran, dass Emotionen ein guter Katalysator für Kaufreize sind. Mit der Einführung der zerquetschten Red-Bull-Dose nimmt das alles eine neue, unangenehme Richtung. Ab hier riecht es nach Kriegsanleihe. Ein Feind wird benannt. Klar, Red Bull drängt sich als Public Enemy fast unwiderstehlich auf. Der Union-Präsident weiß auch, dass Worte das eine und Bilder noch einmal etwas völlig anderes sind. Die verwendete Ikonographie der zertretenen Red-Bull-Dose lässt allerdings ahnen, welche Richtung die Auseinandersetzungen in den nächsten Jahren nehmen werden. Irgendwann werden in diesem Konflikt keine Gefangenen mehr gemacht. Die zerquetschte Dose ist eine schlechte Idee. Besser wäre gewesen, was eigentlich immer besser ist: Ironie. Die wiederum ist nur sehr begrenzt emotionalisierbar. Deshalb glaube ich, dass man sich sehr bewusst gegen sie und für Emotionen entschieden hat – und halte das für ein Verhängnis.

Unabhängig von der gefühlsbedürftigen Verkaufskampagne der Unioner: Es ist zweifelhaft, ob Red Bull der richtige Adressat für den ganzen Unmut ist. Die Firma tut, was ihr im Rahmen der Verbandsregularien erlaubt ist. Das ist legitim. Im Gegenteil: Sie sucht sich einen fußballhistorischen Traditionsort wie Leipzig, mietet eine Arena – die sonst Gefahr gelaufen wäre zur Investruine zu verkommen, und bietet einer immer größeren Anzahl von Fans, was sie vermissen: guten Fußball, sowie die Aussicht auf noch besseren Fußball.

Das Dilemma: die faktisch unbegrenzt vorhandenen monetären Mittel von Red Bull, annullieren die Chancengleichheit des Wettbewerbs. Am deutlichsten wird das gerade jetzt und in näherer Zukunft, in der sich RB Leipzig gegen notorisch klamme Mitbewerber behaupten muss. Selbst für klug agierende Vereine wie Aue, Cottbus, Union und Rostock kann eine falsche Entscheidung, ein unpassender Trainer, ein paar unglückliche Transfers, ein unbedachter Vertrag, Abstieg, Absturz und sogar Ruin bedeuten. Nicht so für RB Leipzig. In dieser Hinsicht dem Terminator gleich, ist RB Leipzig in der Lage sich ständig neu zu materialisieren. Und wird das – auf dem Weg nach oben – wieder und wieder tun. Rückschläge, Fehleinkäufe und Managementfehler werden nicht ausbleiben, sie sind halt nur folgenlos. Über die Entschlossenheit des Dietrich Mateschitz mit RB Leipzig ganz nach oben zu kommen, sollte sich niemand Illusionen machen. Rückblickend wird das so aussehen, als ob Haile Gebrselassie einen Pulk keuchender Hobbyläufer stehen lässt.

Jetzt könnte man auf die Idee kommen und mit den Fingern beispielsweise auf Bayern München deuten: Die haben doch auch so viel mehr Kohle als allen anderen. Stimmt. Es ist aber ein Unterschied, ob sich Ungleichheiten sukzessive entwickelt haben, oder ob sie (wie bei RB Leipzig) praktisch der einzige Treibstoff auf dem Weg nach oben sind. Problematisch ist dennoch beides. Auch durch gute Arbeit redlich erworbene Vorteile, können langweilige Wettbewerbe zur Folge haben. Eine Lösung hierfür sehe ich nicht. Wegen offensichtlicher Undurchführbarkeit scheidet die komplexe, aber hochwirksame Methode des US-Profisports, das 1935 eingeführte Draft-System, aus. Über ein ähnliches Regelsystem zur Vermeidung dauerhafter sportlicher Ungleichheiten verfügt der Fußball nicht. Hat er noch nie. Geld schoss schon immer Tore, egal woher es kam.

Der DFB jedenfalls wird das Projekt RB Leipzig nicht stoppen. Das ist nämlich – ab einem gewissen Zeitpunkt – keine juristische Frage mehr. RB schafft Fakten. Die Zuschauerzahlen bewegen sich eindrucksvoll nach oben (zuweilen freikartenanimiert). Offensichtlich wird das Projekt RB Leipzig angenommen und hat mithin mehr erreicht als der DFB in den 20 Jahren zuvor. Da wurde endlos viel über das Fußballpotential der Stadt gelabert, in der sich der DFB vor 111 Jahren gründete. In erster Linie aber wurde geklagt, dass diese Potentiale – aus vielerlei Gründen – degeneriert danieder liegen. Wie von Red Bull geplant, hat die Gründung von RB Leipzig diese Situation grundlegend geändert. Sicher, niemals werden die Anhänger der Leipziger Traditionsvereine ihren Frieden mit diesem neureichen Beau machen. Verständlich. Allein: das spielt keine nennenswerte Rolle. Stadt und Umland sind groß genug, die WM-Arena stimmungsvoll zu befüllen. Einem Torschrei hört man eben nicht an, ob er aus der Kehle eines Traditions- oder Eventfans stammt. Mit welcher Legitimation will der DFB diesen Leipziger Honeymoon beenden? Es mag sein, dass Red Bull formale Zugeständnisse bei der Konstruktion des Clubs wird machen müssen. Allerdings ist dies reiner Theaterdonner.

Vermutlich in der nächsten Saison wird Rot-Weiß Erfurt in der 3.Liga auf RB Leipzig treffen. Vielleicht werden wir sie besiegen. Aufhalten werden wir sie nicht.

Wacker Gotha – RWE 1:3 / Gezittert nur der Kälte wegen

Habichhorst macht den Zidane. Nur schlimmer. / Foto: © mdr

Rudi Zedi hat sich am Samstag um meine körperliche Unversehrtheit verdient gemacht. Sein Tor in der 86. Minute bewahrte meine Füße vor der Amputation und den RWE vor einer Verlängerung. Während meine Schuhwahl leichtsinnig war, konnte man dies von Auf- und Einstellung des RWE nicht behaupten.

Dennoch galt im Gothaer Volksparkstadion der Satz Johann Cruyffs: Die können gegen uns nicht gewinnen, aber wir können gegen sie verlieren. Deshalb mied Stefan Emmerling jedes Risiko und bot seine erste Elf auf (mit Ausnahme Zedis, der sich unter der Woche einer Zahn-OP unterziehen musste und zunächst auf der Bank saß). Das gab Emmerling die Chance für ein personelles Experiment: Rauw spielte an der Seite von Pfingsten-Reddig im defensiven Mittelfeld, dafür kam Ofosu-Ayeh auf der rechten Seite der Viererkette zum Einsatz. So könnte es auch in Unterhaching aussehen, nur dass dort Pfingsten-Reddig fehlen wird. Ich will mich nicht des unentwegten Rauw-Bashings schuldig machen, aber soviel sei erlaubt: er konnte Zedi nicht adäquat ersetzen. Ich habe meine Zweifel, ob der Belgier für diese Position schnell genug ist, seine Formkurve in den letzten Wochen zeigt ebenfalls nach Süden. Nachdem was ich in Gotha gesehen habe, wäre ich eher für einen Einsatz von Humbert. Oder – allerdings sehr unwahrscheinlich – Maik Baumgarten bekommt eine Chance. Selbstvertrauen sollte er nach den letzten Erfolgen der A-Junioren ausreichend haben. Und seien wir ehrlich: viel verlieren können wir in Unterhaching nicht.

Noch größere Sorgen bereitet mir die rechte Abwehrseite. Man kann nicht mal behaupten, dass Ofosu-Ayeh schlecht gespielt hat. Er hat keinen großen Fehler gemacht, was allerdings gegen die harmlosen Wacker-Amateure kein besonderes Verdienst war. Sein Hauptproblem heißt: Hektik. In die verfällt er allzu häufig, wenn es eng und schnell wird. Im Gegensatz zum Samstag, sind derartige Spielsituationen in der 3.Liga aber die Regel. Derzeit nur bedingt drittligareif.

Es mag jetzt überraschen, aber abgesehen von diesen Beobachtungen, hatte ich am Auftritt des RWE nicht so viel auszusetzen. Die Konstellation ist ja geläufig: ein bis in die Haarverlängerungen hinein motivierter Außenseiter, trifft auf ein höherklassiges Team, das wenig gewinnen, jedoch alles verlieren kann. So sah das dann auch aus, wobei ich nicht eine Sekunde lang zweifelte, wer den Platz als Sieger verlassen wird. Gezittert habe ich nur wegen der Kälte. Der RWE war in allen Belangen überlegen: technisch, taktisch, läuferisch. Woran es mangelte war die letzte Entschlossenheit und Konzentration, um aus dieser Überlegenheit Zählbares zu machen. Bis dann Rudi Zedi, Mister Entschlossenheit himself, seinen Mitspielern in dieser Königsdisziplin des Fußballs eine Lektion erteilte. Wobei es zweifellos kein Nachteil war, dass Wacker zu diesem Zeitpunkt nur noch mit neun Spielern auf dem Platz stand.

Dabei könnte man es belassen, wäre da nicht diese unglaubliche Szene, in der der Gothaer Spieler Michael Habichhorst dem Schiedsrichter in Martial-Arts-Manier seinen Kopf gegen den Brustkorb rammt. Im höherklassigen deutschen Fußball (Definition von höherklassig: das Spiel wurde im Fernsehen gezeigt) ist mir eine ähnliche Szene nicht geläufig. Der Thüringer Fußballverband steht jetzt vor der Aufgabe, dafür eine angemessene Bestrafung auszusprechen. Ich kenne Michael Habichhorst nicht persönlich, und nehme jetzt einfach mal zu seinem Gunsten an, dass er in seinem bisherigen Leben als Fußballer ein tadelloser Sportsmann war. Trotzdem: wie man hier und hier und hier nachlesen kann, nehmen körperliche Angriffe auf Schiedsrichter inzwischen dramatische Ausmaße an. Das rührt an die Grundlagen des Spiels und dies wissen auch die Offiziellen des Verbandes. Michael Habichhorst wird wohl vergebens auf ein gnädiges Urteil hoffen. Für die Bewertung dieser Tätlichkeit spielt es keine Rolle, deshalb sei es nur der Vollständigkeit halber erwähnt: der Schiedsrichter lag bei allen Entscheidungen richtig.

Im RWE-Forum hat jemand Stefan Emmerling aufgefordert, die Mannschaft nach der gestrigen Leistung einem Straftraining zu unterziehen. Ich möchte gar nicht wissen, was derjenige gefordert hätte, wenn das Spiel verloren gegangen wäre. Wie gut, dass unser Trainer – in dem das Auftreten seiner Mannschaft gewiss keinen Endorphinschub auslöste – derartigem populistischen Blödsinn nicht zuneigt.

Am nächsten Wochenende geht es nach Unterhaching und ich hätte nichts dagegen, wenn ich – gegen jede statistische Wahrscheinlichkeit – mal über einen Sieg bei den Oberbayern schreiben könnte.

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