Archiv für Rot-Weiß Erfurt

Die fabelhafte Welt des Michael Panse

Dicke Luft über Erfurt / Foto: Jens-Ulrich Koch/ddp

Gestern haben sich der Fraktionschef der CDU im Erfurter Stadtrat, Michael Panse, und der wirtschaftspolitische Sprecher der CDU im Thüringer Landtag, Gerhard Günther, zum Umbau der Stadien in Erfurt und Jena zu Wort gemeldet. Panse insistiert darauf „den Zeitdruck herauszunehmen und seriös zu arbeiten.“ Herr Günther, dem gravierende Teile der Diskussion der vergangenen Jahre entgangen zu sein scheinen, will ein Stadion für beide Städte, das er über eine Public Privat Partnership zu finanzieren vorschlägt. Als leuchtendes Beispiel sieht er die Errichtung der neuen Dresdner Arena. Mit letzterem Vorschlag will ich mich nicht lange aufhalten, dazu hat Dirk Adams (B90/Die Grünen) bereits alles Wesentliche gesagt.

Seit Jahren ungelöste Verkehrsprobleme um das Stadion herum

Herr Panse stört sich vor allem daran, dass diverse infrastrukturelle Fragen noch nicht gelöst seien und es noch kein Betreiberkonzept gebe. Das stimmt so ungefähr, doch bei näherer Betrachtung stellt man fest, dass zum Beispiel die von ihm erwähnte Verkehrsführung der Martin-Andersen-Nexö-Straße ein Evergreen der Erfurter Stadtpolitik ist. Hierüber schreibt Panses Fraktionskollege Jörg Kallenbach am 09.11.2010 auf der Homepage der Erfurter CDU: «Sie ist das älteste ungelöste Verkehrsproblem Erfurts». Desgleichen ist die Parkplatzsituation um das Steigerwaldstadion seit Jahren angespannt. Hier muss allerdings einschränkend darauf verwiesen werden, dass schon bisher Großveranstaltungen (mit bis zu 20.000 Zuschauer) stattgefunden haben, ohne dass sofort der städtische Notstand ausgerufen werden musste. Auch sollte man – auf Seiten der Arenaskeptiker – zumindest um ein wenig Kohärenz in der Argumentation bemüht sein: Denn entweder es kommen keine Besucher (und das Konzept scheitert), dann hat man auch kein Verkehrsproblem, jedenfalls kein größeres als bisher. Oder: Es kommen Leute (das Konzept geht also auf) und man hat ein vermeintliche Infrastrukturdefizit in diesem Stadtteil. Aber beide Argumente in einer Kausalkette in Anspruch zu nehmen, widersetzt sich jeder Logik.

Michael Panse, der angetreten ist Andreas Bausewein im Erfurter Rathaus abzulösen, vermengt – keineswegs ungeschickt – all diese offenen Punkte, also Stadion plus MAN-Straße plus Parkplätze, etc. zu einem großen, unauflösbaren Problemcluster. Er muss gar nicht sagen, dass er gegen den Umbau des Stadions ist. Er kann – George Orwell lässt grüßen – sogar behaupten, er sei dafür. Er knüpft einfach den gordischen Knoten erneut, den Machnig, Bausewein und Rombach (und mit ihnen viele Fußballanhänger in Erfurt) bereits durchschlagen glaubten.

Fußballgegner sollen zu Panse-Wählern werden

Michael Panse gefällt sich in der Rolle des staatstragenden, vernunftbegabten Kommunalpolitikers. Er hat große Mühe gegen Bausewein Profil zu gewinnen, dieser neigt ja nicht wirklich zu unbedachten Kurzschlußhandlungen und ist für die Opposition im Erfurter Stadtrat ob seines unaufgeregt-nüchternen Stils schwer zu attackieren. Aber hier, bei der Frage des Stadionumbaus glaubt er gegen Bausewein punkten zu können. In der Einwohnerschaft der Stadt gibt es zweifelsfrei einen hohen Anteil an Gegnern des Stadion-Projektes. Auf diese Wähler setzt Michael Panse. Die muss er nicht mal emotionalisieren, dass Thema an sich ist bereits so affektgeladen wie eine sizilianische Tarantella. Allerdings gab es große Gegnerschaft bei der Oper, beim Flughafen, beim Bundesarbeitsgericht (die Liste ließe sich fortsetzen) ebenso, ohne das sofort alle Fragen um diese Vorhaben herum «für die nächsten 25 Jahre» (Panse) geklärt werden mussten. Konkret würde mich sehr interessieren, wie denn die 25-Jahresplanung für den Erfurter Flughafen ausgesehen hat. Hat ja super geklappt, kann man nicht anders sagen.

Enges Zeitfenster

Mir ist klar, dass der folgende Vergleich quantitative wie qualitative Defizite aufweist, trotzdem sei er mir gestattet: Ein wenig verhält es sich beim Umbau des maroden Erfurter Stadions in eine moderne Mehrzweck-Arena wie bei der deutschen Wiedervereinigung: Es gibt ein enges Zeitfenster – und entweder man nutzt es, oder es schließt sich – möglicherweise für immer. Oskar Lafontaine hat damals übrigens auch nie öffentlich gesagt, er sei gegen die Wiedervereinigung. Aber, es gilt auch hier Matthäus 7, 20: An ihren Taten sollt ihr sie erkennen.

Der Stadionbau zu Erfurt – A never ending story?

Michael Panse scheint sich in einer verzweifelten Lage zu befinden. Dass er die bevorstehende OB-Wahl in Erfurt nicht gewinnen wird ist jetzt schon absehbar. Es geht nur noch um die Dimension der Niederlage. Damit diese im Rahmen bleibt ist offensichtlich jedes Mittel recht. Acht Monate nach der Vorstellung des Projektes für den Umbau der Stadien in Erfurt und Jena artikuliert Panse nun unvermittelt seine Bedenken. Dabei assistieren ihm – auf Landesebene – seine Parteifreunde Mohring und Geibert nach Kräften. Die Vampire entdecken den Vegetarismus.

Öffentliche Investitionen und Subventionen wohin das Auge blickt

Es gab innerhalb der CDU schon immer Tendenzen den ordnungspolitischen Oberlehrer zu geben. Zumindest in der Theorie. In der Praxis hatte die CDU noch nie Probleme damit, ihre Klientel (oder was sie dafür hält) mit Staatsknete zufrieden zu stellen. Wie natürlich auch die SPD, die Grünen, die Linken, die FDP, usw. usf. damit kein Problem haben. In den vergangenen 20 Jahren wurden in Thüringen unzählige Vorhaben aller Art auf diese Weise finanziert: kostspielige und weniger kostspielige, sinnvolle und weniger sinnvolle, notwendige und überflüssige, erfolgreiche und desaströse. Allein die Bewertung ob eine öffentliche Investition ihr Geld wert war, liegt meist im Auge des Betrachters. Auch ist es eine Illusion – eine dieser Allmachtsphantasien denen Politiker gerne anhängen – vorher genau wissen zu wollen, ob eine Investition langfristig einen Mehrwert erbringt oder nicht. Beispielsweise schien es höchst vernünftig, den Erfurter Flughafen zu modernisieren und diesen Flughafen mittels einer Straßenbahn mit dem Stadtzentrum zu verbinden. Heute, nachdem der Flugbetrieb praktisch eingestellt wurde, ist doch sehr zweifelhaft ob sich die mindestens 250 Millionen Euro für diese dereinst völlig schlüssig scheinende Investition wirklich rentiert haben. Wohl eher nicht.

Stadien gehören zur Infrastruktur einer Stadt

Das heutige Steigerwaldstadion wurde von der Stadt Erfurt erbaut und befand sich immer in deren Besitz. Heute ist es in weiten Teilen marode und der Stadt fehlen die Mittel um an dieser Situation etwas zu ändern. Es ist gleichermaßen unredlich wie unrealistisch vom Hauptnutzer des Stadions (sprich: Mieter), dem FC Rot-Weiß Erfurt, zu verlangen, dass er, an Stelle des Eigentümers eine Sanierung der Immobilie mit eigenen Mitteln durchführen soll. Bis auf ganz wenige Ausnahmen sind alle Stadionumbauten der letzten Jahre in Deutschland von den Kommunen unter wesentlicher Ko-Finanzierung der Länder und des Bundes durchgeführt worden. So wie es in Erfurt geplant ist.  Sicher, man wünschte sich, wie es immer so schön heißt, ein stärkeres Engagement privater Investoren. Der RWE versucht auf diesem Gebiet einiges. Aber es wäre nichts weniger als ein Wunder, wenn es gelänge, eine Firma zu finden die bereit ist einen hohen zweistelligen Millionenbetrag in eine Stadionsanierung zu stecken. So viele erfolgreiche Hersteller roter Brause gibt es nun auch wieder nicht.

Klar, das für die Förderbewilligung notwendige Konzept ist, sagen wir mal, verquer. Man ist quasi genötigt ein Kongresszentrum mit zugehöriger Rasenfläche zu bauen. Doch mal ehrlich, ist das wirklich verrückter als der Neubau einer Oper für 60 Millionen Euro? Wo doch das nächste Opernhaus (mit Weltklasseorchester) gerade mal 20 km entfernt ist. Mein Großvater ist noch nach Bayreuth gelaufen, um seinen geliebten Wagner zu hören. Eine zwanzigminütige Zugfahrt nach Weimar hingegen, scheint den Erfurter Musikfreunden zuviel der Mühsal.

Das Konzept von Wirtschaftsminister Matthias Machnig, des letzten Rock’n Rollers der deutschen Politik, ist den Umständen geschuldet, die eine Förderung des Anliegens zulassen. Nicht optimal, aber auch nicht völlig abwegig. Die der IFS-Studie zu Grunde liegenden Zahlen erwecken jedenfalls nicht den Eindruck als wären sie pures Wunschdenken. Auf der Habenseite steht zudem die Zerschlagung eines gordischen Knotens: zwei neue Arenen zu überschaubaren Kosten für die beiden Städte Erfurt und Jena und ihre Fußballvereine. Das hätte niemand mehr für möglich gehalten. Jetzt arbeiten die Herren Panse und Mohring mit Nachdruck daran den Knoten erneut zu knüpfen. Beiden ist im Grunde völlig egal, ob diese Stadien gebaut werden oder eben nicht. Die vorgebliche Sachfrage dient nur als Vehikel. Der Eine möchte bei der Erfurter OB-Wahl eine krachende Niederlage vermeiden, die seine ohnehin stockende politische Karriere endgültig ruinieren würde. Der Andere – begabtere – will einfach seinen Intimfeind Machnig abstrafen.

Der Erfurter Fußball hat sich dieses Stadion verdient

Derzeit scheint die ganze Angelegenheit eine für den RWE höchst bittere Wendung zu nehmen. Während man in Jena wie ein Mann hinter dem Projekt steht, geraten in Erfurt die Felle ins schwimmen. Und das obwohl es Rolf Rombach war, der Präsident des RWE, der mir großer Energie für ein neues Stadion gekämpft, gestritten und gelitten hat. Ohne ihn gebe es dieses Zwillingsprojekt nicht. Unter seine Präsidentschaft hat der Verein eine gedeihliche Entwicklung genommen. Schulden wurden abgebaut, die Reputation des Klubs konnte durch Seriosität und Berechenbarkeit wieder hergestellt werden. Anhänger eines Vereins sind selten vollauf zufrieden. Dennoch, auch die sportliche Bilanz kann sich sehen lassen: der RWE ist eine feste Größe in der 3.Liga, spielte im letzten Jahr um den Aufstieg und kann das – mit etwas Glück – auch in diesem Jahr schaffen. Aber selbst für eine sportliche Zukunft in der dritten deutschen Profiliga ist ein renoviertes Stadion unerlässlich. Die Verhältnisse sind nun mal so, dass auf die zusätzlichen Einnahmen durch das Plus an Zuschauern, Businesslogen und Werbung nicht verzichten kann, wer wettbewerbsfähig bleiben will. Der Fußballverein Rot-Weiß Erfurt hat – unter schwierigen Voraussetzungen – in den letzten Jahren viel erreicht. Es ist nicht recht einsehbar, warum ausgerechnet dem Fußball die Unterstützung verwehrt bleiben soll, die anderen, wesentlich weniger populären Sportarten, in Millionenhöhe gewährt wurde.

Wer das jetzige Konzept – als offensichtliches ultima ratio für eine Sanierung des SWS – ablehnt, der sollte deutlich vernehmbar dazu sagen, dass er gegen Profifußball in Erfurt ist. Denn in letzter Konsequenz bedeutet es genau das.

Unverständliche und schwer erträgliche Subventionshierarchien

Ich habe ein bisschen gegoogelt, konnte aber trotz intensiver Recherchen keine Bedenken der hiesigen CDU gegen die – mit 5,4 Millionen nicht eben schnäppchenverdächtige – Renovierung des Radstadions im Erfurter Andreasried entdecken. Bezüglich der vor allem als Trainingsbahn genutzten Gunda Niemann-Stirnemann Halle für Eisschnellläufer sind ebenfalls keine warnenden Einlassungen überliefert. Beide vollständig mit Steuermitteln modernisiert bzw. errichtet, versteht sich. Randsportarten mit Nachwuchs- und Dopingproblemen werden in Erfurt seit Jahrzehnten mit Wonne alimentiert. Nur beim Fußball hält man sich zurück. Warum das so ist? Weil es sich dabei um gute Sportarten handelt. Gute Sportarten sind in den Augen der Erfurter Polit-Eliten Sportarten, für die sich möglichst wenige Menschen interessieren. In weiten Kreisen der im Stadtrat vertretenen Parteien «genießt» Fußball noch immer den Ruf eines proletarischen Massenvergnügens, das man nicht auch noch mit Steuergeld begünstigen sollte.

Nun, in Jena ist man da deutlich weiter. Wieder einmal. Dort war es sogar möglich, sich im letzten Moment zu revidieren und das völlig sinnfreie Beharren auf einer Laufbahn in der neuen Fußballarena aufzugeben. Dort bekommt die Leichtathletik ein neues, modernes, aber kleines, ihrer jetzigen und absehbaren Bedeutung angemessenes Stadion. Diesen Vorschlag gab es in Erfurt auch. Er hatte keine Chance und daran hat sich bis heute nichts geändert.

RWE – VfB Stuttgart II 3:1 / Ein Wintervergnügen

Der kleine Teufel in mir flüsterte leise, aber unüberhörbar: «Es ist arschkalt da draußen, das Spiel wird im Internet live übertragen (wow, ganz schön up-to-date – der Leibhaftige), sie werden wieder nicht gewinnen und ein Grottenkick wird es sowieso.» Ich ließ mich nicht beirren, meine Hoffnungen auf den ersten Heimsieg seit Ende August waren zwar nicht überschwänglich, man kann sich jedoch nicht gut über Event-Fans lustig machen, um dann bei den ersten Minusgraden selbst zu kneifen.

Der Erfurter OB zeigt Flagge

Auch der Erfurter Oberbürgermeister Andreas Bausewein schien ausreichend Gründe für einen Besuch dieses Heimspiels zu haben. Er gilt nicht wirklich als Fußballfanatiker, hat sich aber – gemeinsam mit RWE-Präsident Rombach und Wirtschaftsminister Machnig – auf den schnellstmöglichen Um- und Ausbau des Steigerwaldstadions festgelegt. Es wäre übertrieben zu behaupten, seine politische Zukunft hinge von diesem Projekt ab, aber auf Grund der plötzlich von der CDU entdeckten ordnungspolitischen Skrupel wird uns (und ihm) diese Kontroverse als Wahlkampfthema an prominenter Steller erhalten bleiben. Er zeigte Gesicht und das ist – angesichts der leicht hysterischen Diskussion – auch gut so.

Keine Überraschungen in der Startaufstellung

Nach der internen Suspendierung Oumaris rückte Bernd Rauw in die Innenverteidigung (und machte dort ein makelloses Spiel). Auf der rechten Abwehrseite entschied sich Emmerling für Ofosu-Ayeh, der, nach nervösem Beginn, eine solide Leistung bot. Engelhardt, spielte, wie bereits in Bremen, links in der Viererkette. Somit konnte Caillas ins linke Mittelfeld vorrücken, was sich als segensreich für die spielerische Performance des RWE herausstellen sollte. Allein sein Steilpass auf Reichwein war das Eintrittsgeld wert. Formal bot Emmerling ein leicht asymmetrisches 4-4-2 auf, in dem Weidlich – bei Angriffen des RWE – nicht selten auf Höhe der beiden nominellen Stürmer agierte. Diese wiederum zeigten sich taktisch sehr flexibel, einer von beiden ließ sich stets als offensive Relaisstation (sprich: Zehner) ins Mittelfeld zurückfallen, was bei ihrer spielerischen Stärke zu einem ungemein belebenden Element des Erfurter Spiels an diesem Nachmittag wurde.

Chancenlose Stuttgarter

Mit dem rekonvaleszenten Delpierre und Rathgeb standen zwei Spieler mit Bundesligaerfahrung in den Reihen des VfB. Sein erstes Spiel in der 3.Liga machte Rani Kedhira, der kleine Bruder des Real-Stars und deutschen Nationalspielers. Aber weder von vermeintlich großen Namen noch von der depressiv stimmenden Statistik ließen sich die Erfurter beeindrucken. Praktisch von Beginn des Spiels an, dominierten sie den Gegner nach Belieben. Nur bei Standards ging vom VfB so etwas wie Gefahr aus. Kein Zufall also, dass aus einer Ecke das Tor der Stuttgarter fiel. Die erste Halbzeit des RWE ließ keine Wünsche offen und die Kälte vergessen. Aus einer sehr guten Mannschaft möchte ich dann doch Smail Morabit herausheben. Seine Vorarbeit zum zweiten Tor war bemerkenswert, auch wenn sie nicht sonderlich spektakulär aussah. Nachdem er den Ball tief in der eigenen Hälfte bekommen hatte, lief er zunächst in zentraler Position auf das Stuttgarter Tor zu. Vor ihm boten sich Pfingsten-Reddig und Weidlich an. Die Stuttgarter Verteidiger konzentrierten sich auf die Absicherung des Raumes auf dieser Seite, hatten aber – schon numerisch – keine Möglichkeit Reichwein auf links adäquat zu decken. Genau diesen räumlichen Vorteil erkannte Morabit: Er verzögerte kurz, spielte dann Reichwein den Ball in den Fuß. Dass der mit solchen Situationen etwas anzufangen weiß, konnte man in dieser Szene aufs Schönste sehen. Alles in allem ein perfekt vorgetragener Konter des RWE, Lehrbuchmaterial. Das machte beim Zuschauen richtig Spaß.

Entlastung durch und für die beiden Sechser

Kaum schlechter (wenn auch etwas einfacher, weil viel mehr Raum vorhanden war), sah das erlösende 3:1 (wiederum Reichwein) aus. Die brillante Vorarbeit dazu liefert Nils Pfingsten-Reddig mit einem gefühlvollen Pass. Meine Meinung zu ihm habe ich hier schon mehrfach kund getan: Kaum ein schlechtes Spiel in anderthalb Jahren RWE, dafür viele richtig gute. Er ist das Herz des RWE-Mittelfeldspiels: effizient, leise, unspektakulär, präzise. Emmerling hatte offensichtlich die Verantwortlichkeiten der beiden zentralen Mittelfeldspieler neu justiert. Zedi verzichtete weitgehend auf Ausflüge in den gegnerischen Strafraum, dachte und spielte in erster Linie defensiv und beeindruckte den Stuttgarter Nachwuchs mit wuchtiger Körperlichkeit. Diese Maßnahme war geeignet, unserer Innenverteidigung einen weitgehend sorgenfreien Nachmittag zu ermöglichen.

Dafür hatte Pfingsten mehr Freiheiten nach vorn. Mit Weidlich und Caillas, sowie wechselweise Morabit oder Reichwein boten sich ihm immer mehrere Anspielmöglichkeiten für die Spieleröffnung. Daran hatte es in den letzten Heimspielen vor allem gemangelt. Man muss natürlich einschränkend sagen, dass die Stuttgarter ein deutlich offensiverer und mitspielwilligerer Gegner waren als z.B. Chemnitz oder Babelsberg. Aus ihrer Sicht war das ein Fehler, denn dass die gegenwärtige Mannschaft des RWE fußballspielen kann (so man sie denn lässt) sollte sich bis ins Schwabenland herumgesprochen haben.

Ein Hoch den Greenkeepern des Steigerwaldstadions

Das jetzt folgende liegt mir seit längerem auf der Seele. Ich finde nämlich, dass die Verantwortlichen für die Spielfläche des SWS seit Jahren einen sehr, sehr guten Job machen. Schaut man sich in diesen Tagen so manchen Acker in anderen Stadien an – selbst in der 1. Bundesliga -, kann man ihnen nur ein Kompliment machen. Das Stadion mag alt und die Liga drittklassig sein, der Rasen im SWS ist selbst bei widrigsten Wetterverhältnissen passabel bespielbar. So auch am Samstag und dies war gleichfalls ein Grund dafür, dass knapp 4.000 Zuschauer die vielleicht beste Saisonleistung des RWE zu sehen das Vergnügen hatten.

Bildquellen: Foto von Marco Engelhardt – kicker.de; Spielfotos – mdr

Werder Bremen II – RWE 1:1

Kein Liveticker, kein Liveradio, nur spärliche Informationen fanden den Weg von Platz 11 des Weserstadions auf die Monitore der zu Hause gebliebenen RWE-Anhänger. Was die Qualität der Berichterstattung betraf, fühlte ich mich in die längst vergangene Zeit versetzt, als deutsche Fußball-Nationalmannschaften in Albanien oder auf Malta spielten. Auf staubtrockenen Hartplätzen ging es um Punkte für die EM- oder WM-Qualifikation. Rundfunk-Korrespondenten knarrten schwer verständliche Umständlichkeiten durch den Mittelwellen-Äther, so denn die brüchige Telefonverbindung nach Tirana oder La Valetta überhaupt zu Stande kam. Nie gab es Erhebendes zu vermelden, allenfalls ein knapper Pflichtsieg war dort zu holen. Und manchmal blamierte man sich bis auf die berühmten Knochen – wie beim 0:0 der DFB-Elf am 17.12.1967 in Tirana.

Den Ausgleich schoss Johann Morabit

Aber jeden Samstag, ab 16.30 Uhr, wird ja Licht am Ende des Tunnels. Sport im Osten, jenes journalistische Glanzstück unseres geliebten heimatlichen Kuschelsenders würde verlässliche Informationen über das Spielgeschehen in La Valetta Bremen liefern. Allerdings, ja klar, da gab es zunächst wichtigere Dinge über die es zu berichten galt. Bevor der mdr die Zeit fand, sich den Spielberichten der Profifußballer aus Chemnitz, Erfurt und Jena zuzuwenden, musste das sportliche Highlight des Wochenendes opulent versendet werden: ein Frauenfußballhallenturnier. Handgestoppte 26 Minuten verwendeten die Schmocks des mdr auf diesen Charity-Event, der den sportlichen Wert einer südthüringischen Kreismeisterschaft im Handyweitwurf noch deutlich unterschritt. Mir ist schon klar, dass Lira Bajramajs Sex-Appeal um Nuancen höher liegt, als jenes von – sagen wir mal – Rudi Zedi, trotzdem scheinen dem mdr die Maßstäbe für die Relevanz von Sportveranstaltungen endgültig abhanden gekommen zu sein.

Auf 26 Minuten Frauenhallenfußball folgten dann 11 Minuten Profifußball mit dem RWE. Es sollte nicht der letzte Fauxpas des mdr an diesem Nachmittag bleiben. Der Reporter aus Bremen hatte wohl nicht die nötige Zeit, sich mit den Spielernamen der Teams näher vertraut zu machen, jedenfalls hieß Smail Morabit bei ihm durchgängig Johann mit Vornamen. Wahrscheinlich eine Verwechslung mit Oumaris Rufnamen, der Joan lautet und von logopädisch sparsam ausgebildeten Sprechern auch schon mal Johann artikuliert wird.

Kleiner Kader – bei Sperren, Geburten und Verletzungen wird es eng

Der RWE hat mit 23 Akteuren, neben Saarbrücken, den kleinsten Kader aller Drittligisten. Caillas und Drexler waren gesperrt, Manno nach seiner Verletzung noch nicht fit und Danso Weidlich einen Tag vor dem Spiel Vater geworden. So musste Emmerling auf vier Stammkräfte verzichten, von Jovanovic und Serge Yohoua redet ja irgendwie niemand mehr. So kam es, dass die personell-taktische Ausrichtung der Mannschaft zum einen sehr gewöhnungsbedürftig war, zum anderen saßen auf der Bank eigentlich nur noch ein paar Jungpioniere Nachwuchsspieler, von denen allein Hauck in der 87. Minute einer Einwechslung für wert befunden wurde. Das macht ein weiteres Dilemma im Kader des RWE deutlich: nach den ersten 15 kommt nicht mehr viel. Können von den Stammkräften einige nicht spielen, wird es schnell sehr, sehr eng. Und auch wenn es so klingen mag, das ist keine Kritik an der sportlichen Leitung des Vereins. Es bleibt strategisch richtig, sich bei den Neuverpflichtungen für Spieler wie Oumari, Manno, Rauw, Morabit und Engelhardt zu entscheiden, die zwar teuer sind, bei denen man aber davon ausgehen kann, dass sie der Mannschaft sofort helfen können, anstatt eine größere Anzahl preiswerterer Spieler zu verpflichten, von denen es möglicherweise niemand in die erste Mannschaft schafft. Mehr gibt der Etat eben nicht her. Die Aufgabe unseres Trainers wurde zudem dadurch verkompliziert, dass sich Engelhardt für eine laufintensive Mittelfeldposition noch nicht fit genug fühlte, so dass er Ströhls Stelle auf der linken Abwehrseite einnahm. Alles in allem waren das nicht die allergünstigsten Vorzeichen, den derzeit deutlich negativen Trend zu stoppen.

Dem Spielverlauf entsprechendes Remis

Ob man das Unentschieden als Punktgewinn oder -verlust ansieht, liegt im Auge des Betrachters. Eingedenk der nach wie vor nicht völlig gegenstandslosen Ambitionen in Richtung Relegationsplatz kommt man wohl nicht umhin, von einem enttäuschenden Resultat beim Tabellenletzten zu sprechen.

Es ist schwierig die Leistungen einzelner Spieler fair zu bewerten. Engelhardt trifft jedenfalls definitiv keine Schuld am schnellen Rückstand. Der Bremer Ayik hatte bereits unsere beiden Innenverteidiger hinter sich gelassen und war dabei allein auf Sponsel zuzulaufen, als Engelhardt von links einrückte und dies zu verhindern suchte. Sein Abfälschen des Balles über unseren Torhüter hinweg war einfach nur verdammtes Pech.

Nach dem sehenswert heraus gespielten Ausgleich durch Morabit war Erfurt der Führung deutlich näher als die Bremer. Zedi und Morabit hatten danach noch zwei erstklassige Chancen. Überhaupt, Morabit, er hatte schon gegen die Bayern zu gefallen gewusst, und bestätigte mit seiner Leistung in Bremen diesen Aufwärtstrend. Wenn in dieser Saison noch etwas nach oben gehen soll beim RWE, dann wird Morabit dabei eine wichtige Rolle zukommen. Deshalb kann man nur hoffen, dass sich unser talentiertester Offensivallrounder nicht noch einmal verletzt. Take care, Smail. Auch Reichwein wusste mit dem für ihn typischen Spiel zu gefallen: mannschaftsdienlich, kopfballstark, engagiert. Beim Rest scheiden sich die Geister: dem Notengeber der Thüringer Allgemeinen gefielen Ströhl und Ofosu-Ayeh besser als Zedi und Pfingsten, sein Pendant beim Kicker bewertete die Leistungen unseres Mittelfelds genau anders herum. Herrje, wenn man nicht alles selbst macht.

Jetzt kann es schnell gehen und wir liegen aussichtslos hinten

Unnötig über die weiteren Aussichten viele Wort zu verlieren: Jetzt müssen Siege her. Sonst verdämmert die Saison im sportlichen Nirgendwo. Das wäre schade, aber es gibt Schlimmeres, wie uns ein Blick 50 Kilometer ostwärts lehrt. Jedenfalls ist es gut, dass Caillas, Manno und Weidlich nächste Woche wieder dabei sind. Gegen die spielstarke Reserve des VFB braucht es eine deutliche Steigerung in allen Mannschaftsteilen.

„Guck, der Arjen hat so schicke Strumpfhosen an.“

Die dritte Liga ist das Griechenland des deutschen Fußballs. Weswegen wir jeden Cent brauchen. Weswegen es Spiele wie gestern gibt. Weswegen wir sogar dankbar sein sollten. Das weiß ich alles. Trotzdem: Es ist Scheiße Gast im eigenen Stadion zu sein. Der titelgebende Satz stammt aus dem Mund einer Bayernfanmama, die damit ihrem Bayernfankind die wirklich wichtigen Dinge eines Fußballspiels ans Herz zu legen gedachte. Die ganze Familie, mitsamt Bayerfanpapa (dem vernehmlich ein 0:10 lieber gewesen wäre), kam aus Erfurt. Das ist bitter, aber darauf war ich mental vorbereitet. Etwas überrascht war ich dann doch vom Gebaren unseres Co-Trainers, der es für nötig erachtete, während des noch laufenden Spiels, wie ein Teenager um die Trikots von Lahm und Schweinsteiger Gomez zu betteln. Dies hätte man in der Kabine dezenter regeln können. Das Stadion war voll, erinnerte – ohne die Fahnen und Banner der Fangruppen – aber irgendwie an ein gut besuchtes Oberligaspiel in den 80iger Jahren. Optisch und akustisch eine triste Anmutung.

Der FCB war über die gesamte Spieldauer die dominierende Mannschaft. Warum sollte es dem RWE anders ergehen, als 4/5 aller Gegner der Münchner. Den vier Toren der Bayern gingen, teilweise haarsträubende, Abwehrfehler des RWE voraus. Was ärgerlich war, da die Defensive über weite Strecken des Spiels so schlecht nicht aussah. Emmerling experimentierte taktisch und personell. Der RWE startete mit einem 4-1-4-1, in dem Zedi als 6er vor der Abwehr und Reichwein als einzige Spitze agierten. Man sah es auf Grund der Dominanz der Bayern nur ansatzweise, aber dies ermöglicht eine offensivere Ausrichtung des zentralen Mittelfelds bei eigenem Ballbesitz. Wenn man so will die Implementierung einer Nummer 8 und 10 ins taktische Repertoire des RWE. Bei der drückenden Überlegenheit der Bayern wurde daraus aber ein System mit drei 6ern, also ein 4-5-1. Nachdem Marco Engelhardt gegen Halle Gotha bereits 90 Minuten spielte, war seine Aufstellung in der Startformation keine Sensation. Überzeugt hat er nicht wirklich, was nach mehr als einem halben Jahr ohne Spielpraxis niemanden verwundern kann. Trotzdem sollte seine Verpflichtung ernsthaft erwogen werden, denn in besserer körperlicher Verfassung kann er, mit seiner Ruhe am Ball, seiner Spielübersicht und seinen Standards der Mannschaft helfen.

Reichwein hat seine Mission Impossible als einzige Spitze gegen die beiden Nationalmannschafts-Verteidiger Badstuber und Boateng (2. Halbzeit) nicht schlecht erfüllt. Vor allem in der zweiten Halbzeit konnte er – mich jedenfalls – überzeugen. Er lies sich geschickt zurückfallen um als Anspielstation und Ballverteiler zur Verfügung zu stehen. Er gewann das ein oder andere Kopfballduell und konnte sich in strafraumnahen Zweikämpfen passabel behaupten. Das größte strukturell-taktische Manko seines Mittelstürmer-Spiels ist seine mangelnde Schnelligkeit. Weswegen er sich eben oft zurückfallen lässt um direkt angespielt werden zu können. Das hat zur Folge, gerade wenn er der einzige Stürmer ist, dass Steilpässe in die Spitze im Spiel des RWE so gut wie nie gespielt werden, da Reichwein – leider nicht nur gegen Kaliber wie Badstuber – keine Chance hätte den Ball vor dem Verteidiger zu erlaufen. Damit entfällt für den RWE ein wirksames Mittel im Konterspiel. Das war jetzt nicht exklusiv ein Plädoyer für Carsten Kammlott. Aber ein schneller, geradliniger, spielbegabter Konterstürmer seiner Qualität würde dem Spiel des RWE sehr, sehr gut tun. Ich schreibe das, wohl wissend, dass ein Transfer bzw. eine Ausleihe von Kammlott nicht sehr wahrscheinlich ist, abgesehen von dem nicht sehr angenehmen Gefühl, dabei weitgehend von der Gnade RB Leipzigs abhängig zu sein.

Neben dem Schatzmeister des RWE war der großer Gewinner des Tages Joan Oumari. Er war so gut, dass man schon wieder Angst haben muss, ob er seinen bis 2013 laufenden Vertrag überhaupt erfüllen wird, oder schon nach dieser Saison in die zweite Liga wechselt. An die Fleischtöpfe des Fußballs, wo Fans Spiele wie diese erspart bleiben.

Heimkehr der verlorenen Söhne?

Der Tag begann mit einem Interview Carsten Kammlotts in der Thüringer Allgemeinen. Genauer gesagt, war es eine Initiativ-Bewerbung des in Leipzig fremdelnden Stürmers bei seinem alten Arbeitgeber, dem Fussballklub Rot-Weiß Erfurt. Das umgehend via LVZ online lancierte Dementi des RB-Sportdirektor Wolfgang Loos sollte niemanden ernsthaft irritieren; wir wissen alle, dass solche Aussagen während der Transferperiode die Solidität eines griechischen Sparprogramms allenfalls marginal übertreffen. Möglicherweise kann es jetzt schnell gehen, für den RWE hat Wilfried Mohren das Interesse an Kammlott bereits bestätigt. Mit der ihm eigenen Zurückhaltung und den Worten: «Das ist ein Junge von uns …». Wie auch immer. Gelingt es RB-Trainer Peter Pacult seinen Wunschstürmer Roman Wallner zu verpflichten, wäre wohl zumindest sportlich der Weg für eine Ausleihe frei. Ob der Verein finanziell dazu in der Lage ist – denn für Gotteslohn wird Kammlott nicht spielen – kann exklusiv das Präsidium des RWE beurteilen. Wenden wir uns jetzt der allein entscheidenden Frage zu: Würde er uns sportlich helfen? Sagen wir so: In der Form in der er (für sehr viel Geld) den RWE in Richtung Leipzig verlassen hat, auf jeden Fall. In meinen Augen ist er mit der Erwartungshaltung in Leipzig nicht zurecht gekommen und – eine Floskel, trotzdem wahr – mangelndes Selbstvertrauen ist der größte Feind des Stürmers. Dennoch: das er Tore schießen kann, hat er in seiner ersten Profisaison eindrucksvoll nachgewiesen. Er ist schnell und technisch begabt. Ein Knipser dem es an Nestwärme fehlt. Soll er haben. Wenn irgend möglich – her mit ihm. Subito!

Dann kam der Abend und aus Weißensee wurde Überraschendes vermeldet: Marco Engelhardt stand beim Testspiel gegen Halle in der Anfangsformation des RWE. Nach den dezidiert abschlägigen Äußerungen der letzten Woche seine Verpflichtung betreffend, kommt das einer kleinen Sensation gleich. Es ist löblich, einem arbeitslosen Spieler die Möglichkeit einzuräumen am Training teilzunehmen, um ihm so die Chance zu bieten sich fit für seinen Beruf zu halten. Eine völlig andere Qualität nimmt das Ganze an, wenn dieser Spieler in einem nicht unwichtigen Testspiel über die volle Spieldauer zum Einsatz kommt. Alles hier ist Spekulation. Doch scheint es so, dass die Verantwortlichen des RWE, allen voran Stefan Emmerling, im Fall Engelhardt umgedacht haben. Sonst würde der Einsatz des Ex-Nationalspieler überhaupt keinen Sinn ergeben. Woher der Meinungsumschwung rührt ist schwer zu beurteilen, möglicherweise hat er im Training schlichtweg einen überragenden Eindruck hinterlassen. Kann Marco Engelhardt uns helfen? Oh ja, er kann! Allein seine Qualitäten bei Freistößen und Ecken wären ein Gewinn für die Mannschaft. Er ist auf dem Platz ein Stratege und mit seinen 31 Jahren noch immer im besten Fußballeralter. Ich rechne nicht damit, dass er nach einem halben Jahr Spielpause bereits in der Lage ist 90 Minuten Drittligatempo durchzuhalten, aber dieses Defizit sollte sich schnell wegtrainieren lassen. Er kann auf der linken Außenbahn und im defensiven Mittelfeld flexibel eingesetzt werden und wäre – für Mannschaft und Anhänger des RWE – Führungsspieler und Integrationsfigur in einem.

Sponsel gegen Jena / FCC – RWE 1:0

Der Siegtreffer für Jena fiel in der 90. Minute. Verloren (im Wortsinn) hat der RWE das Spiel bereits in der ersten Halbzeit. Die ersten zehn Minuten sahen passabel aus. Jena war gefordert das Spiel zu gestalten, was Erfurt in die komfortable Situation versetzte durch schnelles Umkehrspiel die sich bietenden Räume zu nutzen. Das klappte ansatzweise ganz gut, vor allem über den agilen Morabit, allerdings misslang stets der finale Pass zum einschussbereiten Mitspieler. Danach akkumulierten sich zunächst individuelle Fehlleistungen: Rauws schlampiger Fehlpass¹, ein schlimmes Fehlabspiel von Oumari², Morabits Egotrip³ – der ihm eine Verbalattacke Mannos einbrachte-, um hier nur einige zu nennen. Zudem erwies sich eine taktische Maßnahme Emmerlings als kontraproduktiv.

Gemeint ist das sehr aggressive Pressing, an dem sich der RWE in der ersten Halbzeit phasenweise versuchte. Daran nahmen sowohl die beiden Angreifer, als auch die Mittelfeldspieler teil. Attackiert wurden die jeweils ballführenden Jenaer Defensivspieler, wodurch sich dieses Pressing relativ weit in der Jenaer Hälfte abspielte. Das Problem bestand darin, dass die hintere Viererkette viel zu tief stand, was zu großen offenen Räumen zwischen beiden Reihen führte (siehe Bild). Mit zunehmender Spieldauer nutzen der FCC diese Räume immer konsequenter. Entweder gelang es, die Pressing-Reihe aus der Abwehr heraus zu überspielen, oder einer der Jenaer Angreifer ließ sich in diesen Raum zurückfallen um mit einem langen Pass angespielt werden zu können und seinerseits den Ball auf einen der nachrückenden Außenspieler zu verteilen. Im nebenstehenden Bild zerfällt der RWE  in zwei voneinander isolierte Mannschaftsteile, mit einem Abstand von mindestens 20 Metern zwischen dem hintersten Mittelfeldspieler und dem ersten Verteidiger (als optimal gelten zehn Meter). Man muss keinen A-Schein der Kölner Trainerakademie besitzen, um zu begreifen, dass dies eine deutlich zu große Lücke darstellt.

Diese Gemengelage aus individuellen Fehlern und falscher Raumaufteilung führte zur Dominanz des FCC. Allein Andreas Sponsel war es zu verdanken, dass sich dies nicht schon in Halbzeit eins in einer klaren Führung der Saalestädter manifestierte. Ein offensives und hohes Pressing ist zweifellos ein probates taktisches Mittel. Aber es birgt Risiken und sollte – wie beinahe alles im modernen Fußball – gut organisiert umgesetzt werden. Das war ersichtlich nicht der Fall. Zudem frage ich mich, warum Stefan Emmerling es in diesem konkreten Spiel überhaupt für notwendig hielt. Jena ist eine Mannschaft die große Probleme hat zwei tief gestaffelte Abwehrreihen mit überraschenden Offensivaktionen in Verlegenheit zu bringen. Gelingt es Simak zu isolieren, bleibt nicht viel wovor man Angst haben müsste. Eines der Risiken aggressiven Pressings ist auch, dass man (gerade auf tiefem Boden – wie in Jena) viel Kraft dafür benötigt. Kraft die verschwendet ist und im weiteren Verlauf des Spiels fehlt, wenn das zu erreichende Ziel (die Unterbindung des gegnerischen Spielaufbaus) so gravierend verfehlt wird wie am Samstag geschehen.

Nimmt man alles in allem, dann haben wir die schlechteste Vorstellung des RWE in dieser Saison gesehen. An dieser Einschätzung ändern die beiden klaren Möglichkeiten durch Oumari und Reichwein wenig. Nur eine davon, die unseres Mittelstürmers, war herausgespielt, wenn auch durch eine Einzelaktion von Gaetano Manno. Der Rest war eine einzige Orgie von Fehlpässen und sinnwidrigen Einzelaktionen gegen eine meist gut doppelnde FCC-Abwehr. Es war schlimm anzusehen was die Mannschaft bot. Solche Tage gibt es im Fußball, im Drittliga-Fußball sind sie ohnehin deutlich häufiger als beispielsweise in der Premier League. Trotzdem schade, dass Emmerlings Mannschaft eine durchaus verheißungsvolle erste Saisonhälfte so enden lassen musste. Da will sich der für die bevorstehenden grauen Wintertage benötigte Optimismus nicht wirklich einstellen. Eher das Gegenteil davon.

Daran ändert auch die Charity-Veranstaltung am 15. Januar nichts. Um nicht falsch verstanden zu werden: Es ist gut, dass die Bayern kommen, gut vor allem für die notorisch klammen Finanzen unseres Klubs. Der sportliche Wert des Spiels hingegen ist nahe null. Viel wichtiger wird sein – eine Woche später – den Schaden des leichtfertigen Derby-Verlustes auf Platz 11 des Weserstadions vor 500 Zuschauer durch einen Sieg in Grenzen zu halten. Darauf sollte sich die Mannschaft konzentrieren, nicht auf Robbery, Schweinsteiger und Gomez. Denn – ich bin erstaunt, dass ich das einen Tag nach diesem Debakel schon wieder schreiben kann – alles ist möglich. Drei Punkte auf den Relegationsplatz sind bei 17 ausstehenden Spielen völlig zu vernachlässigen. Regensburg und Sandhausen werden gleichfalls nicht derart souverän die Spitzenposition behaupten wie Braunschweig und Hansa in der letzten Saison. Es fällt schwer das nach so einem schwachen Spiel zu belegen, aber der RWE zählt zu den Mannschaften die davon profitieren könnten.

Eigentlich wollte ich zum Thema «Pyrotechnik» einen separaten Artikel schreiben. Das werde ich nicht tun. Es ist schlichtweg sinnlos. Sinnlos vor allem deshalb, weil jede – noch so unbedeutende – öffentliche Äußerung weitere Aufmerksamkeit verschafft. Die diese Pyromanen nicht verdienen. Wer diesen Sport liebt und wessen Herz dem RWE gehört, der kann ob der Vorfälle am Samstag nur verzweifeln. Wir alle sind ratlos, jedenfalls lassen viele Äußerungen darauf schließen, da bilden die Einlassungen des Präsidenten zum Thema keine Ausnahme. Eines wird immer deutlicher: die eine, irgendwie «saubere» Lösung wird es nicht geben. Weder kann die Polizei allein dafür sorgen, noch der Verein oder die 99 Prozent der Fans die an diesem kriminellen Schwachsinn unbeteiligt sind. Es kann nur eine gemeinsame Lösung geben und das Präsidium wäre gut beraten sich nicht in starken (aber zahnlosen) Statements zu verschleißen, sondern Vertreter der verschiedenen Fangruppen und der Polizei schnellstmöglich an einen Tisch zu bekommen, um in einer ergebnisoffenen Diskussion einen Weg aus der fremdbestimmten Pyro-Hölle zu finden.

Es ist ein sensibles Thema, deshalb sei mir noch eine Anmerkung gestattet: Mit Pyromanen meine ich expressis verbis all diejenigen, die – wie am Samstag – gegen die derzeit geltenden Verbote in den Stadien verstoßen und auf diese Weise dem Fußball vor allem aber «ihren» Vereinen irreparablen Schaden zufügen. Ausgenommen sind all diejenigen, die auf legale Weise eine Zulassung von Bengalos erreichen wollen. Ich halte das zwar für illusorisch, aber es ist zweifelsfrei legitim dafür einzutreten.

Fußnoten – Beziehen sich alle auf dieses Link (Livestream 1. Halbzeit FCC-RWE):

  • Rauw – ab 09:00¹
  • Oumari – ab 24:00²
  • Morabit – ab 27:00 (Morabit setzt sich auf halbrechts schön durch, zieht dann aber eigensinnig in die Mitte, statt den freien Manno zu bedienen.³

Thüringenderby – Ein paar Erinnerungen

In den Augen einen sechsjährigen Jungen sah der Mann auf dem Foto etwas einschüchternd aus. Er trug ein dunkles Trikot und mein Vater sagte, dies sei der Torhüter des FC Rot-Weiß Erfurt. Mein Vater las mir auch die Überschrift des Artikels neben dem Bild vor. Sie lautete: Weigang gegen Jena. Er seufzte und prognostizierte den weiteren Verlauf der Oberliga-Saison mit den Worten: Die werden wohl wieder Meister und wir spielen gegen den Abstieg. Nun, so schlimm kam es nicht. Jena wurde Vizemeister und der RWE immerhin Achter der Abschlusstabelle der Saison 1968/69. In diesem Spiel aber, hatte uns Horst Weigang vor einem Debakel bewahrt. Es endete nur 1:0 für den FCC.

In dieser fernen Zeit waren die Machtverhältnisse im Thüringer Fußball eindeutig geklärt. Jena war die dominierende Mannschaft des DDR-Fußball der sechziger und frühen siebziger Jahre. Der RWE pendelte zwischen Oberliga und Zweitklassigkeit. Über die Gründe dafür habe ich an anderer Stelle bereits geschrieben. Das änderte sich erst, nachdem es beinahe zur Eskalation gekommen war. Auf Betreiben Georg Buschners wurden in kurzer Zeit die beiden besten Erfurter Spieler Rüdiger Schnuphase und Lutz Lindemann nach Jena «delegiert». Das geschah keineswegs gegen den Willen der Spieler, hatte aber – neben sportlichen Gründen – seine Ursache in der höchst unterschiedlichen finanziellen Ausstattung die man Top-Spielern zu bieten in der Lage war. In Erfurt ging es Profifußballern gut, in Jena öffnete sich ihnen das Paradies (jedenfalls für damalige Verhältnisse). All das kann man nachlesen in einer ebenso lesenwerten wie faktenreichen Dissertation von Dr. Michael Kummer. Dort steht ebenfalls, dass einige Arbeiter der Optima Werke (des RWE-Trägerbetriebes) so wütend ob des Weggangs ihrer Lieblinge waren, dass sie mit Arbeitsniederlegung drohten. Ein ungeheuerlicher Vorgang für DDR-Verhältnisse. Seitdem und bis zum Ende der DDR kam es zu keinem nennenswerten Aderlass des Erfurter Fußballs mehr.

Das hatte Folgen: Nach dem Wiederaufstieg 1972 etablierte sich der RWE fest in der Oberliga. Jena war immer noch ein Spitzenteam, verlor aber die einstige Dominanz. Seitdem ging es knapp zu bei den Derbys, obwohl Jena noch immer die Mehrzahl der Spiele gewann. An das Spiel der Spiele – das Pokalfinale 1980 – erinnere ich mich noch lebhaft. Wir kamen etwas zu spät im Stadion der Weltjugend an, wahrscheinlich weil wir Provinzeier die Größe Berlins (wenn auch nur der halben Stadt) unterschätzt hatten. Rot-Weiß spielte großartig und hatte in der zweiten Halbzeit mehrere Konterchancen um das vermutlich entscheidende zweite Tor zu erzielen. Die «neutralen» Berliner Zuschauer schlugen sich auf die Seite der Erfurter Außenseiter.

Anerkennendes Berlinern um uns herum. Doch Jena ließ nicht nach, machte kurz vor Schluss den Ausgleich und hatte in der Verlängerung schlichtweg die bessere Kondition. Auch neben dem Platz spielte sich Spektakuläres ab, allerdings ahnte davon niemand etwas: «In ähnlicher Form griff Biermann direkt in die Gestaltung der Spielprämien auch beim FDGB-Pokalfinale im Mai 1980 ein. Der FC Rot-Weiß führte hier lange mit 1:0 gegen den FC Carl Zeiss, ehe es nach einem 1:1-Unentschieden in die Verlängerung ging. Wolfgang Biermann saß auf der Ehrentribüne und ließ die ausgelobte Siegprämie innerhalb des noch andauernden Spiels zweimal verdoppeln. Es oblag dem damaligen Clubvorsitzenden Ernst Schmidt, die Botschaft über diese jeweiligen Erhöhungen dem Trainer Hans Meyer zu übermitteln.» Das findet sich auf Seite 242 der Doktorarbeit von Michael Kummer und beruht auf einem Tonbandprotokoll des Jenaer Spielers Lutz Lindemann. An anderer Stelle wird dessen Aussage von Jürgen Heun bestätigt. Die Prämie betrug ursprünglich 2.000 Mark pro Jenaer Spieler und wurde während der Halbzeit und vor der Verlängerung auf 8.000 Mark erhöht, verkündet durch Hans Meyer. Kein Wunder, dass sie sich die Seele aus dem Leib rannten. Der Chef der Zeiss-Werke Wolfgang Biermann nutzte den schier unerschöpflichen Reichtum seines Imperiums wie ein Sultan, damit es seinen geliebten Kickern an nichts fehlte. Allerdings nur wenn sie gewannen. Wenn nicht, wütete er wie ein alttestamentarischer Rachegott. Abramowitsch nichts dagegen. Der Vollständigkeit halber sei noch hinzugefügt, dass nichts davon mit den Gesetzen der DDR in Einklang stand. Aber weder der DTSB, noch der Fußballverband der DDR konnten und wollten dagegen vorgehen, weil Biermann ein alter Duzfreund Erich Honeckers war. Er war mithin unberührbar.

Wenn man das liest ist man ja fast schon froh, dass heute beide Vereine arm wie eine Kirchenmaus sind. Es lebe die Chancengleichheit!

RWE – Babelsberg 2:3 / Wie im falschen Film

50 Jahre beim RWE – Verdienter Tribut für Sakko Schröder

Was wird Olivier Caillas gedacht haben, als nach einem katastrophalen Fehlpass seines Vertreters Ströhl das erste Tor der Babelsberger fiel? In Oberhausen war die Mannschaft noch in der Lage seine dumme Rote Karte zu kompensieren. Gegen Babelsberg gelang das nicht.

Doch der Reihe nach. Nach dem Anpfiff war ich verwirrt. Die Aufstellung bot keine Sensationen, auch wenn ich mir Morabit in der Startelf gewünscht hätte. Dann jedoch vernebelte mir alte Gewohnheit die Sinne und es dauerte fünf Minuten bis ich begriff, dass ich doch nicht im falschen Film war und sich da unten ganz real Ungeheuerliches zutrug: Unser Trainer hatte sein taktisches System verändert. Trappatoni – Catenaccio, Rehagel – Kick & Rush und eben Emmerling: 4-4-2. Das waren fest verdrahtete Gewissheiten in meinem Kopf. Angesichts des Ratlos-Fußballs den es zuletzt im Steigerwaldstadion zu erdulden gab, war ich zunächst positiv gestimmt ob der taktischen Revolution unseres Coaches. Das 4-1-4-1 erschien mir zudem durchaus geeignet das Grundproblem der letzten Heimspiele zu überwinden: die personelle sowie spielerische Unterlegenheit im zentralen und offensiven Mittelfeld. Leider kam es anders. Trotz der Führung, die Sicherheit hätte geben können, irrten unser Mittelfeldspieler besorgniserregend orientierungslos über die Spielfläche. Was – meiner Meinung nach – auch, wenn nicht sogar in erster Linie, daran lag, dass sie innerhalb der neuen Grundordnung nicht optimal platziert waren. Pfingsten-Reddig entfaltet seine Stärken vor allem dann, wenn er das Spiel vor sich hat und mit seinem Instinkt für Spielsituationen und seinen exakten Spielverlagerungen das Offensivspiel eröffnen kann. Zedi wiederum hat seine Stärken im Vorwärtsgang eher in der Ballbehauptung am und im gegnerischen Strafraum. Mit anderen Worten – es wäre besser gewesen, wenn die beiden ihre taktische Rolle genau anders herum gespielt hätten.

Wie auch immer, mit Beginn der zweiten Halbzeit beendete Emmerling das Experiment und kehrte zum eingespielten 4-4-2 zurück. Zudem kam Morabit für den wenig überzeugenden Drexler. Sein Einstand hätte besser nicht sein können. Nach einem Lehrbuch-Konter, gedankenschnell von Emmerling jenseits der Seitenlinie eingeleitet, über Mannos Einwurf, wurden die Babelsberger von ihm und Reichwein brillant ausgespielt. Die folgenden Minuten sahen gut aus und zu diesem Zeitpunkt war ich davon überzeugt, dass der RWE dieses Spiel gewinnen würde.

Das es nicht so kam hatte sowohl mit individuellen Fehlern zu tun, als auch mit dem Umstand, dass die Erfurter Abwehr am Samstag kollektiv einen gebrauchten Tag erwischte. Die Elfmeterentscheidung gegen Manno habe ich mir gefühlte hundert Mal angesehen und kann trotzdem nicht wirklich sagen, ob er zuerst den Ball oder den Babelsberger erwischt. Was aber auch bedeutet – den kann man geben. Wer so im Strafraum und von hinten den Gegner attackiert muss mit dieser Konsequenz rechnen. Einverstanden bin ich mit Mannos Einschätzung, dass die Szene «spielentscheidend» war. Wie weggeblasen war danach das gerade erst gewonnene Selbstbewusstsein des RWE. Über die Berechtigung des zweiten Strafstoßes für Babelsberg muss nicht weiter diskutiert werden. Darüber, dass Bertram und Rauw in dieser Situation höchst unglücklich aussahen ebenfalls nicht. Und auf einmal lagen die Erfurter zu Hause im Rückstand. Nicht alle werden sich daran erinnern wann dies das letzte Mal der Fall war.

Jegliche Vorwürfe an die Mannschaft, ihr hätte es in den verbleibenden 15 Minuten an Einsatz und Willen gefehlt gehen ins Leere. Eher kann man diesen Vorwurf an die Erfurter Zuschauer richten. Auf der Haupttribüne jedenfalls herrschte danach eine Ruhe, die man gemeinhin für Opernaufführungen als erstrebenswert erachtet. Trotz dieser mangelhaften Unterstützung unternahm die Mannschaft alles um zumindest den gewohnten Heimpunkt zu sichern. Das dies am Ende nicht gelang, hat nun doch mit Schiedsrichter Christian Dietz zu tun. Er begann die Begegnung mit einer (weitgehend folgenlos) gebliebenen Fehleinschätzung bei einem vermeintlichen Handspiel Sponsels und er beendete sie, mit der umso folgenreicheren Versagung eines Elfmeters nach einem tatsächlichen Handspiel. Ich weiß, dass es schwierig ist dies zu akzeptieren. Allerdings hat auch der RWE schon Spiele gewonnen, weil der Schiedsrichter falsch entschied. Hier sei nur an unseren letzten Sieg in Jena erinnert, als das Gespann um Babak Rafati – zu unserem Vorteil – einen rabenschwarzen Tag erwischte. Soll heißen: ich glaube, dass sich Fehlentscheidungen von Unparteiischen zumindest langfristig ausgleichen. Das spendet keinen Trost angesichts der ebenso bitteren wie unverdienten Niederlage gegen biedere Babelsberger. Allerdings sollten – bei allem Unmut – nicht alle verbalen Dämme brechen. Ich jedenfalls möchte kein Schiedsrichter sein, nicht bei den Profis und schon gar nicht in der Kreisliga B. So denken inzwischen viele und das bedroht die Grundlagen des großartigen Sports Fußball. Spiele leiten sich nun mal nicht von allein.

Mediale Randnotiz: Meine Sympathien für unseren heimatlichen Kuschelsender sind überschaubar, aber am Bericht des mdr über das Spiel fand ich wenig zu beanstanden. Alle relevanten Szenen sind enthalten und werden überdies korrekt eingeschätzt. Umso ärgerlicher fand ich dann diesen Spielbericht der in Erfurt erscheinenden Thüringer Allgemeinen. Hier wird munter von einem «schmeichelhaften Handelfmeter» gefaselt der den RWE in Führung brachte. Das klare Handspiel eines Babelsbergers im Strafraum kurz vor Spielende, wird einer Erwähnung erst gar nicht für wert befunden. Wer so eine Qualitätspresse vor Ort hat, der braucht keine BILD-Zeitung mehr.

RWO vs. RWE 0:1 / Mal wieder: Marcel Reichwein

Nicht nur ein Spiel verloren: Basler mobbt seinen Vorgänger Theo Schneider

Für den Bruchteil einer Sekunde hoffte ich die Jungs vom Ticker hätten nur die falsche Taste erwischt. Eine Rote Karte nach 5 Minuten – das kann nicht sein. Dann realisierte ich den dazugehörigen Namen: Olivier Caillas, okay, kann doch sein. Wenn man sich die Fernsehbilder anschaut, muss man dem Schiedsrichter leider Recht geben. Allerdings hätte Terranova für die vorausgehende Provokation Gelb sehen müssen. Caillas hatte an diesem Nachmittag seinen Meister gefunden. Dumm und unentschuldbar sind die Adjektive die mir dazu am ehesten einfallen. Doch wie auch immer die Strafen von Mannschaft, Verein und DFB ausfallen werden, eines steht fest: Ändern werden sie den 34jährigen Deutsch-Franzosen nicht mehr.

Kurioserweise hatte die folgende Unterzahl des RWE nicht den erwartbaren negativen Effekt. Im Gegenteil, die Mannschaft agierte in der Defensive hoch konzentriert und spielte sich gute Chancen heraus. Ich halte das von Stefan Emmerling favorisierte 4-4-2 für, na ja, taktisch etwas in die Jahre gekommen, muss aber zugeben, dass es bei derartigen Situationen seine Vorteile hat. Man verzichtet einfach auf einen der beiden Stürmer, der Rest der Formation bleibt taktisch unverändert. Bemerkenswert ist auch, dass Emmerling nach der Herausstellung von Caillas nicht wechseln musste. Eigentlich wollte ich zur letzten Kolumne unseres Pressesprechers einfach mal schweigen. Und bleibe bei diesem Vorsatz, bis auf die notwendige Feststellung, dass die von ihm kritisierte Aufstellung von Spielern auf Positionen die sie eigentlich nicht «gelernt» haben, aus meiner Sicht einen großen Vorteil und nicht das von Wilfried Mohren beklagte Gegenteil darstellt. Weidlich wurde auf die rechte Seite der Viererkette beordert, Rauw wechselte nach links und Manno agierte vor Weidlich im rechten Mittelfeld. Das erinnerte an das Heimspiel gegen Burghausen, jedenfalls was die Konstellation auf Rechts betrifft. Damals hatte sich der RWE viele gute Chancen herausgearbeitet, drei Tore geschossen und nur durch individuelle Fehlleistungen die drei Punkte her geschenkt. Über diese taktische Grundaufstellung sollte weiter nachgedacht werden. Mannos Platz im Sturm könnte von Morabit eingenommen werden. Zugegeben, das ist sehr offensiv, könnte aber im Steigerwaldstadion die Blockade im Offensivspiel brechen. Zudem erwarte ich von Babelsberg nicht, dass sie am kommenden Samstag ein Offensivfeuerwerk abzubrennen beabsichtigen. Das wird wohl eher auf märkischen Catenaccio hinauslaufen. Wir werden erneut auf eine sehr defensiv agierende Mannschaft treffen, da sollte jede taktische Option in die Überlegungen einbezogen werden. Und ich werde auch nicht der einzige sein, dem ein 3:3 lieber wäre, als ein weiteres torloses Remis.

Eine Einzelkritik will ich mir heute sparen. Die Mannschaft hat – unter schwierigen Voraussetzungen – als Team hervorragend funktioniert. Das war gegen fußballerisch limitierte, aber kämpferisch robust auftretende Mannschaften nie eine Stärke des RWE und ist deshalb umso bemerkenswerter.

Ob man deshalb, wie Gerald Müller in der heutigen Ausgabe der Thüringer Allgemeinen, sofort den Aufstiegskampf ausrufen muss, steht auf einem ganz anderen Blatt. Den Dritten (Saarbrücken) und den Tabellenfünfzehnten (Wiesbaden) trennen nur fünf Punkte. Es ist eng und vermutlich wird es das bis zum Schluss bleiben. Klar, niemand hätte etwas dagegen, wenn der RWE den in den letzten acht Spielen erreichten Zwei-Punkte-Schnitt dauerhaft beibehält um sich solcherart vom Mittelfeld abzusetzen. Zu erwarten ist das nicht, dazu sind die Spiele zu eng (wie z.B. das Torverhältnis vor Augen führt) und mithin die Resultate in einem nicht zu unterschätzenden Maße von Zufälligkeiten abhängig.

Über die Feiertage werde ich einen separaten Post zur Eskalation um den Einsatz von Pyrotechnik schreiben. Zu den konkreten Vorkommnissen am Samstag nur so viel: Jedem ist bewusst, dass der RWE über eine solide, aber notorisch klamme finanzielle Ausstattung verfügt. Die Strafen des DFB kennt ebenfalls jeder. Deshalb sind Aktionen wie die am Sonnabend vorsätzlich herbeigeführte Schädigungen der Wettbewerbsfähigkeit des FC Rot-Weiß Erfurt. Punkt. Ich verzichte hier jetzt auf den von einem positiven Menschenbild ausgehenden Zusatz: Das sollen sich bitteschön all jene überlegen, die den Einsatz von Bengalos am Samstag in Oberhausen zu verantworten haben. Denn – die haben sich das bereits überlegt und sich offensichtlich dafür entschieden genau das zu tun, was sie getan haben.

Caillas soll, nach Angaben Mario Baslers in der Pressekonferenz, den Oberhausener Trainer mehrfach als «Assi» bezeichnet haben. Nun, wenn das stimmt, dann kann ich dem Heißsporn im RWE-Trikot nur zustimmen. Was sich Basler unter der Woche geleistet hat, verdient keine andere Bezeichnung. Das ist ein neuer Tiefpunkt im Umgang von Trainern miteinander. Sicher, es gab schon immer die ein oder andere Nörgelei am Zustand einer übernommenen Mannschaft. Einem Kollegen allerdings die Fähigkeit abzusprechen seinen Beruf auszuüben ist an Bösartigkeit kaum zu überbieten. Das Problem mit derartigen Äußerungen ist generell, dass sie völlig ohne Beweise für die vorgetragene Behauptung auskommen. Es sind leicht durchschaubare Aussagen, die auf Kosten eines anderen Zeit verschaffen sollen. Man nennt es Mobbing: aggressiv, destruktiv und eben asozial.

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