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RWE – SV Sandhausen 4:2 / Ein geiles Spektakel

Marcel Reichwein erzielt das 1:0 / © www.fototifosi.de

„Den Erfurtern gelang diesmal fast alles. Der gravierende Eindruck: Der Spitzenreiter war einer deklassierenden Niederlage nahe! Die Ursache? Eine nicht funktionierende, offene Deckung, für die gegenseitige Absicherung ein Fremdwort zu sein schien.“ So die FuWo im Juni 1973, anlässlich des sensationellen 4:2 Heimsiegs (Halbzeit 3:0) des designierten Absteigers Rot-Weiß Erfurt über den designierten (und in Folge tatsächlichen) Meister Dynamo Dresden. Das Spiel war so etwas wie die letzte Chance des RWE. Sie wurde wahrgenommen, der Oberliga-Verbleib konnte am letzten Spieltag mit einem Sieg in Frankfurt/Oder gesichert werden.

Großartige Offensivleistung auf Basis defensiven Teamworks

Um so etwas wie die letzte Chance ging es am Samstag ebenfalls. Nur, dass es für den RWE diesmal die finale Möglichkeit war, Anschluss an den Relegationsplatz zu halten. Das gelang furios und daran hatte die gesamte Mannschaft Anteil. Und nicht nur Marcel Reichwein, wie in vielen Presseberichten ärgerlicherweise zu lesen ist. Den Gästen gelangen aus dem Spiel heraus kaum nennenswerte Offensivaktionen. Das war ein Verdienst aller Mannschaftsteile des RWE. Hier hat sich die Mannschaft definitiv verbessert. Es beginnt beim aggressiven Pressing der Stürmer gegen den Spielaufbau des Gegners, geht weiter über das geschickte Zustellen möglicher Passwege durch das Mittelfeld und endet beim konzentrierten Entsorgen aller Anspiele, die dennoch in die Nähe des RWE-Strafraums gelangen. Letzteres fällt den Verteidigern umso leichter, je mehr der Gegner gezwungen ist, lange, relativ leicht zu verteidigende Bälle zu spielen. Noch im ersten Spiel der Rückrunde (in Jena) hatte das Pressing überhaupt nicht funktioniert, da der Abstand zwischen den einzelnen Mannschaftsteilen viel zu groß war. Durch die Aufstellung von Engelhardt im zentralen Mittelfeld und Caillas auf der linken Seite der Viererkette verfügt das Team von Emmerling jetzt zudem über mehr Optionen im Umkehrspiel. Das entlastet Pfingsten-Reddig und erschwert die Ausrechenbarkeit für den Gegner.

Ein kleines Loblied auf Olivier Caillas

Der Deutsch-Franzose hat uns in dieser Saison viele Nerven gekostet. Undiszipliniertheiten und eine zuweilen arrogante Lässigkeit machen es den Anhängern des RWE nicht immer leicht, ihn bzw. sein Spiel zu mögen. Die Promotion zum Mannschaftskapitän hat ihm jedoch offensichtlich gut getan. Läuferische Defizite auf der linken Abwehrposition weiß er durch Cleverness und glänzendes Stellungsspiel mehr als auszugleichen. Doch besonders wertvoll sind seine Fähigkeiten bei der Spieleröffnung. Ein Grund warum wir dringend aufsteigen müssen ist die mangelhafte statistische Erfassung von Drittligaspielen. Demzufolge kann ich die Behauptung nicht belegen, dass Caillas derjenige RWE-Spieler ist, der bei vertikalen (spieleröffnenden) Zuspielen die geringste Fehlpassquote aufweist. Sieht er eine Chance auf Raumgewinn spielt er den Ball schnell und präzise nach vorn, besteht diese Möglichkeit nicht, entscheidet er sich für die bessere Option einer Spielverlagerung. Alibizuspiele in die Spitze (mit a priori geringen Erfolgs-Aussichten) sieht man bei ihm ebenso selten wie ungenaue Pässe. Zudem haben seine Standards in den letzten Spielen an Qualität zugelegt.

Einzige derzeitige Schwäche: gegnerische Standards

Stichwort Standards: Wir haben in den letzten zwei Begegnungen vier Gegentore nach Standards kassiert. Man will ja nach so einem Heimsieg über den Spitzenreiter nicht kleinkariert erscheinen, aber wie der alte Cato im römischen Senat, kann ich an dieser Stelle auf ein ceterum censeo nicht verzichten: Im Übrigen bin ich der Meinung, dass das Verhalten der Mannschaft bei gegnerischen Standards dringend verbessert werden muss. Ohne große Übertreibungen lässt sich für die letzten drei Spiele folgende Statistik behaupten:

  • 0 Gegentore der Gegner aus dem laufenden Spiel heraus
  • 0 Torchancen der Gegner aus dem laufenden Spiel heraus
  • 4 Gegentore nach Standards

Lassen wir es mit der Kritik am Spiel dabei bewenden.

Reichweins Scorerkoeffizient: besser als der von Bunjaku

Eine aufschlussreiche Statistik zu Marcel Reichwein: In der dritten Liga lief er bisher insgesamt 65 Mal für den RWE auf und kam dabei auf 40 Scorerpunkte (25 Tore, 15 Vorlagen). Das entspricht einem Koeffizienten von 0,62 Torbeteiligungen pro Ligaspiel. Damit liegt er jetzt knapp vor Albert Bunjaku, der in 74 Ligaspielen 45 Torbeteiligungen für sich verbuchte (0,61). Zahlen lügen nicht: auf die Knie, ihr Reichwein-Basher!

Sorgen um den Kader und leichte Verbesserung bei der Zuschauerresonanz

Leider, leider hat die glänzende Form einiger RWE-Spieler unabweisbare Konsequenzen. Für folgende Akteure sehe ich die akute Gefahr, dass sie den Verein in Richtung 2.Liga (oder anderer gut dotierter Optionen) verlassen, wenn der Aufstieg nicht erreicht werden sollte: Morabit, Oumari, Weidlich, Reichwein, Pfingsten-Reddig. Bei den drei letztgenannten laufen die Verträge aus. Trotzdem: Bei ihnen sehe ich am ehesten eine realistische Chance, sie auch bei einem Verbleib in der dritten Liga halten zu können. Bei Morabit und Oumari wird es ohnehin eng, selbst wenn der RWE aufsteigt. Es würde mich sehr überraschen, sollten sich für diese beiden nicht finanzstarke Vereine interessieren, die durchaus in der Lage wären, sie aus einem laufenden Vertrag herauszukaufen.

Knapp 6.500 Zuschauer sahen dieses Spitzenspiel der 3.Liga. Immherhin 1.500 mehr als am Samstag zuvor. Am klangvollen Namen der SV Sandhausen wird es nicht gelegen haben. Sollte doch die etwas konstruiert daherkommende Wette zwischen der Thüringer Allgemeinen und dem Verein dafür gesorgt haben? Wie auch immer, die Zuschauer die da waren, haben einer Werbung für den Fußball beigewohnt. Oder, wie es ein Gelegenheitsbesucher in der Reihe vor mir auszudrücken beliebte: „Geiles Spektakel, kann man sich öfter angucken!“ Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Amen.

Geringes Zuschauerinteresse – It’s the Liga, stupid

Aus gegebenem Anlass, eine kurze Betrachtung der Zuschauerzahlen des RWE für die letzten elf Spielzeiten und die bisherigen Heimspiele dieser Saison.

1. Keine grundstürzend neue Erkenntnis, aber offensichtlich spielt die Ligazugehörigkeit des RWE für die Anzahl der Zuschauer bei Heimspielen die alles überragende Rolle. Im Grunde wurde der Publikumszuspruch in der Zweitligasaison 04/05 im Vergleich zur Vorsaison fast verdreifacht. Der für die RL-Süd relative hohe Wert der Aufstiegssaison 03/04 verdankt sich ausschließlich den beiden letzten Heimspielen, als der Aufstieg schon fast greifbar war bzw. (im Spiel gegen Saarbrücken) perfekt gemacht werden konnte. Ansonsten gab es in jedem der vorherigen Heimspiele des Aufstiegsjahres eine (meist deutlich) kleinere Zuschauerzahl als die so vehement beklagten 4.968 gegen Regensburg vom letzten Samstag.

2. In weit geringerem Ausmaß (aber dennoch deutlich erkennbar) entscheidet über die Zuschauerzahlen die Leistung der Mannschaft innerhalb derselben Spielklasse. In der letzten RL-Nord Saison (2007/2008) spielte der Verein fast durchweg um den Aufstieg mit. Den geringsten Zuschauerzuspruch gab es dabei am ersten Spieltag (gegen LR Ahlen), was darauf hindeutet, dass es nicht die Erwartungshaltung der RWE-Fans vor der Saison war, die für den anormal guten Zuschauerschnitt sorgte, sondern die spektakuläre und erfolgreiche Spielweise einer Mannschaft, die mit Kohlmann, Brückner, Rockenbach, Bunjaku und Kumbela (nur erste Halbserie) erstklassig besetzt war. Die durchschnittlich 7.390 Zuschauer dieser Saison stellen für mich so etwas wie die obere Grenze dessen dar, was in Erfurt mit Drittligafußball (unter den gegebenen Umständen: sprich altes Stadion) erreicht werden kann.

3. Des Weiteren ist auffällig, dass sich die Zahlen in den letzten Jahren um die 6000er Marke herum eingependelt haben. Damit liegen sie deutlich über den Zahlen der RL-Süd-Zeit, und zwar um immerhin ca. 2.000 Zuschauer. Selbst wenn man den Sondereffekt herausrechnet, dass die Gegner in der RL-Süd nominell äußerst unattraktiv waren (außer Jena keine ostdeutschen Traditionsvereine), bleibt ein deutlich größerer Zuschauerschnitt innerhalb der gleichen Spielklasse zu konstatieren.

4. Klar ist zudem: Gegner wie Wehen, Aalen, Sandhausen, Heidenheim, etc. waren und sind Kassengift. Sie bringen kaum eigene Fans mit und haben auf potenzielle Besucher in etwa die Anziehungskraft einer Darmspiegelung. Da nützt es wenig, wenn sie attraktiven und erfolgreichen Fußball spielen. Mit den Teams aus Regensburg, Offenbach, Münster, Darmstadt, Oberhausen ist es nur Nuancen besser. Auch die westdeutschen Traditionsvereine haben eine eher überschaubare Sogwirkung auf hiesige Fußballfans. Aber wenigstens wirkt sich ihre mitgereiste Anhängerschaft positiv in der Bilanz aus. Allein ostdeutsche Traditionsklubs wie Dresden, Rostock, Aue, Chemnitz scheinen eine ungebrochen magnetische Anziehungskraft zu entwickeln. Gegen diese Vereine liegt die Zuschauerzahl immer signifikant über dem Durchschnitt einer Saison. Man mag über Ostalgie (und was sie bedeutet) unterschiedlicher Meinung sein, für den Kontostand des Vereins ist sie ein Segen.

5. Nach Jahren in denen der Aufstieg in die zweite Liga über längere Zeit (am besten bis nahe ans Ende einer Spielzeit) möglich war, folgten Jahre mit geringerem Publikums-Interesse. Nennen wir es mal: post-saisonale Frustration. Belege dafür sind die Spielzeiten 01/02 (5. Platz, 4.362 Zuschauer) vs. 02/03 (9., 3.493), 07/08 (7., 7.390) vs. 08/09 (10., 6.142). Ein Teil der Anhänger verliert schlichtweg den Glauben daran, dass der RWE es jemals wieder schaffen wird aufzusteigen und verweigert die persönliche Teilhabe an diesem Drama. Dieser Glaube allein ist es jedoch, der in der Erfurter Dritt-Liga-Realität für deutlich mehr als 6.000 Zuschauer durchschnittlich sorgen kann. Dieses Phänomen droht auch in diesem Jahr und ist nur zu verhindern, wenn die Mannschaft gegen Ende der Saison auf dem Relegationsplatz steht, oder diesen glaubhaft noch erringen kann. Dann allerdings wird sich das altersmüde Steigerwaldstadion vor euphorischen Erfolgsfans wieder mal nicht retten können. Wie im Aufstiegsjahr 2004, als sich die Zuschauerzahlen bei den letzten beiden Heimspielen jeweils verdoppelten. Sei’s drum, sie wären uns alle willkommen. Auch wenn die Chancen auf eine Wiederholung dieses kleinen Fußballwunders seit dem gestrigen Sieg der Regensburger drastisch gesunken sind.

RWE – Jahn Regensburg 2:2 / Wieder Murmeltiertag im SWS

Die ewige Wiederkehr des Gleichen ist ein zentrales Motiv im Werk Friedrich Nietzsches. Die Inspiration zu diesem Gedanken kam ihm bei einem Spaziergang am See von Silvaplana. Doch warum in die Ferne schweifen, wenn das Schlechte liegt so nah – der Besuch mehrerer Heimspiele des RWE in dieser Saison bestätigt diese These des exaltierten Philosophen nachdrücklich. Was wiederum auch nicht ganz korrekt ist, denn es handelt sich keineswegs um ein neues Phänomen. Alle, die diesem Verein seit Jahrzehnten verbunden sind, werden sich schmerzlich erinnern: Schon viele Male war der Klub irgendwie dabei irgendetwas zu erreichen, scheiterte aber fast immer und hinterließ tiefe Spuren in den waidwunden Seelen seiner Fans. Sei es die Qualifikation für den UEFA-Cup in den 80iger Jahren, sei es der Pokalsieg, sei es momentan (und in den letzten Jahren) der Aufstieg in die 2. Bundesliga. Ach, Rot-Weiß Erfurt – Du Fußballverein gewordener Konjunktiv.

Das ist bitter, vor allem wenn man weiß (oder zumindest zu wissen glaubt), dass die Mannschaft die gegenwärtig in den rot-weißen Trikots aufläuft, eigentlich alles mitbringt, um diesen Aufstieg zu erreichen. Wer, wie der RWE am Samstag, den Tabellendritten nahezu über die gesamte Spielzeit nach Belieben beherrscht, muss sich nicht ernsthaft die Frage vorlegen, ob er genügend Qualität aufzuweisen hat. Er hat. Ich habe in dieser Saison nur eine Mannschaft im Steigerwaldstadion gesehen, die besser war als der RWE und das war der VfR Aalen. Und dabei bezieht sich dieses besser, nicht mal auf die fußballerische Qualität der einzelnen Spieler. Aalen gewann hier, weil sie ein grandioses Defensiv-Pressing spielten, dass ich so in dieser Liga noch nicht gesehen habe.

Burghausen, Bielefeld, Regensburg – diese drei Heimspiele fallen mir sofort ein, wenn ich an die verpassten Chancen der laufenden Saison denke. Alle drei Spiele hätten gewonnen werden müssen! Dann stünde man da, wo die Mannschaft meiner bescheidenen Meinung nach hingehört: auf Platz drei der Tabelle. Sogar mit intakten Aussichten auf einen direkten Aufstiegsplatz. Dass ich hier stattdessen wieder nur ein Remis beschreiben, beklagen, ja, bejammern muss, ist wieder so eine kleine, stille Erfurter Fußballtragödie.

Schon in Wiesbaden war das Verhalten bei Standards miserabel

Vor einer Woche siegte der RWE (nach ebenfalls deutlich überlegenem Spiel) bei Wehen Wiesbaden mit 1:0. Zu Chancen kamen die Wiesbadener in diesem Spiel ausschließlich nach hoch in den Erfurter Strafraum geschlagenen Standards. Mit Glück und Sponsel wurde das Spiel gewonnen. Am Samstag das Gleiche – aus dem Spiel heraus keinerlei Tormöglichkeiten für die Gäste aus Regensburg, dafür erzielten sie gleich zwei Tore nach hoch ausgeführten Standards. Zwei Tore in zwei Minuten, kurz vor der Halbzeit. Ein Albtraum.

Ob das Abwehrhalten bei gegnerischen Standards unter der Woche auf dem Trainingsplan stand ist nicht überliefert. Es sah jedenfalls nicht danach aus, was aus meiner Sicht einem fahrlässigen Versäumnis gleich kommen würde. Das wird (und muss) sich diese Woche ändern, sonst werden das nicht die letzten Tore gewesen sein, die der RWE auf diese Weise kassiert.

Aus der Dominanz wird zu wenig gemacht

Doch selbst diese gravierenden Fehlleistungen bei Standards des Gegners hätten noch kompensiert werden können. Die Dominanz des RWE auf dem Platz war beeindruckend. In allen Belangen: Technisch, läuferisch und – vor allem gegen Ende hin – kämpferisch. Allerdings wurden daraus – wie bereits in Wiesbaden – zu wenige Tormöglichkeiten generiert. Das 1:0 war – für jeden sichtbar – sehr glücklich in seiner Entstehung; dem Ausgleich ging ein schöner Diagonalpass von Manno voraus, der allerdings nur zu Drexler kommt, weil die Regensburger Abwehr im Wachkoma lag. Die beiden direkten Torabschlusshandlungen, sowohl von Morabit als auch von Drexler sind dann wieder perfekt, keine Frage. Dennoch: In Relation zur Feldüberlegenheit muss sich die Mannschaft mehr klare Chancen erspielen. Ein Beleg für diese These ist die Tatsache, dass unsere Sturmspitze, Marcel Reichwein, in den beiden letzten Spielen mehr oder weniger in der Luft hing. Warum? Weil Manno (gegen Regensburg), Morabit und Drexler sehr stark bei Dribblings sind, diese eigentliche Stärke derzeit aber übertreiben und allzu oft am zweiten oder dritten Abwehrspieler scheitern, statt den Ball zirkulieren zu lassen. Die Zeiten des Heldenfußballs sind ein für alle Mal vorbei. Der rechtzeitig und akkurat gespielte Ball auf den freien Mitspieler ist im modernen Fußball keine Option mehr, sondern eine Pflichtübung. Jedenfalls für erfolgreiche Mannschaften.

Am nächsten Sonnabend kommt mit dem SV Sandhausen der Tabellenführer ins Steigerwaldstadion. Über letzte und allerletzte Chancen will ich hier und heute nicht weiter schwadronieren. Es wäre jedoch schön, wenn mir trübe Gedanken an überspannte Philosophen dieses Mal erspart blieben.

SV Wehen Wiesbaden – RWE 0:1 / Sieg in der Blechbüchse

Kaum hat der Erfurter Stadtrat den Bau der Arena beschlossen, fangen wir an uns über die Stadien der Anderen lustig zu machen. Ist nicht so ernst gemeint – die Brita-Arena mag von außen gesehen keine Architekturpreise gewinnen, innen bietet sie alles, was eine moderne Spielstätte haben sollte. Großartig die Akustik: Spärliche 2.500 Zuschauer am Samstag hörten sich wie zehntausend an. Bei deutlicher Pegel-Überlegenheit der RWE-Fans.

Der Mannschaft von Stefan Emmerling tat die Heimspielatmosphäre in der Fremde sichtlich gut (anders als die Heimspielatmosphäre im eigenen Stadion.)  Von der ersten bis zur letzten Minute war der RWE die spielerisch und taktisch dominierende Mannschaft. Gegen einen schwachen Gegner, wohlgemerkt. Wenn Wiesbaden so weiter macht, werden sie noch zur finalen Hoffnung für den FCC. Vom Aufstiegskandidaten Nummer eins direkt in die Hölle des Abstiegskampfes – Fußball kann grausam sein.

Umso besser, dass dies in der hessischen Landeshauptstadt kaum jemanden so richtig ans Gemüt zu greifen scheint. Anders ist der jämmerliche Zuschauerszuspruch nicht zu erklären. Nur Kohle rüberschieben macht halt doch keine Fußballmannschaft. Fairerweise darf die schier endlose Verletztenmisere der Wiesbadener nicht unerwähnt bleiben. Die Verantwortlichen des SVWW täten sich jedoch keinen Gefallen, damit sämtliche Unfertigkeiten ihrer Mannschaft entschuldigen zu wollen.

Marco Engelhardt überzeugte, nicht nur des Tores wegen

Natürlich war ich gespannt, wie Stefan Emmerling die Ausfälle von Zedi, Rauw und Manno personell-taktisch kompensieren würde. Mit der Aufstellung von Oumari, Weidlich und Drexler konnte man rechnen, doch dass Engelhardt (statt Weidlich) im zentralen Mittelfeld neben Pfingsten-Reddig spielte war – wenigstens für mich – überraschend. Meiner Beobachtung nach verlief die Formkurve des Ex-Nationalspielers zuletzt eher nach Süden. Er schien nach wie vor nicht fit genug zu sein, schon gar nicht für das laufintensive zentrale Mittelfeld. Allerdings, wenn es dann so kommt wie am Samstag, ist es schon wieder ein Vergnügen sich zu irren. Marco Engelhardt spielte keineswegs herausragend (schon gar nicht mit Blick auf seine Möglichkeiten), er fiel aber auch nicht ab, machte gemeinsam mit Pfingsten einen soliden Job bei der Spieleröffnung, gefiel durch gutes Kopfballspiel, war bis zum Schluss konzentriert – und, ach ja, schoss das entscheidende Tor des Spiels. Im Vergleich zu Rudi Zedi ist er die spielstärkere Option im zentralen Mittelfeld. Wir dürfen gespannt sein, wie Emmerling diese delikate Personalie entscheidet. Dabei sollte nicht aus dem Blick verloren werden, dass der SVWW der mit Abstand schwächste Gegner der letzten Wochen war. Kein Vergleich zu den bärenstarken Aalenern (8 Siege in Folge!) vier Tage zuvor.

Das größte Manko der ersten Halbzeit war das Resultat mit dem es in die Kabinen ging. Der RWE war so überlegen, dass es deutlicher als 0:1 hätte ausfallen müssen. Doch beim letzten Pass fehlte wie so häufig ein Quantum Konzentration, andere nennen es Torgeilheit. Und so agil Morabit erneut spielte, es war wieder eines dieser Matches, in denen seine Kalibration einen Tick zuviel in Richtung Einzelkämpfermodus verstellt war. Wenn Wiesbaden gefährlich vor das Tor des RWE kam, dann nur bei Standardsituationen, hier war die Anfälligkeit des RWE jedoch besorgniserregend.

Phil Ofosu-Ayeh – die Überraschung der letzten Spiele

Überleitung zu Andreas Sponsel: Er rettete zweimal aus kürzester Distanz im Stile eines exquisiten Handballtorwarts. Bei 7 der 10 Siege des RWE stand Andreas Sponsel im Tor, er kassierte nur 12 Gegentore bei seinen 15 Einsätzen. Sicher, das Abwehrverhalten der gesamten Mannschaft mag sich verbessert haben, aber Sponsel ist eben ein Keeper, den man direkt mit dem ein oder anderen Punktgewinn in Verbindung bringen kann. Einfacher formuliert: Der Mann hält Siege fest. Siehe Saarbrücken, siehe jetzt Wiesbaden. Überleitung Rolf Rombach: Vertrag verlängern, unbedingt!

Die deutsch-französische Sphinx im Trikot des RWE, die Rede ist von Olivier Caillas, widerlegte in diesem Spiel die schon als gesichert geltende Annahme, er spiele im linken Mittelfeld besser als auf derselben Seite der Viererkette. So ganz schlüssig fand ich das sowieso nie, weil Positionen im modernden Fußball eher fluide als fest gefügt sind (sein sollten). Er kann – ähnlich wie Philipp Lahm bei den Bayern – auch auf dieser Position seine spielerischen Qualitäten zur Geltung bringen. Bedingung dafür ist ein gut abgestimmtes Verschieben der Mannschaft in die freien Räume hinein, das hat gestern in Wiesbaden prima funktioniert und ermöglicht eine sehr offensivstarke Formation auf dieser Seite. Defensiv spielte Caillas seinen Part routiniert herunter, zugegeben, eine Routiniertheit, die von aufreizender Lässigkeit manchmal nur schwer zu trennen ist.

Die eigentlich Überraschung der Rückrunde stellt für mich Phil Ofosu-Ayeh dar, dessen Offensivtalent nie in Zweifel stand, der aber bei seinem Einsätzen am Anfang der Saison besonders im Abwehrverhalten und bei gegnerischem Pressing zu hektisch agierte. Davon konnte in den letzten Spielen nicht mehr die Rede sein. Fast lehrbuchmäßig sah sein Zusammenspiel mit Weidlich auf der rechten Seite in Wiesbaden aus, selbst wenn nicht jeder Ball in eine gefährliche Angriffssituation mündete. Das permanente Überlaufen des Mitspielers in Richtung Grundlinie ist nach wie vor ein ungemein effektives taktisches Mittel um mehr Breite (und Unausrechenbarkeit) in eine Offensivaktion zu bekommen. Wenn Phil Ofosu-Ayeh diese erfreuliche Entwicklung fortsetzt, betrachte ich unser Problem auf der rechten Abwehrseite als gelöst.

Quecksilbriger Ahrens

Dass sich beide nominellen Außenverteidiger häufig in die Angriffe einschalten können, setzt unter anderem voraus, dass ein Innenverteidiger nach außen rückt. Diese Automatismen funktionieren inzwischen deutlich besser als noch am Anfang der Spielzeit, was sicherlich ebenfalls ein Grund für die degressive Entwicklung bei der Anzahl der Gegentore ist. Taktische Feinheiten sind das eine, Fußballer zu haben, die in der Lage sind diese mit spielerischer wie kämpferischer Substanz zu beleben ist noch einmal etwas völlig anderes. Tom Bertram macht derzeit seine besten Spiele seit er wieder das Trikot des RWE trägt. Seine Leistung in der zweiten Halbzeit gegen Bielefeld war exorbitant, schade, dass ihm (und uns) das Siegtor verwehrt blieb und er stattdessen nur die Latte traf. In Wiesbaden fiel er in erster Linie durch seine gescheiten Pässe bei der Spieleröffnung auf. Defensiv wurden Oumari und er durch die biederen Angreifer des SVWW kaum gefordert.

Acht Minuten vor Ende des Spiels wechselte Emmerling Tobias Ahrens für Drexler ein. Ahrens nutzte seine Chance eindrucksvoll. Die bereits etwas müden Verteidiger der Wiesbadener hatten fortan keine ruhige Zehntelsekunde mehr, Ahrens attackierte sie, wo er sie traf, und hatte entscheidenden Anteil daran, dass dem SVWW keine gefährliche Offensivaktion mehr gelang. Im Gegenteil, er selbst erarbeitete sich noch eine Riesenchance, die er diesmal noch vergab. Doch Geduld, sein erstes Drittligator wird nicht mehr lange auf sich warten lassen.

RWE – VfR Aalen 0:1 / An einer besseren Mannschaft gescheitert

«Geht der Ball auf die Außen, verschieben sich die beiden Viererketten samt der beiden Stürmer davor durch das Bewegen der Außenspieler zwischen den Linien zu mehreren asymmetrischen Dreierreihen, die ein wahres Netz voller Drei- und Vierecke spinnen. Beeindruckend dabei die Selbstverständlichkeit, mit der diese Formationsverschiebungen so schnell, unkompliziert und fehlerlos ablaufen.» So beschrieb der grandiose Taktikblog spielverlagerung.de Defensivtaktik und -leistung von Borussia Mönchengladbach gegen die Münchner Bayern anlässlich des 3:1 Erfolges zum Rückrundenauftakt. Da man das prägnanter nicht zusammenfassen kann und es auf die Defensivleistung des VfR Aalen übertragbar ist, soll dies am Anfang dieses kurzen Spielberichtes stehen.

Aalen hat am Dienstagabend eine beeindruckende Vorstellung im Steigerwaldstadion geliefert. Auch ohne das völlig unnötige frühe Gegentor wäre ein Punktgewinn gegen das Team von Trainer Ralf Hasenhüttl eine komplizierte Aufgabe für den RWE geworden. Mit diesem Gegentor wurde es eine Mission Impossible. Engelhardt und Caillas standen beim Angriff der Aalener taktisch richtig, der Aalener Angreifer war – wie es sein soll – gedoppelt. Es war eine Situation an der Außenlinie wie sie in jedem Spiel dutzendfach vorkommt und fast immer zugunsten der beiden verteidigenden Spieler ausgeht. Aber beide gingen nicht giftig genug in den Zweikampf: zuerst wurde Caillas überlaufen, dann Engelhardt. Dennoch, den entscheidenden Fehler macht Olivier Caillas – statt sich nach eigenem Zweikampfverlust sofort wieder hinter Engelhardt zu bewegen um zur Stelle zu sein, sollte sein Mitspieler ebenfalls überlaufen werden, trabt er dem Spielgeschehen hinterher und kann nicht mehr eingreifen als der Aalener frei zur Grundlinie durchläuft. Das ist ein Tor bei dem Trainer ausflippen, manchen merkt man das sogleich an (Klopp, Magath), andere – wie Stefan Emmerling – leiden eher innerlich unter solchen Fehlleistungen.

Ganz anders die Aalener. Wie die Gladbacher Borussia gegen die Bayern, gelang es ihnen fast immer Überzahlsituationen bei Ballbesitz des RWE herzustellen. Anders als Engelhardt und Caillas (beim Gegentor) standen sie zudem durchweg eng an ihren Gegenspielern und versuchten diese bereits bei der Ballannahme aggressiv (aber zumeist mit fairen Mitteln) zu stören. Gelang es einem Erfurter Spieler am ersten Aalener vorbei zu kommen, war sofort ein weiterer verteidigender Spieler zu Stelle. Ganz besonderer Aufmerksamkeit «erfreuten» sich Pfingsten-Reddig und Morabit, beide wurden auch schon mal getrippelt um das Aufbauspiel des RWE (Pfingsten) bzw. die strafraumnahe Ballzirkulation (Morabit) zu unterbinden. Daran beteiligt war ausnahmslos die gesamte Mannschaft der Aalener. Der erste Pressingblock wurde durch die Stürmer aufgebaut; gelang es dem RWE eine Reihe zu überwinden verharrten die überspielten Aalener nicht in ihrer Position, sondern versuchten Passwege bzw. Räume aufs Neue zuzustellen. Das war Anschauungsunterricht in Sachen zeitgemäßer Fußballtaktik, ermöglicht durch eine ebenfalls herausragende physische Verfassung der Schwaben.

Die gute Nachricht des Abends: Der RWE erspielte sich trotzdem sehr gute Möglichkeiten und ein Remis wäre durchaus möglich gewesen. Natürlich stehen auf der anderen Seite die Aalener Konterchancen zu Buche, es hätte zur Halbzeit gut und gerne 2:4 stehen können. Das der Sieg der Aalener letztlich verdient war, wird wohl kaum jemand ernsthaft in Abrede stellen.

Für die Anhänger des RWE kein Grund den Kopf hängen zu lassen. Gegen die Mannschaft der Stunde (möglicherweise sogar der Saison) knapp zu verlieren ist keine Schande und am Samstag bietet sich in Wiesbaden die Gelegenheit in der Tabelle wieder Boden gut zu machen. Erinnert sei an Dynamo Dresden, das am 31. Spieltag der letzten Saison gegen den RWE zu Hause überhaupt keine Chance hatte (1:3) und am Ende dennoch aufstieg. Zugegeben – die Wahrscheinlichkeit eines Erfurter Fußballwunders sinkt mit jedem Punktverlust, aber in Anbetracht der großen Ausgeglichenheit der Liga sollte man die Hoffnungen erst aufgeben, wenn der Abstand zum Relegationsplatz deutlichere Dimensionen angenommen hat als das momentan der Fall ist.

Ein bisschen Rathausastrologie in Sachen Arena-Abstimmung

Hatten Journalisten – in Zeiten des Kalten Krieges – keine Ahnung was hinter den dicken Mauern des Kreml vor sich ging, stellten sie wilde Vermutungen an. Das nannte man Kremlastrologie. Die mit Abstand unterhaltsamste Fernsehrunde dieser Art war „Der internationale Frühschoppen“. Werner Höfer, der Gastgeber, bat internationale Journalisten zum Gedankenaustausch. Die Sendung begann jeden Sonntag um 12.00 Uhr mittags in der ARD. Ab 12.30 Uhr war es dann Hörfunk, weil man im Fernsehen noch rauchen durfte (sogar wenn man nicht Helmut Schmidt hieß) und alle reichlich Gebrauch von dieser Möglichkeit machten. Der üppig ausgeschenkte Wein sorgte zudem für eine – sagen wir – entspannte Stimmung.

Gehen wir es mal nüchterner an. Am 29. Februar findet die – vorerst letzte – entscheidende Abstimmung im Erfurter Stadtrat zum Umbau des Steigerwaldstadions statt. Es soll über das vorliegende Betreiberkonzept der Stadtverwaltung abgestimmt werden. Im Stadtrat sitzen 50 ehrenamtliche Stadträte. In ihren Händen liegt die Zukunft des Erfurter Fußballs. Gestern veröffentlichte die Thüringer Allgemeine eine Befragung alle Fraktionsvorsitzenden. Thema: Welche Position vertritt ihre Partei in dieser hochstrittigen Frage? SPD und FDP haben sich quasi ohne Wenn und Aber zu den bisherigen Ausbauplänen bekannt. Wenig überraschend und ebenso deutlich sprachen sich die beiden älteren Damen der Grünen und der Freien Wähler Erfurt dagegen aus. Am Abstimmungsverhalten dieser beiden Lager wird sich bis nächsten Mittwoch nichts ändern. Somit steht es 20 zu 9 Stimmen für die Befürworter der Arena. Notwendig für die Annahme ist eine einfache Mehrheit. Es kommt also auf die CDU und/oder die Linken an. Meine Prophezeiung lautet: Die CDU wird keinesfalls geschlossen dagegen stimmen, die Linken werden sich enthalten.

Warum? Michael Panse, der OB-Kandidat der CDU beharrt momentan in erster Linie auf mehr Parkfläche in Nähe der Arena und einer Lösung für die Südeinfahrt. SPD-Oberbürgermeister Andreas Bausewein hat in den letzten Tagen diesbezüglich Verhandlungsbereitschaft signalisiert und sein Fraktionschef Frank Warnecke macht die Tür für die CDU ganz weit auf, wenn er sagt: „Zum anderen haben wir als SPD-Fraktion extra Haushaltsmittel für die Martin-Andersen-Nexö-Straße/Südeinfahrt bereitgestellt. Es sollte unstrittig sein, dass im Rahmen des Stadionumbaues die Südeinfahrt der Landeshauptstadt gleichzeitig mit neu hergerichtet werden muss. In diesem Zuge muss auch ein Parkraumkonzept für Veranstaltungen vorgelegt werden.“ Panse, das sollte nicht vergessen werden, hat für eine Total-Blockade der Arena-Pläne selbst in seiner eigenen Fraktion keine uneingeschränkte Unterstützung. Dort sitzen mit Thomas Pfistner und Jörg Schwäblein ebenso einflussreiche wie RWE-affine CDU-Ratsmitglieder, die für die zweifelhafte politische Zukunft von Michael Panse allein, nicht ihre persönliche Reputation zu ruinieren bereit sein werden. Selbst wenn Panse (und einige andere in der CDU-Fraktion) auf einer Ablehnung insistieren sollten, gehe ich nicht von einem geschlossenen Abstimmungsverhalten der CDU aus. Dann wird es Enthaltungen bzw. Zustimmung von Mitgliedern der Fraktion geben. Um die CDU-Fraktion nicht als heillos zerstrittenen Haufen dastehen zu lassen, könnte eine kollektive Enthaltung (die einem Durchwinken des Betreiberkonzepts gleich käme) ein Kompromiss für die Christdemokraten sein.

Die Linken. Von deren Fraktionschef Andre Blechschmidt sind in der TA Sätze zu lesen, die so fast von der Erfurter SPD stammen könnten: „Die Linke tritt für eine moderne und attraktive Sportstätte an der heutigen Stelle ein. Die Pläne des Oberbürgermeisters sind eine mögliche Variante. Schwächen, Mängel und Risiken müssen ausgeräumt sowie Alternativen geprüft werden. … Vieles in dem Konzept ist gut.“ Er nörgelt dann im Weiteren ein bisschen an diesem und jenem herum, macht aber keine wirklich grundsätzlichen Einwände geltend. Den Vorschlag einer Bürgerbefragung, den der OB-Kandidat der Linken Michael Menzel letzte Woche meinte machen zu müssen, handelt er in einem Satz ab, der an Unbestimmtheit schwer zu überbieten ist: „Wir wissen um die Fragen der Menschen, gerade im Wohnumfeld, die wir beantwortet haben wollen, um mit einem Bürgervotum eine Entscheidung über diese Vorschläge zu treffen.“ Abgesehen davon, dass mit einer Bürgerbefragung überhaupt nichts entschieden werden kann (sie hat rein informellen Charakter), lässt er völlig offen, über was genau, welche Bürger mit welcher Methodik befragt werden sollen. Die Linken werden diese Bürgerbefragungsnummer als Vorwand nutzen schlichtweg nichts zu entscheiden – sich also der Stimme enthalten. Denn davon versprechen sie sich die Möglichkeit im Wahlkampf ihre grenzenlose Bürgernähe lautstark in Szene zu setzen. Dagegen werden sie allerdings auch nicht stimmen, denn selbst dialektisch geschulte Genossen werden es schwer haben, Argumente dafür zu finden, warum sie im Dezember dem Haushalt (einschließlich Arena-Anteil der Stadt) zugestimmt haben um knappe zehn Wochen danach gegen ein Betreiberkonzept zu votieren, das ihnen im Wesentlichen damals bereits bekannt war.

Die Kreml-Astrologen irrten sich zumeist. Mag also sein, dass ich spätestens am Mittwochabend dumm und zudem enttäuscht dastehe. Aber Stand jetzt, rufe ich allen Anhängern des RWE Manfred Wolkes Lieblingssatz zu: Et läuft!

Stübners Erzählungen – Eine Replik in zwei Teilen (I)

Fußballblogger schreiben am liebsten über Fußball. Doch dann kamen der Winter und Dr. Gerd Stübner um dies zu verhindern. Dem OB-Kandidaten der Freien Wähler muss man dennoch ein Kompliment machen: Mutig verlässt er die Komfortzone des Unverbindlichen, nennt (große) Zahlen und modelliert aus ihnen unverrückbare Tatsachen, die einen Bau der neuen Erfurter Arena als ein durch nichts zu rechtfertigendes Abenteuer bloß stellen sollen. Doch zur Stübner-Horror-Picture-Show später.

Das Geld kommt nach Thüringen oder es wird woanders in Europa ausgegeben

Zunächst erscheint es mir sinnvoll noch einmal kurz auf das Förderverfahren hinzuweisen. Immer wieder taucht die Frage auf: Kann man mit diesem Geld nichts Sinnvolleres anfangen? Sinnvolleres jedenfalls, als die Partikularinteressen zweier Fußballvereine und ihrer Anhängerschaft zu alimentieren? Die Antwort lautet: Ja, womöglich kann man das. Allerdings irgendwo anders in Europa und ohne jeden Einfluss auf das Unterfangen selbst. Die Gelder, die über das in Rede stehende GRW-Verfahren ausgereicht werden sollen, sind EU-Fördergelder. Sie speisen sich aus den Transferzahlungen der EU-Mitgliedsländer. Das Thüringer Wirtschaftsministerium hat die Städte Erfurt und Jena, sowie die beiden dort ansässigen Vereine darauf aufmerksam gemacht, dass es im Fall des geplantes Baus zweier Multifunktionsarenen beide als förderwürdig im Sinne der GRW-Richtlinien erachten würde. Es werden keine Gelder des Landes Thüringen dafür verwendet, schon gar nicht werden (auf Landesebene) neue Schulden zur Finanzierung der Arenen aufgenommen. Es lassen sich auf diesem Weg definitiv auch keine Schulen, Kindergärten oder Straßen bauen bzw. sanieren. Partikular sind die Interessen quasi bei allen öffentlichen Investitionen, ob Oper, Autobahn oder Flughafen: Niemals werden sämtliche Bürger eines Gemeinwesens davon profitieren  – schon gar nicht in gleichem Umfang. Die Kunst gutes Regierens bestand schon immer darin, eine Balance zwischen den divergierenden Gruppeninteressen einer Gesellschaft herzustellen. Summarisch gelingt das in Deutschland so schlecht nicht. In Erfurt ist man dabei, sich von dieser politischen Tugend zu verabschieden.

Soweit das Auge reicht: Moderne Mehrzweckarenen und neue Stadien

Wie jede andere EU-Region, versucht Thüringen einen möglichst hohen Anteil an EU-Subventionen zu erhalten. Politiker die das unterlassen, müssten sich den Vorwurf der Fahrlässigkeit gefallen lassen. Die Webseite stadionwelt.de befasst sich mit nichts anderem als dem Bau von Stadien und Arenen – europaweit. Dort kann man nachlesen welche neuen Projekte in Planung, im Bau oder auch bereits abgeschlossen sind. Das ist eine hoch spannende Lektüre und sie lässt nur einen Schluss zu: Europa erlebt derzeit einen Bauboom was die Errichtung oder Modernisierung  von Sport- und Eventstätten betrifft. Die meisten von ihnen werden so vielseitig wie möglich genutzt: entweder durch mehrere Sportarten/Vereine oder eben auch durch die Kombination mit außersportlichen Veranstaltungen. Finanziert werden diese Investitionen auf sehr unterschiedlichen Wegen, man kann jedoch einen Trend festmachen: Sehr selten kommt das Geld ausschließlich von einem privaten Investor (wie bei der O2-World in Berlin, Anschütz-Gruppe), ebenso exzeptionell ist die Alleinfinanzierung durch die betroffene Kommune (wie im Fall des Chemnitzer Stadions). Meistens sind es Mischfinanzierungen aus diversen, steuergespeisten Geldquellen. Es bleibt festzuhalten: Der Bau der neuen Arenen in Erfurt und Jena ist kein Einzelfall. Es ist momentan nachgerade epidemisch moderne Sportstätten für publikumswirksame Sportarten zu errichten. Desgleichen ist deren polyvalente Nutzung völlig üblich (auch durch außersportliche Aktivitäten), ebenso wie ihre Allein- oder Ko-Finanzierung durch die öffentliche Hand. Und bevor dieses Argument kommt, will ich gleich darauf eingehen: Nein, es ist keineswegs so, dass diese Sportstätten nur in den Metropolen unseres Landes gebaut werden. Es sei denn Kassel, Potsdam, Offenbach, Plauen, Zwickau zählt man neuerdings auch dazu.

Stübner vermutet: Kommt die Arena gibt’s keine BUGA

Was sagt uns das alles? Es sagt uns vieles, vor allem aber eins: Selbst bei einer sensationell moderaten Eigenfinanzierungsquote von ca. 5 Millionen EUR – für die man eine vielfältig verwertbare hochmoderne Immobilie erhält (erhalten könnte) – wollen nennenswerte Teile der Erfurter Kommunalpolitiker diese Arena mit aller Macht verhindern. Das führt uns nun zu den Argumenten, die der OB-Kandidat der Freien Rentner Wähler Erfurt, Dr. Gerd Stübner, in einem Posting auf der Seite meinanzeiger.de vorgebracht hat.

Es gibt in Dr. Stübners Artikel zwei Kategorien von Argumenten. Die einen lassen sich en passant annullieren, weil sie offensichtlicher Stuss sind. In diese Kategorie fällt die vermeintliche Höhe der bisherigen Einnahmen durch die Bandenwerbung, die er mit 375 EUR angibt. Demgegenüber werden geplante Einkünfte von 180.000 EUR gestellt, daraus resultiert dann ein Faktor von 480, den Dr. Stübner mit Recht als unrealistisch geißelt. Das Problem daran ist nur, dass die Zahl 375 einem fehlerhaften Artikel der Thüringer Allgemeinen entnommen wurde. Der Wert wurde dort inzwischen auf 375.000 EUR geändert, was natürlich ebenso absurder Unfug ist.

Zudem versucht Dr. Stübner, durchaus geschickt, eine quasi historische Kontinuität zwischen seiner Ablehnung der neuen Arena und dem Abstimmungsverhalten der Freien Wähler deutlich werden zu lassen. Er schreibt hierzu: „Das gibt den Freien Wählern Mut und Kraft, weiter gegen die Multifunktionsarena aufzutreten!“. Zwei Sätze vorher ist von einer Abstimmung im Erfurter Stadtrat die Rede, in der alle Fraktionen – außer den Freien Wähler – dem Arenabau zugestimmt haben. Das stimmt, sie haben sich damals der Stimme enthalten. Aber mitnichten dagegen gestimmt, denn Gegenstimmen werden im Protokoll zu diesen Stadtratssitzung nicht ausgewiesen. Dieser Umstand stiehlt dem so kraftvoll klingenden weiter-gegen dann doch etwas die Show.

Last but least für diese Kategorie steht die beiläufige Erwähnung der geplanten Bundesgartenschau in Erfurt. Darüber schreibt Dr. Stübner: «Nebenbei: Gefährdet diese Förderung nicht eventuell die Förderung der BUGA oder wird Erfurt dann eben doppelt gefördert?.» Natürlich weiß Dr. Stübner sehr genau, dass das eine mit dem anderen rein gar nichts zu tun hat. Diesen Satz gibt es nur damit er (der Satz) Ängste erzeugt. Denn Gerd Stübner ist allzu klar, dass viele Menschen in Erfurt – darunter nicht wenige ältere – sich mit der Ausrichtung der BUGA stark identifizieren. Was es ihm wohl angeraten erscheinen lässt, diese Ängste für seine Zwecke wachzurufen.

Das ist nicht geschickt, das ist perfide.

… / Im 2. Teil: Stübner, der Zahlenmystiker: 60 Millionen EUR für Arena-Parkplätze und 6 Prozent Rendite beim FC St. Pauli

Bildquelle: worschech architects

Stübners Erzählungen – Eine Replik in zwei Teilen (II)

Ich hatte in Teil I dieses Postings geschrieben, dass sich die Einlassungen von Dr. Stübner gegen die Arena in zwei Kategorien einteilen lassen. Wir kommen jetzt zum zweiten Teil; den Argumenten die nicht ad hoc als Unsinn (oder bloße Polemik) erkennbar sind.

Parkplatzablöse: Eine 60 Millionen-Lachnummer

Die ungeheuerliche Zahl von 60 Millionen Euro zusätzlicher Kosten macht der OB-Kandidat der Freien Wähler an einem Begriff fest: Parkplatzablöse. Wie dem Wort unschwer anzusehen ist, handelt es sich dabei um einen Neologismus bürokratischen Ursprungs. Was ich gar nicht abwertend meine, denn die Sache an sich ist keineswegs unschlüssig: Jemand möchte in irgendeiner Stadt ein Gewerbe betreiben. Der Neu-Unternehmer hat aber keine Möglichkeit die ihm abverlangte Anzahl an Parkplätzen zur Verfügung zu stellen. In ihrer unglaublichen Großzügigkeit räumt ihm die Kommune die Möglichkeit ein, sich davon freizukaufen (sprich die Parkplatzpflicht abzulösen). Im Gegenzug ist sie jedoch verpflichtet öffentliche Stellflächen zu errichten. In Erfurt staffelt sich der Preis für diese Ablöse zwischen 11.000 und 3.000 Euro pro Stellfläche, aufgeteilt in vier Zonen. Da es nicht wirklich eine Rolle spielt, habe ich mir die Mühe erspart die exakte Zone für das SWS zu verorten, tippe aber mal auf Zone IV (3.000 EUR). Damit wären schon mal die märchenhaften 10.000 EUR Ablöse vom Tisch, denen allein es zu verdanken ist, dass Dr. Stübner uns diese sagenhafte Milchmädchenrechnung auftischen kann. Wir stehen jetzt bei benötigten 6.000 Parkplätzen (errechnet von Herrn Dr. Stübner) mal 3.000 EUR, macht 18.000.000 EUR. Rein virtuell, versteht sich, denn in Wahrheit wird die (stadteigene) Betreibergesellschaft der neuen Erfurter Arena keinen Heller Ablösegebühren an die Stadt Erfurt entrichten. Das ist so, weil es den §49 der Thüringer Bauordnung gibt, der da lautet:

Die Stellplatzpflicht nach den Sätzen 1 und 2 entfällt, wenn die Gemeinde durch örtliche Bauvorschrift nach § 83 oder durch städtebauliche Satzung die Herstellung von Stellplätzen und Garagen ausschließt oder beschränkt.

Somit liegt es völlig im Ermessen der Stadt, diese Gebühr zu erheben oder nicht. Warum sollte die Stadt Erfurt von der eigenen Betreibergesellschaft diese Quasi-Steuer verlangen? Das wäre absurd. Selbst wenn sie es täte, es wäre ein Nullsummenspiel. Mag sein, dass ich völlig falsch liege. Dr. Stübner kann mich allerdings jederzeit von der Korrektheit seiner Kalkulation überzeugen, indem er die Belege für das Erheben dieser Ablöse für die Erfurter Oper, den Flughafen und die Messe vorzulegen in der Lage ist. Bis dahin behaupte ich: das ist Bullshit.

Neuer Bahnhof in Laufweite, zwei Stadtbahnlinien vor der Tür – nie gehört?

Meine Auffassung an der Infrastruktursituation um das SWS herum, habe ich bereits in einem vorhergehenden Posting versucht darzulegen. Die Argumentation von Dr. Stübner ignoriert die erstklassige Anbindung des jetzigen SWS (und der neuen Arena) an zwei Stadtbahnlinien und den Erfurter Bahnhof gänzlich. Er konstruiert stattdessen einen Individualverkehr-Exzess, den es so nicht geben wird, weil nur moderate Zuwachszahlen an Besuchern zu erwarten sind. Zudem werden die Belastungsmaxima bei Sportveranstaltungen (sprich: Spitzen- oder „Bayernspiele“) nicht höher ausfallen als bisher, da die Arena nicht mehr Zuschauer fasst als das SWS.

Wenden wir uns jetzt der Auslastung der Neuen Arena Erfurt zu. Hier notiert Herr Dr. Stübner folgenden Satz: «Glaubt jemand ernsthaft, dass mehr als die Hälfte der Erfurter Dritt- und in der Perspektive Zweitligazuschauer (Ich bin optimistisch und dem Club durchaus gewogen!) von jenseits dieser 30-km-Zone und Erfurts herkommen?»

Zunächst: Es wäre allen geholfen, wenn Dr. Stübner seine anbiedernden, heuchlerischen und verlogenen Sympathiesentenzen im Fortgang der Dinge bleiben ließe. Er müsste sich nicht verbiegen, wir müssten uns nicht übergeben. Zur Antwort: Nein, das glaubt niemand. Überdies hat dies auch niemand behauptet und notwendig ist es ebenfalls nicht. Da keine Zahlen vorliegen, würde ich – auf Grund empirischer Schätzungen anhand meiner RWE-Heimspielnachbarschaft – mal von einem Anteil von 20-30 Prozent ausgehen, die aus einem Radius außerhalb der „verbotenen“ 30 Kilometerzone kommen. Das kann, soll (und muss) ausgeglichen werden durch Veranstaltungen wie z.B. Freiluftkonzerte, bei denen das Verhältnis ziemlich sicher genau anders herum ist und natürlich durch Veranstaltungen von Firmen (Seminare, Schulungen, Kleinmessen).

Stübners Law: 20 Spiele sind erlaubt

Dann verblüfft uns Dr. Stübner mit dem Satz: «Erlaubt sind nur 20 Spiele von Rot-Weiß Erfurt im Jahr.» Die Grobplanung des IFS enthält in seiner Kalkulation diesen Wert von 20 Spielen, der sich auf Grund des angenommenen Zuschauerzuspruchs und der GRW-Richtlinie einer Zuschauer-Parität (Touristen/Einheimische) ergibt. Von einem Verbot ein 21. Spiel austragen zu können steht da nichts und auch die Förderrichtlinie des Ministeriums wird einen derartigen Blödsinn nicht vorsehen. Richtig ist, dass mehr Heimspiele des RWE eine Verschiebung des Besucherverhältnisses zuungunsten der in den Förderrichtlinien definierten Vorgaben bedeuten würden. Das wird man zu gegebener Zeit zu entscheiden haben. Es hängt zum Beispiel davon ab, wie schnell es gelingt die neue Arena für außersportliche Veranstaltungen attraktiv zu machen (dazu ein Vorschlag meinerseits am Ende des Textes). Wird nur ein Freiluftkonzert pro Jahr stattfinden, oder werden es drei sein? Niemand kann das heute seriös vorhersagen. Es ist im wesentlichen auch keine Frage des Konzeptes, sondern viel eher eine des kompetenten Managements der Betreibergesellschaft. Man kann die Verantwortlichen der Stadt Erfurt nur anflehen, hier nicht schon wieder ein paar Ruheposten für altersmüde Kommunalpolitiker zu schaffen.

Wie alles im Leben birgt das Projekt Risiken. Niemand wird das ernsthaft bestreiten. Hier wäre an erster Stelle zu nennen: die wirtschaftliche Entwicklung – weltweit und in ihren unverzüglichen Auswirkungen auf die hiesige Wirtschaft. Allein das ist so ein hochkomplexes, quasi chaostheoretisches System, dass man sofort sagen müsste: Stopp – ist uns zu unsicher. Dann dürfte man konsequenterweise aber auch keine neuen Gewerbegebiete ausweisen, keine Autobahnen durchs Nirgendwo bauen und es erschiene gleichfalls sehr fraglich, Milliarden in eine Hochgeschwindigkeitsbahnstrecke zu investieren. Das alles sind Wechsel auf die Zukunft. Yes, höre ich Dr. Stübner an dieser Stelle rufen, gegen all das bin ich ja auch. Stimmt, liest man sein OB-Wahlprogramm gewinnt man den Eindruck: Dr. Gerd Stübner ist gegen alles was der Prosperität moderner Städte zuträglich ist: Wachstum, Gewerbegebiete, moderne Architektur. Für all das steht die Erfurter Arena – deshalb ist es nur folgerichtig, dass Dr. Stübner gegen sie wettert wie ein alttestamentarischer Rachegott.

Wie der OB-Kandidat der Freien Wähler uns alle reich machen will

Am Ende seiner Ausführungen empfiehlt Dr. Stübner den Erfurter Fußballfans, eine Anleihe zu zeichnen um ein neues Stadion zu finanzieren, denn damit würde man wie in Hamburg (beim FC St. Pauli) schließlich eine Rendite von «6 Prozent im Jahr – ein Traum am aktuellen Kapitalmarkt» erzielen können. Nun, das haben sich Dr. Stübner und sein Laptop-Poser Schleichardt prima zusammengegoogelt.

Zunächst: Noch nirgendwo ist ein Stadion dieser Größenordnung allein mit den Geldmitteln seiner Anhänger erbaut worden. Auch beim FC St. Pauli nicht. Dort und bei Union Berlin (ein sehr ähnlicher Fall, stand wohl erst auf Seite 3 der Google-Treffer) geht es um etwas anderes: Beide Stadien sind bereits zum überwiegenden Teil saniert. Für eine Vollendung der Modernisierung benötigen die Vereine zusätzliches Geld. Beide hätten jetzt die Option die Namensrechte der Stadien langfristig zu vermieten und mit diesen Garantieeinnahmen Geld am Kapitalmarkt aufzunehmen. Das ist der übliche Weg. Mitglieder und Fans der zwei Clubs haben sich dagegen entschieden. Sie wollen die Namen ihrer traditionsreichen Stadien bewahren und sind im Gegenzug bereit, Anleihen ihrer Vereine zu kaufen. Bei Union gab es dafür klugerweise kein Renditeversprechen; was den Vorstand des FC St. Pauli dazu bewogen hat bleibt vielen ein Rätsel. Sicherheiten sind für die märchenhaften 6% keine hinterlegt. Wären sie vorhanden, benötigte man die Anleihe nicht. Der Rest ist Gottvertrauen – in einen fußballvereingewordenen Dschungelcamp-Kandidaten.

Eine Bilanz: Dr. Gerd Stübner hat ein denkwürdiges Dokument vorgelegt. Würde ein Fingerschnippen alle Faktenfehler, Übertreibungen, Verdrehungen, Falschzitate, Inkompetenzen und Zynismen darin entfernen, es blieben nur die Satzzeichen übrig.

Am Ende diese Postings möchte ich einen Vorschlag zur touristischen Nutzung der Arena machen. Ich greife dabei eine bereits vorhandene Idee auf – die Einrichtung eines Museums für den Erfurter Fußball (Dr. Kummer im Gespräch mit Wilfried Mohren auf der RWE Webpage). Da die Förderrichtlinien einen 50-prozentigen Anteil externer Besucher (sprich Touristen) vorschreiben, schlage ich vor, diesen Gedanken weiter zu entwickeln und ein Museum für „Ostdeutsche Fußballkultur“ einzurichten. Ein derartiges Museum – thematisch exklusiv dem ostdeutschen Fußball gewidmet – existiert bisher nicht. Sporthistorisch solide konzipiert und attraktiv in Szene gesetzt, böte es die Chance tausende Menschen pro Jahr in die neue Erfurter Arena zu locken.

Es ist wohl unstrittig, dass es an Themen und Geschichten für ein derartiges Museum nicht mangelt. Aber darüber mach ich mir, aus naheliegenden Gründen, erst nach der nächsten Stadtratssitzung weitere Gedanken.

VfL Osnabrück – Rot-Weiß Erfurt 2:3 / Der Trend is our Friend

Alles schien wie immer zu sein, wenn der RWE in Osnabrück zu Gast ist: Die (Bremer) Brücke sehen … und sterben. Emmerlings Aufstellung hatte ich so nicht erwartet, denn immerhin ließ er mit Oumari einen der begabtesten Innenverteidiger der Liga auf der Bank. Never change a winning team, ich weiß – und denke dann stets: es sei denn, du kannst es verstärken. Zu Beginn und auch mit dem 1:0 schien der Kritikaster in mir Recht zu behalten, denn viele Osnabrücker Angriffe liefen über unsere rechte Abwehrseite – auf der Ofosu-Ayeh von Wollitz und mir als Schwachstelle ausgemacht worden war. Jedoch, ich kann auf Grund des spärlichen Bildmaterials nicht seriös behaupten, dass unser Rechtsverteidiger die Hauptschuld am Führungstor der Osnabrücker trägt. Fakt ist, es wurde über seine Abwehrseite vorbereitet. Das 2:0 war dann eines dieser Tore, die geeignet sind, dem Faktor Zufall im Fußball die Referenz zu erweisen. Niemand trägt daran wirklich schuld und lernen kann man aus so etwas ebenfalls rein gar nichts. Shit happens. Trotzdem – zur Halbzeit schienen alle Messen gesungen.

Zweite Halbzeit, zweite Überraschung: Emmerling wechselte nicht. Noch in Unterhaching hatte er mit der Hereinnahme Mannos und einer deutlich offensiveren Taktik die Wende erzwungen. Der Unterschied: in Unterhaching war die Leistung der Mannschaft in Halbzeit eins desolat, in Osnabrück war sie dem Gegner zumindest spielerisch ebenbürtig. Was fehlte war die Konsequenz vor dem Tor, dem eigenen und dem des Gegners. Kein Grund gleich alles zu riskieren fand unser Trainer und vertraute darauf, dass die Mannschaft in der Lage sein würde dieses Spiel zumindest noch zu egalisieren. Das sind sehr einsame Entscheidungen eines Coaches. Denn wäre das Spiel verloren gegangen, jeder (einschließlich mir) hätte ihm Passivität vorgeworfen. Aber er tat das Richtige, vertraute seinen Spielern und die enttäuschten ihn nicht. Zwei wunderbar herauskombinierten Toren zum Ausgleich, folgte fünf Minuten vor dem Ende ein Elfmeterpfiff, von dem man sagen muss: wäre er ausgeblieben, es hätte sich niemand wirklich beschwert. Nils Pfingsten-Reddig hat als Fußballer (und sicher auch sonst) viele gute Eigenschaften. Eine davon heißt Verlässlichkeit. Sie sorgt dafür, dass man als Leser des Live-Tickers eines RWE-Spiels recht entspannt auf die nächste Nachricht warten kann, wenn die aktuelle lautet: Elfmeter für Erfurt! Auch dieses Mal ließ er dem Keeper keine Chance. Der Rest war Routine.

In druckreifen Worten beschrieb schließlich der Ticker des VfL die Bilanz der Begegnung: Erfurt wirkte über weite Strecken spritziger und eingespielter, vor allem technisch besser und sicherer in den Bewegungsabläufen, was Ballan- und mitnahme mit Tempo angeht. Chapeau nach Osnabrück – für soviel redliche Objektivität nach einer bitteren Niederlage der eigenen Mannschaft.

So denn gespielt werden kann, empfangen wir am Samstag zum – hoho – Spitzenspiel den VfR Aalen. Die Mannschaft von Ralph Hasenhüttl hatte vor der Saison niemand auf der Rechnung, jedenfalls nicht was den Aufstieg in die zweite Liga anging. Nach fünf Siegen in Folge und dem Erreichen der Tabellenführung hat sich das mittlerweile grundlegend geändert. Dennoch bin ich optimistisch (was auch sonst): Aalen hat eine sehr starke Mannschaft, aber nicht die Klasse und Dominanz von Eintracht Braunschweig im letzen Jahr (gegen die der RWE zu Hause trotzdem gewann). Außerdem wird der VfR im Steigerwaldstadion mitspielen (sprich: gewinnen) wollen und diese taktische Konstellation kommt uns sehr viel mehr entgegen als ein tief stehender Gegner, der seinen Erfolg ausschließlich über Konter sucht.

Jeder ist in der Lage die Tabelle zu lesen: gewinnt der RWE sind wir bis auf vier Punkte an Aalen heran und es bestünde zudem die Möglichkeit den Spieltag auf Platz 3 zu beenden. In einer Spielzeit, die man schon ein paar Mal in die Tonne zu treten geneigt war, wäre das nicht die erste Auferstehung aller rot-weißen Hoffnungen. Wegen mir kann Ostern kommen.

Bildquelle: ©getty

Neue Arena in Erfurt – Die Stunde der Apokalyptiker

Bei der von der CDU befeuerten Debatte um angebliche Infrastrukturdefizite beim Umbau des Erfurter Stadions handelt es sich um ein Phantomproblem.

Hinsichtlich der Zuschauerzahlen der RWE-Heimspiele gehen realistische Planungen von durchschnittlich ca. 9.000 (3.Liga) bzw. ca.15.000 Zuschauern (2.Liga) aus. Im Falle der 3.Liga sind das 3.000 weniger als der Schnitt in der Zweitligasaison 2004/2005. In jeder Liga wird die Obergrenze für Topspiele bei 21.000 Besuchern liegen, denn dies wird das maximale Fassungsvermögen der neuen Arena sein. Das ist um 1.500 Zuschauer geringer als das bestbesuchte Heimspiel des RWE in der letzten Dekade (DFB-Pokal 2008 gegen Bayern München, 22.500 Zuschauer). Von keinem der top-besuchten Spiele sind Verkehrsprobleme bekannt, die nennenswert über das hinausgehen, was jeder Besucher einer Großveranstaltung in diesem Teil der Welt in Kauf zu nehmen bereit ist. Es ist nämlich normal (wenn ich mich entschließe, eine Veranstaltung gemeinsam mit 20.000 anderen Menschen zu besuchen) auch mal 45 Minuten im Stau zu stehen.

Klar, ein neues Parkhaus (z.B. vor der Thüringenhalle) wäre ein Gewinn für den Individualverkehr, auch als P&R-Einstiegspunkt für andere Verkehrsspitzen der Stadt (wie dem Verkehr in der Vorweihnachtszeit). Doch daran ein Junktim für den Umbau des Stadions zu knüpfen ist dreiste Heuchelei. Hätte dieses Kriterium bereits für die Messe Erfurt gegolten, sie hätte erst 2005 eröffnet werden dürfen, denn bis dahin war die Parkplatzsituation bei Großveranstaltungen katastrophal – für Besucher genauso wie für die Anlieger. Trotzdem war es richtig dieses Defizit in Kauf zu nehmen, denn die Messe ist zwischenzeitlich ein wichtiger Teil des wirtschaftlichen und touristischen Lebens in Erfurt. Ganz so wie es die neue Arena zu werden verspricht.

Auf der anderen Seite wird über den großen Pluspunkt den die Lage des Erfurter Stadions aufweist so gut wie gar nicht diskutiert: das Stadion liegt zwischen zwei Stadtbahnlinien. Es ist von Infrastruktur nachgerade umzingelt. Ein großer Anteil der Besucher der Münchner Allianz-Arena nimmt einen Fußmarsch von fast 30 Minuten zwischen U-Bahn und Arena auf sich, während in Erfurt die Distanz von einer stadionnahen Haltestelle zum Eingang maximal 5 Minuten beträgt. Das ist hochkomfortabel. Dieser Vorteil wird derzeit viel zu wenig verwertet. Ohne auch nur einen Meter Straße bauen zu müssen, liegt hier ein offensichtliches Potential für die Reduzierung des Individualverkehrs brach. Es müsste nur offensiv beworben werden, finanziell lukrativ sein (Fahrtkosten sind im Ticketpreis enthalten z.B.) und durch eine kürzere Taktung der Bahnen (vor allem nach Ende der Spiele) zeitlich attraktiv sein.

Überdies – die 30 Minuten Münchner Stadionweg entsprechen in etwa dem Weg vom Erfurter Bahnhof zum Stadion. Soll heißen: Auch für die außerstädtische Anreise gibt es ausreichend Potentiale zur Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel.

Anderenorts (z.B. in Jena) werden diese Fragen nüchtern, jedoch im Grundsatz lösungsorientiert diskutiert. Man nennt es Stadtentwicklung. In Erfurt schlägt zu solchen Gelegenheiten stets die Stunde der Apokalyptiker. Im konkreten Fall bewerben sich bisher Michael Panse (CDU) und Dr. Gerd Stübner (Freie Wähler) um die Rolle des Advocatus Diaboli. Andere werden folgen. Zum Schaden der Stadt, in deren Interesse zu handeln sie vorgeben.

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