Archiv für Rot-Weiß Erfurt

SpVgg Unterhaching vs. FC Rot-Weiß Erfurt 2:2 / Es lebt!

Besser als anders herum: Drexler im Aus, Ball im Tor © www.fototifosi.de

Das war dann wohl die Woche der kuriosen Fußballspiele. Nach dem genial-desaströsen Auftreten der Nationalmannschaft legten auch die SpVgg Unterhaching und der RWE ein Spiel hin, das man so nicht alle Tage sieht.

Ich war neugierig, wie RWE-Trainer Alois Schwartz den Ausfall von Engelhardt und Strangl zu kompensieren gedachte (böse Zungen behaupteten, da gebe es nicht viel zu kompensieren). Auf die von ihm gewählte Variante – mit Bernd Rauw – wäre ich nicht gekommen. Je nach Geschmack konnte man auf eine 4-5-1 oder 4-1-4-1-Formation erkennen. Ich tendiere nach wie vor der Auffassung zu, dass der RWE mit drei Sechsern agierte, die leicht unterschiedlichen Aufgaben nachgingen. Rauw fungierte ausschließlich als Abräumer vor der Abwehr, während Baumgarten, vor allem aber Pfingsten-Reddig, sich außerdem um den Spielaufbau bemühen sollten. Hat das funktioniert? So lala, würde ich sagen. Dafür, dass drei Leute im zentralen Mittelfeld positioniert waren, sahen die Innenverteidiger doch ganz schön häufig die Unterhachinger Stürmer unbedrängt auf sich zu laufen. Pfingsten-Redddig tat die defensive Absicherung trotzdem gut. Er machte sein bestes Spiel seit Langem und auch Baumgartens Debüt in der Startelf bot Anlass zur Hoffnung. Großartig sein geistesgegenwärtiges und exaktes Zuspiel auf Tunjic vor dem Ausgleich zum 1:1. Das eigentlich ein 3:1 hätte sein müssen. Nach ausgeglichenem Spiel in der ersten Phase der Partie, dominierte der RWE die Begegnung und ließ sich auch von der Führung der Oberbayern nicht wirklich irritieren. Schon aus fußballästhetischen Gründen hätte Möhwalds Seitfallzieher eine numerische Entsprechung auf der Anzeigetafel verdient gehabt. Von Tunjics Großchance nach dem besten RWE-Angriff, via Pfingsten-Reddig und Drexler, ganz zu schweigen. Es war zum Verzweifeln. Allerdings: In unserer Situation ist Verzweiflung bereits ein mentaler Fortschritt. Allemal besser, als ob der gezeigten Leistungen in katatonische Starre zu fallen, wie zuletzt geschehen. Dann kam es dennoch, wie es kommen musste. Zwei haarsträubende Fehler, an denen Rickert beide Male hauptdarstellerisch beteiligt war, sorgten für die fast schon absurde 2:1-Halbzeitführung der Gastgeber.

Offensichtlich hatte die Mannschaft in der Pause die Anweisung erhalten, nicht unkontrolliert nach vorne zu spielen, um dem Unterhachinger Konterspiel zu entgehen. Sie hielt sich daran, wenngleich mit einem anderen Resultat als geplant. Nun brachte der RWE offensiv überhaupt nichts mehr zustande. In dieser Phase des Spiels machten die Gastgeber deutlich, dass Tabellen nicht lügen, erspielten sich mehrere großartige Torgelegenheiten (einschließlich Elfmeter), die allesamt ebenso großartig von Rickert vereitelt wurden. Mit der Einwechslung von Ahrens und Temür schaltete Schwartz dann doch auf den Kamikaze-Modus. Wie zwei Rummelboxer mit heruntergelassener Deckung drosch man nun aufeinander ein und der RWE hatte den besseren Punch. Drexler kam im Strafraum nicht sehr mittig und eher zufällig in Ballbesitz, umkurvte Riederer, was seine Lage zum Tor fast aussichtslos werden ließ – und traf in selbiges. Mit artistisch anmutender Körperkontrolle, zum insgesamt verdienten Ausgleich für den RWE. Würde mich nicht wundern, wenn er nach der Saison zum Cirque du Soleil in die Zirkus-Championsleague wechselt. Grandioser Treffer.

Fazit: ein unterhaltsames Gagaspiel. Die erste Hälfte wird von Erfurt (zumindest nach Großchancen) eindeutig beherrscht und 1:2 verloren. In Halbzeit zwei dominiert Haching ebenso handfest und muss dennoch den Ausgleich hinnehmen. Der RWE wusste in einige Phasen des Spiels sogar fußballerisch zu überzeugen und hat zwei Mal einen Rückstand wettgemacht. Aber Vorsicht! Der Verein, seine Fans und sein Blogger wähnten sich nach den Spielen gegen Aachen, Dortmund, Saarbrücken und Offenbach schon einmal auf dem Weg der Genesung, nur um dann erneut vom Laster überrollt zu werden. Noch eine Niederlagenserie kann man sich nicht leisten, denn dann wird aus einer prekären Situation schnell eine aussichtslose.

RWE vs. Stuttgarter Kickers 0:3 / Angst essen Verstand auf

Wie es um den FC Rot-Weiß Erfurt steht, konnte man an den Gesichtern der Zuschauer in meiner Nähe gut ablesen. Quasi: 50 Shades of Fassungs-, Rat- und Hoffnungslosigkeit. Die meisten litten eher still vor sich hin. Bei einigen gewann man den Eindruck sie schauen einem rasanten Tennisspiel zu, so regelmäßig wie sie ihren Kopf schüttelten. Andere, wenige, machten es wie immer und konzentrierten ihren Unmut auf die üblichen Verdächtigen: Tunjic, Pfingsten-Reddig, Engelhardt, Bertram, etc.

Selbst eine kurze taktische Analyse fällt schwer, auch weil ich das Gefühl habe, dass diese niemanden wirklich interessiert. Woher aber kommt der leblose Eindruck, den der RWE über die gesamten 90 Minuten vermittelte? Nun, es war offensichtlich, dass Alois Schwatz sehr viel Wert auf das permanente Einhalten der taktischen Grundordnung legte. Dagegen ist per se nichts einzuwenden. Allerdings führte die Angst vor einem Gegentreffer dazu, dass sie das gesamte Offensivspiel lähmte. Die Außenverteidiger schalteten sich so gut wie nie in die Angriffe ein, was zu permanenter Unterzahl auf den Flügeln führte. Die Spieleröffnung über das zentrale Mittelfeld wurde von den Kickers dadurch unterbunden, dass zum einen die Passwege zugestellt wurden, manchmal nahm man Engelhardt und Pfingsten-Reddig auch in Manndeckung. Damit blieben nur lange Bälle zur Spieleröffnung übrig. Oft wurden diese von Oumari auf den linken Flügel zu Drexler gespielt. Wenn sie denn mal ihren Adressaten fanden, sah sich Drexler meist zwei oder drei Gegenspielern gegenüber. Ein Überladen seiner Seite mittels der Unterstützung durch die Außenverteidiger (oder die Sechser) fand nicht statt. Das war in der letzten Saison noch anders. Da gab es die Variante der langen Bälle von Caillas auf Morabit (meist auch über links) ebenfalls, allerdings unterstützte damals Pfingsten-Reddig sehr häufig den Außenstürmer, was am Samstag völlig unterblieb.

An dieser Stelle stellt sich die grundsätzliche Frage nach dem Spielplan. Sicher ist es von großem Wert, nicht in Rückstand zu geraten. Und es gibt Gegner in dieser Liga, gegen die ein Unentschieden (auch zu Hause) durchaus ein brauchbares Resultat darstellt. Der Aufsteiger Stuttgarter Kickers zählt in seiner jetzigen Verfassung nicht dazu. Gegen die Jungs aus Degerloch muss ich ein Heimspiel gewinnen wollen. Ohne ein gewisses Maß an Risiko wird das nicht funktionieren. Gegen keinen Gegner. Zu diesem Zweck muss sich eben ein Außenverteidiger in die Flügelangriffe einschalten. Wenn die beiden nominellen Spielgestalter im zentralen Mittelfeld sehen, dass die Innenverteidiger Probleme haben Anspielstationen zu finden, muss sich einer zurückfallen lassen, um diese Aufgabe zu erleichtern. Selbst wenn ich – risikominimierend – auf lange Bälle setze, müssen sich ein Sechser und der zentrale offensive Mittelfeldspieler (Möhwald) vorher auf diese Seite orientieren, damit wenigstens ab und an eine dieser Situationen in einen Erfolg versprechenden Angriff mündet (z.B. über die Eroberung bereits abgewehrter «zweiter» Bälle.)

Wie bereits in den Spielen zuvor brach die Mannschaft nach dem Rückstand komplett auseinander, obwohl Schwartz relativ früh und nur positionsersetzend tauschte. Die Grundordnung blieb (nominell) erhalten, nachdem in den Spielen zuvor die Herausnahme eines Sechser bzw. die Auflösung der Viererkette gleichfalls völlig in die Hose gegangen war. Ich hätte bereits zur Halbzeit Tunjic aus dem Spiel genommen und Drexler in die Mitte beordert, einfach um einen Spieler im Sturmzentrum zu haben, der Bälle festmachen und auf nachrückende Mitspieler prallen lassen kann. Etwas was Mijo Tunjic (bei aller Laufbereitschaft) durchweg nicht gelang (und was wohl insgesamt nicht zu seinen Stärken zählt). Keine Ahnung, ob dies etwas verbessert hätte, aber ich hatte nach 45 Minuten schlichtweg das Gefühl (womit ich kaum der Einzige war), dass wir dieses Spiel verlieren werden, wenn sich nichts ändert.

Wie auch immer, momentan haben die Apokalyptiker Konjunktur. Und gute Argumente. Jedenfalls, wenn man Rechthaberei zum obersten Vereinsziel erklärt. Nach dem jetzigen Stand der Dinge wird zutiefst offenbar, dass Rolf Rombach und seine Jünger mit vielem was sie in den letzten Monaten getan, veranlasst und unterlassen haben grandios falsch lagen. Um das zu erkennen, benötigt es nicht viele Worte, ein Blick auf die Tabelle bzw. auf die Leistung der Mannschaft genügt. Dennoch, wozu genau in der gegenwärtigen Lage ein Machtvakuum beim RWE gut sein soll, erschließt sich mir nicht. Die Forderungen nach einem Rücktritt des Präsidenten (mitsamt seiner zugegeben semiprofessionellen Entourage) sind suizidal. Es existiert momentan keine erkennbare Alternative zu ihm, weder personell und schon gar nicht konzeptionell. Ich weiß, dass viele große Sorgen um die Zukunft ihres Vereins haben und auch, dass es allzu menschlich ist, jemanden für Niederlagen sofort haftbar machen zu wollen. Allerdings: Jegliches hat seine Zeit, und gerade jetzt ist der denkbar ungünstigste Zeitpunkt für Scharmützel zwischen Fans und Vereinsführung.

Wir werden diese Scheiße gemeinsam durchstehen oder die Zeit des RWE im deutschen Profifußball ist vorerst abgelaufen.

RWE vs. Wacker Burghausen 0:3 / Weiterkämpfen! Was sonst?

Kämpferisch auf und neben dem Platz: Dominick Drexler / © www.fototifosi.de

In keinem Lehrbuch der Theaterwissenschaften finden sich Handlungsanweisungen für das Stück, das gegenwärtig live-on-stage am Erfurter Steigerwald aufgeführt wird. Mehr noch: selbst Name und Gattung sind unbekannt. Komödie, Satire oder Drama? Mit Happy End oder ohne? Niemand weiß es. Der Theaterdirektor hat den alten Regisseur gefeuert und neue Darsteller verpflichtet. Doch plötzlich stehen alle auf der Bühne in denselben Kulissen wie bereits Wochen zuvor und geben denselben unverständlichen Text von sich. Ein Gefühl höchster Irritation greift um sich.

Was für modernes Theater als Meisterleistung gelten mag, ist für einen Fußballverein ein Desaster. Leider konnte ich dieses Mal nicht vor Ort sein; den größten Teil des Spiels verbrachte ich auf brandenburgischen Fernstraßen, die Tickermeldungen mit zunehmender Spieldauer erleidend (als Beifahrer wohlgemerkt).

Ich bin vermutlich nicht der Einzige, den diese Niederlage an das Spiel gegen Arminia Bielefeld erinnerte, nach dem Stefan Emmerling entlassen wurde. Oder irre ich mich da? Der RWE hatte zumindest die erste Großchance des Spiels, vermutlich geht das Spiel wenigstens nicht verloren, wenn Möckel einnetzt. Nicht in Rückstand zu geraten ist in dieser Liga – mit ihrer exorbitanten Leistungsdichte – erste Fußballerpflicht. Der FC Bayern kann einen Rückstand gegen den VfB Stuttgart locker verkraften und dennoch am Ende 6:1 gewinnen. Sie sind im Vergleich zu den Schwaben fußballerisch eindeutig besser besetzt. Eine ähnliche Dominanz existiert in der 3. Liga nicht. Ein Rückstand ist fatal, weil die gegnerische Mannschaft sich nun auf das konzentrieren kann, was sie viel besser beherrscht, als selbst das Spiel zu gestalten: Kontern, die sich bietenden freien Räume nutzen. Wer hinten liegt, versucht alles um die Niederlage abzuwenden. Er hat keine andere Wahl und ist dabei doch oft so erfolglos wie Alois Schwartz am Samstag. Zwei 0:3-Niederlagen in einer Woche sind zermürbend, sie klingen nach klaren Verhältnissen, wo gar keine waren. Das Umfeld wird noch unruhiger als es in Erfurt ohnehin schon der Fall ist, die Spieler (gerade die jungen) verlieren zusehends ihr Selbstvertrauen. Hamsterrad und so.

Deshalb fand ich das Interview von Dominick Drexler nach dem Spiel wegweisend. Im Wortsinn. Er hatte ein gutes Spiel gemacht, wollte sich auch vom mdr-Fieldreporter sein Selbstvertrauen nicht wegquatschen lassen, nicht in Sack und Asche gehen und gab sich für die nächsten Spiele zuversichtlich. Manchem RWE-Anhänger mag das (Minuten nach einer bitteren und hohen Niederlage) sauer aufstoßen, man hört anlässlich solcher Gelegenheiten wohl lieber wohlfeil vorgetragene Zerknirschung. Ich denke aber, dass Drexler mit dieser Herangehensweise richtig liegt. Ich weiß ebenfalls nicht, wie das Stück mit dem schmucklosen Arbeitstitel „FC Rot-Weiß Erfurt 2012/2013“ ausgehen wird, wohl aber weiß ich, dass mir kämpferische Helden lieber sind, als solche die aussehen und reden als wüssten sie bereits, dass sie als Sargträger engagiert wurden.

Karlsruher SC vs. RWE 3:0 / Hört die Signale!

Es ist schwer, nach solchen Spielen die Balance zu wahren. Auf der einen Seite waren die Kräfteverhältnisse im Wildpark keineswegs so eindeutig, wie es das Resultat nahe legt. Andererseits ist fast ein Drittel der Saison absolviert, der RWE ist 19. der Tabelle und die Leistung gestern war nicht geeignet, auf baldige Genesung des Patienten zu hoffen.

Vor allem gibt mir zu denken, dass die Mannschaft nicht in der Lage war, offensichtlich verunsicherte Karlsruher zu einem Zeitpunkt zu attackieren, als sich dafür Gelegenheit bot. Der KSC begann ganz schwach, doch irgendwie verließen sich die Erfurter darauf, dass dieser Zustand die gesamte Spielzeit über anhält. Das war viel zu passiv. Außer Tunjics Gewaltschuss gab es in Halbzeit eins keinen nennenswerten Torabschluss. Wohlgemerkt zu einem Zeitpunkt, als der RWE noch mit allen Spielern auf dem Platz stand. Die zeitweilige spielerische Impotenz eines Gegners darf nicht mit eigener Spielkontrolle verwechselt werden. Das ist Selbstbetrug. Barcelona und die Bayern haben Spiele im Griff, in denen sie deutlich führen, um dann dem Gegner in schier endlosen Ballstafetten den letzten Nerv zu rauben. Daran gemessen hatte der RWE gestern zu keinem Zeitpunkt irgendetwas «im Griff». Karlsruhe verfügt über den individuell stärksten Kader aller Drittligisten. Spieler wie Calhanoglu, Krebs, Henning oder Haas können Spiele auch entscheiden, wenn die Mannschaft als Ganzes nicht wirklich funktioniert. Umso wichtiger wäre gewesen, den KSC unter Druck zu setzen. Niemand weiß, ob das zu einem erfolgreicheren Ausgang geführt hätte – mir wäre aber wohler, wenn man es wenigstens beherzt versucht hätte.

Ich hatte anlässlich der Roten Karte gegen Rauw im letzten Spiel ja bereits beklagt, dass die Hemmschwelle für Platzverweise stetig sinkt. Selbiges könnte ich heute erneut vortragen. Um keine Zweifel aufkommen zu lassen: Gemessen an den Vorgaben des DFB sind die beiden Gelben Karten gegen Strangl gerechtfertigt. Der Spieler kennt die Regelauslegung natürlich auch, insofern trägt nicht der Schiedsrichter (der ja auch noch was werden will in seiner Karriere), sondern Marius Strangl die alleinige Schuld an dieser Herausstellung. Einerseits. Andererseits flog er mit einem Allerweltsfoul vom Platz (es war zudem sein erstes überhaupt). Ich bleibe dabei, die Bestrafung – 50 Minuten mit einem Spieler weniger auskommen zu müssen – steht hier in keinem Verhältnis zum begangenen Delikt. Womit wir wieder bei Zeitstrafen wären, der einzigen Alternative, die mir spontan einfällt. Und mit denen ich auch nicht richtig glücklich bin, weil mir schon klar ist, dass sie den Rhythmus eines Fußballspiels schwer beschädigen können.

Wie auch immer. Der RWE hat nunmehr das Fünfte von elf Ligaspielen kartenbedingt in Unterzahl beendet. Nur eines davon ging nicht verloren. Hohe Zeit für Alois Schwartz also, seine Spieler daran zu erinnern, dass es von beträchtlicher Bedeutung ist, ein Spiel in numerischer Gleichzahl mit dem Kontrahenten zu beenden. Wenn das nicht hilft, sollte der Verein über eine Antiaggro-Therapie für einschlägige Kandidaten wie Oumari und Strangl nachdenken. Hätte man womöglich bei Kumbela schon machen sollen.

Ein weiterer Grund zur Sorge ist die mangelhafte Tiefe des rot-weißen Kaders. Wir haben mit Fillinger einen langzeitverletzten Leistungsträger. Ob die Bezeichnung Leistungsträger auf Thomas Ströhl zutrifft, muss er erst noch unter Beweis stellen, sobald er wieder fit für die erste Mannschaft ist. Morabit laboriert noch immer an seinem Muskelfaserriss, hier vernimmt man derzeit ebenfalls keinen konkreten Termin für eine Rückkehr. Die hoffentlich nicht mehr lange auf sich warten lässt, denn er fehlt dem Angriffsspiel des RWE an allen Ecken und Enden. Allein Drexler wird es auf Dauer nicht richten können. Der gegnerische Trainer muss kein Jose Mourinho sein, um zu wissen, dass man sich vor allem auf ihn konzentrieren sollte, will man das Offensivspiel der Erfurter unterbinden. Ich will mir gar nicht vorstellen was passiert, wenn Drexler, Pfingsten-Reddig oder Engelhardt sich verletzen sollten. Wo es in der letzten Saison noch Weidlich, Zedi und Manno gab, gibt es in diesem Jahr nur talentierte aber weitgehend unerfahrene Spieler um diese Positionen ersatzweise einzunehmen.

Exakt hier liegt auch der Unterschied zu einer Mannschaft wie Unterhaching. Die dort eingesetzten jungen Spieler verfügen zumeist über Erfahrung in der Dritten oder wenigstens in der Regionalliga. Schaut man sich die Spieler von Unterhaching näher an, fällt noch eines auf. Fast alle kommen aus dem Fußballbiotop München. Nicht wenige sind bei Bayern oder 1860 ausgebildet worden, bzw. spielen seit ihrer Jugend in Unterhaching. Eine ähnliche Ballung an Talenten findet sich natürlich auch im Ruhrgebiet bis hin zu den ostwestfälischen Vereinen wie Osnabrück, Paderborn, Münster und Bielefeld. Vergleichbare Talentcluster (die sich auch gerne über Transfers regional mischen) existieren im Osten nicht (am ehesten noch in Berlin). Der Vorteil für die Spieler liegt auf der Hand: Sie müssen ihr soziales Umfeld nicht verlassen, wenn sie beispielsweise von 1860 zu Unterhaching wechseln, und bleiben zudem in steter Sichtweite für höhere (sprich besser bezahlte) Aufgaben.

Dieser kleine Exkurs scheint mir notwendig um deutlich zu machen: Die Situation in Erfurt ist eine völlig andere. Der RWE ist fußballerisch gesehen eine Insel ohne Brücken zum Festland. Nachwuchskonzept in Unterhaching bedeutet: Ich verpflichte junge, talentierte, aber durchaus erfahrene Spieler von den Vereinen Bayern München, 1860 München und aus dem eigenen Nachwuchs und forme daraus eine gute Mannschaft. Nachwuchskonzept in Erfurt bedeutet: ich haben einen richtig guten A-Jugend-Jahrgang, behaupte damit ein Konzept zu besitzen und verlasse mich anschließend darauf, dass diese 19-Jährigen schnell zu Stammspielern werden. Alle haben das Zeug dazu, aber sie müssen die Gelegenheit erhalten, behutsam, sachkundig und ihrem Leistungsstand gemäß an die erste Mannschaft herangeführt zu werden. Kaltes Wasser und so – keine gute Idee.

Wir brauchen dringend neues Personal. Das würde ich nicht schreiben, wenn Fillinger gesund und in formidabler Form wäre, Tunjic konstant gut in seinen Leistungen und Morabit nicht immer wieder mal wochenlang ausfallen würde. Denn dann hätte die Mannschaft das Potenzial relativ deutlich die Liga zu halten. Nun, die Realitäten sind leider andere. Deshalb halte ich Verstärkungen im Angriff und im Mittelfeld mittlerweile für unabdingbar. Wohl wissend, dass der Etat des Vereins bereits jetzt auf Kante genäht ist. Jedoch habe ich Rolf Rombach (zuletzt bei der Entlassung Emmerlings) stets so verstanden, dass da über externe Sponsoren immer noch etwas geht.

Holla! Da hat der Präsident wohl nicht zu viel versprochen. Aber sie hätten wenigstens warten können, bis ich den Post publiziert habe. Mist. Soeben lese ich nämlich, dass der RWE Mahmut Temür verpflichtet hat. Dies ist eine viel versprechende Nachricht. Beidfüßig, quasi im gesamten Mittelfeld einsetzbar. Torgefährlich. Klingt gut. Herzlich Willkommen und gleich an die Arbeit, Mahmut!

 

Rot-Weiß Erfurt vs. Offenbacher Kickers: Schade eigentlich!

Man sieht ihm an, dass der Ball nicht rein geht: Tobias Ahrens © www.fototifosi.de

In der Halbzeit herrschte an den Stehtischen hinter der Tribüne seltene Einigkeit: das waren sehr gute 45 Minuten des FC Rot-Weiß Erfurt. Fast makellos. Einziges Manko war die Chancenverwertung – wer einen Gegner so klar dominiert, sollte höher führen als mit dem knappsten aller Ergebnisse.

Das von Christian Preußer installierte und von Alois Schwartz beibehaltene 4-2-3-1-System bewährte sich erneut. Der RWE dominierte das Mittelfeld nach Belieben. Defensiv wie offensiv. Der OFC gab einen harmlosen Schuss auf das Tor von Rickert ab, während der RWE sich kontinuierlich Chancen erarbeitete. Nur eine davon wurde verwertet. Oumari schlug einen Franz-Beckenbauer-Gedächtnis-Pass auf Drexler, der sich im Zweikampf behauptete, die Übersicht behielt und Möhwald im Rückraum bediente. Der zog direkt ab und erzielte sein zweites Saisontor.

Auch die Auswechslungen Arie van Lents zur zweiten Hälfte ergaben zunächst kein völlig anderes Spiel. Der OFC tat sich mit der kompakten Erfurter Defensive weiterhin schwer. Doch das Mittelfeld der Kickers bekam jetzt seinerseits mehr Zugriff auf die Erfurter Spielgestalter. In Folge wechselte Möhwald häufiger auf den linken Flügel – wahrscheinlich um dort mit Czichos und Drexler Überzahlsituationen herzustellen. Das gelang nur in Maßen, schwerer wog hingegen seine Abstinenz im zentralen offensiven Mittelfeld. Tunjic verlor in der zweiten Halbzeit völlig die Bindung zum Spiel. Zudem gelang es ihm nicht mehr, die Bälle, die er erhielt, kontrolliert zu verarbeiten.

Das Spiel fing an langweilig zu werden, was angesichts der Erfurter Führung zu verkraften gewesen wäre. Nicht mit mir dachte sich der bis dahin unauffällige Schiedsrichter Thomas Stein und sorgte nun seinerseits für die «Höhepunkte» des Spiels. Zunächst wurde Strangl im Offenbacher Strafraum zu Fall gebracht – der Pfiff blieb zu Recht aus. Selbiges hätte man sich allerdings ebenfalls für den Zweikampf Oumari vs. Vogler vorstellen können. Mag sein, dass die jeweiligen Offenbacher Kombattanten etwas geschickter in ihrem Zweikampfverhalten waren, trotzdem ist zu vermerken: hier wurden vom Unparteiischen zwei ähnliche Situationen ungleich bewertet.

Der Tag hätte dennoch mit einer rot-weißen Sause enden können. Erneut nach Vorarbeit Drexlers, hatte Ahrens den Siegtreffer auf dem Fuß. Wie er dabei den OFC-Verteidigern auf zehn Metern zwei abnahm, war sensationell. Was seine Schnelligkeit betrifft, ist der Junge ein Naturereignis. Verdammt Schade, dass es ihm beim Abschluss noch ein wenig an Kaltblütigkeit mangelt. Jedenfalls in dieser Szene.

Ach ja, dann flog – gerade eingewechselt – noch Bernd Rauw vom Platz. Mag sein, dass dies vereinbar mit den Regeln und Anweisungen des DFB war. Allein – dann sollte man über diese Regularien ernsthaft nachdenken. Hier bewegt sich seit Jahren etwas grundsätzlich in die falsche Richtung. Eingepeitscht von Kommentatoren wie Marcel Reif – für den es in jedem zweiten Spiel ein Dutzend Roter Karten geben könnte („Bis sie es endlich begreifen.“) – verringern die Verbände sukzessive die Hemmschwelle für Schiedsrichter, einen Spieler des Feldes zu verweisen. Und verkennen dabei, dass diese Bestrafung eine Ultima Ratio sein sollte, weil sie die Wettbewerbsgleichheit eines Spiels maximal aus der Balance bringt.

In anderen Sportarten wird dies anders, meines Erachtens nach, besser geregelt. Sowohl beim Eishockey als auch beim Handball oder Feldhockey gibt es zeitlich begrenzte Strafen. Darüber sollte man für den Fußball dringend nachdenken. Zwar können Spieler auch von der Fortsetzung eines Spiels ausgeschlossen werden (z.B. bei grober Unsportlichkeit oder wiederholtem Foulspiel), jedoch ist es nach einer gewissen Zeiteinheit möglich, die nominelle Mannschaftsstärke wieder herzustellen. So bleiben Chancengleichheit (für die Beteiligten) und Spannung (für die Zuschauer) erhalten.

Es gäbe noch einen weiteren Vorteil, an dem nicht zuletzt Schiedsrichtern und Fußballverbänden gelegen sein sollte: Die Folgen von Fehlentscheidungen bei Roten Karten ließen sich drastisch begrenzen. Übrigens: der Kicker bewertete die Leistung von Herrn Stein mit einer glatten 5. Ist eben ein honoriges Fachmagazin.

1. FC Saarbrücken vs. RWE 0:2 / Der verdiente erste Auswärtssieg

Möhwald erzielte seinen ersten Drittligatreffer © www.fototifosi.de

Der Ludwigspark kündet eindrucksvoll von den großen Zeiten des 1. FC Saarbrücken. Und daran, dass diese bereits einige Zeit zurückliegen. Als Anhänger des RWE kommt einem das vertraut vor. Vertraut war einem auch die Aufstellung die Alois Schwartz ins Duell der beiden Traditionsvereine schickte. Wie bereits vermutet, änderte er Preußers Formation nur da wo er musste, und brachte Tunjic für den verletzten Morabit.

Die Spiele gegen Aachen und den BVB hatten der Mannschaft Sicherheit und Struktur gegeben. Das war von der ersten Minute an zu spüren. Wenn Saarbrücken das Spiel aus der Abwehr heraus aufbaute, versuchten Tunjic und Möhwald die Passwege ins Zentrum zu blockieren. Mit einigem Erfolg – der FCS war so gezwungen lange, hohe Bälle zu spielen oder verlegte seine Angriffsbemühungen viel zu früh auf eine der Außenbahnen. Beides war relativ einfach zu verteidigen. Möckel und Oumari machten ihren Job tadellos. Können sie diese Form konservieren, werden es Bertram und Rauw schwer haben ihre Stammplätze zurück zu erobern. Vor allem Möckel überzeugte mich dieses Mal nicht nur als Abwehrorganisator, sondern wusste sogar mit einigen gescheiten und genauen Bällen zur Spieleröffnung beizutragen. Bei eigenen Ballverlusten in der Hälfte von Saarbrücken wurde versucht – nicht selten mit Erfolg -, über Gegenpressing den Ball möglichst umgehend wieder in Besitz zu nehmen. Hier verdiente sich besonders der unglaublich agile und laufstarke Strangl Bestnoten, dem kein Weg zu weit und kein Zweikampf zu viel war. Im Grunde gilt dies ebenso für Drexler. Bei der Bewertung seiner Leistungen wird aufs Neue der Fehler wiederholt, der in der letzten Saison zu einem überkritischen Umgang mit Gaetano Manno führte. Beides sind von Haus aus Stürmer, müssen aber, wenn sie auf den Außenbahnen spielen, viel Energie aufwenden, um ihren defensiven Aufgaben nachzukommen. Exemplarisch erinnere man sich an die Defensivanfälligkeit der Bayern, sobald Robben und Ribéry ihre diesbezüglichen Pflichten vernachlässigen. Die Note 4 für Drexler in der heutigen TA ist eine Frechheit. Wer allein Tore zum Kriterium der Bewertung eines Spielers erhebt, versteht von der komplexen Aufgabenverteilung im modernen Fußball in etwa soviel wie Ottfried Fischer vom Vegetarismus.

Mijo Tunjic. Hier muss ich Abbitte leisten, denn eigentlich hatte ich nach dem Pokalspiel in Heiligenstadt alle Hoffnungen fahren lassen, dass es mit ihm und dem RWE noch jemals etwas werden könnte. Und jetzt das: Honeymoon – Kate und William vergleichsweise altes Ehepaar! Ganz abgesehen vom Tor – er nahm zum ersten Mal nennenswert am Spiel der Mannschaft teil, ließ sich tiefer fallen als zuletzt und erhielt so deutlich mehr Zugriff auf das Geschehen. Er leistete sich auch am Samstag das ein oder andere vermeidbare Fehlabspiel, glänzte aber andererseits mit einigen vertikalen, längeren Zuspielen. Und schoss – nach Freistoß von Pfingsten-Reddig – ein schönes, ungemein wichtiges Tor zur Führung des RWE. Wenn es ihm gelingt, diese Leistung zu verstetigen, werden wir noch viel Freude an ihm haben.

Meine einzige, klitzekleine Kritik am Coaching von Alois Schwartz: Ich hätte Tobias Ahrens schon zehn Minuten früher eingewechselt. Es sei an das Spiel der Erfurter in Wiesbaden in der letzten Saison erinnert. Bereits damals irrwischte Ahrens durch die Innenverteidigung und erzielte fast ein Tor. Diesmal hatte er (innerhalb von nur 4 verbleibenden Spielminuten) gleich zwei Großchancen, eine davon endete am Pfosten. Sobald nach einer Führung des RWE Konterräume vorhanden sind, ist Ahrens eine erstklassige Option. Mit seiner Schnelligkeit stellt er eine Heimsuchung für alle Verteidiger dar – noch dazu, wenn sie bereits 80 Minuten Spielzeit in den ausgelaugten Knochen haben.

Am nächsten Samstag kommt es im Steigerwaldstadion zum Spitzenspiel. Der Erste und Zweite der ewigen Drittligatabelle treffen aufeinander; gewinnt der RWE schubsen wir den OFC wieder vom Thron. Ein zweifelhaftes Vergnügen, ich weiß. Aber auch so ist das Wort vom Spitzenspiel nicht völlig absurd (sondern nur ein bisschen). Zwar ringen beide Mannschaften nach einem grandios verkorksten Ligastart vorerst um Anschluss ans Mittelfeld, allerdings befinden sich alle zwei Teams momentan in sehr guter Verfassung. Offenbach hat von den letzten 5 Ligaspielen drei gewonnen und keines verloren. Dazwischen fiel der so deutliche wie verdiente DFB-Pokalsieg gegen den Erstbundesligisten Greuther Fürth (2:0). Man muss kein Loddar Matthäus sein, um sicher davon ausgehen zu können, dass der OFC stärker sein wird als zuletzt Aachen, der BVB-Nachwuchs und Saarbrücken.

Ihr wisst schon: Prüfstein, harter Brocken und so.

Alois Schwartz? Alois Schwartz!

©kicker.de

Er ist mir damals nicht weiter aufgefallen. Er war der Mann neben Renè Müller, Feichtenbeiner und Kocian. Das ist natürlich kein Makel; die Aufgaben eines Assistenztrainers mögen vielfältig sein, die Erregung öffentlicher Aufmerksamkeit zählt gewiss nicht dazu. Seine erste Erfurter Zeit endete 2005 mit dem Abstieg aus der 2. Liga.

Nach anderthalb erfolgreichen Jahren bei Wormatia Worms in der Oberliga Südwest verpflichtete ihn Anfang 2007 der FCK – auf dass er die zweite Mannschaft des Traditionsvereins vor dem Abstieg aus der Regionalliga bewahre. Das ging grandios schief. 2008 gelang jedoch der direkte Wiederaufstieg und seitdem schlägt sich der FCK II äußerst wacker in der starken Regionalliga West. Das wird wohl auch in dieser Saison so sein – seit zwei Tagen müssen sie in der Pfalz jedoch ohne Alois Schwartz auskommen.

Auch ich hatte eher mit Rico Schmitt als neuem Cheftrainer gerechnet, dessen Rausschmiss in Aue mir damals sehr voreilig erschien. Immerhin war er mit Aue aufgestiegen und unter ihm hatte Wismut 2010/2011 eine grandiose Saison in der 2. Bundesliga gespielt. Aus welchen Gründen auch immer, man hat sich mit ihm nicht einigen können. Ob er die bessere Wahl gewesen wäre, werden wir mithin nie erfahren.

Auf der gestrigen Pressekonferenz führte Rolf Rombach aus, dass für Alois Schwartz gesprochen habe, dass er das Nachwuchskonzept des RWE befördern wolle. Dies ist wieder so eine Aussage des Präsidenten, die ich für unglücklich halte. Ein Nachwuchskonzept kann ich auch in der Thüringenliga haben und befördern. Es kann unmöglich die primäre Intention eines auf einem Abstiegsplatz liegenden Drittligavereins sein, dies in der gegenwärtigen Situation zur ersten Maxime zu erheben. Nachwuchsarbeit ist immer und überall Mittel zum Zweck, nicht mehr und nicht weniger. Alles – inklusive das schönste Nachwuchskonzeptes – ist Makulatur, wenn der Profimannschaft der Klassenerhalt nicht gelingt. Für diesen Fall wird das Nachwuchskonzept zu unseren geringsten Sorgen zählen.

Aber, für die rhetorischen Unbeholfenheiten Rombachs kann Alois Schwartz nicht die Bohne. Er hat in Kaiserslautern nachgewiesen, dass es möglich ist, mit einem eher durchschnittlichen Kader attraktiven und durchaus erfolgreichen Fußball zu spielen. Wenn es ihm gelänge, die Mannschaft schrittweise von den Abstiegsplätzen ins gesicherte Mittelfeld zu führen, sollte man die Saison schon als Erfolg werten.

Einfach wird das nicht. Zu vielfältig sind – nach wie vor – die fußballerischen Defizite des Teams. Christian Preußer hatte im Pokal in Heiligenstadt Mijo Tunjic eine Einsatzchance in der Startelf gewährt. Genutzt hat er sie nicht. Er agiert nach wie vor wie ein Fremdkörper im Spiel der Mannschaft: einfache Bälle verspringen, Pässe über kurze Distanzen erreichen den Mitspieler nicht, selbst das Stellungsspiel bei gegnerischen Standards (also im eigenen Strafraum) gibt ihm nach wie vor Rätsel auf. Womöglich gelingt es ja Alois Schwartz den Holländer aufzubauen.

Wenn nicht, hat der RWE in der Offensive ein gewaltiges Problem. Dann lastet alles auf Drexler und Morabit. Fällt auch nur einer von beiden aus, ist das Angriffsspiel der Mannschaft sehr leicht ausrechenbar. Selbst für einen Verbandsligisten wie Heiligenstadt. Die nächste große Baustelle tut sich auf der linken Abwehrseite auf. Rafael Czichos hat gegen Dortmund defensiv recht gut gestanden, sein großes Manko liegt in der Spieleröffnung. Da spielt er chronisch haarsträubende Pässe in die Beine des Gegners. Gegen die Eichsfelder Amateure war das verkraftbar, in der Dritten Liga ist es das nicht.

Eine Menge Arbeit für den neuen Cheftrainer des RWE. Viel Glück dafür, Alois Schwartz! Ob er noch einmal auf dem – ohnehin sehr ausgedünnten – Spielermarkt tätig wird (werden kann oder darf) ist momentan ungewiss. Aber ich glaube, dass man dies wird tun müssen, zu offensichtlich sind die fußballerischen Mängel auf einigen Positionen. Ansonsten erwarte ich für das Spiel gegen Saarbrücken keine großen Veränderungen. Schwartz bevorzugt – wie Preußer – eine 4-2-3-1-Formation. Wir werden wohl dieselben Spieler wie gegen Dortmund auflaufen sehen – so sie denn gesund sind.

FC Rot-Weiß Erfurt vs. BVB II 5:0 / Klug gespielt und hoch gewonnen

Stand am Samstag immer richtig: Joan Oumari © www.fototifosi.de

Das Trainerteam sah keinen Grund Taktik und Aufstellung des Aachen-Spiels zu ändern. Der RWE spielte in einem taktischen Hybridsystem. Defensiv handelte sich eindeutig um ein 4-4-2. Möhwald und Morabit bildeten dabei die vorderste Linie, dahinter verteidigten zwei flache Viererketten. Die Formation stand sehr tief, dadurch bekam man oft alle Spieler hinter den Ball. Sehr gefallen hat mir, dass Möckel stets dafür sorgte, den Abstand der beiden Viererketten optimal zu halten. Er gab die Kommandos zum Verschieben der Abwehrreihe. Der RWE ließ sich vom BVB nicht dazu verleiten höher zu stehen. Lange Bälle auf die schnellen Dortmunder Stürmer gab es keine, jedenfalls keine erfolgreichen. Das sah während der ersten dreißig Minuten nicht schön aus, aber man kann – wie sich zeigen sollte – ein Fußballspiel auch in der verbleibenden Stunde noch gewinnen. Preußer wollte taktisch alles dafür tun, einen Rückstand zu vermeiden, denn dann wäre es gegen den konterstarken BVB-Nachwuchs ungemein schwer geworden. Dortmund kam trotzdem zu zwei Chancen, beide nach groben individuellen Fehlern (Czichos und Möckel).

Mit dem ersten nennenswerten Angriff des RWE drehte sich die Konstellation komplett. Endlich! brachten Morabit und Drexler ihr jeweilige individuelle Klasse zusammen, nachdem Möhwald seine Qualitäten als Balleroberer unter Beweis gestellt hatte. Neben dem abgebrühten Abschluss Drexlers war an diesem Tor bemerkenswert, dass Morabit den finalen Pass mit seinem eigentlich schwächeren linken Fuß spielte – butterweich und exakt in den Lauf des Torschützen. Dortmund verlor die Ordnung, der RWE setzte konsequent nach und erzwang das letztlich bereits vorentscheidende zweite Tor noch vor Pause.

Die Angriffsformation der Rot-Weißen konnte man mit einigem Recht als 4-2-3-1 klassifizieren, wobei sie sehr fluide angelegt war. Vor allem Drexler, Morabit und Möhwald tauschten quasi ständig die Positionen, was allerdings in der Defensive dazu führte, dass sich vor allem Czichos immer wieder mit einem anderen offensiven Außenbahnspieler über das richtige Stellungsspiel bei Dortmunder Angriffen abstimmen musste. Das gelang weitgehend fehlerfrei. Optimal war es nicht, zumal Dortmund – gerade nach der Pause – sehr häufig die Angriffe über die linke Erfurter Abwehrseite vortrug. Trotzdem: Der Gewinn durch die permanenten Positionswechsel übertraf diesmal (vielleicht zum ersten Mal in der Saison) den Kollateralschaden des zeitweiligen Ordnungsverlustes in der Rückwärtsbewegung. Dies lag daran, dass neben den überragenden Drexler und Morabit auch Möhwald völlig auf der Höhe seiner Aufgaben agierte. Die sind vielfältig: Teilweise spielte er direkt neben Morabit als zweite Spitze, teilweise unterstützt er die beiden Sechser beim Spielaufbau. Bemerkenswert war sein Spiel ohne Ball: immer wieder versuchte er, Räume für seine Mitspieler zu schaffen. Er betrieb einen enormen läuferischen Aufwand, den er aber bis zu seiner Auswechslung in der 84. Minute ohne sichtbaren Substanzverlust bewältigte.

Ein sehr gutes Spiel (nicht nur wegen seines Tores) machte Joan Oumari. An Tagen wie diesem, lässt er alle Irritationen sein zuweilen seltsames Gebaren betreffend hinter sich und beweist, dass er nicht ohne Grund zu den begabtesten Verteidigern der Liga gerechnet wird. Die Krönung eines – aus Sicht des RWE – denkwürdigen Spiels bildete das erste Ligator für Patrick Göbel. Dass übrigens einfacher aussah als es war. Mindestens die Hälfte aller Spieler der 3.Liga hätte diesen Ball weit über das Gehäuse von Alomerovic gebolzt. Nicht so der schusstechnisch nahezu perfekt ausgebildete Göbel.

Ich werde mich diese Woche noch einmal hier zu Wort melden; sobald nämlich Klarheit darüber herrscht, wer neuer Cheftrainer des FC Rot-Weiß Erfurt wird. Bis dahin – habt Euch wohl.

Alemannia Aachen vs. RWE: Den freien Fall gestoppt. Vorerst.

Ich habe gerade das Internet leer gelesen. Jedenfalls was die Berichte über das 1:1 des FC Rot-Weiß Erfurt bei Alemannia Aachen betrifft. Sehr viel schlauer bin ich nicht geworden. Im Grunde hätte ich es auch beim RWE-Ticker belassen können. Soviel jedoch scheint klar: Christian Preußer hat es geschafft die Mannschaft so zu stabilisieren, dass Sie bei einem Aufstiegsaspiranten ein verdientes Remis erreichte. Da er nicht selbst gespielt hat, ist es naheliegend, dass die von ihm vorgenommenen taktischen und personellen Änderungen dabei eine gewisse Rolle spielten.

Kleine taktische Revolution beim RWE: eine 4-2-3-1-Formation

Bertram, Tunjic und Rauw auf die Bank zu setzen war nach den bisherigen Saisonleistungen der drei Spieler konsequent. Sie wurden durch Czichos, Oumari und Strangl ersetzt, wobei vor allem Letzterem eine auffällige Partie nachgesagt wird. Dass er durch seine Dynamik dem Mittelfeldspiel gut tun könnte, hatte er bereits im Spiel gegen West Ham angedeutet.

Offensichtlich hat Preußer aber auch die taktische Ausrichtung der Mannschaft verändert. In allen Spielen unter Stefan Emmerling startete das Team mit einem 4-4-2: zwei Stürmer und eine flache Mittelfeldviererkette (also keine Raute) standen vor der Abwehr. Gestern verzichtete Preußer auf Tunjic, Morabit war der einzige nominelle Stürmer (der sich wohl ab und an mit Drexler ablöste). Es blieb bei zwei Sechsern (Engelhardt und Pfingsten-Reddig), davor spielten Czichos und Drexler auf den Flügeln und Möhwald als zentraler offensiver Mittelfeldspieler. Exakt die Position, die er unter Preußer auch bei den A-Junioren innehatte. Preußer stellte mithin auf ein 4-2-3-1-System um.

Allein die zahlenmäßige Aufwertung des Mittelfeldes scheint eine gewisse Konsolidierung der Defensiv-Offensiv-Balance mit sich gebracht zu haben, einhergehend mit einem deutlich konsequenteren Zweikampfverhalten. Gern möchte ich auch den Schilderungen glauben, die eine Verbesserung des Flügelspiels beobachtet haben wollen. Aber es wäre vermessen daraus bereits einen Trend ablesen zu wollen. Dazu kann ich erst nach dem Spiel gegen den BVB Verbindlicheres sagen. Hoffe ich jedenfalls.

Preußer ist Rombachs Favorit

Rolf Rombach hat offensichtlich die Absicht Christian Preußer als Cheftrainer zu berufen, sollte die Mannschaft am Samstag gegen den BVB gewinnen. Und würde damit das wohl größte Risiko seiner RWE-Präsidentschaft eingehen. Einerseits. Andererseits ist jede Entscheidung für einen neuen Trainer in dieser Situation ein Risiko. Man mag von den fachlichen, rhetorischen und menschlichen Qualitäten eines Coaches noch so überzeugt sein, eine Gewähr für sportlichen Erfolg sind sie nicht. Trotzdem wäre das eine sehr mutige Entscheidung, denn Christian Preußer hat keinerlei Meriten als Trainer im Profibereich vorzuweisen, ja mehr noch: er war nicht mal Profifußballer.

Aber, das waren Mirko Slomka und Ralf Rangnick ebenfalls nicht (vielen Dank an „RWE-Chris“ für den Hinweis). Beide zählen zu den profiliertesten Fußballlehrern des Landes. Arrigo Sacchi, Trainer der brillanten Mannschaft des AC Mailand Ende der 80iger Jahre, sagte man nach, dass er nur mit Mühe geradeaus laufen konnte, geschweige denn in der Lage war, unfallfrei vor einen Ball zu treten. Andere Beispiele erfolgreicher Trainer ohne vorhergehende Profikarriere sind Volker Finke und Christoph Daum.

Ein grandioses Beispiel wie ein A-Jugendtrainer einen Verein vor dem Abstieg rettete, lieferte in der vergangenen Saison der SC Freiburg. Nach der Hinrunde noch abgeschlagener Tabellenletzter, holte Christian Streich mit dem Sportclub 27 Punkte in der Rückrunde und wurde für diese Leistung – völlig zu Recht – Dritter bei der Umfrage zum Trainer des Jahres. (Bei mir hätte er sie übrigens gewonnen.) Deshalb: Die mangelnde Erfahrung im Profibereich ist aus meiner Sicht kein stichhaltiges Argument gegen Christian Preußer.

Viel essenzieller für den Erfolg Preußers wird sein, dass Mitglieder, Vorstand, Aufsichtsrat und Anhängerschaft des Vereins auch noch hinter dieser Entscheidung und ihrem jungen Trainer stehen, wenn mal zwei Spiele nacheinander verloren gehen. Dieser Fall wird eintreten, früher oder später.

Last but not least: Die Mannschaft muss den Trainer akzeptieren. Das lässt sich nicht verordnen. Der Vorstand sollte sich sehr sicher sein, dass gerade die erfahrenen Spieler hinter Preußers Stil und Konzept stehen. Dabei sollte man leicht dahin gelabernden Lippenbekenntnissen misstrauen. Die werden bereits bei geringsten Differenzen keinen Wert mehr besitzen.

Zusammenfassung im Konjunktiv (weil es allein von der sportlichen Entwicklung abhängig ist, ob es dazu kommt): Aus rein fachlicher Sicht würde ich eine Berufung Christian Preußers für völlig gerechtfertigt erachten. Trotzdem ginge der Verein, namentlich Rolf Rombach, damit ein exorbitantes Risiko ein. Ein größeres Risiko jedenfalls, als mit der Berufung eines anerkannten, erfahrenen Fußballlehrers. Im Falle des Misserfolges (Definition Misserfolg: der RWE setzt sich auf den Abstiegsplätzen fest) werden alle die es mit Rolf Rombach nicht so gut meinen (und das scheinen angesichts der Wortmeldungen der letzten Tage nicht wenige zu sein) einen Shitstorm bisher ungeahnten Ausmaßes in seine Richtung lostreten.

Dem Präsidenten des RWE steht also – möglicherweise – in den nächsten Tagen eine Entscheidung bevor, um die ich ihn nicht beneide.

Stefan Emmerling: eine kritische Würdigung

Kurz nach 21 Uhr brannte die Luft am Steinhaus, dem Sitz der Geschäftsstelle des FC Rot-Weiß Erfurt. Der Verein war gerade abgestiegen. Zumindest gefühlt. Jedem war klar, dass nach dieser demütigenden 0:3 Niederlage gegen den Rivalen aus Jena die Zeit von Rainer Hörgl als Trainer des Vereins abgelaufen war.

Staubtrockene Sachlichkeit, das richtige Rezept nach Hörgls Abgang

Genau eine Woche darauf, am 31. März 2010, gab Stefan Emmerling in München sein Debüt als Cheftrainer des RWE. Und verlor mit 0:1. In den folgenden Spielen gelang es ihm, die Mannschaft zu stabilisieren. Nach dem taktischen Hin und Her der kurzen «Ära» Hörgl, der manchmal in einem 4-4-2 mit Raute, machmal in einem 4-2-3-1 spielen ließ, verordnete Emmerling seinem Team ein robustes 4-4-2 (mit Viererkette im Mittelfeld), an dem er bis zu seinem letzten Spiel für den Verein festhielt. Die Mannschaft, die er übernahm, war keinesfalls der desolate Hühnerhaufen, als den viele ihn damals darstellten und Rainer Hörgl mitnichten der arrogante, kenntnisfreie Wessi, den man in ihm zu sehen glaubte. Aber – der Wechsel tat dem Team gut. Emmerlings hypersachliche, verbindliche Ansprache an Mannschaft und Öffentlichkeit waren geeignet, Letztere zu beruhigen und mit Ersterer die Serie sehr anständig auf einem versöhnlichen 9. Platz zu beenden. Der Fairness halber sollte dabei nicht unerwähnt bleiben, dass bei diesem Erfolg dem zwanzigjährigen Carsten Kammlott eine entscheidende Rolle zukam. Er wiederum war von Rainer Hörgl in das Profiteam integriert worden.

Der große Umbruch 2010/2011 wurde glänzend bewältigt

Mit Cinaz, Rockenbach und Kammlott (u.a.) verließen drei hochwertige Leistungsträger den Verein. Die von Emmerling verpflichteten Neuzugänge erwiesen sich, nach einer gewissen Eingewöhnungsphase, als geeignet sie zu ersetzen. Caillas, Zedi, Pfingsten-Reddig, Weidlich und Reichwein, mit Abstrichen Drexler, sollten Gesicht und Spielweise der Mannschaft in den nächsten beiden Jahren prägen. Es wurde – völlig unerwartet – eine insgesamt sehr gute Saison, die der RWE auf Platz 5 beendete. Ihren Höhepunkt erreichte sie beim großartigen, so verdienten wie abgebrüht erspielten 3:1 Sieg vor 30.000 Zuschauern in Dresden. Licht und Schatten liegen beim RWE schon immer nah beieinander, quasi zweiter Vereinsname: FC Licht und Schatten Erfurt. Das änderte sich auch unter Stefan Emmerling nicht. Der greifbar nahe Relegationsplatz wurde durch zwei desolate Auftritte gegen Regensburg und Ahlen wieder hergeschenkt. Ein Einbruch zum Saisonende, unvermittelt und bis heute rätselhaft, der das Verhältnis der Anhänger zu Emmerlings Mannschaft dauerhaft beschädigen sollte. Das Vertrauen war nie uneingeschränkt, aber es war groß. Von nun an war die Beziehung brüchig.

Schon nicht mehr ganz so überzeugend: Die Neuzugänge der zweiten Saison

Rauw, Ofosu-Ayeh, Oumari, Manno und Morabit hießen – im Wesentlichen – die neuen Spieler vor der Saison 2011/2012. Von diesen Verpflichtungen konnte nur Smail Morabit restlos überzeugen. Er bildete – gemeinsam mit Reichwein – ein Sturmduo, dass so vermutlich auch eine Liga höher keine schlechte Figur abgeben würde. Aus sehr unterschiedlichen Gründen reüssierten die anderen Neuzugänge nicht in gleicher Weise. Wobei das auch eine Sache der Wahrnehmung war. Ich persönlich empfand Manno beispielsweise als großen Gewinn. Meistens auf einer für ihn ungewohnten Position eingesetzt, war er ein lauf- und kampfstarker, technisch versierter Spieler. Für meinen Geschmack zu viele positiv besetzte Adjektive, um ihn zum Ende der Spielzeit sang- und klanglos aus seinem noch laufenden Vertrag zu entlassen. Ein Problem dieser Saison lag zweifelsfrei in dem Missverhältnis zwischen schlechten Heimspielen und Auswärtserfolgen. Während die Heimbilanz lange Zeit die eines Absteigers war, überzeugte die Mannschaft oft nur fernab ihres Publikums. Das ist schlecht für den emotionalen Haushalt. Fans wollen Siege feiern. Dazu kam – erneut – die Erfurter Unstetigkeit. Außer am Ende, als es bereits zu spät war, gelang keine nennenswerte Erfolgsserie. Man lag immer in Sichtweite des Relegationsplatzes, versäumte allerdings jede Gelegenheit Druck auf die besser platzierten Teams auszuüben. Emmerling traf während der Saison richtige und falsche Entscheidungen. So wie jeder andere Trainer. Beispielsweise war es richtig, durchweg an Marcel Reichwein festzuhalten. Trotz Pfiffen und massiver Kritik von Teilen des Publikums und vor allem entgegen den verbalen Attacken eines völlig aus dem Ruder laufenden Pressesprechers Wilfried Mohren.

Kritisch bewerte ich die taktische Entwicklung des Teams während der Saison. Beziehungsweise den Mangel daran. Im Grunde gab es, was die taktische Qualität der Auftritte betrifft, keinen Unterschied zwischen erster und zweiter Saisonhälfte. Es gab da und dort gute wie schlechte Spiele. Spiele, in denen das Pressing funktionierte, andere in denen es grandios misslang (wie in Jena). Bei einem der grottigsten Auftritte der Mannschaft, in Offenbach, wirkten die Spieler, als stünden sie zum ersten Mal gemeinsam auf einem Fußballplatz. Die Implementierung und Verstetigung taktischer Disziplin ist anderen Trainern der Liga besser geglückt. In Sandhausen, Aalen und Regensburg (in tiefster Fußball-Provinz also, was ich nicht für einen Zufall halte) gelang so der Aufstieg in Liga 2.

Immer im Bereich des Möglichen: Die Neuen funktionieren nicht

Wie wir alle wissen, ist es schwer, aus dieser Liga aufzusteigen. Anders herum vergleichsweise einfach. Die hohe Fluktuation der Kader erschwert eine saisonübergreifende taktische Entwicklung der Mannschaften enorm. Man muss sich nur einmal grundlegend vertun und – quasi aus dem Nichts – wird aus einem Verein mit dezenten Aufstiegsambitionen ein Abstiegskandidat. Je länger man sich in der Liga aufhält, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Fall eintritt. Das ist so, weil es ja in der Regel die Leistungsträger sind, die einen Verein der 3. Liga verlassen wollen. Um die Qualität zu halten, ist man gezwungen gute Spieler zu verpflichten oder auf andere Art (eigener Nachwuchs) in die Mannschaft zu integrieren.

Genau das ist dem RWE in dieser Saison (bisher) nicht gelungen. Bei Tunjc fragt man sich inzwischen, wie zum Henker er letztes Jahr elf Tore erzielt hat. Fillinger ist verletzt, niemand weiß wie lange. Öztürk stets bemüht. Czichos und Strangl sind gute Jungs, benötigen aber Zeit. Keiner hilft der Mannschaft momentan weiter. Am ehesten noch Kevin Möhwald, was einen doch sehr bedenklich stimmt. Hinzu kommt eine so rätselhafte wie epidemische Schwäche der erfahrenen Spieler. Hier kann man Emmerling die Frage nicht ersparen, ob offensichtliche Stammplatzgarantien – wie bei Rauw – dem Leistungsprinzip innerhalb der Mannschaft wirklich zuträglich waren.

Warum ist plötzlich Geld da, wo vorher keines war?

Die Auswahl der neuen Spieler hat Stefan Emmerling natürlich mitnichten allein zu verantworten. Auch wenn er wahrscheinlich – das kann ich nur vermuten – die letzte Instanz für die Entscheidungen war. Die notorisch degressive Finanzlage des Vereins ließ sportlich stärkere Verpflichtungen nicht zu. So hörte man. Bis gestern Rolf Rombach, praktisch in einem Atemzug mit der Verkündung der Entlassung, weitere Verpflichtungen in Aussicht stellte. Das hat einen sehr faden Beigeschmack. Warum verweigerte man Emmerling Geld, das nach seiner Entlassung plötzlich zur Verfügung zu stehen scheint?

Trotzdem: Nach dem Spiel gestern kann ich die Entscheidung sich von Stefan Emmerling zu trennen, nachvollziehen. Selbst die Begründung Rombachs war in Ordnung: Gegen biedere Bielefelder hätte es – bei allen benannten Problemen – mindestens zu einem Punkt reichen müssen. Selbst wenn man – wie ich – Verbesserungen in der Abstimmung zwischen Abwehr und Mittelfeld zu erkennen glaubte, die Performance im Offensivspiel war erbärmlich. Das Erspielen einiger Halbchancen ist zu wenig. Viel zu wenig.

Die wohl nur zweitweise Übergabe der Verantwortung an Preußer und Fuchs ergibt Sinn. Jeder der diesen Blog liest, wird wissen, dass ich von Christian Preußers Arbeit eine sehr hohe Meinung habe. Ich wünsche den beiden alles Fußallglück dieser Welt, ein gutes Händchen und Erfolg für die anstehenden Spiele gegen Aachen und den BVB. Gebrauchen können sie es – und wir mit ihnen.

Um Stefan Emmerling muss man sich nicht sorgen. Er ist ein großartiger, geradliniger Charakter und ein guter Trainer. Das wissen viele und deshalb wird er nicht lange auf den Anruf eines neuen Vereins warten müssen.

Ohne jeden Groll und mit großem Respekt: Vielen Dank für die hier geleistete Arbeit, Stefan Emmerling!

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